Mariybu: »Hätte ich die Therapie nicht gemacht, hätte ich niemals mit Rap angefangen« // Interview

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Erst 2020 veröffentlichte die Hamburger Rapperin und Producerin Mariybu ihre Debüt-EP mit dem schwerwiegenden Titel »Depression«, auf der sie eine in der Vergangenheit liegende depressive Episode in Aggression und Wut verarbeitete. Ihr Feindbild ist dabei nicht mehr und nicht weniger als das Patriarchat. Seitdem erkämpfte sich Mariybu ihren Platz und jede Menge Anerkennung in der Szene. Belohnt wurde ihre Mühe 2021 mit einem Labeldeal bei 365XX – dem ersten All-Female-Rap-Label Europas. Diese Chance bleibt selbstredend nicht ungenutzt: Am 3. September 2021 hat Mariybu ihre zweite EP »BITCHTALK« releast. Wir haben mit ihr über Rap-Kollektive, Selbstfürsorge und Kunstfreiheit gesprochen.

Foto: Céline Maveau

Du bist noch gar nicht so lange im Rap-Game drin. Welche Beziehung zu Musik hattest du, bevor du begonnen hast zu rappen?
Musik habe ich eigentlich schon immer gemacht. Als ich 15 war, war ich mal kurz in so einer Punkrock-Band. Da bin ich aber schnell wieder raus, weil ich zu schüchtern war zum Singen. Ich war aber immer super viel auf Konzerten unterwegs, meistens vorne im Moshpit bei irgendwelchen Punkrock-Konzerten. Und ich habe die ganze Zeit auch im Schulchor gesungen, das fand ich richtig geil. Find ich auch immer noch, aber dafür habe ich gerade einfach keine Zeit. Ah ja, mit meinen Schwestern habe ich zu Hause auch immer ganz viel gesungen. Ich hab auch alle möglichen Instrumente ausprobiert, aber das ist immer gescheitert. Ich wollte nämlich nie nach Noten spielen, sondern nur meine eigenen Sachen zeigen. Als ich nicht mal zehn war oder so, wollte ich meinem Klavierlehrer meine selbstkomponierten Sachen zeigen und er meinte: »Ne, jetzt zeig mir erst mal deine Hausaufgaben«. Da hatte ich dann keinen Bock mehr. Sobald ich nach Noten spielen und Hausaufgaben machen musste, hat das keinen Spaß mehr gemacht.

Zum Rap bist du dann ja unter anderem durch den Blog 365 Female MCs gekommen, weil du da Vorbilder gefunden hast. Weißt du noch, welche Künstlerinnen das waren?
Eine der ersten Rapperinnen war auf jeden Fall Haszcara. Sonst habe ich beim Blog direkt am Anfang auch Taiga Trece gefunden. Und Tice und Lumaraa auf jeden Fall auch – die fand ich alle so krass! Aber ich bekomme nicht mehr so ganz klar, wen ich durch den Blog oder anderswo gefunden habe.

Heute bist du beim Label 365XX unter Vertrag – hattest du damals schon darauf gehofft?
Das war schon immer ein Traum, seit das Label gegründet wurde. Aber ich hatte da niemals mit gerechnet, dass das klappt. Weil ich mich nicht als professional genug gesehen habe. Dann habe ich neue Songs gemacht und aufgenommen und gedacht – okay, ich bringe jetzt wieder auf Low-Level diese EP raus. Ich hatte das schon im Kopf, das gerne über 365XX zu machen, aber ich habe mich nicht getraut. Irgendwann meinte ich zu Joelle, eine Freundin aus dem Fe*male Treasure Kollektiv, dass ich das gerne machen würde und die hat mich dann supportet. Dann habe ich mich getraut, das an Lina zu schicken und dann hat sie einen Tag danach geschrieben, dass sie es geil findet und mal mit mir schnacken will. Ich war so krass aufgeregt bei unseren ersten Zoom-Dates! Ich dachte echt, dass das doch gar nicht sein kann, dass die meine Musik feiern. Dass die da Potenzial drin sehen und das machen wollen. Ich hatte einfach nicht das Selbstvertrauen zu denken, dass diese EP gut genug ist, dass das reicht.

Die »BITCHTALK« EP ist ja nicht deine erste Veröffentlichung. Hast du letztes Mal independent veröffentlicht?
Da habe ich über Das Label Mit Dem Hund veröffentlicht, aber das war trotzdem eine ganz andere Form von Zusammenarbeit, als es das jetzt gerade ist.

Was sind für dich Vorteile an einer Label-Zusammenarbeit? Heutzutage kann man als Künstler:in ja auch ziemlich viel selbst machen.
Das Netzwerk ist auf jeden Fall ein riesiger Vorteil. Und das Wissen auch. Ich kann ja einfach alles fragen und mir wird einfach alles beantwortet. Ich habe selbst echt keine Ahnung, ich bin so super neu im Musikbusiness. Ich bin so froh darüber, diesen Austausch zu haben. Dann die ganze Presse- und Promoarbeit, das könnte ich weder vom Zeitaufwand her, noch vom ganzen Wissen und den inhaltlichen Skills. Und dann natürlich so das Pitchen bei Playlists, sowas könnte ich alles alleine echt nicht, niemals! Werde ich auch niemals können. Dafür gibt es ja die Profis. Außerdem, was ich bei dem Song »Toxic« total toll fand, war der inhaltliche und menschliche Support.

Inwieweit brauchtest du da Support?
Die Single ist ja gerade rausgekommen, als das mit #Deutschrapmetoo losging. Das war total zufällig, aber genau da stand halt die Veröffentlichung von »Toxic« an. Ich hatte so ultra Schiss, aber das konnte ich in diesem Umfeld dann halt auch einfach ehrlich sagen, dass es mir einfach kacke geht. Aber alle waren total supportive, konnten mir gute Sachen sagen. Ich wusste, wenn irgendwas passieren sollte, sind die für mich da und geben mir gute Hilfestellung. So Kleinigkeiten, wie dass bei YouTube die Kommentare ein bisschen moderiert werden. Das sind so Sachen, da war ich einfach echt dankbar für die Unterstützung.

»Für mich gehört gegenseitiger Support dazu, weil ich es nicht anders kenne, seitdem ich auf Bühnen stehe«

Neben der Unterstützung durch 365XX bist du ja aber auch Teil des Fe*male Treasure Kollektivs aus Hamburg. Beschreib doch einmal, wer genau ihr seid und was euch zu einem Kollektiv macht.
Wir sind acht Rapperinnen, beziehungsweise wir haben alle irgendwie mit HipHop zu tun und sind auch alle queerfeministisch unterwegs. Manchmal denken Leute, wir sind eine Band und wollen uns dann als solche auch buchen. Aber wir sind alle Solokünstlerinnen. Für uns ist das Kollektiv mehr eine Art Netzwerk. Am Anfang haben wir uns da auch gar nicht festgelegt. Bei unserem ersten Treffen hatten wir das versucht, aber dann gemerkt, dass das super schwer zu definieren ist. Sowas kristallisiert sich einfach langsam heraus und verändert sich auch immer. Gerade im Sommer sind wir eben auch eine Truppe, die gemeinschaftlich gebucht wird und hin und wieder gemeinsam live spielt. Wir sind aber auch einfach gegenseitiger Support. Wenn jemand Support braucht, in welche Richtung auch immer – das muss auch nichts mit Musik zu tun haben. Einfach so ein persönlicher Austausch. Wir teilen aber wie gesagt auch immer wieder unsere Bühnen für ein paar Songs. Irgendwas zwischen Kolleginnen und Freundinnen. Viele Freestyle-Sessions, viele Feiern, wie ein großer Freundeskreis der alles bereithält, was man gerade braucht. Musik ist da sowas wie die Basis.

Kollektive im Rap sind ja nichts neues, aber trotzdem ist das eine Branche, die ja oftmals auf Konkurrenz beruht. Wenn ihr untereinander so krass zusammenarbeitet, erzeugt das nicht eine gewisse Konkurrenz nach außen?
Ich kann ja nur für mich sprechen, aber natürlich ist das so, dass man rechts und links guckt. Ich vergleiche mich auch mit Leuten und empfinde auch Neid und Konkurrenzdenken, auf jeden Fall. Aber ich glaube, ich bin da einfach musikalisch ganz anders aufgewachsen. Ich bin in so einem queerfeministischen Umfeld aufgewachsen in Hamburg, wo einfach immer nur Support da war. Deswegen gehört das für mich zu Rap dazu, auch wenn ich weiß, dass das eigentlich häufig eher andersrum ist. Für mich gehört gegenseitiger Support dazu, weil ich es nicht anders kenne, seitdem ich auf Bühnen stehe. Das bringt ja allen was! Ich finde das dumm, wenn man denkt, mir fehlt was, wenn ich drei Minuten meiner Bühnenzeit an wen anderes gebe. Aber da wird nichts verloren. Die Person, die du mit auf die Bühne holst, gewinnt was. Du gewinnst was, weil deine Show abwechslungsreicher wird. Du gewinnst was, weil die Person wahrscheinlich einfach geil ist. Du hast eine nice Connection. Man gewinnt einfach immer was. Wenn ich an das Dockville denke, wo ich vier oder fünf Leute mit auf der Bühne hatte, das war einfach so eine geile Show! Das war für alle von Vorteil.

Trotz deiner Liebe für gegenseitigen Support ist deine EP aber vollkommen in Eigenregie entstanden, oder?
Genau, die EP ist ja im Lockdown entstanden. Ich hatte da super den Heartbreak und habe mich auch isoliert. Da hatte ich mit kaum Leuten wirklich Kontakt. Deshalb ist die echt komplett alleine entstanden. Natürlich wird man immer ein bisschen von außen beeinflusst. Aber sonst, was Texte angeht oder die Beats, damit war ich einfach den ganzen Winter alleine in meinem Zimmer.

Ein Glück, dass du selbst produzierst – dann kann man einen Lockdown auf jeden Fall für sowas nutzen. Wann und wie bist du zum Produzieren gekommen?
Ich muss ehrlich sagen, ich bin am Anfang ja davon ausgegangen, dass man das immer so macht. Dass wenn man rappt, man auch immer selbst produziert. Die erste Rapperin, die ich kennengelernt habe, war Finna, die produziert ja auch selber. Dann war ich das erste Mal bei Finna zu Hause und sie hat mir einen Beat gemacht. Danach dachte ich: »Ok, cool, dann mach ich meine Beats ab jetzt wohl auch selbst«. Ich habe dann echt gegoogelt, was ich dafür brauche. Das war erst Anfang 2019, also auch direkt, als ich mit Rap überhaupt angefangen habe. Ich habe dann erst mal mit FL Studio, also der Testversion, rumprobiert. Dann bin ich zu Ableton, das fand ich geiler. Und dann echt von morgens bis abends nur YouTube-Tutorials. Und erst dann habe ich verstanden, dass gar nicht alle selbst produzieren.

Das bedeutet, Fremdproduktionen waren nie eine Option?
Ich habe schon ein paar Leute kennengelernt, die produzieren und mir dann auch Sachen geschickt haben und so. Das war alles BoomBap und das waren alles Typen. Beides hat mich gestört. Auf BoomBap flowe ich einfach nicht, das bockt mich nicht. Und mit den Typen… irgendwie hat sich das besser angefühlt, als ich nur FLINTA*s um mich herum hatte. Also war die logische Konsequenz: selber machen. Was Leute mir geschickt haben, die Beats, die ich hätte haben können, das fand ich alles einfach nie richtig geil – ich kann das einfach besser (lacht).

Dein Workload hat sich in den letzten Monaten definitiv massiv erhöht: Kollektivarbeit, Solomusik, Labeldeal, jede Menge Auftritte, Privatleben und irgendwoher muss ja auch das Geld kommen, mit dem man sich diese Leidenschaft der Musik erst einmal finanzieren kann. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?
Kaum mehr Privatleben eigentlich. Wenn mich im Moment Friends fragen, wie es mir geht, kann ich immer nur von Mucke erzählen. Und ich muss sagen, um gerade mal ehrlich zu sein: Ich kriege das nicht mehr unter einen Hut. Ich hab letztens tatsächlich gekündigt, weil ich das gerade alles nicht mehr schaffe. Keine Ahnung, wie ich jetzt Geld verdiene, das muss ich mal gucken. Aber die Umstände gingen gerade einfach nicht mehr. Die ersten Monate war mein Stresslevel so unfassbar hoch, dann funktioniert der Körper ja immer, wenn man so unter Stress ist. Aber gerade fällt das alles ein bisschen von mir ab, deshalb bin ich vermutlich ja auch gerade krank. Das zeigt mir halt, dass das so alles nicht funktioniert und weitergehen kann. Ich habe ja die letzten Monate keine Musik gemacht, sondern nur die bereits fertigen Sachen immer wieder live gespielt und so. Ich will nur mal wieder den Kopf frei haben um neue Musik zu machen und Friends zu treffen, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich hänge nur noch mit dem Kollektiv oder anderen Friends, die so mit mir auftreten. Aber die, die keine Mucke machen, habe ich teilweise monatelang nicht mehr gesehen. Ganz eigentlich bin ich ja auch Team Schlafen und Team Entspannen – aber das kommt einfach seit einer Weile alles zu kurz. Wenn das Geld nicht wäre, würde es vermutlich passen, aber naja – Lohnarbeit halt.

Kannst du dir selbst Pausen gönnen, was die Musik betrifft? Du sagst ja, du hast gekündigt oder verzichtest auf Privatleben, aber Musik scheint ja immer da zu sein. Gerade, wenn man etwas macht, das man so sehr liebt, fällt es ja häufig schwer, sich auch mal eine Auszeit zu nehmen und nicht immer zu hustlen.
Ich schaffe das gerade auf gar keinen Fall, mir Pausen von der Musik zu nehmen. Ich stehe halt noch so doll am Anfang. Immer wenn irgendwas ist, denke ich mir, dass ich jetzt echt alles mitnehmen muss. Ich will ja auch noch weiter, deswegen denke ich immer, dass ich jetzt so jede Chance wahrnehmen sollte. Ich weiß, dass ich mal Auszeit nehmen muss. Für Ende des Jahres habe ich mir auch mal eine Woche Urlaub vorgenommen. Mal schauen, ob das klappt.

Neben diesem steigenden Workload hat sich auch dein Bekanntheitsgrad relativ rasch nach oben entwickelt. Wie geht’s du damit um, dass deine Musik jetzt so plötzlich mehr Aufmerksamkeit erhält? Stresst dich das teilweise auch?
Am allermeisten freut mich das natürlich. Das will ich ja. Würde ich die Aufmerksamkeit nicht ertragen, wäre ich in diesem Bereich hier ja ganz falsch. Was mir beim Umgang damit mega hilft, ist das Kollektiv und dass ich nicht die Einzige bin, die mit sowas umgehen muss. Wikiriot zum Beispiel hat ja gerade super viel Aufmerksamkeit, genauso wie unsere Joe, die wird momentan auch ständig auf der Straße erkannt. Mit Leuten zusammen abzuhängen, denen das auch so geht, hilft. Dadurch fühlt sich das nicht so komisch an. Nur was ich jetzt gerade so feststelle: Manchmal schreiben Leute sowas wie »du wohnst doch auch hier und hier« und ich frage mich dann, woher die das wissen. Und dann sagen die sowas wie »Ich habe dich hier letztens auf der Straße gesehen«. In dem Moment merke ich so: fuck. Das fühlt sich komisch an. Ich will nicht in Jogger, ungeschminkt und mit fettigen Haaren einkaufen gehen, weil ich denke, vielleicht erkennt mich ausgerechnet heute hier irgendjemand als Mariybu. Das ist aber auch der einzige Moment, wo ich das nicht mag. Wenn ich so verheult durch die Straßen laufe, will ich nicht gesehen werden. Aber sonst habe ich da keine Probleme mit.

Bleibt abzuwarten, ob dir die EP einen weiteren Push verleihen wird. Aber lass uns doch mal genau über das Tape sprechen. Wie würdest du die inhaltlichen Themen auf den fünf Tracks möglichst kurz runterbrechen?
»Aggro-Soft« ist so ein Begriff, der das beschreibt. Ansonsten finde ich das schwer… es ist einfach meine Gefühlswelt.

Gefühlswelt ist ein guter Stichpunkt. Deine emotionale Seite kommt ja beispielsweise auf »Alles Gut« deutlich raus, das Ganze passiert aber trotzdem auf dem für dich typischen, elektronischen Trap-Sound.
Oh krass, findest du? Ich finde, der Beat ist schon extrem soft!

Für deine Verhältnisse auf jeden Fall softer als sonst, aber im Vergleich zu anderen für so eine inhaltliche Thematik auf jeden Fall immer noch sehr im aufgeweckten Mariybu-Style!
Ich habe mir beim Produzieren noch nie gedacht, dass ich irgendwie so oder so klingen will.

Ich überlege mir keine Pläne sondern mache das, was ich feiere. Den Sound, den ich geil finde, produziere ich. Ich hab mir bei der EP jetzt eher noch Sorgen gemacht, ob das nicht voll der Gemischtwarenladen ist. Das sind fünf so unterschiedliche Songs auf unterschiedlichen Beats. Deswegen voll schön, dass du sagst, dass die für dich so einen Mariybu-Stil haben! Ich hatte echt Schiss, dass sich das nicht einfügt.

Wenn man sich ein bisschen mit deiner Musik befasst hat, hört man dich und deinen Geschmack durchgehend raus. Da brauchst du dir glaube ich keine Sorgen machen, dass das zu random wirkt.
Geil, das freut mich voll. Man selber checkt das manchmal nicht so und ist dann so unsicher, ob das alles so passt. Aber hoffen wir, dass andere das auch so sehen wie du (lacht).

»Nach oben treten, wenn du selbst unterdrückt wirst – auf jeden Fall, aber thematisiere doch bitte nicht ohne dich zu schämen, wie du andere unterdrückst«

[Triggerwarnung für folgende vier Fragen: Sexueller Missbrauch]


Eine ganz wichtige Thematik auf dem Tape ist sexueller Missbrauch. Auf »Loyal Bitch« merkst du an: »Für dich war das eine Nacht, Leben geht weiter, doch für sie geht das niemals wieder weg« und der Song »Toxic« erzählt ja auch nicht nur von einer toxischen, sondern auch körperlich übergriffigen Beziehung. Wie leicht oder schwer fällt es dir, mit solchen Traumata an die Öffentlichkeit zu gehen?
Mittlerweile fällt mir das viel leichter, weil es in den Hintergrund gerückt ist und glücklicherweise jetzt lange her ist. Als ich die EP geschrieben habe, war das Thema für mich noch super präsent, weil es da in meinem alten Freundeskreis Diskussionen gab und so Sachen aufgetaucht sind. Da habe ich auch meine Geschichten dann das erste Mal im Freundeskreis thematisiert. Dadurch war das super präsent alles. Parallel zu den Songs habe ich mich dann auch mit der Freundin, der ähnliche Sachen passiert sind, immer wieder ausgetauscht. Das sind verschiedene Schritte, in denen man lernt, über sowas zu sprechen. Erstmal erzählst du das deinen Friends, dann thematisiert man das in einem größeren Kreis, dann sogar mit Fremden und schließlich zum ersten Mal auf einer Bühne. Das sind ganz viele kleine Steps. Und jetzt ist es für mich selbst nur noch empowernd, sowas wie »Toxic« live zu spielen. Da sind so viele Leute und alle schreien »du bist toxic!«, und ich denk mir nur wie krass geil das ist. Das ist total schön jetzt so damit umgehen zu können.

Ich persönlich bin dir sehr dankbar, dass du diesem Thema eine Bühne bietest, aber es gibt ja auch immer wieder Gegenwind – auch innerhalb der Szene. Hast du für diese Inhalte deiner Musik Kritik erfahren bisher?
Auf jeden Fall habe ich Kritik bekommen. Gerade von Leuten, die ich mehr oder weniger persönlich kenne, da habe ich super viel Kritik bekommen. Aber nicht auf die EP oder so, sondern vorher, als ich Sachen dazu in meiner Story gepostet habe bei Instagram schon. Immer, wenn Leute mir Scheiße geschrieben haben, mich angerufen haben und einfach so Sachen geschrieben haben, die total daneben waren, dann habe ich das anonymisiert gepostet. Und dann die Reaktionen darauf wieder gepostet. Diese Leute trauen sich inzwischen nicht mehr, die haben sich nur beschwert, dass ich sie bloßstelle. Aber trotzdem gibt es, gerade wegen solcher Themen, natürlich immer wieder Hassnachrichten. Aber ich blockiere und lösche nur noch, genauso wie übergriffige Kommentare. Das sind immer wieder die gleichen Leute und Aussagen, wo man irgendwann merkt, dass das nichts mit einem selbst zu tun hat. Umso schöner sind die Nachrichten von den Leuten, die sagen, dass es ihnen geholfen hat. So „Danke, dass du den Song gemacht hast, das hilft mir“. Das bedeutet mir so viel mehr.

In dem Video zu »Toxic« visualisierst du den Missbrauch ja auch durch blutige Handabdrücke auf deinem Körper. Emotional schwere Themen wie Missbrauch in Kunst zu thematisieren, ist natürlich auch immer umstritten. Manche finden das empowernd und wichtig, für andere ist das grenzüberschreitend. Wo ist da deine persönliche Grenze des künstlerischen Umgangs damit?
Ich finde das echt schwer, die Grenze ist total fluid. Kann auch sein, dass ich in ein paar Jahren denke, dass das gar nicht geht, was ich jetzt zu dieser Zeit gemacht habe. Wenn mir jemand auch mit guten Argumenten sagen würde, warum ich eine Grenze überschritten habe, dann kann das gut sein, dass ich meine Meinung darüber ändere. Ich will auf jeden Fall niemanden verletzen mit dem, was ich mache. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es Leute gibt, die von dem, was ich in dem Video mache, krass getriggert und verletzt werden können. Deshalb habe ich ja aber auch die Triggerwarnung im Thumbnail, um genau das zu verhindern.

Das ist auf jeden Fall eine gute Methode, um damit umzugehen. Dir soll ja auch keiner was verbieten oder vorschreiben, aber Wege zum Opferschutz wie so ein Thumbnail sind praktische Lösungen in meinen Augen.
Ja total. Eine meiner wichtigsten Sachen dabei ist einfach, dass ich niemals nach unten treten will. Das ist Prio Nummer Eins. Niemals nach unten treten, keine Minderheiten beleidigen. Ich rede ja nur von meinen eigenen Erfahrungen und beleidige niemanden – außer natürlich den Typen, aber das aus meiner Sicht vollkommen zurecht. Aber letztens hat zum Beispiel jemand bei einem Panel zu mir gesagt, als ich meinte, Vergewaltigungsfantasien sollten nicht in Texten genutzt werden, weil das triggert, da meinte er: »Das ist doch richtig gut. Das zeigt doch, dass es bei dir wirkt. Kunst soll ja was bewirken und einen aufwühlen. Dann ist das doch automatisch richtig gute Kunst«. Da meinte ich dann auch nur, dass es nicht cool ist, nach unten zu treten. Nach oben treten, wenn du selbst unterdrückt wirst – auf jeden Fall, aber thematisiere doch bitte nicht ohne dich zu schämen, wie du andere unterdrückst.

Lass uns zum Abschluss noch einmal auf einen letzten Song kommen: »Zu viel«. Hast du in deinem Leben oft gesagt bekommen, dass du »zu viel« für andere seist?
Das fängt eigentlich schon an in meiner Kindheit. Ich war immer zu laut, immer wurde mir gesagt, dass ich mal ruhig sein soll. Man merkt das ja auch selbst, wenn man für andere zu viel ist. In meinen romantischen Beziehungen mit Männern habe ich das auch immer gesagt bekommen. »Du bist zu männlich, zu vulgär, zu laut, zu wütend« und so. In meiner letzten Beziehung meinte die Person nicht mal, dass ich auf sie zu wütend bin, sondern einfach allgemein. Aber ganz ehrlich, ich bin zurecht wütend. Aber auch mit Freund:innen und so. Ich bin halt einfach gerne laut, vulgär und whatever. Klar, ich sehe das auf jeden Fall, dass man damit auch sensibel umgehen sollte, um zu merken, wenn Andere gerade Raum brauchen. Aber gleichzeitig will ich mich nicht verstellen und versuchen, leise zu sein. Das wäre, wie durch ein Minenfeld zu gehen.

Der Song vermittelt ja aber auch, dass dich diese Behauptungen nicht kaputt machen konnten und du heute ein ganz neu gewonnenes Selbstbewusstsein hast im Vergleich zu früher. Wie hast du dir das aufgebaut?
Therapie. Jahrelange Therapie. Jahrelange Arbeit. Das ist das Beste, was ich machen konnte. Mein Leben hat sich dadurch so verändert, wenn ich an mich vor vier Jahren denke. Hätte ich die Therapie nicht gemacht, hätte ich niemals mit Rap angefangen. Nichts hätte ich mich getraut. Das hat alles verändert.

Haben deine Karriere und die Musik irgendeinen Einfluss auf dein Selbstbild?
Schon, aber das steigert das Selbstwertgefühl nicht nachhaltig. Klar, in dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe, ist es super geil. Aber dieses Selbstwertgefühl, was man da bekommt, ist ja nach ein paar Stunden auch schon wieder weg. Ein sehr fragiles Selbstwertgefühl. Deswegen versuche ich auch, mich darüber nicht zu definieren. Also ich definiere mich schon über Musik, aber eben nicht über die Bestätigung. Die Leute kennen und feiern ja nur deine Musik, aber nicht dich als Person. Was mir mega hilft: Je öffentlicher man wird, desto weniger kann man verstecken, wer man eigentlich wirklich ist. Du kannst dich nicht die ganze Zeit verstellen. Das hilft mir mehr zu zeigen, wer ich bin. Und zu merken, dass ich okay so bin. Am allermeisten helfen aber eben auch Friends, die nichts mit Musik zu tun haben. Da merke ich dann nochmal, dass ich nicht Musik machen muss, um gemocht zu werden. Mariybu ist ein Teil, aber ich bin mehr.

Da schließt sich also der Kreis, dass du dringend eine Auszeit nehmen musst, um deine Freund:innen mal wieder zu sehen.
Voll. Ich versuche immer, die ein bisschen mit einzubeziehen. Aber ein Leben außerhalb der Musik tut wahrscheinlich manchmal echt auch ganz gut (lacht).

Lass uns mal einen obligatorischen Blick in die Zukunft werfen. Jetzt steht erst einmal die EP im Vordergrund. Wohin soll die Reise danach gehen?
Ich habe ultra Bock ein Album zu machen. Gerade weil ein Album eine Herausforderung ist und ich mir gerne Herausforderungen suche. Für mich muss ein Album rund sein, viel runder als eine EP. Ich hätte voll Bock mich wirklich mal drei Monate einzuschließen, keinen anderen Job zu haben und ein Album zu produzieren. Dann kommt das auch richtig aus einem Guss – wenn zwischen den Beats so mehrere Monate liegen hört man das auch einfach. Da hätte ich schon richtig Bock drauf. Ansonsten hoffe ich natürlich, dass ich bei dem Label bleibe, einfach weil das die allerbesten Leute sind. Und sonst: irgendwann keine Lohnarbeit mehr, durch Liveauftritte genug verdienen. Ansonsten soll alles so bleiben, ich liebe wie alles ist. Nur mehr Geld, mehr Zeit und größere Bühnen.

Interview: Nelleke Schmidt
Beitragsbild: Céline Maveau

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