Roméo Elvis: »Ich hasse es, wenn Franzosen englisch rappen« // Interview

»Bruxelles arrive, on est serrés dans une caisse«, schnoddert ein schlacksiger Wierdo mit halblangem Haar auf einem minimalistischen Trap-Skelett in die Kamera, um klarzustellen: Franz-Rap-Gebiet endet nicht hinter der Stadtgrenze von Paris. Als Sohn der belgischen Chanson-Größe Marka sowie der Schauspielerin Laurence Bibot und als Bruder der Singer/Songrwriter-Künstlerin Angèle hat Roméo Elvis die Musik aber auch überhaupt das Künstlersein mit der Muttermilch aufgenommen. Es ist also bloß konsequent, dass er sich als (musikalischer) Grenzgänger versteht. Ironie, Philosophie, Swagger, Message – die EPs und Mixtapes, aber insbesondere seine originellen Musikvideos haben den 25-jährigen Brüsseler zu den angesagtesten Newcomer-Rappern bei unseren französischen Nachbarn gemacht und nebenbei manifestiert: die Zukunft gehört den Außenseitern.

Ich habe dich letzten Sommer zusammen mit Caballero und JeanJass auf dem Dour Festival performen sehen, dem größten belgischen Festival mit jährlich 400.000 Besuchern. Im Line-Up stand nur »Bruxelles Arrive«, der Titel deines bisher größten Erfolgs.
»Bruxelles Arrive« ist mein Baby. Dass er von meiner Stadt, meiner Entourage handelt,
macht ihn natürlich zu einem sehr persönlichen Song. Außerdem hat er meine Karriere
überhaupt erst ins Rollen gebracht. Ich spiele ihn immer am Ende einer Show, für diesen
Moment gibt es dann keinen besseren Banger! Ich bin an diesem Festivalwochenende dreimal aufgetreten, zweimal mit Caballero und JeanJass und einmal alleine. Das waren drei riesige Shows für ein Festival und besonders dass es ein belgisches Festival ist, hat es zu einer großen Ehre für mich gemacht. »Bruxelles Arrive« hat mittlerweile 8 Millionen YouTube-Klicks.

Deine anderen Videos unterscheiden sich stark davon, alle sind ziemlich skurril. In »Tu vas glisser« spielst du einen Dämonen-Jesus, in »Les hommes qui pleurent pas« einen verstümmeltenBräutigam. Was magst du am meisten daran solche Videos zu drehen?
Es ist einfach eine andere Art meine Kreativität auszuleben. Ich liebe Musik und ich liebe
es, zu schauspielern und Filme zu drehen. Das alles zu verbinden macht Spaß.
Aber das war noch nichts verglichen mit dem, was jetzt kommt. Meine nächsten Videos
werden noch viel weirder, ich werde mich so sehr verwandeln, dass man mich nicht mehr
erkennt. Es wird dir gefallen!

Welche Rolle hast du bisher am liebsten gespielt?
Ich glaube, die Stewardess in »Sabena«. Ich sehe einfach genauso aus wie meine Mutter,
das war witzig. Aber meine liebste Rolle kommt erst noch, da bin ich nicht einmal mehr
menschlich.

Das Video zu »Tu vas glisser« sei eine Hommage an Tyler, the Creators »Yonkers«, hast du in einem Interview erzählt.
Genau! Ich habe ihn 2009 oder so entdeckt, mich mehr und mehr mit ihm befasst und
»Yonkers« war dann einfach nur krass für mich. Ich finde ihn faszinierend. Ich erkenne
mich selber in seiner Musik wieder, er spielt mit unterschiedlichen Stilen. Er nimmt sich
nicht allzu ernst. Viele Rapper haben eine verschobene Wahrnehmung von sich selbst,
aber Tyler kann über sich lachen und auch mal Schwäche zeigen. Außerdem ist er ein
krasser Produzent.

Auf »Ma tete« rappst du: »J’suis sûr d’une chose c’est que je suis un jeune fou«
(übersetzt: »Ich bin mir einer Sache sicher: Ich bin verrückt«) Wo ziehst du die Grenze, ab wann ist ein Mensch verrückt?
Wenn du verrückt bist, dann weißt du das selbst gar nicht. Und irgendwie ist jeder
verrückt, da geht es nicht um Herumschreien oder weird sein, sondern um
unterschiedliche Auffassungen von Dingen und der Realität. Dass ich in dem Song sage,
dass ich ein verrückter Typ bin, bedeutet nur, dass ich mir meiner Besonderheiten und
Probleme bewusst bin.

Diese Besonderheiten sind auch Teil deiner Marke.
Eben. Das ist für mich nichts problematisches, weil eben jeder irgendwie verrückt ist.

Du bist in einer kleinen Vorstadt von Brüssel aufgewachsen, das klingt erst mal nach einer behüteten Kindheit. Wie hast du das erlebt? 
Es war sehr schön, sehr unproblematisch. In Linkebeek gibt es keine wirkliche Vielfalt, dort leben hauptsächlich weiße, wohlhabende Leute. Das war entspannt, aber eben auch sehr eingeschränkt. Ich bin mit 18 nach Brüssel gezogen und habe dort erst wirklich gelernt, was Multikulturalität bedeutet.

Dein Vater ist Sänger, deine Mutter Comedian, deine Schwester Angèle ist mit ihrer Musik ebenfalls sehr erfolgreich. Wie hat es deine Herangehensweise an Musik beeinflusst, in einer so künstlerischen Familie aufzuwachsen?
Es ist großartig von Leuten umgeben zu sein, die wissen was du tust und warum. Ich
musste meinem Vater nie erklären, warum ich Musik machen will. Er hat es einfach
verstanden. Und da er diesen Job in all seinen Facetten kennt, konnte er mir viele Tipps
geben. Meine Schwester und ich helfen uns gegenseitig. Ich zeige ihr, wie man Lyrics
schreibt und sie hilft mir mit der Komposition und den Instrumenten.

Auf deinem letzten Album »Morale 2« gibt es einen einzigen englischen Song auf deinem Album, »Switchin’«. Wie kommt’s?
Der Song ist wie ein versteckter Witz auf dem Album. Ich habe nie wirklich ernsthaft auf
englisch geschrieben, auf dem Song habe ich nur ein paar englische Phrasen aneinandergereiht. Mir ging es darum, dass die meisten Leute in Belgien keinen blassen Schimmer von einer anderen Sprache als französisch haben. Sie hören englischsprachige Musik, aber haben keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Also wollte ich einen fake Song machen, um das zu zeigen. Der Song ergibt überhaupt keinen Sinn, ich weiß nicht
mal was »Switchin« bedeuten soll. Ich hasse es, wenn französische Typen versuchen, auf
englisch zu rappen.

Foto: Guillame Kayacan

Ein Feature zu Roméo Elvis findet ihr in JUICE #185. Die aktuelle Ausgabe im Shop versandkostenfrei bestellen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here