»Die neue Generation hat die HipHop-Szene zerstört« // Nazar im Interview

Unter einem Sonnenschirm im Wiener Museumsquartier sitzt ein Mann und winkt. Auf den ersten Blick unterscheidet er sich nicht von den Bobos, die das Areal im Sommer bevölkern: Designer-Brille, penibel getrimmter Bart, Red Bull Sugarfree. Aber Nazar hat die Dunkelheit gesehen. Als Kind flüchtet er von Teheran nach Wien. Eine Krankheit raubt ihm fast das Leben. Er dealt, landet im Knast, wird von HipHop erlöst. Davon erzählt Nazar in seiner kürzlich erschienenen Autobiografie »Mich kriegt ihr nicht« und auch auf seinem neuen Album »Mosaik«. Warum es eines seiner letzten sein könnte, erklärt er im JUICE-Interview.

Du bist Mitte 30. Warum hast du gerade jetzt deine Autobiografie geschrieben?
Ich habe mir das nicht ausgesucht. Seit drei, vier Jahren bekomme ich ständig Angebote, ein Buch zu schreiben. Ich habe es lange hinausgezögert, weil ich nicht bereit war, so viel über mich preiszugeben. Aber am Ende hat das Angebot gepasst.

Es geht in dem Buch viel um deine Kindheit und um Politik – um Musik weniger. Warum?
Weil die Musikszene für mich ­irrelevant und uninteressant ist. Ich habe Deutschrap mal über alles geliebt, hatte Bock, Rap-Videos anzuschauen, ein Album zu verstehen. Aber die neue Generation hat die HipHop-Szene zerstört. Dieser Newschool-Deutschrap, wo jeder Song gleich klingt, diese Dancehall-Scheiße…

Ich kenne dieses Gefühl, aber ich fürchte, es hat damit zu tun, dass man älter wird.
Nein! Das ist keine Altersfrage. Deutsch­rap war mir immer wichtig. Im Gegensatz zum Amirap konnten alle die Texte verstehen. Es war wichtig, was der Künstler sagte, was die Geschichte dahinter war. Auch Battle-Tracks hatten Tiefe. Jetzt geht es nur noch um hängengebliebene 40-Jährige, die Tanzmusik machen, weil sie versuchen, 12-jährige Fans auf ihre Seite zu ziehen. Aber ich hate nicht die Musik oder die Szene. Soll jeder hören, was er cool findet.

Hast du dich je als Teil einer Szene begriffen?
Nie! Und als Teil einer österreichischen Szene schon mal gar nicht. Auch wenn mich diese ganzen Newcomer-Rapper dafür hassen: Es gibt keine HipHop-Szene in Österreich. Leider. Selbst jetzt, wo österreichische Rapper Erfolg haben – RAF, Nazar, Yung Hurn, Chakuza früher –, ist daraus nie eine Szene geworden. Selbst damals waren RAF und ich gegen alle anderen. Wir haben das einfach nicht cool gefunden, was die gemacht haben. Er versucht jetzt alles umzudeuten. Nachdem er zehn Jahre gemeint hat, er sei Berliner, will er jetzt wieder Wiener sein.

Was hast du denn für Beef mit RAF?
Ich habe noch nie mit jemandem Beef gehabt. Er scheint ein großes Problem zu haben. Ich höre das immer von Leuten, die auch mit ihm Kontakt haben. Angeblich versucht er, andere gegen mich aufzuhetzen. Ich hab mir lange vieles von Rappern gefallen lassen. Aber irgendwann ist dann die Grenze erreicht: Wenn es soweit geht, dass dein kleiner Bruder in der Schule gehänselt wird. Da sag ich dann: »Guck mal, ich wollte das nicht so weit kommen lassen.« Aber wenn du Probleme verursachst, die auch meine Familie betreffen, dann werde ich dir noch viel größere Probleme bereiten. Das ist alles, was ich dazu sage.

Hast du es je bereut, nicht nach Berlin gegangen zu sein wie RAF?
Niemals. Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt. So ein Typ wie ich würde es in Berlin nicht lange aushalten. Ich würde sehr schnell ins Gefängnis kommen, weil ich irgendjemanden abstechen würde.

Hm.
Safe! Ich kann diese heuchlerische HipHop-Szene dort nicht leiden. Ich weiß, wie sie über die Leute reden. Viele Rapper kennen keine Moral. Sonst würden sie nicht vor kleinen Kindern auf Drogenlords und Codein-Junkies spielen. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber ein interessantes. Du findest es falsch, Drogen zu verherrlichen, aber mit Gewalt hast du kein Problem?
Inwiefern?

Du drohst in deinen Texten ja öfter mal an, deinen Gegnern aufs Maul zu hauen.
Aber da geht es um Emotion. Bei Musik geht es immer um Emotion. In einer Insta­gram-Story versuchst du, deine ­private Seite zu zeigen. Wenn du weißt, dass du ein sehr junges Publikum hast, und die ganze Zeit Drogen in die Kamera hältst, ist es etwas anderes.

Wie stehst du zu dem Eklat um Farid Bang und Kollegah?
Ich liebe eigentlich die Wortspiele von Kollegah, weil sie auf allerhöchstem Niveau sind. Aber diese Zeile fand ich nicht besonders spannend oder gut. Die hätte nicht sein müssen. Dass aber jetzt alle Klatschmedien in den beiden zwei Teufel erkennen wollen und ihnen Antisemitismus vorwerfen … ich fand viel uncooler von Farid, dass er sich auf dem Album ein paar Mal über Asylanten, Flüchtlinge und Syrer lustig macht und sie als Vergewaltiger darstellt. Aber darüber liest man nichts. Und dann kommt so ein Typ wie Campino, den ich über alles geliebt habe, weil er immer gegen die Rechten gekämpft hat, und der stellt sich plötzlich auf die Bühne und will ein Moralapostel sein. Dass dann alle Medien aufspringen und dass Sony den Vertrag auflösen will – was soll der Scheiß? Das ist absolut scheinheilig.

Aber darf Kunst alles?
Kunst darf sicher nicht alles. Deswegen habe ich auch sehr viel Geld dafür bezahlen müssen, als ich Herrn Strache beleidigt habe.
[Obmann und heutiger Vizekanzler der FPÖ. Nazar nannte ihn öffentlich »Hurensohn« und wurde dafür von ihm verklagt; Anm. d. Verf.]

Wann hast du begonnen, dich für Politik zu interessieren?
Sehr früh. Wir sind politische Flüchtlinge. Mein ganzes Leben hat sich um Politik gedreht.

Trotzdem schließt du es aus, in die ­Politik zu gehen.
Ich habe von zwei Parteien Angebote bekommen, Teil des Parlamentsklubs zu werden. Aber das habe ich abgelehnt. Ich habe gesehen, wie das System junge Politiker mit Idealen komplett verändert hat. Am Ende tun sie, was ihnen gesagt wird.

Seite 2: »Ich bereue es sehr, dass ich mit der Musik angefangen habe«

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