Megaloh: »Ich war einfach weg von mir selber. Deswegen bin ich zu dem zurück, was mir Spaß macht« // Interview

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Eigentlich sollte alles ganz anders kommen, aber dann war da Corona. Megaloh wollte sein drittes Major-Album schon 2020 veröffentlichen, stattdessen erschien jedoch die »Hotbox EP«, auf der es durchaus introspektiv zugeht. Nach den Erfolgen seiner letzten beiden Alben »Endlich Unendlich« (2013) und »Regenmacher« (2016), die beide in den Top Ten landeten, war der Ton auf der EP erstaunlich geerdet, von Selbstzweifeln durchzogen und bildete die Suche nach dem richtigen Weg ab. Jetzt erscheint fast genau ein Jahr später doch das angekündigte Album und bricht mit vielen Erwartungen, die man über die Jahre an Megalohs Musik entwickelt hat. Klar, der Moabiter ist und bleibt weiterhin einer der besten Spitter im Game, doch der Sound klingt moderner, die Texte zelebrieren Leichtigkeit, feiern das Leben und sich selbst. »21« stellt einen Bruch mit Megalohs Image dar und eröffnet ein neues Kapitel, in dem Megaloh nicht nur als Rapper, sondern auch als Produzent im Spotlight steht. Wir haben mit ihm über neue Ideen, Kreativität, das Produzieren, Inspirationen und seinen Status Quo gesprochen.

Foto: Felix Zimmer

Das Album war schon länger angekündigt, dann kam aber Corona dazwischen und es gab doch erstmal eine EP. Inwiefern hat die Pandemie deine Pläne durcheinander gebracht?
Ich hatte tatsächlich geplant das Album 2020 rauszubringen und direkt danach eine Tour zu spielen. Bei den vergangenen Alben hat es sich immer bewährt erst zu Releasen und dann live zu spielen. Das ist ein ganz wichtiger Kontakt zu den Leuten, die die Musik kaufen und hören. Nicht zuletzt ist es auch finanziell ein riesiger Unterschied, ob ich 90 Prozent meiner Einnahmen habe oder eben nicht. Dann kam Corona und wir wussten, dass wir die Tour nicht wie geplant spielen können, sondern sie verschieben müssen, wussten aber nicht auf wann. Ich wollte das Album nicht veröffentlichen, in das ich so viel Energie gesteckt habe, nur um dann ein Jahr warten zu müssen bis ich es live spielen kann. Dann ist es ja fast schon ein alter Hut und ich habe vielleicht neue Musik rausgebracht. Deshalb kam die Entscheidung, statt dem Album eine EP rauszubringen, um den Leuten, die schon lange genug auf neue Musik von mir gewartet haben, etwas zu geben. Eine EP hat nicht das gleiche Gewicht und man muss nicht direkt eine Tour dranhängen. Was auf der »Hotbox EP« kam, hätte eigentlich schon alles Material vom Album sein sollen. Mein Album, wie es zu dem Zeitpunkt war, wurde gesplittet und ich habe einfach weitergemacht.

Das heißt, du hast das Projekt komplett neu aufgezogen?
Das klingt dramatisch, aber ich habe einfach die Songs, die ich im Kontext einer EP am meisten gefühlt habe, rausgebracht und danach weitergemacht. Dadurch bin ich nicht nochmal durch die gleiche Entwicklung gegangen. Die Entwicklung, die ich inhaltlich auf der »Hotbox EP« durchmache, wo es darum geht persönliche Krisen zu überwinden und aus depressiven Phasen rauszukommen, musste ich nicht nochmal im Album durchmachen. Das war eine Entwicklung, die hin zu mehr Leichtigkeit und Intuition beim Musikmachen geführt hat.

Und ansonsten, was hat Corona noch gemacht? Natürlich kein Live-Geschäft und deshalb keine Einnahmen. Ich habe komplett von Rücklagen gelebt und das Glück gehabt, das machen zu können. Ich habe viel freie Zeit gehabt, wo ich zu Hause bei der Familie war, mein kleiner Sohn konnte zum Beispiel auch nicht in den Kindergarten. Insgesamt hatte ich also viel Zeit, um zu schauen, womit ich mich wirklich beschäftigen will und wo ich mich vielleicht weiterentwickeln möchte. Ich habe dann verstärkt angefangen Beats zu machen. Ich hatte eh schon vorher damit angefangen und in der Corona-Zeit dahingehend einen richtigen Tunnel entwickelt, weil ich die ganze Zeit mit Musa im Austausch war. Ich habe ihm Beats geschickt, er hat es gefeiert und mir zwei Wochen später quasi ein fertiges Album geschickt, das war völlig crazy. Wir haben insgesamt um die hundert Songs aufgenommen – das war ein unfassbarer kreativer Tunnel. Dazu kam noch die Motivation sich besonders anzustrengen, wenn man weiß, dass da jemand ist, der gerade alle Beats pickt. Musa war ein krasser Sparringspartner für mich.

Wann genau hast du mit dem Beatmaking angefangen?
Das müsste schon 2017 gewesen sein. In diesem Jahr ist mein Sohn auf die Welt gekommen und ungefähr nach einem halben Jahr hat er musikalisches Frühtalent gezeigt. So erzähle ich es gerne, aber es ist auch wirklich wahr. Ich hatte davor schon länger übers Produzieren nachgedacht und vor zehn Jahren schonmal ein bisschen mit Logic probiert, damals zusammen mit Ghanaian Stallion. Ich habe wieder aufgehört, er ist drangeblieben und wurde halt der Produzent. Aber ich kam mit Logic nicht klar. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, dass ich es mit einem anderen Programm probieren könnte. Ich hatte Ableton schon auf meinem Rechner, aber noch nichts damit gemacht. Durch meinen Sohn kam die Motivation, das zu probieren. Sich zu denken, dass es voll schön wäre, wenn er älter wird und ich in meinen Fähigkeiten noch wachse, dass wir zusammen Musik machen können. Ich habe mir das einfach als einen schönen Prozess vorgestellt. Im Endeffekt ist es aktuell etwas, das vor allem mir viel gebracht hat, weil es meinen musikalischen Horizont extrem geöffnet hat. Ich muss jetzt nicht mehr ein weißes Blatt Papier angucken und hoffen, den richtigen Beat gepickt zu haben. Es ist einfach so viel geiler mit der Musik anzufangen und die musikalischen Vibes auf sich wirken zu lassen. Daraus kann dann eventuell das Bedürfnis entstehen, darauf noch einen Text zu schreiben. Ich habe bei maximal fünf Prozent meiner Beats das Bedürfnis, dafür noch einen Text zu schreiben. Aber das hat auch vollkommen ausgereicht, denn ich hatte immer Bock einen Beat zu machen.

Wie hast du dich bei Ableton zurechtgefunden?
Es war wirklich ein längerer Prozess bis ich mich mit dem Programm angefreundet hatte, aber ich bin so froh, dass ich das gemacht habe. Die Zeit hat sich voll gelohnt, denn das ist etwas, was meiner Seele gut tut. In dem Moment, wo ich Musik mache, bin ich komplett im Jetzt. Was gestern war ist egal, was parallel woanders passiert ist egal – es zählt nur dieses Gefühl mit dem Beat. Und du hast direkt Feedback: Wenn du einen falschen Ton spielst, kriegst du direkt das Feedback, das es nicht passt. Wenn du was cooles machst, kriegst du direkt ein emotionales Feedback. Das hatte ich bei den Texten nicht, deshalb stelle ich das hier nochmal heraus: Es gibt mir emotional und seelisch so viel mehr als das Texten. Trotzdem: Würde ich nicht texten, würde das alles auch keinen Sinn machen. Ich sehe mich nicht als jemand, der jetzt Beatmacher wird und alle beliefern will. Es ist eine Ausweitung meiner kreativen Ausdrucksform.

Sind auf dem neuen Album auch Beats von dir drauf? Bisher habe ich noch gar keine Infos darüber, wer die Beats produziert hat.
Dieser ganze Prozess ist tatsächlich schon in die EP eingeflossen. Bis auf ein oder zwei Songs von der EP waren alle Ursprungsskizzen von mir. Aber meistens waren das rudimentäre Skizzen, ich habe sie an Ghanaian Stallion übergeben und er hat daraus etwas geiles gemacht. Heißt, er hat auch komplett neu komponiert und nicht einfach meine Sachen benutzt, sondern etwas eigenes daraus gemacht. Auf dem neuen Album habe ich tatsächlich drei Beats produziert, aber es war gar nicht der Anspruch, dass ich unbedingt eigene Beats haben wollte. Es macht einfach Spaß und das gute war, dass ich mich nicht unter Druck gesetzt habe und dadurch abliefern musste. Ich bin in der glücklichen Position, mit krassen Produzenten arbeiten zu können, deshalb war es ein Luxus, dass ich nebenbei in meiner Freizeit Stück für Stück und ohne Druck von außen lernen konnte Beats zu machen. Ich glaube das ist der natürlichste Wachstumsprozess. Bei Rap habe ich das ähnlich durchgemacht. Ich habe als kleiner Junge angefangen und hatte einfach Bock drauf, das war ein individueller Prozess. Die ersten drei Jahre habe ich niemandem etwas davon gezeigt, sondern für mich geschrieben. So habe ich spielerisch einen Skill entwickelt, ohne dafür Anerkennung von anderen bekommen zu wollen. Ich glaube es ist wichtig mit der eigenen Kreativität nicht zu früh nach außen zu gehen, sondern sich erstmal auszuprobieren. Dadurch ist das echt spielerisch entstanden. Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass jetzt schon drei Beats von mir auf dem Album sind, zwei weitere habe ich mitproduziert und wer weiß, wo es in Zukunft hingeht.

»Es hat mich ein bisschen gestört, dass ich in der Öffentlichkeit der Realkeeper bin, der True HipHop verkörpert und für die echten Werte steht. […] Das war kein Verbiegen, aber eben nur ein Teilaspekt.«

Megaloh über sein Image

Cool, dass dieser Prozess eine natürlich gewachsene Arbeitsweise ermöglichen kann, bei der Kunst erstmal um der Kunst Willen entsteht. Vor allem wenn du deine Fähigkeiten noch entwickeln kannst und anderen nichts zeigen musst, aber etwas zeigen kannst, sobald du dich danach fühlst.
Voll, aber andere haben das Glück natürlich nicht. Jemand wie Ghanaian Stallion zum Beispiel. Wir haben angefangen Beats zu machen und er hat direkt coole Beats gemacht. Ich wollte dann sofort mit ihm arbeiten, habe bei Max Herre unterschrieben und den Leuten gesagt »This is my guy«. Dabei war er auch noch am Anfang. Er musste quasi durch eine härtere Schule, weil er direkt Feedback ausgesetzt war. Ich will auch gar nicht für ihn sprechen, wie er das in dieser Situation empfunden hat. Ich weiß aber von mir und anderen, dass in dem Moment, wo es um Wirtschaftlichkeit geht und man daran denkt, dass man vielleicht eine Familie ernährt und gewisse Leute bestimmte Erwartungen an die Qualität der Musik haben, ein bisschen von der Leichtigkeit verloren gehen kann, wenn man nicht aufpasst. Zum Glück hatte ich das im Bewusstsein und wollte deshalb keinen Schnellschuss mit den Beats machen, weil ich mir diese Liebe, das Gefühl und die Freude, die mir das gibt, behalten will. Ich kann es jedem nur empfehlen, sich nicht zu schnell ins Business-Chaos zu stürzen, wenn man das Gefühl hat, man möchte sich noch mehr ausprobieren.

Jetzt will ich auf jeden Fall wissen, wie der Sound von Megaloh-Beats klinget. Willst du verraten welche Songs auf dem Album du konkret produziert hast?
Ja klar, sehr gerne. Man hört auch, dass ich noch nicht ganz auf dem Level bin, aber es funktioniert für das, was es sein soll. Ein Song ist »Falsch« featuring Musa. Der Beat ist eigentlich nur ein Ton. DJ Nu-Mark hat im Ableton-Newsletter ein Free-Sample-Pack mit One-Shots gehabt, das einfach cool klang. Es ist wirklich nur ein Ton im Sampler drin, die Drums sind aber ein bisschen komplexer. Mit Drums habe ich mich tatsächlich viel auseinandergesetzt, da hat meine Erfahrung als Rapper definitiv geholfen. Ansonsten kommen noch »Wasser« featuring Roland Meyer de Voltaire und »Caesar« von mir.

Krass, das sind ja drei völlig unterschiedliche Richtungen.
Es ist alles ein bisschen trappiger. »Caesar« ist nicht der modernste Trap, »Falsch« und »Wasser« kommen mit 808 und sind in dem Sinne zeitgemäßer und rotzig. Es ist ein wenig schwer das zu beschreiben, aber sie kommen an die Sounds heran, die ich auch in letzter Zeit viel gehört habe. Ich höre viel Atlanta Trap, also YSL, Young Thug, Lil Gotit, Gunna, Future ist eh der Hero in diesem Kontext. Oder auch Weezy, ich sag’s ja auch auf »Caesar«: »Ich mach‘ jetzt Beats, ich bin nicht Weezy« – das war auf jeden Fall Inspiration, beziehungsweise ein Flash, der mich beim Kreativ-Sein begleitet hat.

Nach Inspirationen wollte ich eh fragen, denn ich finde, dass man die Verspieltheit des Albums nicht nur bei deinen eigenen Produktionen hören kann, sondern auch auf dem Rest des Albums. Das Album klingt moderner und hat einen anderen Vibe als deine früheren Projekte. Ist das genauso von Leuten inspiriert, von denen du aktuell gerne Musik hörst?
Bei mir war das eigentlich schon immer so und es hat mich ein bisschen gestört, dass ich in der Öffentlichkeit der Realkeeper bin, der True HipHop verkörpert und für die echten Werte steht. Ich bin zum Teil dankbar dafür, diese Position zugesprochen zu bekommen. Ich mache das aus Liebe, bin in diesen Werten unterrichtet worden und habe eine gute Prägung von den Leuten bekommen, die mich am Anfang begleitet haben. KD-Supier war mein erster Produzent und der hat mich krass geprägt, so dass ich Bescheid wusste: East Coast, West Coast – ich kannte amerikanischen Rap echt sehr gut. Ich habe das auch immer in meiner Musik gemacht und 2007 mit Sprachtot das erste deutsche Crunk Album produziert von Frauenarzt vorgelegt, wenn man den Rezensionen glaubt. Aber als ich bei Max Herre gesignt habe und mein Erfolg wirklich kam, war es gefühlt nur noch das Bild von echtem HipHop, Sound der 90er-Jahre, aber keine modernen Sachen. Und das stimmt einfach nicht. Ich habe schon die ganze Zeit Trap gehört. Auch wenn man das auf meinen Alben eher nicht raushört, weil man sich dort für eine soundliche Kohärenz entschieden hat, die innerhalb des Konstrukts des Labels Nesola funktioniert. Das war kein Verbiegen, aber eben nur ein Teilaspekt. Ich fand es schade, dass der andere Aspekt dabei zu kurz gekommen ist. Innerhalb des Musikmachens und erst Platz 9 und dann Platz 2 der Charts habe ich mir selbst immer mehr Druck gemacht, es wurde kopflastiger und es musste irgendwie ein geniales Werk sein. Wenn es zu viel wird, tendiere ich aber eher dazu, das Gegenteil zu machen und so lief es auch beim neuen Album. Ich war so: Ne, ich habe keinen Bock mehr und möchte es niemandem mehr Recht machen. Ich habe keinen Spaß mehr, wenn ich das Gefühl habe, dass ich so viele Sachen berücksichtigen muss. Was Leute in mir sehen, was sie sich von mir erhoffen – ich war einfach weg von mir selber. Deswegen bin ich zu dem zurück, was mir Spaß macht. Das ist zu einem Teil einfach Musik hören und am Nabel der Zeit sein, nicht nur auf ein Genre bezogen. Im Moment höre ich zum Beispiel viel New York Drill. Das ist auf der Platte nicht wirklich vertreten, aber das dauert meist auch eine Weile, bis so etwas in die eigene Musik einfließt. Zur Entstehungszeit des Albums war es Atlanta Trap, was ich schon Jahre davor viel gehört habe und jetzt auf dem Album zum Ausdruck kommt. Ich habe natürlich den Anspruch, etwas nicht einfach zu kopieren oder einen Sound einfach »auf Deutsch« zu machen. Mir geht es eher um den Vibe und die Sounds, die ich gerade geil finde. Zum Beispiel so eine gewisse 808, die voll trocken ist, gar keinen langen Wiederhall hat, sondern stumpf und tief ist – das feiere ich.

Ich mag ehrlich gesagt beides. Die Leute sehen mich als Conscious-Rapper, aber ich bin schon immer ein ignoranter Typ gewesen. Ignoranz bedeutet auch nur, dass man bestimmte Sachen ausblendet und nicht sieht, die auch stattfinden. Ignoranz kann also auch einfach ein Fokussieren sein. Ich finde es auf jeden Fall gut, die Möglichkeit zu haben, in der kreativen Arbeit zu springen. Zum Beispiel etwas zu sagen, das reflektiert ist, und im nächsten Moment ist etwas wieder so plump, dass es schon lustig ist. »Ich hab sie an Orte gefliegt« – das ist falsches Deutsch, aber es hat an der Stelle einfach gepasst. Ich habe das gefeiert, es ist dumm und lustig, was ich auch bei anderen Künstler*innen mag. Also warum nicht selber machen?

Die Freiheit muss man sich auch einfach nehmen und lieber drauf scheißen, was andere Leute als Fehler sehen, solange es für einen selbst funktioniert. Ich finde das Album zeichnet sich auch durch die wirklich unterschiedlichen Vibes aus, die darauf vereint werden. Allerdings ohne, dass ich dir hier vorwerfen würde, dass du einfach einen Ami-Sound auf Deutsch kopierst, denn so klingt das bei weitem nicht.
Klar, so war das auch gar nicht gemeint mit der Inspiration. Aber das muss man in heutigen Deutschrap-Zeiten ja mit dazu sagen.

Grüße an Clo1444 an dieser Stelle. Deshalb meinte ich auch vorhin, dass sich diese Unterschiede schon in deinen drei eigenen Produktionen zeigen. »Wasser« mag genauso mit einer 808 funktionieren, aber das Piano steht eben im Vordergrund und gibt dem Song Tiefe, während »Falsch« nicht nur den spielerischen, wavy Beat hat, den du vorhin beschrieben hast, sondern der Flow das Instrumental matcht und eher assoziativ daherkommt. Aus meiner Sicht zwei völlig unterschiedliche Ansätze, die auf dem Album direkt hintereinander super funktionieren.
Safe. Was die beiden verbindet, ist glaube ich wirklich nur die 808.

»Nur weil ich auf einem Song Autotune benutze, heißt das nicht, dass ich ab jetzt nur noch Autotune benutze. Das ist absurd und ich finde es total schade, dass das so plakativ gesehen wird.«

Megaloh über neue Elemente in seiner Musik

Lass uns noch über den Titel sprechen. Logischerweise steht die 21 erstmal für Moabit, der Pressetext hat aber auch angedeutet, dass er sich auf das Gefühl des Alters bezieht. Wie kann man die 21 in dem Sinne verstehen?
Mit 21 steht einem das Leben offen. Schule ist vorbei, man ist in der Mann-Werdung. Ich habe mich mit 21 einfach gefühlt. Als Rapper und als junger Mann in der Leichtigkeit des Seins. Ich hatte noch keine Rückschläge im Business kassiert und hatte eher Respekt als aufsteigender Stern, eben im Untergrund. Ich wollte wieder dahin zurück, dass die Musik diese Leichtigkeit hat. Einmal das und eben Moabit. Ich wurde in Moabit sozialisiert, die 21 ist die Postleitzahl und ich mag es, wenn ein Titel mehrere Bedeutungen hat. Die 21 hat für mich viele verschiedenen Bedeutungen. Sie symbolisiert meine Herkunft, die Leichtigkeit, das aktuelle Jahr, und wenn man die Quersumme errechnet, ergibt sich die 3, was passend zu meinem dritten Album bei Major ist. Das hat alles richtig Sinn gemacht, ich konnte mich dem nicht verwehren.

Ich möchte noch über die Features reden, die total daran anknüpfen, dass du verschiedene Seiten deiner Kreativität zeigst und damit spielst, zwischen Realkeeper und Modernität zu wechseln. Alleine auf »Live & Direct« ist eine Mix an Featuregästen, den ich so nicht erwartet hätte. Wie hat es sich ergeben, dass Kool Savas mit Amewu, Marteria, und ASD auf einem Song gelandet ist?
Vor allem bin ich dafür dankbar – s/o an alle, die dabei waren und das möglich gemacht haben. Der Track ist eigentlich super unspektakulär entstanden, weil es der letzte Song von einem anderem Projekt werden sollen. Das Projekt wird nicht mehr passieren, aber da war dieser Killer-Beat mit dieser Killer-Hook. Amewu hat mit seinem Part vorgelegt und ultrakrass rasiert. Ich habe richtig abgehatet, als ich den Part gehört hab, weil warum? Jetzt müssen wir Doubletime auf diesen Beat gehen, auf dem man auch normal rappen kann. Ich habe ihn wirklich verflucht, aber das hat auf jeden Fall dafür gesorgt, dass ich Überstunden gemacht habe und die Motivation sonstwo hergeholt habe. Im Endeffekt bin ich dankbar, dass dabei dieser Part herausgekommen ist, weil er auch rasiert und gut ankommt. Dann lag dieser Beat immer noch rum und ich musste mich erst überreden lassen, ihn auf das Solo-Album zu nehmen. Ich war echt in diesem Film, wo ich neue, moderne Musik machen wollte und dieser Beat klang für mich zu sehr nach alter Schule. Nicht wegen der Flows, aber wegen der ganzen Ästhetik. Zum Glück habe ich mit Ghanaian Stallion einen Partner, dem ich sehr vertraue und dessen Meinung ich sehr schätze. Und mit Götz Gottschalk habe ich jemanden, der seit der Zusammenarbeit mit Max Herre und Nesola mit gutem Rat zur Seite steht und seine Meinung abgibt. Er hatte die Idee für den Refrain. Großen Respekt an mein Team!

Ich habe mich dann breitschlagen lassen, denn ich wollte das Album ja auch fertig kriegen und der Song war gar nicht so schlecht. (lacht) Dann wollte ich den Song aber auch wirklich fett und episch machen. Er heißt »Live & Direct«, deshalb braucht er Featuregäste, die alle für das Live & Direct-Ding stehen. Afrob und Samy Deluxe kannte ich aus persönlichen Erfahrungen, Afrob ist mit seiner Stimme und dem Druck für mich der souveränste Live-Rapper Deutschlands. Samy kann live alles, steht entspannt auf einem 2-Stunden-Konzert und zeigt dir alle Flows, die es gibt, ohne ins Schwitzen zu kommen. Savas und Marteria stehen einfach für Live-Präsenz. Amewu ist eh ein Spezialfall, der das Live-Ding auf einen ganz andere Ebene bringt und ohne Mikrofon und Beat killt. Es war klar: Auf diesen Track dürfen nur gestandene Live-MCs.

Musstest du dich bei den anderen Features auch erst überreden lassen?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich mit Feature-Anfragen nicht leicht tue. Ich tue mich schwer dabei, um Hilfe zu fragen, aber arbeite daran, das zu ändern. Es ist eine falsche Betrachtung: Wenn mich ein Künstler anfragt, den ich cool finde, macht es ja Spaß. Aber ich habe es oft so gesehen, dass ich Leuten eher zur Last falle, wenn ich sie nach einem Feature bitte, weil ich etwas von ihnen will, was ich selber nicht leisten kann. Alle Features auf dem Album sind auf jeden Fall cool und schnell entstanden, ich musste nicht lange darum kämpfen und dafür bin ich sehr dankbar. Sie hatten Bock und haben mitgemacht, ohne dass es ein Business-Ding wurde.

Verstehe. Ich nehme Features meist gar nicht als Bitte um Hilfe war, aber ich kann den Punkt nachvollziehen, dass Leute dort etwas leisten, was den Song wirklich erweitert. Bei »Monte Christo« ist mir das besonders aufgefallen, weil Yonii und Sugar MMFK dort mit ihren einzigartigen Stimmen arbeiten und dem Songs etwas geben, was du selbst in dieser Art wahrscheinlich nicht hättest umsetzen können.
Safe. Gut, dass du den Song ansprichst. Ich hatte den Refrain schon selber gemacht, es war also meine Stimme zu hören und es klang einfach nicht gut. (lacht) Dann dachte ich: »Ok, was sind jetzt besondere Stimmen, die trotzdem aus dem Rap-Kosmos kommen?« Da habe ich mit Yonii und Sugar auf jeden Fall zwei besondere Stimmen, die jeweils komplett unterschiedlich klingen, bekommen. Wir haben verschiedenes probiert, zum Beispiel beide Stimmen übereinander zu legen. Aber die klingen einfach so unterschiedlich und haben verschiedene Vibes, sodass wir sie hintereinander gebracht haben. Den Text kam von mir, den haben wir so gelassen, und ich bin super froh, dass sie ihre Vibes dort draufgebracht haben. Und da noch eine Referenz: Für den Track war tatsächlich »Girls, Girls, Girls« von Jay-Zs »Blueprint«-Album eine Inspiration. Der macht das dort nochmal viel bosshafter, denn der eine Refrain kommt glaube ich von Slick Rick, ein anderer von Biz Markie und noch einer von Q-Tip. Der Refrain kommt also drei Mal vor und jedes Mal macht es eine andere Legende. Das sind die Moves! Was sie beitragen, ist nicht ihr eigenes künstlerisches Werk, sondern wirklich ihre Stimmfarbe, die dem Song etwas Besonderes gibt. Ich bin sehr dankbar, dass die Jungs das so verstanden und mitgemacht haben.

Total. Und auch hier gibt es ein Gegenbeispiel wieder direkt vor diesem Song. Da sind nämlich Celo & Abdi auf »Gordon Shumway« zu hören. Ein Song, der für mich von Anfang bis Ende einfach Spaß an der Sache verkörpert. Celo & Abdi sind dafür wahrscheinlich die genau richtigen Partner, oder?
Celo & Abdi sind auf jeden Fall die richtigen Leute für Rap mit Spaß, safe. Ich hatte mit ihnen schon gute Erfahrungen beim »Dr. Cooper Remix« von 2013 gemacht, wo viele Leute drauf sind, unter anderem auch Celo & Abdi. Die Zusammenarbeit war unkompliziert und cool – Celo & Abdi sind mit die coolsten Typen, die ich je in diesem Business getroffen habe. Die sind einfach so korrekt. Ohne irgendwas zu erwarten, geben sie einfach Liebe und haben auch kein Problem, das zu zeigen. Es macht sie nicht schwächer oder kleiner, sondern im Gegenteil. Außerdem komme ich gebürtig aus Frankfurt, habe die frühen Haftbefehl und Azzlack-Sachen gepumpt und fand das künstlerisch spannend, unabhängig von den konkreten Inhalten. Ich habe den Slang, der sich aus der Mischung verschiedener Sprachen ergibt, weniger auf Satzbau achtet, aber trotzdem einige Konstruktionen bewusst aus dem Straßenslang übernimmt, unfassbar gefeiert. Deshalb war klar, dass der Humor von den beiden gebraucht wird, und es hat den beiden auch richtig Spaß gemacht, den Song zu schreiben. Das ist einfach geil. Du rufst bei Celo an, er kommt mit »Brate, du weißt« und dann weißt du, dass du kriegst. Das ist einfach killer, s/o an die beiden.

Und es geht noch weiter, weil wir Probleme mit dem Video hatte, das war rechtlich alles Grauzone, weil wir uns viel an der Kultur bedient haben. Die Jungs haben den stabilen Move gemacht und das Video auf ihrem Kanal hochgeladen, sonst wäre das Video vielleicht eingestampft worden oder über einen hidden Kanal gekommen. Die Jungs sind einfach in die Bresche gesprungen. Ich werde ihnen immer dankbar sein.

Was den Humor angeht lieferst du auch selbst ziemlich gut ab, wenn du auf dem Song Witze darüber unterbringst, dass du das Album ja angekündigt und dann doch verschoben hast. Diesen Teil auf dem Song zu hören, der jetzt eben auf diesem fertigen Album ist, war safe lustig und zeigt die Leichtigkeit der Platte ganz gut.
Danke man, das war die Intention. Zu dem Zeitpunkt, wo das entstanden ist, war das Album natürlich noch nicht da und ich habe hinterher darüber nachgedacht, ob man das noch ändern sollte. Aber so wie du das siehst, war das für mich auch eine Momentaufnahme und Teil dieses Prozesses, dass ich nicht wusste, was dieses Album wird und mich darauf konzentriert habe, Spaß an der Mukke zu haben.

»Ich bin für jeden Fan, der meine Musik feiert, dankbar. Aber wenn man versucht, es den Leuten recht zu machen, wird man am Ende nicht glücklich.«

Megaloh über die kreative Ausrichtung seiner Musik

Ist das eigentlich das, was dieses Album jetzt für dich bedeutet? Im Sinne von einem Projekt, dass sich von früheren Sachen abhebt und einen neuen Abschnitt in deiner kreativen Arbeit eröffnet hat?
Gute Frage. Ich glaube, es hat mir Druck genommen, weil ich mich bewusst dagegen entschieden habe. Ich kann jetzt grandios damit scheitern oder die Leute gewöhnen sich daran, dass ich dann am besten aufgehoben bin, wenn ich das mache, was mir am meisten Spaß macht. Was es auf jeden Fall gemacht hat ist, dass ich nicht mehr denke, ich müsste mich auf einen bestimmten Sound oder ein Genre beschränken, das die Leute von Megaloh erwarten. Das wusste ich auch schon vorher, aber manchmal ist es ein Schritt von der Theorie im Kopf bis zu den tatsächlichen Entscheidungen, die man dafür treffen muss. Da liegen in meinem Fall zwei bis drei Jahre Prozess dazwischen. Ich hoffe, dass ich das nicht wieder verlieren werde und ich mir keinen neuen Druck mache. Ich will aus Liebe für die Kunstform heraus, als Fan von dieser Musik, weiterhin Musik machen, solange es mir Spaß macht. So habe ich mit Rap angefangen, das war der ursprüngliche Impuls. Ich bin froh, dass ich den wieder klar vor mir sehe.

Hast du trotzdem ein bisschen Angst davor, dass die Fans dir diesen Move übel nehmen und mit dem neuen Sound nichts anfangen können?
Safe. Man merkt es jetzt schon. Auf »Glaub Ma« ist Autotune drauf und die Hälfte der Kommentare auf YouTube liest sich wie »Du auch noch?«, »Warum bist du auch auf den Zug aufgesprungen?«. »Wie konntest du nur?«, »Wir haben einen guten Rapper verloren.« Dabei ist das krass eingeschränkt. Nur weil ich auf einem Song Autotune benutze, heißt das nicht, dass ich ab jetzt nur noch Autotune benutze. Das ist absurd und ich finde es total schade, dass das so plakativ gesehen wird. Auf der anderen Seite: Leute sollen sagen, was sie möchten. Ich bin für jeden Fan, der meine Musik feiert, dankbar. Aber wenn man versucht, es den Leuten recht zu machen, wird man am Ende nicht glücklich. Ich habe das oft versucht und es hat langfristig nie wirklich funktioniert. Mit den Beats habe ich neuen Spaß und vielleicht sogar einen Spaß, den ich so noch nie bei Musikmachen hatte. Deshalb habe ich aktuell einfach Bock auf alles, was musikalisch kommt. Ich habe das Gefühl von »Sky is the limit«. Die eigene Kreativität ist die einzige Begrenzung. Was auch wieder für Druck sorgen kann, wenn nicht kreativ genug ist und denkt, dass man schlechter ist, als man gerne wäre. Ich glaube das wichtigste dabei ist, einfach die Lust zu fokussieren. Und genauso die Motivation, es ist ja nicht immer nur Lust. Manche Texte schreibe ich aus einer Wut heraus, das ist auch eine Motivation. Es kann auch mit der Musik passieren, dass irgendwelche politischen oder gesellschaftlichen Prozesse so viel mit mir machen, dass ich darauf eine musikalische Reaktion habe. Jetzt muss ich nicht nur am Text feilen, sondern kann gucken, wie ich das mit Sounds, Vibe und Samples verarbeiten kann. Der Text ist nur ein kleiner Teil vom Gesamten. Das hat mir echt einen neuen Blick auf mein Leben gegeben. Sich nicht zu ernst oder zu wichtig zu nehmen, denn man ist nur ein kleiner Baustein. Das Gesamte zählt, gerade im Familien-Konstrukt. In gewisser Form hat mir das Beat-Machen eine Meta-Ebene über das Leben näher gebracht, einfach Sachen in Relation zu setzen.

Das hört sich nach echt vielen Prozessen an, die bei dir gestartet sind und anscheinend voll positiver Aspekte sind.
Total. Ich war tatsächlich noch nie so glücklich mit mir selbst als Person und dem, was ich in meinem Leben machen möchte und wie weit ich auf diesem Weg bin.

Das freut mich für dich.
Ich hoffe, es bleibt so. Drück mir die Daumen! Wir wissen wie das Leben ist. (zeigt eine schwankende Kurve)

Es bleibt niemals für immer perfekt, das wissen wir alle. Aber für den Moment gönne ich dir einfach, dass es gut läuft. Man hört auf dem Album raus, dass du Spaß an der Sache hast. Und alles, was du hier im Interview erzählt hast, klingt danach als würdest du dich am liebsten schon ins nächste Projekt stürzen.
Es hört nicht auf, ich habe schon einige Ideen fürs nächste Album. Es ist nicht mehr nur der Text, ich kann Skizzen direkt zu Hause aufnehmen, die Möglichkeiten wachsen. Ich hoffe einfach, dass die Energie bleibt, beziehungsweise immer wieder kommt.

Interview: David Regner
Foto: Felix Zimmer

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