MIKE – War In My Pen // EP der Ausgabe

MIKE macht Streaming-Rap, obwohl seine Musik inkompatibel mit dem ästhetischen Konsens millionenfach abonnierter Playlisten ist.

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Vorsicht, Triggerwort: Streaming. Wenn über Musik diskutiert wird, wird aktuell über Streaming diskutiert; darüber, was die verschiedenen Streaminganbieter und die von ihnen angebotenen Playlists für einen Einfluss auf Musik und Musiker haben. Hier eine Teilantwort: Auf MIKEs Musik scheinen sie keinen Einfluss zu haben. Trotzdem hat er das Konzept des Streamings in einem anderen Sinne verinnerlicht. MIKE ist zwanzig Jahre alt, stammt aus New York und hat im Jahr 2018 vier Alben veröffentlicht. Das Beste von ihnen heißt »War In My Pen«. Und: MIKE macht Streaming-Rap, obwohl seine Musik inkompatibel mit dem ästhetischen Konsens millionenfach abonnierter Playlisten ist. Der Sound und die Nichtdramaturgie von »War In My Pen« sind dafür verantwortlich. Streaming-Rap macht MIKE auch deswegen, weil sein Album ein Soundstrom ist, der kontinuierlich fließt und ganz geschmeidig in ein weiteres seiner Alben überschwappen könnte. Vermutlich würde der Übergang nicht mal auffallen. Drums ruckeln, Percussions surren neben dem Takt, Störtöne, die durch die Bearbeitung von Samples und Vocals entstanden sind, hallen verwirrt umher. Einflüsse aus der New Yorker Rap-Geschichte sind herauszuhören. Ideen von Gang Starr, Roc Marciano und Ratking verwachsen so zu zeitgemäßer LoFi-Musik. MIKE lenkt dieses irre, ultrabekiffte Wirrwarr mit seiner tiefen Stimme. Ganz gemächlich rappt oder summt er, seine Stimme lässt er ab und an hoch- und wieder runterpitchen. Dadurch entsteht ein sich langsam bewegender Klangwulst – ein Stream. Streaming-Rap wie der von MIKE lebt auch davon, dass Songs klingen wie Skizzen, aber gerade durch diese Ästhetik des Unfertigen zu besseren Songs werden. Doch wann ein Song endet und wann der nächste beginnt, spielt eigentlich gar keine Rolle. Streaming-­Rap macht aus, dass ein gesamtes Release, also ein kompletter Stream, auch als Einzeltrack funktionieren kann. Die Unterteilung in Songs wird dadurch nichtig. Den Stream nutzt MIKE, um seine eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, um Probleme als Afroameri­kaner in New York zu reflektieren, um Schwäche zu zeigen. Der Stream funktio­niert also als abgeschotteter Schutzraum, in dem eine Selbstreflexion möglich ist. Einen ähnlichen Schutzraum hat sich MIKEs guter Freund Earl Sweatshirt vor einigen Monaten schon auf seinem Album »Some Rap Songs« geschaffen. »Some Rap Songs« und »War In My Pen« sind Vorzeige-Streaming-Rap-Alben. Das Beste ist, dass man sie zu einem Einzelstream zusammensetzen könnte. So könnte Streaming-Rap sich das Konzept Playlist aneignen.

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