Rae Sremmurd: The World Just Wanna Have Fun // Feature

Seit einem halben Jahrzehnt sind die Brüder Swae Lee und Slim Jxmmi aka Khalif & Aaquil Brown die Speerspitze des Turn-Up, ihr »SremmLife« ist Hashtag und Lebensstil. Viel steckt nicht dahinter. Und trotzdem bleiben die beiden ganz oben. Warum eigentlich?

Zwei übermütige Buben mit kleinen Stimmen und riesigen Egos – bis heute kann man überrascht sein, dass aus Rae Sremmurd mehr wurde als ein, zwei Hits. »No Flex Zone« war Kult, Meme; wurde auf Youtube über 200 Millionen Mal angeklickt. Das ein Jahr später erschienene »No Type« ist inzwischen bei 650 Millionen Aufrufen. Trotzdem: Dass die beiden Brüder zu mehr wurden als zu Spaßvögeln mit kurzem Erfolg, hätte man damals nicht gedacht. Zu kindlich wirkten sie, zu schwach die Stimmbändchen. Schmale Schultern können eine gelungene Hook buckeln, aber mehr? Kulturskeptiker mussten zudem nicht allzu lange in ihrem Rucksack wursteln, um den Zettel rauszukramen, auf dem dick draufstand: Mike Will Made It. Alles gar nicht selber gemacht, mimimi.

Nur juckte das außer den Realkeepern niemanden, zumindest nicht lange. Das waren halt einfach geile Songs, alles andere scheißegal (auch der 20-Minuten-Freestyle bei Westwood, mit dem die Brüder gegen ihre Zweifler anrappten). Warum also etwas ablehnen, wenn man dazu upturnen kann?

In Kürze werden Swae Lee and Slim Jxmmi nun ihr drittes Album »SremmLife 3« veröffentlichen. An der Formel wird sich nichts verändern, so wie sich seit vier Jahren nichts verändert hat: Party steht im Zentrum von allem. Warum aber sind Rae Sremmurd trotzdem relevant geblieben? Die Antwort ist denkbar plump: Weil Fun immer relevant bleiben wird. Und die Gebrüder verkörpern ihn wie kaum jemand sonst im Rap-Biz. Vier Jahre nach »No Flex Zone« nennen sich die beiden selbst »Black Beatles«, und so richtig sauer ist ihnen deswegen niemand. Für die gleichnamige Single gab’s immerhin Platin von Norwegen bis Brasilien.

Um die konstante Relevanz von Rae Sremmurd besser zu verstehen, guckt man sich am besten an, wie »Black Beatles« so groß werden konnte – auch das ist relativ einfach. Zuerst einmal ist der Song an sich raffiniert: Nicht weil er innovativ ist, sondern weil er den Zeitgeist als Knecht hält. Für den Beat hat sich Mike Will nämlich nicht an den damals aktuellen Hits von Future & Co. orientiert, sondern an etwas, das in einer noch größeren Breite beliebt war: An der Musik von Kyle Dixon und Michael Stein, der Produzenten des Soundtracks für die US-Erfolgsserie »Stranger Things«. Die für »Black Beatles« benutzten Moll-Synth-Akkorde erinnern stark an die Titelmelodie der Kultserie. Das Projekt Rae Sremmurd ist der Serie indes gar nicht unähnlich: Seine Macher finden heraus, was aktuell alle gut finden, und bedienen es gnadenlos.

So wurde »Black Beatles« erst ein Hit, dann ein noch größerer Hit. Weil ihn alle abfeierten und er zum Soundtrack eines Phänomens wurde, das damals ebenfalls alle abfeierten: der Mannequin Challenge. Rae Sremmurd wurden zu den Botschaftern eines Internet-Hypes. Die Frage, ob dabei Identität verloren geht, stellte keiner. SremmLife ist SremmLife, viel hilft viel. Während Baauer damals darunter litt, dass sein »Harlem Shake« der Soundtrack für in Unterwäsche tanzende Büro-Dudes wurde, haben Rae Sremmurd nichts gegen das Schicksal ihres Songs. Ihnen geht es darum, dort die Hauptfiguren zu sein, wo möglichst viele Menschen eine möglichst gute Zeit haben. Interscope-Manager Gunner Safron bestätigte das sogar in einem Interview der britischen Zeitung The Guardian. Die Musik von Rae Sremmurd passe hervorragend zu Memes und anderem »short-form content«, also habe man es sich zum Ziel gemacht, der Soundtrack für all das zu sein, was die Timelines dieser Welt ausfüllt.

Im selben Interview werden die Brüder gefragt, ob sie ihren Song »Up Like Trump« (vom Debütalbum »SremmLife«, Trump war damals noch nicht an der Macht) nun nicht bereuen würden. Die Antwort: Nö, nö, es sei ja nicht darum gegangen zu sagen, dass Trump cool sei. Wenn sie »Up Like Trump« sagen, würden sie an Fans, Geld, Erfolg denken, »being bossed up«. Fast alle Interviews mit den Brüdern lesen sich, als habe ein Pokemon namens SremmLife Speed genommen und dadurch gehobene Sprachfähigkeit erlangt. Just being ourselves, SremmLife; Good times, SremmLife, Party, SremmLife; Fun, SremmLife; Living life the way we want to, SremmLife – oder am witzigsten bei Noisey: »We don’t want anyone to be having babies or catching STDs. SremmLife.«

Alles nicht so kompliziert, Freunde. Seid mal nicht so verkrampft! Der Weltuntergang wird lit! Bei Rae Sremmurd geht es einzig und alleine ums Vergessen. Sie produzieren den Soundtrack zum Loslassen, zum Alles-nicht-so-eng-sehen – zum Feiern eben. Daran änderte auch »SremmLife 2« nichts. Das zweite Album schlug etwas verschrobenere, entrücktere Klänge an, wenn man so will. Aber Rae Sremmurd sind, wer sie sind, wegen ihrer Hits. Beim Projekt Rae Sremmurd geht es letztlich bloß darum, alles so populär wie möglich zu machen. Deswegen passen Rae Sremmurd wie der Filter auf die Fresse zur Generation Instagram, wo Hashtags reichen, um sich selbst zu beschreiben. Jedes bisschen Komplexität wäre etwas zu viel. Denn: Trump is winning, the idiots are winning. Und um Winning, darum geht es. Diese Musik ist für Gewinner.

Es geht Rae Sremmurd auch nicht um Distinktion, sondern um ein Miteinander. Das ist gänzlich unversnobbter Shit, Musik für Menschen von Menschen, die nichts dagegen haben, dasselbe zu machen wie alle anderen auch. Für Menschen, die auf Holi Festivals Of Colour in einer Studentenstadt gehen, die Mats Hummels schön finden, Akustik-Cover-Versionen von aktuellen Pophits hören oder eben an der Mannequin Challenge teilnehmen. Musik für Menschen, die ganz gewöhnlichen Fun haben können, in vorhersehbaren Kontexten. Juveniler Rave gegen die Kompliziertheit der postmodernen Welt. Rae Sremmurd schreiben Musik, die jeder spätestens beim zweiten Mal versteht. Das ist Musik für Spring Breakers und Shot Takers, nichts anderes, sprich: Pop. Mainstream eben. Und Rae Sremmurd beliefern ihn mit atemberaubender Präzision.

Text: Philipp Kunze
Foto: B-Wade

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #186. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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