Lil B: »Es gibt keine schlechte Musik« // Interview

Lil B

Er vergleicht sich bevorzugt mit Prominenten von Paris Hilton bis Jesus, neigt zu endlosen Wiederholungen bestimmter Schlagworte (»Swag!«) oder Geräusche (»Woop!«), bezeichnet sich selbst als »pretty bitch«, »fag« (Schwuchtel), »princess« oder »lesbian«. Gleichzeitig taucht in seinen Texten mantraartig die Phrase »bitches suck my dick« auf, meist in Verbindung mit Begründungen wie »’cause I look like J. K. Rowling«. Und ­gerade wenn man glaubt, seine Lyrik erschöpfe sich in plakativen Provokationen, kommt er plötzlich mit einem tiefgründigen Stück wie »Real Life« daher, für das ihm jeder aufrichtige True Schooler Respekt zollen müsste. Oder mit einem kostenlosen Ambient-Spoken-Word-Album (»Rain In England«). Oder mit einem Cormega-Feature. Oder…

 

Der Begriff des Phänomens wird oft zu Unrecht bemüht, aber im Fall von Lil B aka The Based God passt er. Der 21-jährige Rapper aus der beschaulichen Universitätsstadt Berkeley in der Bay Area hat im vergangenen Jahr gezeigt, wie man so richtig den Swag aufdreht. Um die tausend Songs hat er nach eigener Schätzung aufgenommen und fast ebenso viele veröffentlicht, auf Internetalben, Mixtapes oder einfach so. Alle für lau, nicht wenige in Verbindung mit einem selbstgedrehten Lo-Fi-Video. Seine Präsenz in den gängigen sozialen Netzwerken ist kaum zu toppen, sei es Twitter, Facebook oder You­Tube. Eine stetig wachsende Fanschar verfolgt alles, was er tut, ob er bei einem YouTube-Interview auf die Fresse kriegt, damit prahlt, sein Schwanz sei größer als der von Kanye West, zeigt, wie man den von ihm selbst erfundenen Cooking Dance tanzt oder einen seiner mittlerweile grundsätzlich ausverkauften Live-Gigs rockt.

Was ausgefeilte Rap-Skills oder komplexe Reimschemata angeht, ist der selbsternannte »Based God« wahrlich keine Offenbarung, aber darum geht es ihm auch überhaupt nicht. Dass er durchaus straight rappen kann, hat er auf vielen Tracks bewiesen, dass er zu reflektierten, sinnvollen Texten in der Lage ist, ebenfalls. Was ihn aber von allen anderen Rappern unterscheidet, zeigt er auf seinen rohen, unverfälschten »Based Freestyles«, wo er, offenbar ohne viel nachzudenken, alles aus den Tiefen seines Bewusstseins herauslässt: Liebe und Hass, Angst und Größenwahn, romantische Anwandlungen und derb sexistische Anmaßungen – ungefiltert stürzt hier die widersprüchliche Persönlichkeit eines Exzentrikers auf den Hörer ein. Dabei oszilliert Lil B zwischen radikaler Selbstvermarktung, enthusiastischem Self-Empowerment und spiritueller Erbauung. Per Twitter drohte er Kanye West an, ihn anal zu vergewaltigen, wenn er ihm keine Beachtung schenken würde. Alles nur ein Missverständnis, beschwichtigte er kurz darauf, er habe ganz vergessen, dass Ye bereits einen Lil B-Track auf seinem Blog gepostet habe. In einem sechs­minütigen YouTube-Video (»Black Skin Pt. 1«) wiederum dozierte er über Rassismus, immer wieder beschwört er in Interviews und Songs die Kraft des positiven Denkens. Der Kerl ist einfach kaum zu fassen.

Dabei kam Lil B nicht einfach aus dem Nichts, sondern hat durchaus seine Dues gepayed. Mit 14 gründete er mit Highschool-Kumpel Young L die Hyphy-Gruppe The Pack, die 2006 mit der Schuhhymne »Vans« einen kleinen Hit hatte. Too $hort wurde auf die Jungs aufmerksam und besorgte ihnen ihren ersten Deal mit Jive. The Pack gibt es bis heute, Ende letzten Jahres ist das Album »Wolfpack Party« erschienen. Doch die rasante Steigerung seines Bekanntheitsgrades erreichte Lil B erst als Solokünstler. Ende 2008 begann er, die Menschheit via Internet mit seiner Musik zu bombardieren, zunächst mit eher mäßiger Resonanz. Aber 2010 war er nicht mehr zu stoppen. Inzwischen haben auch die meisten HipHop-Medien ihre anfängliche Skepsis gegenüber dem unberechenbaren Youngster abgelegt. Kein Wunder, schließlich ist kaum zu übersehen, dass hier einer zwar mit viel Spaß zu Werke geht, sich über viele Konventionen hinwegsetzt und ungeschriebene Regeln ins Lächerliche zieht, seine Ziele aber mit großer Ernsthaftigkeit verfolgt. Er ist locker, aber er lässt nicht locker. Am Telefon gewährte er einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines »Based Gods«.

Du kommst aus Berkeley, Kalifornien. Wie ist das Leben da denn so?
Gut. Es gibt viele nette Leute aus ­verschiedenen Kulturen in Berkeley und man findet leicht Freunde. Jeder ist sehr freundlich. Man kann einfach man selbst sein hier. Man muss sich auch nicht allzu viele Sorgen darüber zu machen, ausgeraubt zu werden. Es ist ein sehr spiritueller, friedlicher Ort.

In welchen Verhältnissen bist du ­aufgewachsen?
Es war schon manchmal mit ein bisschen Struggle verbunden, eine gute Zeit zu haben, aber ich bin nicht bei armen Leuten aufgewachsen. Ich war nicht reich, aber auch nicht richtig arm. Es war ziemlich genau die Mitte.

Aber trotzdem hast du ein paar ­Einbrüche verübt und warst auch mal in einem Jugendgefängnis.
Ja, als ich jünger war, wusste ich noch nicht, wer ich bin. Ich bin bestimmt kein Gangster, und ich will auch nicht, dass die Leute das von mir denken. Aber wenn man jung ist, sich noch selbst sucht und alle um einen herum solche Sachen machen, wird man manchmal zum Produkt seiner Umwelt. Außerdem versucht man, die Mädchen zu beeindrucken. Man lebt und lernt, und zu meinem Glück habe ich viel gelernt, auch durch solche blöden Aktionen. Das ist definitiv ein Segen. Denn jetzt bin ich ein absolut positiver Mensch.

Als du aufgewachsen bist, war in der Bay Area das Hyphy-Movement am Start. Ein großer Einfluss für dich und deine Musik?
Auf jeden Fall, das Hyphy-Movement war ein Rieseneinfluss für mich. Das bleibt in mir für den Rest meines Lebens. Ich werde immer Hyphy-Musik machen, das geht nicht mehr weg.

Was hast du sonst so gehört?
Viel Devo und Lenny Kravitz. Außerdem DJ Smurf, Lil Wayne, die ganzen Cash Money-Sachen und das No Limit-Zeug auch.

Schon mit 14 hattest du deine erste Rap-Crew The Pack, die bis heute existiert.
Ja, ich war noch auf der High School und schon im Fernsehen. (lacht) Es war echt eine verrückte Erfahrung, berühmt und jung zu sein. Meinen ersten Majordeal habe ich mit 16 unterschrieben, als Jive mich und die Gruppe unter Vertrag genommen haben. Dadurch hat sich alles komplett verändert. Gerade eben hatte ich noch ein ganz normales Leben. Plötzlich hatte ich Supporter und Leute, die mich mochten, obwohl sie mich gar nicht kannten. Das war sehr aufregend.

Berühmt zu sein hat dir also gefallen?
Oh ja, klar. Wir würden jetzt nicht miteinander sprechen, wenn es nicht so wäre. (lacht)

 

Du nennst deine Musik »Based Music«. Wie kamst du darauf und was steckt dahinter?
Based ist ein Wort, das man in Berkeley schon lange benutzt. Ursprünglich bedeutete es high zu sein, also auf Drogen. Die Leute haben mich früher oft als »based« bezeichnet und das negativ gemeint. Ich habe mir den Begriff aber irgendwann angeeignet und ihn in etwas Positives verwandelt. Based bedeutet jetzt einfach, positiv zu sein. Man selbst zu sein. Keine Angst zu haben, was andere von einem denken könnten.

Hast du eigentlich jemals einen normalen Job gehabt?
Nein, ich war immer nur in die Musik vertieft. Nach der Schule war ich immer im Studio und habe dort gearbeitet oder ich habe die Schule einfach ausfallen lassen und bin gleich ins Studio gegangen. Ich verbringe auch heute noch die meiste Zeit im Studio und am Rechner.

Du hast deine ganze Musik bisher umsonst ­veröffentlicht. Wovon lebst du ­eigentlich?
Ich mache auf verschiedene Arten Geld. Mit Live-Shows zum Beispiel. Außerdem bringe ich demnächst zwei Projekte über Amalgam Digital heraus. »Angels Exodus«, mein Tribut an NY-Eastcoast-Rap und »The Glass Face«. Das werden fantastische Projekte, es wird historische Musik, einfach großartig.

Letztes Jahr hattest du neben einigen Mixtapes auch das »Rain In England«-Album, auf dem du Spoken-Word-Texte zu New-Age-Klängen kickst. War das ein einmaliges Projekt oder wirst du noch mehr solchen Ambient-Rap ­veröffentlichen?
Es wird auf jeden Fall noch mehr geben. ­Diese Musik ist entstanden, als ich den ­Based God in mir entdeckt habe. Er hat komponiert und ich habe Texte dazu geschrieben. Das ist aber Musik, die ich nicht jeden Tag machen kann, weil sie sehr emotional ist, die kann ich nur machen, wenn ich mich ganz auf meine Gefühle einlasse.

Die meisten Raps von dir klingen, als ob du einfach dem natürlichen, assoziativen Strom deiner Gedanken folgen würdest.
Ich mache viel Freestyle, ich habe um die 900 Based-Freestyles veröffentlicht. Darauf bin ich stolz. Freestylen hat mir viel beigebracht und geholfen. Beim Freestylen überrasche ich mich selbst, weil ich nie weiß, was ich als nächstes sagen werde.

Gehst du bei allen Songs einfach in die Gesangskabine und rappst drauflos?
Nein, ich schreibe schon auch Sachen auf. Bei richtigen Songs denke ich auf jeden Fall darüber nach, was ich sagen will.

Du vergleichst dich gerne mit ­Prominenten. Ist das nur Spaß oder siehst du tatsächlich Gemeinsamkeiten mit Leuten wie Paris Hilton, Ellen Degeneres, Miley Cyrus, Mel Gibson oder, äh, Jesus?
Das sind alles Charaktere, die ich cool finde, weißt du, einfach lustige Menschen. Ich vergleiche mich einfach gerne mit Leuten, die ich dope finde.

Es geht dir also nicht nur darum, durch die Erwähnung bekannter Namen ­Aufmerksamkeit zu bekommen?
Nein. Ich mache mir nicht allzu viele Sorgen darüber, ob ich Beachtung finde. Ich habe einfach Spaß, das ist alles.

Und bekommst gerade dadurch jede Menge Aufmerksamkeit.
Ja, und darüber bin ich sehr glücklich. Es fühlt sich großartig an, die Möglichkeit zu haben, das zu tun, was man will und es mit vielen Menschen zu teilen. Der Erfolg macht mich aber auch bescheiden. Ich bin dankbar für alles und werde noch härter arbeiten.

Stimmst du mir zu, dass du für Rap ein bisschen das bist, was Punk für Rock’n’Roll war?
Ja, das stimmt. Ich bin ein Rebell. Ich breche die alten Regeln und erweitere den Horizont. Und das zu tun, was immer dich ­glücklich macht, ist etwas, was ich unter allen ­Umständen unterstütze.

Du bezeichnest dich selbst als »pretty bitch« oder auch »fag«. Welche Reaktionen bekommst du auf solche Ansagen?
Viele, positive und negative – und ich liebe das. Nicht alle reagieren positiv darauf, klar, aber es ist alles gut. Wenn es negative Reaktionen gibt, vergebe ich ihnen, weil die ohnehin nicht wissen, worüber sie reden.

Homophobie ist im HipHop ja weit verbreitet…
Weißt du, ich bin weder homophob noch schwul. Ich habe auf keinen Fall ein Problem mit Schwulen. Andere Typen kriegen Angst, wenn sie aus Versehen auf einen Schwulen­porno klicken, aber ich nicht. Ich frage mich nur »Hey, wo sind die Bitches?« und klicke ihn einfach weg. Weil ich keine Angst habe, ich könnte schwul sein.

Was ist für dich der Antrieb, so viel Musik zu machen und zu veröffentlichen?
Dass meine Fans mir zuhören und ich mit ihnen in Verbindung treten kann. Ich mache das für die Leute, die mich und meine Musik lieben. Und für die Hater, die liebe ich auch.

Gibt es ein irgendein Geheimnis, ­warum du so ein derart positiv ­eingestellter Mensch bist?
Man muss einfach die Leute lieben und ­respektieren. Auch, was ihre Musik angeht. Es gibt keine schlechte Musik, jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch hat irgendetwas zu bieten – das muss man nur annehmen können.

Hat dir das irgendjemand beigebracht?
Ja, mein Leben. Ich lebe einfach mein Leben und lese auch positive Bücher. Ich habe zum Beispiel »Takin Over« von Brandon McCartney gelesen [das Lil B selbst unter seinem bürgerlichen Namen geschrieben hat– Anm. d. Verf].

Du hast einen Song mit Cormega aufgenommen, es war bereits die Rede von Kollabos mit Lupe Fiasco und Jay Electronica. Was tut sich da sonst so?
Ich bin in Gesprächen mit verschiedenen Leuten und daraus wird sich bestimmt etwas ergeben. Ich habe mit M83 gesprochen, mit Boards of Canada, mit The Streets und auch mit Lady Sovereign.

Können wir ein großes Major-Album von dir erwarten?
Ja, auf jeden Fall, das wird bald kommen.

Und welcher Style wird darauf zu hören sein? Wird es mehr wie »Rain in England« oder eher wie »Red Flame« sein?
Es wird anders als beide sein. Wahrscheinlich wird es die witzigen Momente von »Red Flame« und die Melodien von »Rain in England« miteinander verbinden. Aber es wird dennoch ein Projekt, das sich von allen anderen total unterscheidet. Es wird völlig einzigartig.

Hast du dafür schon ein Label oder suchst du noch eins?
Ich suche nicht direkt, aber ich bin offen für Angebote und Optionen.

Die Videos auf YouTube hast du alle selbst gedreht, richtig?
Ja, ich mache alles selbst, was ich kann. Ich mache einfach. Ich denke auf keinen Fall zu viel darüber nach, wie ich es machen sollte.

Interessierst du dich für Kunst im ­Allgemeinen?
Auf jeden Fall, ich interessiere mich sehr für Kunst. Vor allem für rebellische Kunst, wie Graffiti.

Du hast ein Buch geschrieben, du rappst, produzierst und drehst Videos – was können wir noch von dir erwarten?
Ich werde noch mehr Bücher schreiben, und ich denke gerade darüber nach, ein wenig zu schauspielern. Außerdem werde ich bald Regie bei einem Film führen. Und ich fotografiere auch gerne. Ihr könnt also noch viel von mir erwarten.

Werden wir deine fast schon ­legendären Live-Shows auch in Europa sehen können?
Ja, noch dieses Jahr. Ich kann es kaum erwarten. Ich liebe euch, ihr seid ­großartig, ihr habt viele Trends in der Geschichte gesetzt. Und ich hoffe, ihr macht mir eine Menge Mädchen in Europa klar mit diesem Interview. (lacht)

Viele halten dich schon jetzt für die Zukunft von Rap. Welche Marke willst du in der Rap-Geschichte hinterlassen?
Eine positive. Ich will ein Rapper sein, der einen positiven Einfluss nicht nur auf Rap, sondern auch auf die ganze Welt hat, besonders auf die Jugend. Ein positiver Einfluss und eine positive Person – das will ich sein.

Ist Lil B die Zukunft von HipHop?
Die Zukunft von HipHop, aber auch von ­Musik insgesamt. Ich respektiere die Kunst und ich respektiere die Menschen.
Swag!

Text: Oliver Marquart