»Sich selbst zu akzeptieren wird im HipHop nicht promotet« // ILoveMakonnen im Interview

Er war einer der ersten, der sich einer immer noch marginalisierenden Szene mit entwaffnender Offenheit entgegenstellte und gleichzeitig aufzeigte, wie egal Genres sein können. Und obwohl seine Karriere auf nur einem Hit fußt, ist ILoveMakonnen vier Jahre nach »Tuesday« immer noch da. Weil er als Ziehvater einer ganzen Sound-Generation vielen jungen Künstlern beibrachte, sich der Welt so zu präsentieren, wie sie sind.

Ich bin über den Titel deiner letzten EP »#iloveamerica« gestolpert. Hast du dir den ausgedacht?
Das war eine EP, die ein Fan von mir gemacht hat, ein Kid aus Atlanta. Ich habe sie gerepostet, weil ich es cool fand. Das sind geleakte Songs von mir, die ich Anfang des Jahres mal gepostet hatte. Der Titel kommt auch von ihm.

Kannst du zum Titel stehen, wenn Misogynie, Rassismus oder Homophobie in den USA unter Donald Trump als Präsidenten immer salonfähiger werden?
Es gibt zwei Seiten. Es passiert eine Menge Scheiße, keine Frage. Aber irgendwie müssen wir halt vorankommen. Ich führe lieber eine Liebes-Bewegung statt einer Hass-Bewegung. Die Menschen sollen das Positive an Amerika sehen, denn das gibt es tatsächlich. You gotta take the bad with the good. Wenn du Liebe propagierst und an sie glaubst, dann wird sie Realität. Deswegen wollte ich auch nicht verlangen, dass diese EP runtergenommen wird. Das würde sich anfühlen, als würde ich Amerika hassen. Und ich will keinen Hass promoten. Ich liebe die Welt, wirklich. Der Titel hätte heißen sollen »#ilovetheworld«. (grinst)

Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, sich eine positive Grundeinstellung beizubehalten, wenn einem so viel Hass entgegengebracht wird – gerade für dich als homosexuellen Rapper in der HipHop-Szene. Anfang letztes Jahr hast du sich entschieden, deine sexuelle Orientierung publik zu machen.
Am gleichen Tag, als Trump ins Weiße Haus gezogen ist.

War das Absicht?
Ja, schon. Ich wollte es dann machen, wenn es nicht akzeptiert ist. Unter Obama wurde toleriert, wenn du dich geoutet hast, du hast Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen. Aber das war nicht mein Beweggrund. Leute sollten sich selbst immer akzeptieren können, egal unter welchen Umständen. Und wie wir wissen, unterstützen der aktuelle Präsident und seine Regierung die Homoehe und ähnliche Anliegen nicht besonders. Das ist okay, jeder hat seine eigene Meinung. Aber ich wollte meine jüngeren Fans wissen lassen: Sei du selbst, fürchte dich nicht davor, du selbst zu sein, auch wenn alle anderen sagen, du sollst nicht du selbst sein. Du musst dich selbst akzeptieren, bevor die Welt dich akzeptiert.

Hast du damals Druck verspürt, dich zu outen?
Es gibt in der HipHop-Szene viel Stigmatisierung und Ignoranz gegenüber Themen, über die keiner sprechen will, also wollte ich etwas mit meiner Stimme und Plattform anfangen und das adressieren. Sich selbst zu akzeptieren, wird im HipHop nicht promotet. HipHop ist anti-homo, gleichzeitig fahren aber alle auf die Mode schwuler Designer ab und bedienen sich am Style der LGBTQ-Community. Und ja, ich habe Druck verspürt, großen Druck sogar. Aber ich wollte es für die Kultur und die Community tun – und mich selbst.

»Wann werden wir wieder menschlich und hören auf, Ausreden zu suchen, wieso wir uns mit Drogen wegballern?«

Sind dir Menschen in Industrie und Szene nach dem Outing anders gegenübergetreten?
Es gab eine Menge heftiger Reaktionen, auch von Künstlern innerhalb der Szene: »Ich kann nicht glauben, dass er das getan hat« oder »Das ist total abgefuckt«. Aber das hat mehr über diese Menschen ausgesagt als über mich. Ich habe eine Menge Hass abbekommen, aber das war schon mein ganzes Leben so. Ich bin ein Mix aus so vielen verschiedenen Dingen und versuche eine Identifikationsfigur für viele Menschen zu sein. In Amerika bist du aber entweder weiß, schwarz, asiatisch oder Latino. Ich bin aber all das.

Also eigentlich sehr repräsentativ für Amerika.
(lacht) Danke dir, das versuche ich zu sein. Mein Ziel ist es, Amerika wieder ins positive Licht zu rücken und zu zeigen, dass man es schaffen kann, den ganzen Scheiß hinter sich zu lassen. Das erfordert natürlich eine Menge Durchhaltevermögen und Stärke. Ich musste viele Kämpfe durchmachen und hatte Hochs und Tiefs. Leute, von denen ich dachte, dass sie Freunde sind, haben sich abgewendet, andere haben sich nur mit mir umgeben, weil sie Chancen für sich selbst gesehen haben. Aber das hat mir geholfen, mich neu zu sortieren. Ich will mich nicht verstecken. Ich wurde jahrelang dazu gedrängt, mich zu verstecken. Aber das habe ich nie getan und werde es auch nicht. Wenn du mich nicht magst, ist es dein Problem. (lacht)

Lil Peep war ein enger Freund von dir, er starb letztes Jahr an einer Überdosis. Wie stehst du zur Drogenglorifizierung in kontemporärer Rap-Musik?
Es ist sehr problematisch. Kinder und Jugendliche wissen nicht, wie man damit umgehen soll. Ich bin in dieser Hinsicht auch nicht unschuldig. Bei mir war es aber einfach eine Zustandsbeschreibung, wie ich aufgewachsen bin. Viele Leute um mich herum haben gestrugglet und sich dann eben in Drogen geflüchtet, um ihren Schmerz zu betäuben. Und auch ich habe viel konsumiert, um zu vergessen. Jetzt weiß ich: Es ist das beste, dem entgegenzutreten. Face your fears! Nur so kannst du stärker werden.

Vermutlich geht es da auch darum, ein gewisses Image zu kreieren.
In der Musikindustrie geht es nur um Geld. Es ist pures Geschäft. Jeder in Amerika weiß: Drogen machen Geld – von verschreibungspflichtigen Pharmata bis hin zu illegalen Drogen. Also reden alle davon, wie sie auf dieser oder jener Droge sind, um sich selbst und im Endeffekt ihre Musik interessant zu machen. Okay, wir wissen es, ihr seid alle auf Drogen. Aber wann werden wir alle wieder nüchtern sein? Wann werden wir uns unseren Ängsten stellen? Wann werden wir wieder menschlich und hören auf, Ausreden zu suchen, wieso wir uns mit Drogen wegballern? Natürlich gibt es Menschen, die unvorstellbar Schreckliches erlebt haben. Aber viele schlüpfen zu schnell in die Opferrolle und suchen Ausreden, die lächerlich sind. Es hört sich gut an, »Molly« zu sagen. Die meisten Kids wissen nicht mal, was das ist.

Es scheint außerdem ein Trend zu sein, seine psychischen Probleme und Depressionen nach außen zu tragen. Das schafft zwar zum einen Aufmerksamkeit für das Problem, definiert es zum anderen aber als etwas Cooles.
Ja, und auch das ist ein großes Problem. Plötzlich reden weiße Kids aus den Suburbs darüber, wie sie ihre Schmerzen mit Drogen betäuben, weil sie kein Wlan haben. (lacht) Es gibt nur wenige Künstler, die einen echten Kampf dagegen führen. Der Rest promotet es als etwas Cooles. Aber es ist einfach nicht cool. Ich weiß das, weil ich schwer depressiv war. Und Drogen holen dich da nicht raus.

»Dieses Game kann verdammt hektisch sein, du musst also ein Meister deiner Emotionen werden«

In einem Interview hast du gesagt, die Zusammenarbeit mit Drake und OVO habe sich angefühlt »wie in einem Gefängnis« zu sein.
Wie gesagt, Musik ist Geschäft. Als ich frisch in das Business kam, wollte ich Freunde mit allen sein und von Leuten lernen. Ich dachte, dass die Leute, die an meiner Musik interessiert sind, auch an mir als Person und meinen Problemen interessiert sind. Es hat sich schnell herausgestellt, dass dem nicht so ist. Ich will nicht klingen wie ein undankbarer Mensch, denn das bin ich nicht. Aber es hat einfach nicht gepasst, persönlich wie geschäftlich. Ich schreibe mit Drake ab und an, wir haben eine sporadische Online-Beziehung. Erst kürzlich habe ich ihm zum Rekord-Erfolg von »Scorpion« gratuliert. Ich finde es sehr bemerkenswert, wie unbeirrt er seinen Weg geht. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und möchte am liebsten gleich antworten, wenn mich jemand beleidigt oder etwas Schlechtes über mich sagt. Drake ist in dieser Hinsicht sehr straight und eben auch erwachsen, weil er sich nicht auf Kleinscheiß einlässt. Der Beef mit Pusha T und das alles war sicher auch nicht leicht für ihn.

In der Musikindustrie wirst du von vielen als einer der Pioniere des heutigen HipHop-Sounds gesehen, abgesehen vom Welthit »Tuesday« bekamst du aber nicht viel Mainstream-Anerkennung. Stört dich das?
Ja, teilweise schon. Drake hat sicherlich zu meinem Erfolg beigetragen und ich werde ihm immer dafür danken, denn er hat mir auf die Bühnen dieser Welt geholfen. Natürlich wäre es cool, 10 Millionen Fans auf Instagram zu haben, damit ich noch mehr Leute mit meiner Message erreichen kann. Aber so ist es eben. Kennst du die Namen der Leute, die hier die Straßen und Häuser gebaut haben? Die wollen bestimmt auch Credit. (lacht)

Was sind deine Pläne für die kommenden Monate?
Wir werden viel im Studio sein und mein Album fertig machen. Bald kommt das Video zur ersten Single »Spendin’« mit Gucci Mane. Es ist das erste Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeite, seit er aus dem Knast raus ist. Es ist aufregend, denn er hatte immer einen großen Einfluss auf mich. Ich fühle mich sehr geehrt. Ich will meinen Erfolg wiederholen und noch ein bisschen weiter kommen. Mein Sound soll auch wieder diverser werden und trotzdem nach dem Bedroom-Pop-Stuff klingen, der voll und ganz Makonnen ist. Es gab eine Zeit nach dem Erfolg von »Tuesday«, wo ich versucht habe, aktuellem HipHop-Sound nachzueifern. Meine Musik soll wieder nach Spaß klingen, Leute sollen sich darin wiederfinden. Du sollst sie nicht nur im Club hören können, sondern auch alleine zu Hause, während du ein Bad nimmst.

Was hat dich musikalisch zuletzt richtig umgehauen?
Es gibt eine Sängerin und bildende Künstlerin aus London, Hannah Diamond. Ich war mit Lil Peep und Smokeasac (Lil Peeps Produzent, Anm. d. Verf.) letzten August im Studio, um Sachen für Lil Peeps Album aufzunehmen. Smokeasac zeigte uns Sachen von ihr und Peep und ich sind total durchgedreht. Sie macht PC Music, poppiges, computergeneriertes Zeug. Ihre Stimme klingt wie die eines Engels. Peep und ich saßen im Studio und haben geheult wegen dieser Frau. Wir wollten sie unbedingt treffen und haben ihr Privatnachrichten von Peeps Account geschrieben wie richtige Fans. (lacht) Ich sagte zu Peep: »Sie hat bestimmt Angst vor dir wegen all deinen Tattoos«, also schrieb ich sie von meinem Account an. Sie hat tatsächlich geantwortet. Ansonsten: Rich The Kid, Ski Mask The Slump God, XXXTentacion, Lil Pump – das ist die neue Welle an Leuten, die ich mag. Sie alle drücken sich selbst aus, auch wenn es manchmal sehr düstere Züge hat. Aber genau das müssen die jungen Leute machen: sich ausdrücken, ihre Energien raus lassen und sich selbst ausleben. Das mit X ist natürlich sehr traurig.

Kanntest du ihn persönlich?
Er hat mich 2016 aus dem Gefängnis angerufen. Ich habe ihm gesagt, dass er den Kopf nicht hängen lassen und versuchen soll, positiv zu bleiben. Ich wollte ihn nicht verurteilen aufgrund der Sachen, wegen denen er verurteilt worden war, weil ich nicht wusste, was wirklich passiert ist. Er sagte mir, dass ich ihn inspiriert hatte und er zu mir aufschaut und mich respektiert. Also wollte ich ihm einfach ein bisschen Unterstützung geben, auch im Hinblick auf die Zeit nach dem Knast. Dieses Game kann verdammt hektisch sein, du musst also ein Meister deiner Emotionen werden. Als er rauskam, ging er direkt durch die Decke. Ich hab nie mehr was von ihm gehört.

Du wohnst mittlerweile in Portland, richtig?
Nein, ich bin wegen der Musik erst kürzlich von Portland wieder zurück nach Los Angeles gezogen. Ich werde früher oder später aber wieder nach Portland zurückgehen.

Was magst du an der Stadt?
Es ist sehr grün, ein bisschen Hippie, ein bisschen Hipster. Es gibt veganes Essen, gutes Weed und wenig Drama. Die Leute sind nicht so aufgesetzt und fixiert auf Statussymbole. Hier ist es scheißegal ob du Gucci trägst. Ich habe das Gefühl, dass man sich hier wirklich füreinander interessiert. Es ist außerdem ein guter Ort, um in sich zu gehen: draußen regnet es dauernd und du musst aufpassen, deswegen nicht einzugehen. Wenn es regnet, blühe ich auf. Bei der Sonne denke ich mir: Dich kann ich eh nicht überstrahlen! (lacht)

Text: Juri Andresen

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