Man Vs. Machine – DJ Shadow und der Raum zwischen den Stühlen // Feature

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DJ Shadow hat mit »Our Pathetic Age« sein sechstes Studioalbum, das trotz des Titels ein »hoffnungsvolles« Album sein soll. Denn es geht Shadow darum, dass die Menschen verwirrt, aber auch süchtig nach Ablenkung sind. Sie sind »wütend und enttäuscht von ihren Regierungsinstitutionen« und machen sich Sorgen um die Zukunft, sind aber gleichzeitig Teil des Problems.

Das Problem, Inhalte über Instrumental-Musik zu transportieren, löst DJ Shadow elegant, indem er das Album auf Mass Appeal Records in zwei Parts aufteilt. Die erste Hälfte besteht aus elf Instrumentaltracks, während die zweite Hälfte zwölf Songs mit Rappern wie Run The Jewels, Nas, Ghostface Killah, Raekwon, De La Soul und Pharoahe Monch bietet. Obwohl sich Shadow Gedanken über den Zustand der Welt, der Menschheit und ihrer Zukunft macht, gibt es sehr viele Zuhörer, die in ihm vor allem den Held des Plattendiggens und Dope Beat-Produzierens sehen, dem sie seitdem immer wieder die Frage stellten, ob er nicht nochmal ein Album wie »Endtroducing …« produzieren kann – sein Klassiker von 1996.

Ein Meisterwerk von Debüt, das einen weltweiten Einschlag in der Musikhistorie hinterlassen hat und mitverantwortlich für die Begründung des Genres »TripHop« ist. Ein Genre und Lebensgefühl, das in den Neunzigern bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt wurde. Ob durch Easy-Listening-Lounge-Partys von geilen Slackern, den damaligen Hipstern, oder Cafe-Del-Mar-Compilations, die es bis ins CD-Regal eurer Mütter geschafft haben. Es war Segen und Fluch zugleich, Shadow saß wie immer zwischen den Stühlen. Denn das Publikum hat ihn und seine Philosophie nie verstanden, weil sie nur an einem Teil und nicht am ganzen Shadowmann hingen.

Drum Machine Rap

DJ Shadow wurde in der Bay Area groß, die vor allem von San Francisco und Oakland definiert wird. Schon früh war Shadow von Star-Wars-Robotern, Breakdance und der futuristischen Space-Maschinen-Musik fasziniert, die vor allem eines widerspiegelte: Electro. Damit ist nicht EDM gemeint, sondern dessen Ursprung um Bands wie Kraftwerk in den Siebzigern und »Planet Rock« oder »Rock It« in den Achtzigern. Die Rap-Variante dieses elektronischen Sounds nannte man »Drum Machine Rap« und fand 1983 ihren ersten Höhepunkt in RUN DMCs »Sucker MCs«. Ein brachial hartes Stück Musik, das nur aus Drums und Rap besteht. Rohe Energie auf schwarzem Plastik. Der neue Sound beeindruckt auch Shadow: »Ich liebte den Electro-Sound vom LA Dream Team und Egyptian Lover, all das Zeug.« Auch in der Bay Area gab es mit Too Short frühe Künstler, die Drum Machine Rap machten. 1987 hörte Shadow zum ersten mal Too Short, fand es »dope« – und doch schien es ihm und seinem Umfeld »irgendwie zu einfach« zu sein. »Wir haben anerkannt, dass New York der Geburtsort war und deshalb Crews wie LL Cool J, Beastie Boys und Def Jam beobachtet. Jeder wusste, das war der richtige HipHop-Sound.« So erklärt sich, warum Shadow ab 1988 von der Technik des Samplings angezogen wird, während gerade in der Bay Area ein elektronisch geprägter Style gefahren wurde. Es dauerte einige Zeit, bis sich die lokalen Szenen in Seattle, San Francisco, Detroit, Oakland und Houston so entwickelten, dass sie für Shadow auf Augenhöhe mit dem NY-Sound waren. Zu diesem Zeitpunkt, 1996, hatte Shadow seine Sample-Expertise bereits vorangetrieben und mit »Endtroducing« einen internationalen Erfolg erlangt. Er verbrachte mehr Zeit außerhalb der USA und lernte Genres wie Drum’n’Bass und Jungle in England kennen. Auch wenn er den Mob Sound von E-40, Too Short, Luniz oder Askari X in den Neunzigern feierte, konzentrierte er sich auf Sample-Beats und obskure Funk-, Jazz- und Rockplatten. Er passte soundmäßig nicht in die heimische Bay Area und wurde deshalb nie ein öffentlicher Teil davon. Da war er schon wieder, dieser Platz zwischen den Stühlen.

Fast eine Dekade lang ging das so, bis zu den frühen 2000er Jahren, als Shadow zu Hause erstmals wieder bewusst das Radio anmachte und feststellte, dass der Mob Sound der Bay Area kaum noch existent war. Es gab ein neues Movement, das Hyphy genannt wurde. »Ich dachte: Gottverdammt, das ist eine völlig andere Art von Energie. Es hat mich hart getroffen und war wirklich aufregend. Ich glaube E-40 war es, der dazu sagte: ›Das ist der Sucker-MC-Shit‹.«

All basses covered

Perfekt wie ein Kreis schließen sich in diesem Moment die Einflüsse von DJ Shadow zusammen. Aber da waren diese Stühle wieder. Für seine Fans saß Shadow mit »Endtroducing« auf dem Sample-TripHop-Thron, er selbst hatte zehn Jahre früher auf dem Drum-Machine-»Sucker MCs«-Stuhl gesessen und war immer ein Freund der Zwischenräume von Stuhlreihen. Der neue Sound holte ihn dort ab, wo seine kindlichen Augen zwanzig Jahre zuvor im Star-Wars-Schlafanzug aufgeblitzt hatten, als er B-Boys zusah, wie sie sich zu spaciger Maschinen-Musik wie Roboter bewegten. Eine unschuldige Freude, die er länger nicht gefühlt hatte: »Es ging mir einfach unter die Haut und ich wollte einen Beitrag zur Szene leisten, weil es lange her war, dass sich die Bay Area so vereint gefühlt hat.«

So erklärt sich recht logisch, warum er ab den 2010er Jahren anfing, seine Live-Gigs zu verändern. Während er zwanzig Jahre lang fast nur eigene Musik bei Gigs spielte, begann er, angeregt durch eine Einladung zur »Low End Theory«-Reihe in L.A., wieder Musik anderer Künstler aufzulegen. Unter dem Motto »All basses covered« zeigte er einmal mehr, warum er ein »DJ« im Namen trägt.#

Alles, was im experimentellen Bass-Music-Bereich passierte, von Juke über Dubstep bis zu frühem Trap, landete auf seinem Plattenteller. Bei einem seiner Gigs führte das dazu, dass der Besitzer des Ladens ihn in der Mitte des Sets unterbrach. DJ Shadow erklärte dem Publikum, dass er gebeten wurde aufzuhören, weil seine Musik »zu Future« sei. Da war er wieder dieser Raum zwischen den Stühlen. Auch wenn sich dieser Raum recht schnell in Richtung Club-Mainstream verschob, inklusive Lounge-Feelings auf RTL II-Niveau, bei denen dich deine Mutter bittet, ihr eine Flume-Playlist zu machen.

Viele ungebetene Ratgeber hätten DJ Shadow an dieser Stelle aufgefordert, einfach ein Future-Beats-Album zu machen. Aber der »Planet Rock«-Abgesandte ist längst über die nächste Grenze weitergezogen. Er war mutig genug dorthin zu gehen, wo noch kein Mensch zuvor war. Er fand zwischen all den Einflüssen eine sehr eigene Klangwelt. Denn das Album »Our Pathetic Age« ist zwar mit Features klassischer Rap-Größen ausgestattet, aber zum Glück kein hängengebliebenes 90s-Boom-Bap-Album. Es ist auch kein Hyphy, Future Beats oder Drum-Machine-Rap-Album. Es ist eine Melange, die seinen persönlichen Sound und Style auf den Punkt bringt. 

DJ Shadow sitzt immer für irgendwen zwischen den Stühlen. Dafür sollte man extrem dankbar sein, auch wenn man persönlich nicht jede Phase nachvollziehen kann oder will. Denn: DJ Shadow folgt sich selbst und nicht den Leuten, die auf Stühlen sitzen.

Text: Falk Schacht

Dieses Feature erschien zuerst in JUICE 195. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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