Logic: »Kein Flow ist ein Original« // Feature

Er trägt eine Brille, hat einen Hang zum Geek-Humor, lächelt viel. Eigentlich verkörpert Logic nichts, was man von einem Rapper erwartet. Doch nach mehreren Gold- und Platin-Auszeichnungen, Eminem-Cosings sowie ausverkauften Welttourneen zählt er längst zur Spitze der aktuellen HipHop-Generation, denn: Logic kann verdammt gut rappen. Sein viertes Album »YSIV« erscheint nun auf dem vorläufigen Karrierezenit eines jungen Mannes, der es alles andere als leicht im Leben hatte.

»Heute sind nur echte Fans willkommen, wir brauchen keine Too-Cool-For-School-Fuckboys.« Ein paar Tage zuvor trägt Logic eine mit Comicfiguren bestickte Baseball-Jacke, ein Cap und sein verschmitztes Schuljungen-Grinsen, als er die Crowd des Alexandra Palace in London Anfang September etwas schroff, aber charmant begrüßt. Das etwa halbgefüllte »Ally Pally«, so der Spitzname der Konzerthalle für rund 10.000-Besucher, ist ein ehrfürchtiges Gemäuer: Die BBC hat hier in den Dreißigern ihren Fernsehbetrieb aufgenommen, der wichtigste Musikpreis Englands (die BRIT-Awards) wird dort verliehen und dank seiner Position auf einer Anhöhe im Norden der Stadt bietet das Haus im Gotikstil einen ausschweifenden Panoramablick auf die Skyline von London. Logics Fans kümmert das an diesem Abend aber wenig. Ihr Blick ist gerade auf Charlie gerichtet, ein 18-jähriges Mädchen aus Southampton, das aus den vorderen Reihen auf die Bühne geholt wurde, um mit Logic »Gang Related« zu performen, einen seiner beliebtesten Songs. Sie meistert die schwindelerregenden Highspeed-Parts mit Bravour – und erntet den Applaus des tobenden RattPacks. The RattPack, das ist der Spitzname für seine Fans, seine Antwort auf die coolen Posses anderer Rapper, sein »Movement«, wie er auch an diesem Abend betont.

Born Sinner

Er wolle der größte Entertainer aller Zeiten werden, hat Logic einmal gesagt. So wie Frank Sinatra. Ein amtliches Ziel für jemanden, der 1990 in der mäßig spannenden Stadt Gaithersburg in Maryland als Sohn eines crackabhängigen Vaters und einer alkoholkranken Mutter in den Problembezirk Deer West hineingeboren wird. Sozialhilfe, Kriminalität und häusliche Gewalt gehören zum Alltag in der Familie, erzählte Logic in einem Interview, was das Leben in der idyllischen Vorortkulisse der DMV Area äußerst zynisch konterkariert. Als Kind einer hellhäutigen Prostituierten und eines afroamerikanischen Musikers hat er aber ohnehin mit wiederkehrendem Unverständnis zu kämpfen. Bis heute bezeichnet er sich als »Bi-Racial«, was angesichts seiner Haut- und Augenfarbe in manchen Teilen der afroamerikanischen Community für Diskussionen sorgt. Sir Robert Bryson Hall II, so sein bürgerlicher Name, hat also von Anfang an eine, sagen wir, wenig vorteilhafte Startposition für seinen weiteren Lebenslauf.

Der Gedanke, Rapper zu werden, begleitet ihn ab seinem 14. Lebensjahr, und er lässt bald keine Gelegenheit aus, sein Talent mit Aufnahmen, Contests und Live-Shows im Umland zu schärfen, wobei er auch seinen Partner Big Lenny und den Produzenten 6ix kennenlernt. Aufmerksam studiert er die Alben von Nas, Big L, ATCQ und dem Wu-Tang Clan. Sein Rap-Verständnis ist klar vom Eastcoast-Sound der Neunziger geprägt: technisch-versierte Flows, wort-verspielter Lyricism und das klare Bekenntnis zur HipHop-Kultur durchziehen sein Werk bis heute, was ihm auf dem Schulhof schon den Namen Skittles einbrachte – eine Anspielung auf Eminem, dessen Name bekanntlich einer Marke für Schokodragees ähnelt. Mit 17 beendet Logic die Schule ohne Abschluss, schummelt sich mit Handlanger-Jobs durch und crasht das Schlafsofa seines Freundes Lenny, der auch heute noch Teil seiner Entourage ist. Eigentlich will er nämlich Mucke machen. Gerne erzählt er, dass sein Freund Lenny ihm damals versprach, ein Jahr lang für Logics Lebensunterhalt aufzukommen, damit er sich auf die Musik konzentrieren könne – um genau 365 Tage später bei Def Jam zu unterschreiben.

1.700 Songs soll Logic in den letzten zehn Jahren aufgenommen haben, was ihn zumindest schon mal numerisch in die Nähe seines Idols und Namenspaten der neuen LP »YSIV« (kurz für: »Young Sinatra IV«) rückt. Seine Passion für Frank Sinatra, dessen Werk Logic durch seine Mama kennenlernt, drückt sich erstmals auf dem Track »Young Sinatra« aus, der 2010 auf dem Debüt-Mixtape »Young, Broke & Infamous« erscheint. Es ist ein autobiografischer Representer-Song auf dem alten Lord-Finesse-Instrumental »Hip 2 Da Game«, das in diesem Sommer von einem gewissen Newcomer namens Mac Miller durch den Viral-Hit »Kool Aid And Frozen Pizza« reaktiviert wurde. Damals bäumen sich zahlreiche Jungspunde wie J. Cole, Drake oder eben Mac Miller mit kostenlosen Downloads auf, das zunehmend übersättigte Rap-Publikum für sich zu gewinnen. Auch Logic will dazugehören und füttert das Netz in den Folgejahren mit Free-Mixtapes. Mit der Zeit entwickelt er verschiedene Alter Egos, um unterschiedliche Stile verkörpern zu können. Als Bobby Tarantino übt er sich in einem düsteren, modernen Ansatz, unter dem Namen Young Sinatra erscheinen eher traditionalistische HipHop-Stücke. Emsig arbeitet Logic so die Must-Have-To-Do-List für angehende Rapper ab. Und die Rechnung geht auf: Das Debütalbum »Under Pressure« klettert 2014 auf Platz vier der Billboard-Charts, der Nachfolger »The Incredible True Story« auf drei, »Everybody« erklimmt 2017 dann die Spitze. Die letzte Stufe der Erfolgsleiter erreicht er aber nicht nur durch seinen hochfrequentierten Output, sondern auch dank seines bislang größten Hits: das nach der US-Telefonseelsorge benannte »1-800-273-8255«. Es ist eine melancholische Raop-Hymne, die sich mit Suizidgedanken beschäftigt und Logics Spezialität exemplarisch demonstriert: entwaffnende Ehrlichkeit über seine eigenen Biografie und Kopf-hoch-Sprüche. Wenn man Logic mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es: Dankbarkeit.

Best Day Ever

Überhaupt ist es erstaunlich, mit welch gepflegten Umgangsformen dieses Ghettokid sein Album einen Tag nach dem London-Konzert der britischen Presse vorstellt. Logic nimmt keine Drogen, war bis vor kurzem verheiratet, bezeichnet Rap als seinen Job. Außerdem schreibe er gerade an seinem ersten Roman. Whiskey-nippend ähnelt sein höfliches und bescheidenes Auftreten in den Sarm West Studios an diesem Tag eher dem eines Elitestudenten als eines international gefeierten Rap-Stars. Nur weil man aus prekären Verhältnissen stammt, müsse man nicht zum Arschloch mutieren, sagte Logic einmal darüber.

Während der Listening Session erzählt er, dass Mac Miller seine künstlerische Vision maßgeblich beeinflusst habe: »Er hat damals gezeigt, dass man alles alleine machen kann.« Der Track »YSIV« nehme genau darauf Bezug. Eine bittere Ironie, ist Mac Miller doch nur wenige Tage zuvor verstorben, und so präsentiert Logic den Titelsong seines vierten Albums nicht mehr als Hommage, sondern als Tribut. Auf dem Zenit seiner Karriere besinnt er sich auf die Essenz seiner Einflüsse und verlässt die Trap-Ausflüge des letzten Mixtapes »Bobby Tarantino«. Knochentrockener Boombap scheppert stattdessen aus den Chiffonniere-großen Genelec-Boxen, als Logic mit leuchtenden Augen von der Aufnahmesession mit der HipHop-Ikone DJ Premier erzählt, um hinterher amüsiert zu relativieren, dass der gemeinsame, zu dieser Zeit noch namenlose Song, am Ende doch einen Beat von 6ix bekam. Die Tunes von»YSIV« sind gespickt mit allem, was Logic ausmacht: atemlose Power-Flows, autobiografische Tiefgründe, Querverweise zu seinen eigenen Alben sowie zu zahlreichen Rap-Klassikern wie »Illmatic«, geschnürt zu einem Hochglanz-Boombap-Epos. »The Return« erinnert an frühe Kanye-West-Produktionen, der Breakbeat von »100 Miles And Running« entspringt quasi direkt der Native-Tongue-Bewegung, das herausstechende »Wu-Tang Forever« brilliert durch minimalistische Orgel-Orches­trierung – und dem in der Rap-Geschichte bisher einzigartigen Umstand, tatsächlich alle lebenden Mitglieder des Clans auf einem Song eines anderen Rappers zu vereinen. Das hier ist Musik eines Nineties-Rap-Liebhabers – real rap, no mumble. Und wieder strahlt er diese Dankbarkeit aus, als er belustigt erzählt, RZA im Kreise von bierseligen Freunden angerufen zu haben, um ihn mit der Schnapsidee von »Wu-Tang Forever« zu konfrontieren.

Sein erdachter Leitspruch »Peace, Love and Positivity« ist in der Tat keine Durchhalteparole, sondern Lebensmotto. Im weiteren Verlauf des Listenings geht er offen mit seinen Referenzen um: »Iconic« etwa featured Jaden Smith und hat eine hohe Ähnlichkeit zu dessen Song »Icon«, »Street Dreams II« verneigt sich vor Big Ls Storyteller-Klassiker »The Heist«, auf »Glorious Five« leitet Logic den Song gar mit dem Satz »the [J.] Cole from back in the day« ein. »Kein Flow ist ein Original«, gibt er als Erklärung ab. Jeder Rap-Anfänger imitiere zunächst seine Idole, und so mache er keinen Hehl aus seinen Einflüssen. Ein ehrbarer Umstand, der allerdings auch als identitätslos ausgelegt werden könnte, da Logic zwar die Disziplin Rap studiert hat, allerdings auf dem vorliegenden Album keine kreative Eigenständigkeit bekräftigt. So sind die 14 Songs von »YSIV« entweder die perfekt arrangierten Hiphop-Offenbarungen eines Künstlers, der sich das innere Fanboy-Tum bewahrt hat, oder ein Haufen überambitionierter Tracks, die »klingen wie …«

»Rap game owe me, I been waitin‘ for the payment«

Für das RattPack und die Bobbysoxers, wie Logic seine weiblichen Fans manchmal in Sinatra-Manier nennt, bildet Logic den Gegenpol zum vorherrschenden Zeitgeist aus drogenverseuchtem Autotune-Gemurmel und hypermaskuliner Unnahbarkeit. Er ist einer von ihnen. Auch wenn das Geburtsdatum der meisten Zuschauer im Ally Pally eher in jenen Jahren liegt, als Logic vermehrt den Unterricht schwänzte und sich lieber durch die Instrumental-Reihe »How To Be An MC« rappte, verlassen sie die fast zweistündige Show als Eingeweihte, die ein und dasselbe Gefühl mit ihrem Idol teilen: Dankbarkeit.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu beziehen.

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