»Französischer Rap ist eine Botschaft, die stärker ist, als viele wahrhaben wollen« // Seyfu im Interview

Sefyu

In Frankreich zählt er zu den großen Drei des Street-Rap – neben Booba und Rohff ist Sefyu immer noch der MC mit der stärksten Reputation auf der Straße. Sein drittes Album »Oui, je le suis« wird im Oktober eine Trilogie des Terrors abschließen, ein Sound-Statement aus futuristischen Synthies, Sefyus ultratiefer Stimme und der Mentalität der Banlieue. Soeben hat er den wichtigen Music Victory Award gewonnen und sein 30. Lebensjahr vollendet, doch seine Herkunft (Seine-Saint-Denis, das berüchtigte »Neuf-trois«) und seine familiären Wurzeln im Senegal hat er nie vergessen. JUICE-Korrespondent Fred Hanak traf sich in Paris mit Sefyu zu einer exklusiven Listening-Session mit anschließendem, ausführlichem Interview bei einem Glas Cranberry-Saft.

Wie bist du eigentlich mit HipHop in Kontakt gekommen?
Als ich damit begann, war das bei uns die dominante Kunstform der Jugend. Ich stamme ganz eindeutig aus diesem HipHop-Magma, aus Breakdance, Graffiti und Rap. Ich habe HipHop gelebt – wir alle sahen Videoclips auf MTV und später bei »Rapline« [erstes französisches Videoclip-TV-Format, Anm. d. Verf.], tanzten dazu und rappten mit. Die Bewegung passte genau zu meinen Gefühlen, meiner Energie. 1993, 1994 begann ich zu schreiben und fühlte instinktiv, dass meine Fähigkeiten genau in diesem Bereich liegen. Ich gründete die Band NCC mit Baba und RR – zwei Jungs, die auch heute noch an meiner Seite sind. Daneben waren noch Kwamen, Touni and Kankan mit dabei. Ende der Neunziger starb Kankan tragischerweise – das war für uns alle ein Schock. Touni ist heute Agent für Fußballspieler. Ich selbst habe auch Fußball gespielt und wollte Profi werden, doch meine Karriere verlief wegen einer Verletzung nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. 2000 habe ich mich dann komplett auf Rap konzentriert, meine ersten Features für Rohff und Alibi Montana aufgenommen und mein Mixtape »Molotov 4« rausgebracht. 2006 kam mein Debütalbum, seitdem bin ich so richtig im Game. Eines Tages werden wir aber noch ein NCC-Album machen, ein richtiges Crew-Album.

Du hast bei Red Star in Saint Ouen als linker Außenstürmer gespielt…
Ja, zusammen mit Lassana Diarra. Wir sind miteinander aufgewachsen, auch mit Mamadou Niang und Alou Diarra. Sie alle sind noch heute Freunde von mir. Diarra ist ein echter Profi – keine Partys, keine Clubs, gesundes Essen, so war er schon immer. Er hat seine Karriere immer ernst genommen. Für mich ist er der nächste Makelele oder Vieira. Er nennt mich immer Youssef, das ist ja mein bürgerlicher Vorname. Das macht sonst keiner. Wir sind beide im selben Jahr geboren, 1981. Erst kürzlich hat er gemeint, ich sei ein wenig fett geworden… (lacht)

Was hat sich seit deinen Anfängen an deinem Alltag geändert?
Heute arbeite ich mindestens zehn Stunden am Tag, das war damals noch nicht so – es ging nur um den Spaß und das Gefühl. Ich habe zwischen 2006 und 2010 insgesamt 300 Shows gespielt. Dazu habe ich jede Woche Interviews gegeben, Radioshows gemacht, bin viel gereist. Ich war in Spanien, Russland oder dem Senegal. All das hat mir viel Erfahrung und Abstand gebracht. Ich bin sozusagen aus meinem Ei geschlüpft. (lacht) Ich bin nicht mehr so schüchtern und zurückhaltend, ich gehe ins Fernsehen und zeige mein Gesicht. Ich bin gerade aus Jerusalem und Afrika zurückgekehrt und konnte noch nicht mal meine Familie in Paris sehen. Stattdessen sitze ich hier und gebe ein Interview. So wichtig ist mir das.

Was hast du in Jerusalem gemacht?
Wir waren mit einem französischen Institut dort, ein kultureller Austausch. Wir haben Betlehem, Nazaret und Jerusalem bereist und sogar die al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg besucht. Es war interessant, beeindruckend und inspirierend. Lediglich den Gazastreifen haben wir ausgespart, weil es dort momentan einfach zu gefährlich ist.

Dein größtes Kapital ist deine Stimme. Mir fällt auf, dass deine Rap-Stimme ähnlich wie deine Sprechstimme ist.
Ich habe diese tiefe, bedrohliche Stimme, und ich versuche, in meiner Musik stets die Wahrheit zu sagen – auch wenn sie wehtut oder hässlich ist. Allerdings habe auch ich Gefühle, daher gibt es hin und wieder eine Diskrepanz zwischen meiner Intonation und meinen Inhalten. So ist es nun mal, Männer können von ihrem Erscheinungsbild her stark und unbesiegbar rüberkommen, aber innen drin sind wir alle verletzlich. Mir ist bewusst, dass meine Stimme sehr weit reicht und dass man mir zuhört. Meine Musik ist nicht weich oder weinerlich, aber es ist mir wichtig, Emotion und Reflexion darin unterzubringen. Ich bewege mich auf einem schmalen Grat zwischen Melancholie und Wut, zwischen Gefühlen und Geschichten, die ich selbst erlebt habe. Mein Leben steckt in meiner Musik, all meine Erinnerungen. Aber die Erinnerungen unserer Generation sind verdreht, durch die Medien, speziell das Fernsehen…

Deine Kritiker werfen dir vor, dass du mit deinen Texten die Gewalt in den Vorstädten schürst.
Aber was bedeutet Gewalt in diesem Zusammenhang? Ich bin kein Befürworter von blinder, zielloser Gewalt. Einen Aufruf dazu wirst du in meinen Texten niemals finden. Aber ich beschreibe sehr genau und direkt, was da draußen vorgeht. Wer sich mit Rap und seinen Hintergründen nicht ernsthaft beschäftigt, hört vielleicht nur die Gewalt heraus, das mag sein. Aber die Wahrheit ist: Das Leben besteht aus Gewalt. Wir leben, wir sterben. Wenn du darüber nachdenkst, ist bereits dieser Umstand extrem gewalttätig. Zu leben und zu wissen, dass man sterben wird, ist der größte Akt von Gewalt, den wir ertragen müssen.

Was denkst du über die Frage der ­französischen Identität, die in der Politik gerade eine große Rolle spielt? Sarkozys Regierung will ­kriminelle Ausländer abschieben und den ­Familien von ausländischen Straftätern die Sozialhilfe streichen.
(denkt nach) Ich fühle mich in Frankreich immer noch wie ein Immigrant. Wir sind Fremde für die Franzosen, wir haben mit ihrer Tradition nichts am Hut, aber wir sind hier, wir sprechen Französisch, wir leben in Frankreich, unsere Pässe sagen es: Wir sind Franzosen. Nur werden wir von der Gesellschaft weiterhin als Söhne und Töchter von Immigranten gesehen. Die Politik macht es noch schwieriger für Schwarze und Araber – besonders für diejenigen, die afrikanische oder arabische Namen tragen und in den Vorstädten wohnen. Man steckt uns in Schubladen. Doch wenn man Menschen in einen Käfig steckt, wollen sie ausbrechen. Sie kreieren ihre eigenen Universen, ihre eigenen Regeln, Sprach- und Kleidungscodes. Niemand will in einem Käfig dahinvegetieren. Und dann werden wir zu Gesetzlosen. Genau das passiert hier gerade.

Es ist ein Teufelskreis.
Sehr teuflisch. Und wir Rapper sind das Echo dieses Kreises. Wir zeigen mit dem Finger auf die Probleme, und damit sind gewisse Personen in der Politik nicht einverstanden – vor allem, weil die Wahlen 2012 vor der Tür stehen. Sie realisieren, dass die junge Generation uns zuhört – uns, die wir aus Afrika und aus den Vorstädten kommen, die wir nicht mal »echte Franzosen« sind! Französischer Rap ist eine Botschaft, die stärker ist, als viele wahrhaben wollen. Ich sehe meinen Rap als Akt der Rückforderung. Nicht gewaltsam – denn bevor ich schreibe, denke und arbeite ich sehr lange an meinen Texten. Ich will die richtigen Fragen stellen, die relevanten Probleme ansprechen, die Auswahlmöglichkeiten offenlegen und die Erwartungen unserer Generation in Worte fassen. Die Gewalt ist längst da, mein Rap ist nur die Frucht davon.

Auf deinem ersten Album ging es ­primär um dich selbst, dein zweites Album hatte die Familie als ­übergeordnetes Thema, auf dem neuen, dritten Album öffnest du dich gegen­über der Masse. Wie kommt das?
Wenn du als Künstler an deinem ersten Album arbeitest, dann fühlst du dich ein wenig so, als wenn du dir eine Waffe gekauft hast, aber noch nicht genau weißt, wie oder wann du sie einsetzen wirst. Du musst in dein eigenes Hirn vordringen und herausfinden, was du der Welt eigentlich mitteilen willst. Und du bist dabei ganz alleine! Es ist Selbsttherapie. Ich habe einfach über meine Erfahrungen gesprochen und dabei offenbar gewisse Themen angerissen, die viele junge Menschen kennen und sich dabei ähnlich fühlen wie ich. Die Frage, die ich mir gestellt habe, lautet: Steckt der wahre Feind in uns selbst, oder steht er direkt vor uns? Daher benutzte ich nicht mehr so oft die Ich-Perspektive, sondern eher die Wir-Perspektive. Auf dem zweiten Album ging es um meine Erfahrungen, die ich nach dem Debüt gemacht habe. Durch die vielen Reisen habe ich eine andere Perspektive bekommen. Mein Geist hat sich anderen Menschen außerhalb der Banlieue geöffnet. Musik ist eine internationale Sprache, die man in Belgien genauso versteht wie in Afrika, Griechenland oder den USA. Gerade deshalb habe ich auch meine Verantwortung als Künstler neu entdeckt. Auf diesem dritten Album geht es um Identitätsfragen, Selbstreflexion, Verantwortung. Aber das bedeutet nicht, dass ich jetzt Mainstream gegangen wäre. Ich bin sicherlich beliebter und populärer als vorher, aber ich mache immer noch keinen Pop. Ich stelle in meiner Musik immer noch dieselben Fragen, die sich aus meiner Vergangenheit ableiten. Dass ich dafür zeitgemäße, große Produktionen verwende, spricht in meinen Augen nicht dagegen.

Was denkst du über die Entwicklung der Jugend in den Vorstädten?
Sie sind intelligenter und besser informiert über die Vorgänge um sie herum, als wir es beispielsweise waren. Sie wachsen mit alltäglicher Gewalt auf, schon Zehnjährige werden dadurch zu regelrechten Terroristen. Sie akzeptieren immer weniger Regeln, Werte und Normen. Als ich klein war, haben wir den Mund gehalten, wenn der ältere Bruder gesprochen hat. Heute haben sie kaum noch Respekt vor Autorität. Sie haben nicht mehr eine so starke Bindung zu ihren Eltern und ihrer Familie. Sie haben keine Ehrfurcht mehr vor den Eltern, sondern stattdessen vor uns, vor den großen Jungs auf der Straße, den HipHop-Brüdern…

Sind Rapper denn gute Lehrer?
Manche von ihnen. Ich selbst habe nicht die Intention, Lektionen zu erteilen oder der Jugend ihre Werte zurückzugeben. Ich will lediglich meine Gefühle mit anderen Menschen teilen und etwas von ihnen zurückbekommen. Ich lerne von diesen jungen Menschen, nicht sie von mir. Sie bringen mir viel bei. Natürlich weiß ich, dass viele von ihnen alles für bare Münze nehmen, was ich sage. Ich spiele nicht mit dieser Verantwortung. Trotzdem werde ich meine Texte nicht entschärfen. Denn sie wollen diese Inhalte hören, diese Botschaften. Und ich denke, es ist wichtig, dass jemand sie ausspricht.

Du hast neben deiner Tätigkeit als ­Rapper bereits als Erzieher gearbeitet.
Ja, ich habe mich in der Schule um die kleinen Brüder gekümmert, habe auf sie aufgepasst. Bei mir in der Banlieue, in Aulnay-sous-Bois. Sie haben mir zugehört, weil ich einer von ihnen bin. Gleichzeitig habe ich dadurch gelernt, ihre Generation zu verstehen. Ich weiß, dass ich unser Land nicht verändern werde. Aber ich kann als Vermittler agieren. Wegen meiner Stimme hört man mir zu. (lacht)

Du hast den French Music Victory Award als »Entdeckung des Jahres« gewonnen.
Ich war in einer Kategorie nominiert, wo du normalerweise nie Rapper findest. Meine Musik wird von vielen Franzosen als gewalttätig, bösartig und dumm abgetan. Der Preis hat diesen Menschen bewiesen, dass unsere Musik relevant ist. Das war ein großer Sieg für mich persönlich, aber auch für Rap und seine Hörer. Viele haben jetzt erst realisiert, wie populär unsere Musik ist. Wir haben in den Medien und der Öffentlichkeit ein Image­problem. Wir gelten als Problemkinder, als Stressmacher. Ich habe jedoch bewiesen, dass Rap von der Straße kein Auslaufmodell ist. Sie können uns nicht länger ignorieren.

Text: Fred Hanak

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