J. Cole Interview

    J. Cole ist der normalste Junge der Welt. Aber einige sehr einflussreiche Menschen sehen in ihm mehr als das: Dr. Dre hält ihn für den vielversprechendsten Newcomer, Eminem für einen der besten jungen Lyricists und Jay-Z hat ihn als ersten Künstler auf seinem eigenen Label Roc Nation gesignt. J. Cole kann auf »normal« scheißen.

    Jermaine Lamarr Cole kommt aus Fayetteville, North Carolina – keine Metropole, keine Kleinstadt. Ganz normal. Er war seiner Mutter zuliebe immer gut in der Schule. Er wollte sie nicht enttäuschen. Sein Diplomzeugnis von der St. Johns-Universität in New York hängt eingerahmt in ihrem Wohnzimmer. Trotz der widrigen Umstände, denen sich Berufsanfänger in Zeiten der Finanzkrise stellen mussten, fand Jermaine nach seinem Abschluss einen guten Job im Praktikanten- und Lebenskünstler-Moloch New York. Für den Mittzwanziger der Beginn eines ganz normalen Arbeitslebens im Mittelstand.

    Doch J. Cole hatte immer einen anderen Plan. Ausgestattet mit einem außergewöhnlichen Talent für Rapmusik ging er nach New York, um dort entdeckt zu werden. Sein Studium war stets nur ein beruhigendes Argument für sein Umfeld. J. Cole wollte immer ein Star sein. Wie so viele andere. Im Gegensatz zum Rest scheint sein Plan jedoch aufzugehen. Nach seinem Gastauftritt auf Jay-Zs »The Blueprint III«, seiner gefeierten MixtapeReihe, der er kürzlich mit »Friday Night Lights« die Krone aufsetzte, einer gemeinsamen Europatour mit Drake und der Aussicht auf die baldige Veröffentlichung seines Debütalbums marschiert der 25-Jährige zielstrebig durch die Genre-Institutionen. Sein Mentor und größter Unterstützer Jay-Z hat recht: A star is born.

    J. Cole – Who Dat (Directed by BBGUN) from bbgun on Vimeo.

    Wie bist du in Fayetteville aufgewachsen?
    Es war großartig. Die Stadt ist nicht zu groß und nicht zu klein. Einfach perfekt. In meinem nächsten Leben würde ich dort wieder aufwachsen wollen. Fayetteville ist nicht annähernd so groß wie New York, auf der anderen Seite aber groß genug, dass immer was los war. Auf diese Weise bin ich mit allen Facetten des Lebens in Kontakt gekommen. Das ist das Gute an so einer Stadt. Ich kenne alle Spielarten des Lebens. Ich weiß, wie es ist, ganz arm zu sein, mit relativ wenig Geld auskommen zu müssen und irgendwann im Mittelstand anzukommen. Das Einzige, das ich nicht kenne, ist es, reich zu sein. Ich hatte immer auf der einen Seite Freunde, die absolute Streber waren und bin auf der anderen Seite mit Leuten rumgehangen, die von der Schule nichts wissen wollten. Ich habe einen Uni-Abschluss, aber mein Bruder zum Beispiel hat die Schule sehr früh abgebrochen und ist auf die schiefe Bahn geraten. Ich habe viel mitbekommen – Gutes und Schlechtes. Das hat mir Fayetteville ­ermöglicht.

    Du bist als Army-Kind in Frankfurt geboren und in Fayetteville, einer der größten Army-Bases überhaupt aufgewachsen. Hast du jemals überlegt, selbst in die Army einzutreten?
    Ob du es glaubst oder nicht, obwohl ich immer gut in der Schule war, habe ich darüber nachgedacht. Die Army hat einen sehr starken Einfluss. Die Verlockung ist groß.

    Für viele junge Menschen deines Alters ist die Army oft die einzige Option.
    Absolut. Nur leider wird den Leuten etwas vorgemacht. Ich habe das hautnah miterlebt. Wie sie die Leute rekrutieren, ist schrecklich. Natürlich ist es für viele Kids die einzige Option, aber in mindestens genauso vielen Fällen ist es das nicht. Die meisten Kids haben viel mehr Potenzial. Das Militär fährt aber mit den dicksten Autos in die armen Wohnviertel und verkauft einen ganz bestimmten Lifestyle. Unterschwellig gaukeln sie den Menschen da einen Lifestyle vor, von dem sie genau wissen, dass die Kids darauf anspringen. Ein Großteil meiner Bekannten, die zum Militär gegangen sind, hat sich von ihrem ersten Lohn direkt nach der Grundausbildung ein dickes Auto gekauft. Und so kommen sie an ihren ­Nachwuchs.

    Zu Beginn hast du ­Musik nur für dich alleine in deinem Zimmer gemacht. Wie bist du mit deiner Kunst nach draußen gegangen?
    Ich stand schon immer in irgendwelchen Cyphers. Schon mit 13 oder 14 Jahren. Ich hab schon immer mit anderen während den Football-Spielen gerappt. Ich stand also immer schon in einem Kreis von etwa 20 Leuten, was ja eigentlich schon ein kleines Konzert ist. Da habe ich sozusagen meine erste Bühnenerfahrung gesammelt, indem ich die Eier hatte, meine Reime in der Cypher vorzutragen. Durch meine damaligen Mentoren Bomb Shelter, die für mich damals die Allergrößten waren, hatte ich die Chance, auf den lokalen Bühnen aufzutreten. Dort haben sie bei ihrer Show junge Newcomer auf die Stage gelassen. Da war ich gerade erst 14. Ich habe mir vor Angst fast in die Hose gemacht, hab mich aber getraut, vor den ganzen Leuten zu rappen. Während meiner Zeit auf der Uni bin ich immer wieder auf dem Campus bei Talentshows aufgetreten. Meine Klassenkameraden wussten zu der Zeit überhaupt nicht, dass ich rappe.

    Zu welchem Zeitpunkt hast du denn die Musik zum ersten Mal ernsthaft als ­Karriereoption erwogen?
    Ich hatte schon immer recht konkrete Pläne für meine Rap-Karriere. Ich weiß noch, wie ich mit 13 Jahren die gebührenpflichtige Nummer von No Limit Records angerufen und mehrmals auf dem Anrufbeantworter Nachrichten mit Ideen für Songs und Videos hinterlassen habe. Ich habe schon in dem Alter alles versucht, um an Kontakte zu kommen und auch schon den Plan gehabt, es mit Rap zu schaffen. Mit 16 habe ich ganz konkret den Entschluss für mich selbst gefasst, weil ich gemerkt habe, dass ich einfach mehr Talent beim Rappen hatte als die anderen.

    An der Titelwahl für deine Mixtapes merkt man, dass du immer sehr geplant an deine Karriere gehst. Woher wusstest du, dass eine konkrete Planung wichtig ist?
    Ich bin einfach meinem Instinkt gefolgt. Um ehrlich zu sein, hatte ich ja nie einen so konkreten Plan. Viel mehr als den Wunsch, nach New York zu gehen und es dort zu schaffen, hatte ich ja nicht. (lacht) Das war mein Plan. Ich bin davon ausgegangen, dass mir alles durch mein Talent einfach so zufallen wird. So war es dann natürlich überhaupt nicht. Klar, ich hatte einen Plan: Ich gehe nach New York und werde gesignt. Ein ziemlich dummer Plan eigentlich. Wenn ich strategischer vorgegangen wäre, hätte ich es vielleicht früher geschafft. Eigentlich ist keiner meiner Pläne aufgegangen. Ich habe angefangen selbst zu produzieren, damit es mit meiner Karriere vielleicht über den Produzentenweg bergauf geht. Das hat ja auch nicht geklappt. Als ich stundenlang auf Jay-Z gewartet habe, um ihm meine CD zu geben, musste ich mich auch geschlagen geben. Er kam einfach nicht. Das Einzige, was schlussendlich funktioniert hat, war meine Musik. Meine Musik hat mich dorthin gebracht, wo ich jetzt bin. Ganz ohne Plan.

    Woher kommt denn dein Selbstbewusstsein?
    Von meiner Mutter. Mir war das über die Jahre ja auch nie bewusst. Aber wenn ich jetzt zurückblicke, merke ich auch, dass ich ziemlich überzeugt von mir gewesen sein muss, um es so weit zu schaffen. Oder zumindest so zu tun. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass mir alle Türen in der Welt offen stehen und dass sie immer einhundert Prozent hinter mir stehen wird, egal was ich vorhabe. Sie hat immer an mich geglaubt. Das hat mir die Kraft gegeben, nach New York zu gehen und es dort als Rapper zu versuchen.

    Das wäre sicher anders gewesen, wenn du nicht mit guten Noten nach Hause gekommen wärst.
    Das stimmt. Sie konnte sich einfach immer sicher sein, dass ich in allem, was ich tue, mein Bestes gebe, auch in der Schule. Nur deswegen konnte sie so sehr an mich glauben. Sie hat mich immer unterstützt.

    Du hast mal erzählt, dass dich in der Vergangenheit gefährliche Situationen immer magisch angezogen haben.
    Ja, ganz komisch. Ich bin ganz offensichtlich kein Gangster oder Thug, aber im Gegensatz zu allen anderen bin ich als Jugendlicher nicht sofort vor brenzligen Situationen geflüchtet. Wenn es Stress gab, hat mich das immer magisch angezogen. Ich wollte immer genau wissen, was abgeht. Wahrscheinlich aus reiner Neugierde. Es ist sehr oft passiert, dass jemand während eines Streits auf einmal eine Knarre in der Hand hatte. In dieser Situation sind natürlich alle in Panik geraten und weggerannt. Ich bin aber wegen meiner übertriebenen Neugier immer geblieben. Mit diesen Situationen hatte ich immer nur am Rande zu tun. Ich war nie ein Teil davon. Mit Waffen hatte ich nie was am Hut. Aber diese Dinge waren in Fayetteville an der Tagesordnung. In den Kreisen, in denen ich mich dort bewegte, konnte das immer wieder vorkommen. Das passiert einfach, wenn Jugendliche in dem Alter in diesem Umfeld aufwachsen. Ich hatte insofern immer damit zu tun, weil ich diese Situationen studiert und analysiert habe. Ich wollte das alles eben verstehen und nicht davor wegrennen. So was hat mir nie Angst gemacht. Ich wollte sehen, was passiert. Nicht, weil ich es cool fand. Es war, als ob ich die Szene als dritte unbeteiligte Person von oben beobachtete. Obwohl ich mittendrin war. Ich habe keine Ahnung, wieso ich stets diesen Drang verspürt habe. Interessant ist, dass ich so auch an meine Texte herangehe. Genau so rappe ich auch. Ich erzähle meine Geschichten in der dritten Person. Als ob ich über den Dingen stehe und immer auch das große Ganze im Blick habe.

    Ich hoffe, du fasst das nicht als Beleidigung auf, aber eigentlich personifizierst du das Bild eines ganz ­normalen jungen Mannes.
    Ja, das stimmt. Genau diese Person bin ich. Und genau davon profitiere ich auch enorm. Weil ich genau so bin, wie der ganz normale HipHop-Hörer. Mit mir können sich die Zuhörer identifizieren. Viel mehr als mit den ganzen Supergangstern, die es in der Vergangenheit gab. Wie viele Leute gibt es denn auf der Welt, die so leben?

    Viele Zuhörer wollen aber doch gerade das hören. Rap über das alltägliche, normale und meistens langweilige Leben finden sie doch ­uninteressant, oder?
    Ich bin davon überzeugt, dass ich diese Sichtweise widerlege. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass man eben nicht zwangsläufig übertriebene, groß ausgeschmückte oder super rebellische Texte benötigt, um guten Rap zu machen. Meine Inhalte sind für viele nachvollziehbar. Es sind Emotionen aus dem echten Leben. Ich bin der Meinung, dass man die Zuhörer am besten über Emotionen und Gefühle ansprechen kann. Ich muss nicht davon rappen, wie ich meine Freundin umbringe oder tausend Kilo Koks verticke. Meine Raps handeln von Dingen, die jeder kennt, aber keiner so gut auf den Punkt bringen kann wie ich. Das ist mein Talent. Weil ich so ein durchschnittlicher Typ bin und nicht behaupte, irgend­etwas anderes zu sein, weiß ich genau, womit sich die Leute da draußen tagtäglich rumschlagen müssen. Genau damit muss ich mich auch täglich herumschlagen. Und genau darüber schreibe ich.

    In deinen Anfangstagen hast du unter dem Namen­ ­Therapist deine Musik im Internet veröffentlicht.
    Diesen Namen haben sich meine damaligen Mentoren ausgedacht – ich habe ihn nie wirklich gemocht. Jetzt denke ich mir aber, dass der Name eigentlich zu mir und meiner Musik passte. Ich kann mit meiner Musik den Zuhörern helfen, wenn sie durch harte Zeiten gehen oder Probleme haben. Mein Rap kann dir darüber hinweg helfen.

    Trotz deines Selbstbewusstseins hast du dennoch nicht an die große Glocke gehängt, dass du rappst.
    Ja, ich hatte eigentlich immer zwei verschiedene Leben. Auf der einen Seite waren da meine Rap-Freunde, die natürlich über mich Bescheid wussten, weil ich mit ihnen ja auch immer in der Cypher stand. Aber dann waren da eben noch die Leute in der Schule, die keine Ahnung hatten. Mit denen habe ich nie darüber gesprochen. Ich habe zwar Texte in der Schule geschrieben, aber meine Rap-Leidenschaft für mich behalten. Das war wie bei Batman. Tagsüber in der Schule war ich Bruce Wayne, aber wenn ich dann abends auf irgendeine Bühne oder ins Studio konnte, wurde ich zu Batman. Ich hab es geheim gehalten, weil zu der Zeit alle gerappt haben. Und dazu haben sich alle Leute irgendwelche Lügengeschichten einfallen lassen. Ich weiß noch, wie mir ein Typ auf dem Schulhof erzählte, dass er gerade einen Deal mit Universal unterschrieben habe. Einfach so. Der wollte mir auf dem Weg zur Mittagspause in der Schul-Cafeteria ­erzählen, dass er gerade von einem Major gesignt wurde. Ich weiß noch, wie sich die Leute darüber lustig gemacht haben und wie peinlich es mir war, dass ich mit so einem Idioten rumhing. Ich habe mir daraufhin geschworen, niemandem davon zu erzählen, dass ich rappe. Weil ich mich nicht so lächerlich machen wollte wie der Typ. Ich wollte nicht von irgendwelchen Sachen labern, für mich sollten Taten sprechen.

    Du bist gerade von ­einer großen College-Tour ­zurückgekommen. Wie war es für dich, auf der Bühne zu performen? Vor nicht allzu langer Zeit standest du selbst im Publikum.
    Es war super und zeigt wieder, das tatsächlich alles möglich ist. Vielleicht gibt mein Auftritt einem Jungen im Publikum die nötige Motivation, es selbst zu schaffen. Ich will den Leuten zeigen, dass ich ein ganz normaler Typ bin, der eben nur ein außergewöhnliches Talent für Rap hat. Ich will ihnen vorleben, dass du ohne Probleme zur Schule oder auf die Uni gehen und gleichzeitig Rapper sein kannst. Wenn du Talent hast, dann musst du nicht dem herkömmlichen Schema folgen, um es zu schaffen. Wenn mich jemand auf seiner Schulbühne performen sieht, ich vielleicht sein Lieblingsrapper bin und im gleichen Augenblick zeigen kann, dass ich vor wenigen Jahren genau an seiner Stelle stand, dann bin ich stolz. Dann habe ich es geschafft. Ganz ohne eine Story wie Jay-Z oder Young Jeezy.

    Wenn es perfekt läuft, wie wird deine weitere Karriere aussehen?
    Die Zahl meiner Underground-Fans hat, glaube ich, gerade ihr Maximum erreicht. Jetzt würde ich gerne auf die gleiche Weise eine Mainstream-Fangemeinde aufbauen. Einen übertriebenen Nummer-eins-Charterfolg muss ich gar nicht haben. Dadurch gewinnst du nämlich keine echten Fans. Diese Hörer finden dich heute gut, morgen aber schon jemand anderen. Ich würde gerne langsam, aber sicher die Leute für mich gewinnen, die ganz normal Radio hören und Platten kaufen, wenn sie einen Song wirklich mögen. Deswegen war »Who Dat« auch keine Pop-Single, sondern ganz bewusst ein Rap-Track. Ich will meine Fanbase ganz langsam aufbauen. So kann ich mir ein solides Fundament erarbeiten und noch in zehn Jahren davon profitieren. In 15 Jahren will ich es mir dann an der Spitze gemütlich machen.

    Welchen Plan hat denn die Marketing-Abteilung von Roc Nation für dich?
    Geschäftlich sehen die Leute von Roc Nation genau das Gleiche in mir wie ich selbst. Sie sehen in mir einen großen Star. Sonst hätten sie mich nicht unter Vertrag genommen. Aber wie ich schließlich vermarktet werde, entscheiden wir nicht in irgendwelchen Meetings. Ich überlege mir eine Strategie und erlaube Roc Nation, mir bei der Durchführung dieses Plans zu helfen. Meine Fans habe ich mir selbst mit Hilfe meiner Musik erarbeitet. Roc Nation ist wunderbar und sie machen unglaublich gute Arbeit, aber für mein Marketing bin ich alleine verantwortlich.

    Was bedeutet denn Erfolg für dich?
    So wie ich Erfolg für mich ­definiere, werde ich in den nächsten zehn Jahren noch nicht viel davon sehen. Viele würden vielleicht sagen, dass ich jetzt schon erfolgreich bin. Aber ich selbst finde, dass ich noch weit davon entfernt bin, Erfolg zu haben. Vielleicht werde ich mir mal kurz selbst auf die Schulter klopfen, wenn das Album kommt und sich gut verkauft. Aber ob ich wirklich erfolgreich werde, wird sich vielleicht in fünf Jahren zeigen. Wenn ich dann auf drei oder vier Alben zurückblicken kann, als Produzent bei den größten Künstlern Respekt genieße und man mich zu den besten Rappern zählt, dann können wir noch einmal über Erfolg sprechen. Ich habe langfristige Pläne.

    Text: Alex Engelen
    Fotos: Kike