»Einer derartigen Situation ist kaum jemand gewachsen« // Big Dru Ha im Interview

Dru Ha

Duck Down Records ist eine echte Indie-­Institution. Eine Liste der Künstler, die auf dem Hauslabel der legendären Bootcamp Clik veröffentlicht haben, liest sich wie ein Who’s Who der HipHop-Szene der Ostküste. Allein für das verbleibende Jahr 2010 stehen noch Alben von Buckshot & 9th Wonder, Pharoahe Monch (“W.A.R. – We Are Renegades”), Random Axe (Black Milk, Sean Price & Guilty Simpson), Skyzoo & Illmind sowie das von Pete Rock produzierte Smif-N-Wessun-Album “Monumental” an. Ein Gespräch zum 15-jährigen Jubiläum mit Big Dru Ha, seines Zeichens ehemaliger Manager von Black Moon, Gründer und Geschäftsführer von Duck Down Records.

Du hast in den Neunzigern noch die goldenen Indie-Zeiten von Loud, Rawkus und Death Row miterlebt. Die genannten Labels sind nun alle mehr oder weniger dicht.
Ich bin froh, dass wir noch in der Lage sind, Alben zu veröffentlichen, die ­weiterhin relevant sind. Wir sind selbst durch harte Zeiten gegangen und ­mussten streckenweise um das Überleben der Firma kämpfen. Da ging es uns nicht anders als den restlichen ­Labels. Im Laufe der Jahre haben wir mit unserem Team versucht, uns stetig zu verbessern, das Spiel zu beobachten und von den Fehlern anderer zu lernen. Ich bin mehr als dankbar, wenn ich das alles Revue passieren lasse.

Als sich Priority aus eurem ­Vertriebsdeal zurückzog, sah es zeitweise nicht gut aus, oder?
Das kannst du laut sagen. Das war ein richtiger Schicksalsschlag, der uns wachgerüttelt hat. Ich habe an ­Musikindustrie als Geschäftsmodell gezweifelt. Da steckt man so viel Arbeit und Zeit in Projekte, und plötzlich stehst du mit leeren Händen da. Als wir den Priority-Deal verloren haben, ­mussten wir wieder von vorne anfangen. Sie hatten uns Rückendeckung gegeben und uns ein jährliches Budget zur Verfügung gestellt. Die Vertriebswege, die Sicherheiten – all das fiel von einem Tag auf den anderen weg. Das war der Tag, an dem mir klar wurde, dass man sich nicht auf einen Geschäftspartner konzentrieren darf, sondern immer auf einen Plan B vorbereitet sein muss. Buckshot und ich waren gezwungen, von meinem Apartment aus zu arbeiten. Und das, nachdem wir bereits über eine Million Platten verkauft hatten! Wir hatten das Label in meinem Apartment gegründet, dann große Erfolge gefeiert und sind trotzdem wieder beim Ausgangspunkt gelandet.

Habt ihr deswegen auch das ­Geschäftsfeld erweitert?
Ja. Ich habe gestern gelesen, dass wir in dieser Woche die schlechtesten Tonträgerverkäufe haben, seit es Soundscan gibt. Es ist wirklich ernst. Es entwickelt sich immer mehr in die Richtung, dass Labels zu einer Art Werbe­agentur werden – wir machen nicht nur Marketing für uns, sondern übernehmen diese Aufgaben auch für andere Firmen. Es gibt Künstler, die nicht viele Platten verkaufen, aber trotzdem gut leben können, da sie genug Auftritte haben, von Bekleidungsfirmen gesponsert werden, ihre Songs in Videospielen platzieren oder bei Sportereignissen im Fernsehen auftreten. Die Zeiten ­haben sich geändert, wir müssen darauf ­reagieren und vielseitig bleiben.

Verbindest du das mit deinem Job bei Cornerstone?
So ist es. Cornerstone Promotions ist eine Marketing-Agentur, bei der ich die Musikabteilung leite. Wir planen Kampagnen für Converse, Xbox oder ­Microsoft. Weißt du, mittlerweile sitzen bei vielen Firmen Typen in wichtigen Positionen, die mit HipHop aufgewachsen sind oder einen Bezug zu der ­Kultur haben. Es ist an der Zeit, dass wir alle mehr zusammenarbeiten.

Die CD-Produktion erscheint vielen Labels nur noch lästig.

Manche glauben ja, dass man nur noch digital und auf Vinyl releasen muss. So weit sind wir allerdings noch nicht. Zwar werden die digitalen Absätze in Zukunft der CD den Rang ablaufen. Und es stimmt auch, dass sich der Vinylmarkt ein wenig erholt hat. Vom alten Niveau sind wir dennoch weit entfernt. Früher haben wir von einem guten Release 20.000 bis 30.000 Vinyls abgesetzt, heute sind es weltweit nur noch 2.000 oder 3.000. Bei solchen Stückzahlen sind die Produktions­kosten einfach zu hoch. Wir ­versuchen zwar jede Veröffentlichung auch auf Platte rauszubringen, Vinyl sehe ich trotzdem mehr als Promotool für ­Liebhaber und Fans.

Als Priority noch euer Partner war, wolltest du Eminem signen…
(lacht) Oh ja. Jedes mal, wenn ich Paul Rosenberg treffe, muss sich daran denken. Wir sind enge Freunde und sehen uns häufig. Heute tritt man sich dafür natürlich in den Arsch. Aber wie auch immer, es sollte so sein. Ich kann nicht mal Priority die ganze Schuld geben. Natürlich waren wir auf ihre finanzielle Hilfe angewiesen, um so einen Deal zu stemmen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich hätte eben noch stärker gegen die Tür treten müssen. Nur Paul, Em und ich wissen, wie nah wir dran waren, alles offiziell zu ­machen. Paul und ich wollten das wirklich durchziehen. Aber letztlich hat es einfach nicht geklappt, und die beiden sind bei Dre in guten Händen gelandet.

Abgesehen davon gibt es nur Gutes über Duck Down zu berichten.
Ja, wir bestehen jetzt seit 15 Jahren, haben 36 Alben veröffentlicht und um die 3,5 Millionen Platten verkauft. Für Majors mag das wenig sein. In den guten Jahren von Bad Boy haben die jeden Monat solche Stückzahlen abgesetzt. (lacht) Aber wenn ich mir die Menge auf einem Haufen vorstelle, ist das so ein unglaubliches Bild, dass ich es kaum fassen kann. Für ein Indielabel geht es uns wirklich gut. Allerdings reichten früher wenige Platten, um den Laden ins Rollen zu bringen. Damals konnte man sich auf zwei bis drei Alben pro Jahr konzentrieren. Mit Heltah Skeltah haben wir ja fast 400.000 Platten verkauft.

Welche Momente sind dir ­besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Highlight waren die Wochen, die wir zusammen mit Tupac verbrachten. Buck, Smif-N-Wessun und ich. Das war sehr beeindruckend. Er hatte vor, ein “One Nation”-Album zu machen, auf dem Rapper aus verschiedenen Teilen der USA zusammenarbeiten sollten. Wir flogen zu ihm nach Kalifornien, wo wir drei Wochen in seinem Haus abhingen. Er war ein bodenständiger Mensch. Seine Mum war da, alles wirkte sehr friedlich und natürlich. Es war natürlich auch interessant, ihn im Studio zu beobachten, denn seine Energie war einfach faszinierend. Eine andere Geschichte war aber auch sehr krass. In den frühen Neunzigern waren Buckshot und ich auf einer Musikmesse, als wir einen Anruf aus dem Camp von Nas bekamen. Nas wollte Buck treffen, also gingen wir in sein Hotelzimmer. Dort saßen Nas, Kool G Rap und noch ein paar MCs. Nas meinte: “Let’s have a cypher”, und dann ging es mit den Freestyles los. Etliche Stunden auf absolut höchstem Niveau. Das war mein ­absoluter HipHop-Moment. Ich saß wie versteinert in meinem Sessel und wollte unbedingt lässig wirken. Ich war ja noch sehr jung. (lacht)

Du warst ja auch als Praktikant bei der Betreuung des Vanilla Ice-­Albums tätig.
Ja, das war verrückt. Ich habe alles mitbekommen, was in den Meetings besprochen wurde. Buck und ich waren sogar einmal in seinem Haus. Das war, als er gerade mit “To The Extreme” alle Rekorde brach und sich wie ein König fühlte. Da gab es diese Party bei ihm in South Beach. Sein riesiges Haus lag direkt am Ozean: Privatstrand, hunderte Bikini-Mädchen, zehn Autos in der Auffahrt und ungelogen 20 oder 30 Jet-Skis. Ein ganz absurdes Szenario. Wir saßen also dort, haben es uns gut gehen lassen und uns über die Leute lustig gemacht. Plötzlich kam Vanilla Ice zu uns und wollte mit Buck und mir Bong rauchen. Buck wollte halt mit Vanilla Ice keinen rauchen und hat sich die dumme Ausrede einfallen lassen, er würde nicht kiffen. Nur, um nicht mit ihm die Pfeife teilen zu müssen. (lacht)

Siehst du es als Segen, dass ihr nie durch die Decke gegangen seid?
Ja. Wir haben nie den Sinn für die ­Realität verloren. Geld kann viel bewerkstelligen, aber auch alles ­zerstören, woran du geglaubt hast. Auf einmal fliegen Millionenbeträge durch den Raum, plötzlich wollen 15 ­Parteien mitreden, die Musik steht nicht mehr im Mittelpunkt. Natürlich soll es den Künstlern gut gehen. Aber einer ­derartigen Situation ist kaum jemand gewachsen.

Text: Ndilyo Nimindé

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