»Ghana bedeutet für mich Power« // Pronto im Feature über »Volta«

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Erst Burger essen im American Diner, dann Kuscheln auf der Couch in einer altertümlichen Villa, schließlich wird um einen Lowrider getanzt, den man auf eine saftige grüne Wiese gefahren hat – der Lifestyle, den Pronto im Musikvideo zu »Crazy« präsentiert, lässt nicht vermuten, dass da jemand auf Schweizerdeutsch singt. Das Instrumental, ein gefühliger Afrobeats-Riddim a la WizKid oder Maleek Berry, lässt sogar eher vermuten, dass da jemand auf einer westafrikanischen Kreolsprache singt.

Auch in Solothurn, einer 17.000 Einwohner starken Barockstadt in der Schweiz, ist man heute Teil einer globalisierten Musikindustrie. Die Welt hört PNL, ohne Französisch zu verstehen, hört Future, der gar nicht versucht, verstanden zu werden – warum nicht Pronto? Der Mittzwanziger erschien 2017 mit »Clean« auf der Bildfläche, einer Trap-Hymne ans Gucci und Louis tragende Team. Seitdem wird er als Ausbrecher und Botschafter der Schweizer Szene beschrieben. Davon fühle er sich geschmeichelt, sagt er. Allzu sehr juckt es ihn aber nicht. Deshalb versucht er auch nicht, sein Erfolgsrezept zu kopieren, sondern legt nun mit dem »Volta Tape« ein astreines Afro-Pop-Release vor.

»In Ghana hört man den ganzen Tag Musik. Auch wenn du nicht viel hast, tanzt und feierst du«

Pronto

Prontos Vater ist Ghanaer, er selbst war mit zwei Jahren zum ersten Mal dort. »Ghana bedeutet für mich Power«, sagt er in »Road to Volta«, einer kurzen YouTube-Doku, in die Kamera. Im Gespräch erklärt er: »Ghana fühlt sich intensiv an. Ich lade mich mit Energie auf, wenn ich dort bin.« Diese Energie kommt nicht zuletzt aus der Musik: »In Ghana hört man den ganzen Tag Musik. Auch wenn du nicht viel hast, tanzt und feierst du.« Wie passend, dass den Namen Volta auch ein italienischer Physiker trug, der als Erfinder der elektrischen Batterie gilt. Prontos Energiequelle ist die Volta-Region im Südosten Ghanas. »Der Volksstamm, von dem ich abstamme sind die Ewe. Die haben dort ihren Ursprung.«, sagt er über den Titel seines Releases. »Es ist ein Roots-Ding. Ich wollte einen Titel wählen, den vielleicht auch jemand in Ghana liest oder hört und sich freut.«

In Prontos Studio werden schon lange Afrobeats-Riddims produziert, aber erst jetzt präsentiert er diese Seite der Öffentlichkeit. »Ich habe zuletzt Afro mal wieder mehr gefühlt als alles andere.«, sagt er. Auf seinem Instagram-Profil kann man eine Menge Jetset sehen: Ghana, Indonesien, USA. Musik aus Westafrika hat aktuell ein globales Momentum: »Als ich in Amerika war, dachte ich, ich würde zurückkommen und vor allem für Trap inspiriert sein. Aber alle Produzenten, die ich auf dieser Reise getroffen habe, waren auch voll auf dem Afro-Film. Ich habe das Gefühl, es gab letztes Jahr ein weltweites Movement für westafrikanische Musik – durch Burna Boy zum Beispiel.« Burna Boy ist ein nigerianischer Musiker, dessen Album »African Giant« 2019 auch europäische und nordamerikanische Feuilletons beschäftigte. Er performte bei den großen US-Late-Night-Shows, wurde für einen Grammy nominiert und verkaufte bei seinem ersten Deutschlandkonzert die Berliner Columbiahalle aus, die 3.500 Menschen Platz bietet. Das war eine neue Qualität. Nachdem Afro-Pop den Sound der westlichen Pop-Musik schon seit Jahren beeinflusst hatte, schien der Hype endlich per Trickle-Down-Effekt bei Musiker*innen aus Afrika angekommen zu sein. Und die Energie, die ihre Musik spendet, spüren plötzlich Menschen auf der ganzen Welt. Pronto hat das inspiriert – auf seinen Reisen hat er Musiker aus der Szene getroffen, auf dem neuen Song »Baga« ist der New Yorker Afrobeats-Gitarrist Mr. Dees zu hören. Die wichtigsten Kritiker sind ihm aber die Menschen in Ghana: »Wenn mir jemand, der in Ghana lebt Videos schickt, wie er tanzt und feiert, dann ist das die beste Bestätigung.«

Aufgeschriebene Lyrics? Gibt es nicht

Die Kombination von Afro-Pop und Schweizerdeutsch ist interessant, weil dieser Dialekt des Deutschen einen ähnlichen Eigencharakter hat wie die Abwandlungen der englischen Sprache, die man in der Musik von westafrikanischen Pop-Künstler*innen wie Burna Boy hört. Pronto findet eh: »Es gibt keine Sprache, die scheiße klingt. Es kommt darauf an, wie man sie biegt.« Das Biegen passiert bei ihm organisch. Seinen Songwriting-Prozess bezeichnet er etwas augenzwinkernd als »Meditieren«. »Zwei Stunden den Beat hören, ein bisschen smoken – dann verfällt man irgendwann in einen Zustand, wo es einfach läuft.«, sagt er. Aufgeschriebene Texte gibt es nicht. Was so entstanden ist, dreht sich auf dem »Volta Tape« größtenteils um Liebes- und Beziehungsdinge – und manchmal um einen guten Rausch im Club. »Gute Vibes«, fasst Pronto das zusammen – wie bei den Menschen in Ghana eben, die den ganzen Tag Musik hören. Gute Vibes sind in jeder Sprache verständlich.

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