»Keiner rappt so porno, keiner rappt so bösartig« // Necro im Interview

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Necro ist ein viel beschäftigter Mensch. Kein Wunder, kümmert sich der Brooklyner Gore-Spezialist, Producer und Labelbetreiber doch seit jeher komplett ohne Major-­Support um die Verteidigung seiner Nische im Game. Unabhängig, unbequem und manch einem schlicht zu deutlich an den ­Grenzen des guten Geschmacks vorbei erarbeitete sich Ron Braunstein im ­letzten Jahrzehnt eine Ausnahmestellung im Rap-Kosmos, fanatisch treue Fans hüben und stets empörte Jugendschützer drüben sind das ­Ergebnis ­seiner mittlerweile sieben Albumveröffentlichungen. Klar, dass wir ­versucht haben, ihn zum Release von “DIE!” an die Strippe zu ­bekommen. Aber Necro war erstmal auf Tour, und das ist in seinem Fall eine sehr kräftezehrende Angelegenheit – entsprechend zerstört klingt er dann auch, als das vereinbarte Interview endlich stattfindet.

Bist du krank? Deine Stimme klingt ganz schön kaputt…
Naja, ich war auf Tour und hatte einfach noch nicht die Möglichkeit, mich zu erholen. Ich habe 40 Konzerte am Stück gespielt, da gab es kaum Zeit, sich zu regenerieren. Und ich rappe ja live und nicht playback, ich bin ein echter MC im Sinne von Kool G Rap oder KRS-One. Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber manche von den Typen, mit denen ich auf Tour war, haben tatsächlich zum Playback gerappt. Ohne Scheiß jetzt, kannst du dir das vorstellen? Aber ich hab mir den Kerl geschnappt und ihm erklärt, dass das so nicht geht. (lacht)

Wie haben die Fans auf das neue Material reagiert?
Oh, sehr gut! Ich kann mich nicht ­beschweren. Es war zwar ­anstrengend, aber ich habe viele Fans getroffen. Und ich hoffe, ich habe ein paar Fans hinzugewonnen, die dann zu meinen nächsten Shows ­kommen und die nächsten Platten kaufen. “DIE!” ist ja nur eines von ­vielen Alben, die noch kommen werden. Also ­eigentlich nichts Besonderes, ­verglichen mit der Menge an Musik, die noch rauskommen wird. Denn ich habe noch tonnenweise neuen Scheiß im Studio rumliegen.

Wie war das Feedback auf “DIE!” bis dato?
Die Leute mögen es. Es gibt ja auch niemanden auf der Welt, der so einen Stuff droppt wie ich. Keiner rappt so porno, keiner rappt so bösartig. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Spreu eigentlich vom Weizen getrennt. Wenn jemand so gerappt hat wie ich, dann ist seine Karriere mittlerweile vorbei. Und alle, die es jetzt ­versuchen, können es nicht. Ich bin die Autorität in Sachen Brutality. Wenn du also diese Musik haben willst, musst du ­eigentlich zu Necro kommen. Ich bin übrigens überrascht, dass meine Stimme wirklich so rau klingt… (lacht) Was zum Henker ist da bloß los? (hustet teuflisch)

Du hörst dich an wie ein Sänger einer Death Metal-Band
Ich habe gerade ein Nickerchen ­gemacht, wahrscheinlich ist mir ­wieder die Säure aus dem Magen in die Kehle gelaufen.

Du hast die Reflux-Krankheit?
Genau, damit habe ich Probleme, ­diese verdammte Reflux-Scheiße. Ich hatte einen Schoko-Malz-Drink vorher, und dann bin ich eingepennt. Und jetzt habe ich den Salat. So ist das im Leben: Alles, was du magst, ist eigentlich schlecht für dich. Und alles, was du nicht magst, ist eigentlich gut für dich. Das ist Gottes verficktes Paradoxon. Sogar die Muschis sind heutzutage ein Problem, wegen den ganzen Krankheiten. Du stehst auf Muschis? Gut, ich mach dich damit fertig. Ich werde sicherstellen, dass es da die entsprechenden Krankheiten gibt. So weißt du nicht, welche du ficken kannst. Es ist ein verficktes russisches Roulette. Selbst wenn du einen Gummi benutzt, dann werde ich Krankheiten schicken, die durch den Gummi durchgehen. Sei vorsichtig, wen du fickst. Das will uns Gott damit sagen. Das ist sein Spiel!

Aha. Kannst du das Artwork ­deiner Platte kurz erläutern? Ist das HipHop, der von den Toten aufersteht und den Hörer mit seinem Grabstein erschlagen will?
Ja, so ungefähr. Eigentlich ist es einfach ein Zombie, der ein Necro-Shirt trägt. Es ist im Grunde genommen der Zombie des HipHop. Das ist natürlich eine Anspielung auf Nas, der sagte, dass HipHop tot sei. Viele Leute, die auf puren, echten HipHop stehen, sind ja der Ansicht, dass HipHop gerade stirbt oder schon tot ist. Ich hab mir da meine Gedanken gemacht und dieses Konzept ausgedacht, HipHop von den Toten auferstehen und ihn einen Grabstein auf dich werfen zu lassen. So hatte ich auch die Möglichkeit, die Inschrift “1970’s – 2000’s” darauf zu platzieren, denn jeder weiß, dass HipHop mit Kool Herc in den Siebzigern angefangen hat, mit Breaks auf der Straße. Und um 2000 wurden die meisten Sachen, die ich mochte, wack. Zum Beispiel stand ich total auf Mobb Deep, aber das letzte Album, das ich mochte, war “Murda Muzik”. Auch die ganzen Platten, die ich mochte, als ich aufwuchs, sind entweder aus den Achtzigern oder den frühen Neunzigern, so bis ’95, ’96. Ich selbst habe meine erste Platte im Jahr 2000 rausgebracht. Ich bin also der Typ, der von den Toten aufersteht. Das Cover  symbolisiert, dass HipHop in 2000 gestorben und dann in Form von Necro wiederauferstanden ist: HipHop ist also tot, aber was ist aus ihm ­geworden? Er ist als Necro zurückgekehrt, abgefuckt und brutal. Brutaler als Nas, brutaler als Kool G Rap, brutaler als Kool Keith, brutaler als die ganzen Rapper, die vor mir kamen. Womit ich nichts gegen die MCs sagen will, die ich gerade aufgezählt habe. Aber ich habe das, was sie gemacht haben, noch ein Stück weiterentwickelt. Manche schätzen das, manche nicht. Aber was will man da machen? Manche mögen Pizza, manche nicht. Okay, ich weiß nicht, ob ich mich jetzt unbedingt mit Pizza vergleichen will, aber Pizza ist sehr beliebt. Ich wünschte, ich wäre Pizza. Man würde mich jeden Tag, jede Minute kaufen. Ich wäre reich. (lacht)

Manche Leute meinen mit “HipHop ist tot” vor allem die schwindenden Verkäufe. Du warst aber nie abhängig von hohen Verkaufszahlen, sondern hast dank einer soliden Fanbase und eigenem ­Indielabel immer dein Ding machen können. Was macht HipHop in deinen  Augen dann gerade so wack?
Ich habe diese Aussage nie auf Verkäufe bezogen. Ich glaube auch nicht, dass Nas das so gemeint hat. Ich denke, er hat das auf die Kunst bezogen. Aber die Leute, die das auf die Verkäufe beziehen, haben schon auch recht. Es ist fürchterlich gerade, die Downloaderei hat eben krass zugenommen. Ich stehe folgendermaßen zu dem Thema: Ich bin unabhängig, ich habe eine große Fanbase. Aber ich habe auch sehr intelligente Fans. Denn wer auf Underground-HipHop steht, der meist sehr lyrisch ist, kann gar nicht so doof sein. Natürlich habe ich Hits, aber eben andere Hits, keine kommerziellen Hits. Ich spreche also eine bestimmte Anzahl von Leuten an, und die halte ich für ein bisschen intelligenter, denn sie holen sich ihre Musik nicht nur aus dem Radio. Es gibt Leute, die Musik ausschließlich über die großen Kanäle beziehen. Und dann gibt es welche, die auf der Suche sind, die nach ihrem Scheiß diggen. Vergleichbar mit Filmfans, die auf Untergrund-Horrorfilme stehen, auf B-Movies. Warum mögen die so was? Keine Ahnung, aber sie wollen mehr als nur die großen Blockbuster und jeden Film mit Bruce Willis anschauen. Und solche Leute stehen auch auf Necro. Aber je schlauer die Leute sind, desto besser kennen sie sich auch mit Technologie aus. Und dementsprechend nutzen sie auch die Möglichkeit, meine Alben umsonst ­herunterzuladen. Die einzige Chance, als Indie-Künstler noch Geld zu verdienen, besteht also darin, Shows zu spielen und Merch zu verkaufen. Und ich bin einer der wenigen, die häufig und für gutes Geld live spielen können. Ich bin gesegnet. Obwohl die Leute meine Musik stehlen.

Text: Marc Leopoldseder

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