In Memory of Ali Rasul

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Manche kannten ihn als Rasul Allah, Ali ­Rasul oder einfach nur Rasul. Er war der Kopf der Formation Square One, Gründer des Künstler­kollektivs Kings & Crookz und Mentor für viele große Namen der hiesigen HipHop-Szene. Doch diese Stichwörter vermögen nicht im Ansatz zu beschreiben, was Ali Rasul für die ­Entwicklung von deutschem und europäischem HipHop ­wirklich bedeutet hat.
 
Seit den ersten Tagen der Gruppe Square One um ­Rasul, Iman, Edward Sizzerhand und Gianni Dolo wurde schnell deutlich, dass sich Ali Rasul mit Mittelmaß nie zufrieden geben würde. Während hochwertige Beats made in Germany gegen Ende der neunziger Jahre noch ein Fremdwort waren und von guten englischen Raps aus Deutschland nur geträumt werden konnte, machten Square One genau dies: englischsprachigen Rap in bester New ­Yorker ­Tradition, der sich vor keinem Premo- oder Pete Rock-Vergleich scheuen musste. Alle von uns DJs, die damals die Showdown-Vinyls in die Finger bekamen, waren ­sicher: Square One musste eine neue Crew aus ­Brooklyn sein, so gut war der Sound, so exakt die Scratches, so perfekt die Lyrics. Um so geschockter waren wir bei unserem ersten Live-Konzert der Band, als Ali Rasul auf einmal in hartem bayrischen Slang von der Bühne zu uns sprach. Ein netter Trick? Auswendig gelernt? Keineswegs. Ali Rasul und Square One hätten kaum mehr München sein können. Geboren im Iran, aufgewachsen in der Heimat des FC Bayern mit einem New York State Of Mind. Letzterer kam nicht von ungefähr, hatte Rasul in seiner Jugend doch einige Jahre im Big Apple verbracht, dort gelebt, studiert, mit Schachpartien sein Geld verdient, Demotapes an Mister Cee verteilt und HipHop studiert, wie man es nirgendwo besser könnte.
 

 
Wenn befreundete Künstler zurückdenken, erinnern sie sich zumeist an Rasuls riesiges Verständnis für Musik, HipHop insbesondere, an den unermesslichen Wissensschatz, den er mit sich trug und nie müde wurde zu teilen. Ich kenne keine andere Person, die Rapmusik so verinnerlicht und wertgeschätzt hat wie er. Doch er tat das nicht auf eine journalistische, altkluge Art. Er tat das aus einer tiefen Liebe zur Poesie heraus und aus dem inneren Hunger, ein immer besserer MC sein zu wollen. Die Philosophie ist einfach: To be one of the greats, you have to study the greats. Und das tat er mit Leidenschaft. An einem Punkt in seiner Karriere, an dem andere Rapper die Lorbeeren des Erfolges genießen und zunehmend beratungsresistent werden, blieb Rasul agil, entwickelte sich und seinen Sound stets weiter, suchte immer nach dem nächsten Schritt, nach dem Puls der Zeit. Eine Suche, die ihn ohne jeden Zweifel zum besten englischsprachigen MC in Europa machte und sich auch in seinem Charakter niederschlug. Rasul war nicht nur einer der wichtigsten Künstler der deutschen Szene, er war auch einer der nettesten und sympathischsten. Es wird schwer sein, einen DJ, Rapper, Produzenten oder Journalisten zu finden, der Rasul nicht als aufgeschlossenen, ehrlichen und freundlichen ­Menschen in Erinnerung hat. Viel mehr noch trauern die ­meisten Leute in diesen Tagen um die einzigartige Person hinter dem Rapper.
 

 
Ali Rasul hat viele von uns für immer verändert. Man spürte förmlich, wie einen jede Minute gemeinsame Zeit zu einem besseren Menschen werden ließ. Für viele von uns war er wie ein großer Bruder, für manche sogar wie ein Vater. Um Rasuls Erbe richtig einschätzen zu können, muss man diesen Punkt verstehen. In zehn Jahren als DJ und Musik-Macher habe ich auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen getroffen, der so ein außerordentliches Gefühl für Talent und Begabung hatte und einen Rohdiamanten so formen konnte wie Rasul. Viele eurer aktuellen Lieblingsproduzenten aus Deutschland sind durch seine einzigartige Schule gegangen. Iman, Monroe, Crada und Sashliq haben mit und durch Rasul einen eigenen Sound entwickelt und ein besonderes Gefühl für Musik und Beats bekommen. Insbesondere Monroe und Crada haben unter der Führung von Rasul eine musikalische Entwicklung durchgemacht, wie ich sie nie wieder bei anderen Künstlern beobachtet habe. In derselben Art, mit der Rasul seine Texte perfektionierte, bildete er jene jungen Talente aus, an die niemand sonst zu diesem frühen Zeitpunkt geglaubt hatte. Doch der Einfluss ging weit über die Musik hinaus. Ali Rasul formte die Charaktere von jungen Männern und machte sie zu Erwachsenen. Von alltäglichen Dingen bis hin zu grundsätzlichen Lebenseinstellungen – wir alle haben mehr gelernt, als wir es je erhofft hatten.
 
Wer hätte gedacht, dass ich einen meiner besten Freunde und den größten musikalischen Einfluss in meinem Leben einmal mit eigenen Händen zu Grabe tragen würde? Der Schmerz des Verlustes ist unbeschreiblich. So sehr ich spüre, dass ein Teil meines Herzens herausgerissen wurde, um so mehr begreife ich, wie viel er mir und uns allen gegeben hat. Er hinterlässt so viel Großes, so viel, das es zu erhalten gilt, dass es schwerfällt, die richtigen Worte zu finden. Ich weiß, dass diese Worte vielen meiner Freunde und musikalischen Mitstreiter aus der Seele sprechen. Ich rede von euren Lieblingsrappern, den besten Beat­makern des Landes, den Chefredakteuren der Magazine, den DJs der Radiosender und Clubs. Ich weiß, wie hoch das Ansehen von Ali Rasul bei all diesen Menschen war. Und ich weiß, wie sehr ihn alle geliebt haben, die mit ihm mehr als nur die Bühne und den Backstageraum teilen durften.
 
Ali Rasul verstarb am Dienstag, den 11.05.2010, an einem Herzinfarkt in Vancouver, Kanada. Wir behalten ihn als eine der einflussreichsten und wichtigsten ­Figuren der deutschen HipHop-Szene in Erinnerung und wünschen seiner Familie in diesen schweren Stunden alle Kraft der Welt. Möge er in Frieden ­ruhen. Auch im Namen deiner musikalischen Familie in ­München, Frankfurt, Hamburg, Berlin und all den ­anderen Städten: Wir verbeugen uns vor dir.
 
Words: DJ Kitsune
 

 

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