»Wer reich werden will, sollte lieber was anderes machen«: Vier Deutschrap-Experten im Talk // Interview

Patrick Thiede und Ralf Kotthoff (Foto: Laura Vanselow)

Also ist HipHop gar nicht so erfolgreich wie alle behaupten?
Patrick: Die Charts hierzulande werden ja am Umsatz gemessen. Dadurch gehen viele Rapper Top Ten, die da nichts zu suchen haben; die gerade mal 600 Einheiten verkaufen, davon aber 300 Boxen a 50 Euro. Das ist ein Schummelerfolg.
Marina: Deswegen geht heute jeder Rapper Top Ten. Für viele ist ein Album heute nichts anderes als ein Merchandise-Artikel. Du legst dich schlafen, wachst auf, da hat Rapper XY schon wieder ne neue Platte releast.
Patrick: Aber wenn die nach drei Monaten ihre Abrechnung bekommen, merken die plötzlich, dass sie zwar Platz 8 gegangen sind, aber gerade mal 3.000 Euro verdient haben. Und dann gehen sie doch lieber wieder ticken. (Gelächter)

Wir haben eben schon kurz übers Internet und Social Media gesprochen. Inwiefern hat das auch eure Jobs verändert und Einfluss auf die Kultur genommen?
Ralf: Dadurch stehen HipHop heute Strukturen offen, die früher undenkbar waren. Heute gehst du zu irgendeinem Digitalvertrieb deiner Wahl, lädst dort dein MP3 hoch und bist bei allen großen Mainstream-Kanälen. Wir können aus heutiger Sicht noch nicht sagen, was das kulturell bedeutet. Eine Demokratisierung? Eine Bagatellisierung? Sicher ist nur: Das wird den Kulturbetrieb und das Business radikal verändern.
Marina: In den letzten Jahren sind ja auch viele Rapper durch die Decke gegangen, die niemanden für ihre Kommunikation gehabt haben außer sich selbst. Es passiert was. Garantiert!
Götz: Die Grundgegebenheiten sind aber nach wie vor dieselben: Einer macht Musik, ein anderer will oder soll sie hören. Drei Dinge verändern sich dabei: 1. Das künstlerische Ausdrucksspektrum, weil ein Künstler heute nicht mehr nur Platten macht und Konzerte gibt, sondern auch mit Youtube-Videos oder anderen Social-Media-Inhalten, von Instagram-Stories bis Facebook-Live, seine Kunst vermarktet und sich ausdrückt. 2. Die Kommunika-tionstechnik dazwischen, weil man heute die ganze Klaviatur der Neuen Medien nutzen kann. Und 3. die Art der Monetarisierung, weil man heute nicht mehr nur an den klassichen Einnahmequellen Platte, Verlag, Live, Merchandising verdient, sondern auch an Youtube-Klicks und anderen neuen Auswertungswegen.

Also sind die Anforderungen an einen Künstler heute größer?
Götz: Ja. Jeder Künstler muss heute mehr Kommunikation betreiben, um Gehör zu finden. Man braucht kommunikative Multi-Channel-Strategien.
Patrick: Wenn die Mucke aber zeitlos ist und sich nicht bloß an Trends orientiert, kann es auch reichen, bloß alle zwei Jahre ne Platte und zwei Videos zu machen.
Marina: Dafür musst du aber etabliert sein. Als Newcomer kannst du dir das heute nicht mehr leisten.
Götz: Genau. Das setzt eine Vorgeschichte voraus.
Patrick: Cro hatte damals auch keine Vorgeschichte.
Marina: Der ist aber losgezogen und hat befreundete Künstler gebeten, sein Video zu teilen, hat also die Reichweite anderer Menschen genutzt. Das ist was anderes. Aber klar: Kanye West kann auch ein Album pupsen und mit Quincy Jones ein Handy-Video dazu drehen – das würde trotzdem durch die Decke gehen.
Ralf: Ich habe aber den Eindruck, dass die Quote derjenigen, die Musik machen, und derjenigen, die damit erfolgreich sind, über die Jahre konstant geblieben ist. Damals hat das bloß keiner mitbekommen, weil die Leute nur im Proberaum standen, während die sich heute eben auch auf Youtube und Instagram abarbeiten.
Götz: Genau. Früher war der Misserfolg nicht überprüfbar, fast unsichtbar. Da hat man nur den Erfolg bemerkt, weil nur dieser sichtbar wurde.

Im Zuge der zunehmenden Bedeutung von Streaming und der damit einhergehenden Fokussierung auf einzelne Songs: Wie wichtig ist das Albumformat noch?
Ralf: Das Produkt »Album« hat eine unglaubliche Resilienz, weil da ganz viel dranhängt: ein Gedankenrhythmus, all die alten Strukturen, Vertragskonstrukte.
Marina: Aber auch kreative Prozesse. Für einen Künstler hat eine Platte nicht nur wirtschaftliche Aspekte. Bei der Arbeit daran entwickelt sich oft erst der kreative rote Faden.
Ralf: Das unterscheidet HipHop auch fundamental von anderen Genres wie Metal oder Rock, wo eine Band gerne mal über zwanzig Alben denselben Sound spielt. Im Rap arbeiten die meisten Künstler ja von Album zu Album an ihrem Sound. Das Gros der Künstler hangelt sich in seiner künstlerischen Identifikationsfindung immer noch von Platte zu Platte.

 

»Das Album setzt innerhalb einer Künstlerkarriere einen Wertigkeitsstandard – deshalb wird das Langspielformat nicht so schnell verschwinden.« – Götz Gottschalk

Also ist das Album kein Auslaufmodell?
Marina: Jemandem wie Savas würde im Traum nicht einfallen, kein Album zu machen, weil der konzeptionell arbeitet. Die KMN Gang wiederum macht eher Singles, weil denen ein Album zu lange dauert. Wenn die einen Song jetzt fühlen, bringen die ihn auch jetzt raus. Eine Woche später fühlen die den Sound vielleicht schon gar nicht mehr. Ohne ein Album ist es aber schwieriger, solche Künstler medial irgendwo unterzubringen.
Ralf: Das meinte ich eben. Beim Album schwingen noch so viele andere Sachen mit, weil viele Strukturen daran geknüpft sind. Das wird noch lange parallel existieren.
Götz: Das ist ähnlich wie bei Kino vs. Fernsehen. Oder Film vs. Serie. Wer was konsumiert, hängt stark vom Alter ab: Jungen Leuten sind Songs wichtiger, älteren Alben. Im kulturellen Kanon aber ist das Album das Werk, das einen Künstler in seiner ganzen Schaffenskraft und Ausdrucksvielfalt definiert – und zwar seit der breiten Einführung der Vinyl-Langspielplatte Ende der Vierzigerjahre. Vorher gab es ja auch nur Singles. Das heutige Phänomen ist also auch gar nicht so neu, sondern schon fast eine Rückkehr in alte Gewohnheiten mit neuen Technologien. Das Album setzt innerhalb einer Künstlerkarriere einen Wertigkeitsstandard – deshalb wird das Langspielformat nicht so schnell verschwinden.
Ralf: Die Sachen verschwinden nicht, sie werden aber irrelevanter. Beispiel: Kutschen waren mal das Verkehrsmittel Nummer eins. Die gibt es heute immer noch, haben aber an Bedeutung verloren. Konzerte und Alben wird es auch weiterhin geben, aber ob sie die dominanten Tools für einen Künstler bleiben – wer weiß? Wenn du in Sachen Technik und Kultur zurückblickst: Nothing is for granted.
Patrick: Es wird einfach vielfältiger. Zur Kutsche sind irgendwann die Bahn und das Auto und das Flugzeug dazugekommen. Vielleicht wird es irgendwann modern, nur noch einen Part zu droppen und sich daraus selbst was zusammenzubauen.
Ralf: Man muss sich fragen: Womit kann ich Umsatz machen? Und womit kann ich meine Künstlerpersönlichkeit definieren und neue Kommunikationsmöglichkeiten schaffen?
Götz: Das Album als Medium wird wichtig bleiben, so wie auch der Kinofilm nicht verschwunden ist. Ob diese Wichtigkeit auch in Sachen Umsatz Bestand hat, ist wiederum eine andere Frage.
Ralf: Aber du weißt doch nicht, ob der Kinofilm das überlebt, wenn wir ihn erst mal auf ein Retina-Display projiziert kriegen.
Götz: Das ist mir schon zu weit gedacht. Wir arbeiten heute ja alle noch in dem Job mit viel Liebe und Leidenschaft, und wir werden morgen noch in dem Job arbeiten. Ob das in 15 Jahren auch noch der Fall ist, das weiß ich nicht. Aber es ist, wie Patrick sagt: Es diversifiziert sich. Und die Dinge, die eine grundlegende Qualität definieren, die werden erst mal bleiben. Bücher sind mit dem eBook schließlich auch nicht verschwunden. Das ist nur eine neue Technik, um ein Buch zu lesen.
Ralf: Mit den eBooks sind aber neue Formen von Büchern gekommen, die man so nie auf Papier drucken würde. Insofern: Mit dem Medium ändert sich auch das Kulturgut. Wie viel nachher also von dem übrig bleibt, was wir Album nennen – wir werden sehen.

Dieses Feature erschien erstmals als Titelstory in JUICE #183 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).

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