Protestsongs und HipHop

Wir können keine Protestsongs mehr hören – weil keine mehr geschrieben werden!“ Zu diesem Schluss kommen die Kollegen von der Popkultur-Institution Spex in der Titelstory ihrer aktuellen Ausgabe zum Thema Pop und Protest.

Das scheinbare Fehlen einer wirklichen Protestkultur geht thematisch selbstverständlich auch uns als JUICE-Redaktion an. Schließlich sehen wir uns auch dafür verantwortlich, die Fackel eines entscheidenden Teils der PopKultur weiterzutragen, die sich in seiner Entstehungszeit in den Armenvierteln New Yorks hauptsächlich als kulturelle Alternative zum etablierten, kapitalistischen und rassistischen Amerika der beginnenden Siebziger-Jahre verstanden hat. Bevor die Sugarhill Gang und Kurtis Blow mit harmlosen Inhalten erste kommerzielle Erfolge einfahren konnten, bestellten vor allem die Last Poets und Gil Scott-Heron das Feld, auf dem sich politische und sozialkritische Rap-Musik von Grandmaster Flash & The Furious Five bis hin zu den Native Tongues bis heute austoben darf.

In Deutschland kam die aufstrebende Jugend- und Gegenkultur bekanntlich erst einige Jahre später an. An der gesellschaftlichen Brisanz der Musik, die in den späten Achtzigern in Heidelberg und anderswo entstand, änderte dies jedoch herzlich wenig. Während vor allem Advanced Chemistry sich in der Hauptsache auf afro-amerikanische Bewegungen wie die „Zulu Nation“ von Afrika Bambaataa und die Native Tongues bezogen, entwickelte sich Rap-Musik in Deutschland auch immer mehr zum Sprachrohr für links-alternativ sozialisierte Menschen aus der Mittelschicht.
Neben der Stuttgarter Kolchose, Nährboden für unter anderem Freundeskreis, Joy Denalane und die Massiven Töne, lag die zentrale Keimzelle dieser politisch interessierten Mittelschicht in der Hansestadt Hamburg, genauer gesagt an der Sternschanze. Bereits 1989 besetzten Autonome ein ehemaliges Theater im heute akut über-gentrifizierten Schanzenviertel und schufen mit der „Roten Flora“ ein kulturelles Zentrum, das das Viertel bis heute prägt. In den Neunzigern wurde die Flora zum Treffpunkt ganz unterschiedlicher Musiker. Neben links-intellektuellen Bands wie Blumfeld und Tocotronic wurden etwa auch Eißfeldt und Denyo sowie Samy Deluxe maßgeblich durch diese Hamburger Institution geprägt.


Freundeskreis – Leg dein Ohr auf die Schiene der… von FourMusic

Im Jahr 2011 stehen die meisten autonomen Wohnprojekte vor dem Ende, Eizi Eiz begeistert als Jan Delay die Mainstream-Massen und die Kolchose ist fast komplett nach Berlin ausgewandert. Deutschsprachige Popmusik wird wieder verstärkt im Radio gespielt, zeichnet sich aber hauptsächlich durch inhaltliche Leere und ekligen Pathos aus. Während populäre Musik in der arabischen Welt aktuell als Soundtrack der Revolution fungiert und in Deutschland wieder mehr und mehr öffentlich demonstriert wird, bleiben die europäischen Musiker scheinbar ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.

Um dem entgegenzuwirken ruft die Spex aktuell, gemeinsam mit ByteFM Musiker dazu auf, diesen Misstand zu beheben und eigene Protestsongs einzuschicken.

Spätestens jetzt stellt sich folgerichtig die Frage, ob die Festellung eines Mangels an Titeln mit Protest-Potential überhaupt auch für den deutschen HipHop gelten kann. Während die Szene in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch zu häufig auf in den letzten Jahren publizierte und selbst erschaffene Klischees reduziert wird, hat sich Deutschrap in den letzten zwölf Monaten in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt. Mehr unterschiedliche Künstler-Typen sowie ein mit dieser Vielfalt verbundenes Potential für die Entstehung gesellschaftskritischer Songs gab es in Deutschland vielleicht noch nie.

Einer der wenigen Rapper, der in den vergangenen Monaten sogar traditionell eher HipHop-kritische Medien wie die Süddeutsche Zeitung für sich begeistern konnte, war Prinz Pi. Vor allem für „3 Kreuze für Deutschland“ wurde er vielerorten gelobt und wohlwollend besprochen. Ohne unnötig belehrend zu klingen beschreibt er empathisch das Schicksal einer Soldaten-Familie und bewirkt dadurch beim Hörer wesentlich mehr als nur Wut und Frustration über bestehende Misstände.

Auch der, von Eltern und Politikern selbst häufig für gesellschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich gemachte, Straßenrap bekam dank einiger junger, aufstrebender Künstler aus der Hansestadt seine gesellschaftliche Relevanz zurück. Insbesondere Nate57, aufgewachsen im Hamburger Karolinenviertel im Schatten des Bauwagenplatzes „Bambule„, durfte seit seiner Kindheit alternatives Lebensgefühl einatmen. Dies spiegelt sich in starkem Maße auch in der Musik des 21-Jährigen wider, die sich neben authentischen Straßen-Erzählungen vor allem durch offensive und plakative Kritik an der Vertreibung sozial schwacher Haushalte in die Außenbezirke sowie an dem vergiftenden Einfluss des Geldes auf das eigene Umfeld und die Gesellschaft im Allgemeinen auszeichnet.

Zu guter Letzt hat auch Casper unlängst die Arbeiten an einem Album abgeschlossen, das eine Menge Protest-Potential in sich birgt, ohne explizit politisch zu werden. Die Frustration über mangelnde Perspektiven wird auf seinem Album „XOXO“ ebenso behandelt, wie das endgültige Abwenden eines jungen Erwachsenen von kleinbürgerlichen Lebensentwürfen, die in großen Teilen Deutschlands immer noch die anzustrebende Maxime zu sein scheinen.

An deutschsprachigem Rap kann es also offensichtlich nicht liegen, dass Protest und Gesellschaftskritik in der aktuellen Rezeption der Populärkultur als nicht vorhanden kritisiert oder vorhandene Protest-Songs mit dem Vorwurf der reinen Pose abgetan werden. Vielmehr wäre es wünschenswert, dass die subversiven Elemente des HipHop in naher Zukunft wieder stärker als Solche erkannt werden. Das Potential ist da, wenn nun auch Feuilletons und selbsternannte Popintellektuelle Rapmusik wieder verstärkt in den kulturkritischen Diskurs mitaufnehmen, kann das für beide Seiten eigentlich nur von Vorteil sein.

Illustration: Cone DPE

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