Lange Wege und Monster-Line-up: Das war das Dour Festival 2018 in Belgien // Review

Das Dour Festival in Belgien schreibt sich auf die Fahne, mit Musikfans aus aller Welt fünf Tage lang eine internationale, genreübergreifende Party zu feiern: Techno, Punk, Jazz, HipHop, alles unter sieben Zeltdächern. Das Konzept geht zumindest beim Line-up vollends auf.

Man kann die in den Himmel ragenden Turbinen der Windmühlen schon sehen, als die klapprige Regionalbahn in den kleinen Bahnhof von St. Ghislain einfährt. There we are, Dour Festival. Wobei, noch nicht ganz. Etwa fünfzig weitere Festivalbesucher tummeln sich auf dem Bahnhofsvorplatz und warten auf den nächsten Shuttle, der sie Richtung Dour bringen soll, dem gleichnamigen, noch kleineren Dörfchen direkt neben dem Festivaleingang. Als wir dort ankommen, sind wir zwar etwas orientierungslos, aber froh. Aber von vorne.

Das Dour Festival in Belgien hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Am 16. September 1989 öffnete das Festival für alternative Musik erstmals die Pforten, seitdem zieht es bis zu an fünf Festivaltagen jeweils bis zu 50.000 Besucher in das kleine Örtchen nahe der französischen Grenze. Die Vorzeichen stehen gut. Schon die Hinfahrt lässt erahnen: Man sollte Zeit mitbringen. Vom Flughafen in Brüssel geht es in besagtem mobilen Stahlcontainer bei siedenden Temperaturen und einem Quadratmeter Platz pro Person circa 2 Stunden in die belgische Provinz. Der Zug ist voll, neben uns öffnen drei französischsprachige Jungs das erste Bier: »Douuureeeh!« Es wird nicht das letzte Mal sein, dass dieser kollektive Schlachtruf ertönt. Eine erste Festivalpublikumsanalyse ergibt: Der durchschnittliche Dour-Besucher ist kein internationaler Mittzwanziger, sondern ein französischsprachiger Teenager. Das Publikum ist jung, jünger als erwartet. Gemeinsam mit einer Horde vollbepackter Teens quetschen wir uns also in den Bus, der in der Folge menschenleere Landstraßen durchquert und sich durch enge Provinz-Dörfchen manövriert. Außer dem Dour Festival einmal im Jahr scheint hier nicht allzu viel zu passieren.

»Dour« heißt im Englischen so etwas wie »mürrisch«, und so begegnet uns der erste Ordner auch, als wir aus dem Shuttle steigen und uns nach dem Weg erkundigen – auf Englisch. Nächste Vorahnung: Wir hätten für den Dour-Trip wohl besser unsere Französisch-Skills auffrischen sollen. So irren wir vollgepackt einige Zeit umher, bis wir den Presseeingang finden. »Ici?« »Ouais, ouais, ici« – Englisch spricht hier keiner, deshalb vertrauen wir blind. Nach einigen gestenreichen Unterhaltungen wissen wir, wo es langgehen soll: The Village, eine Komfort-Enklave mit wohnlichen Schlafmöglichkeiten wie Zelten, größeren Zelten, Hütten und mobilen Mini-Hotelzimmer. Der Weg dorthin führt uns zur nächsten Vorahnung: Unsere Spaziergänge übers Festivalgelände könnten sich ziehen. Gut 25 Minuten zählt der Weg zu unserer Hütte, gebeutelt von den Reisestrapazen und beladen mit Gepäck sorgt das für keine Jubelsprünge. Dem Enthusiasmus der restlichen Besucher scheint das keinen Abbruch zu tun, in großen Gruppen schieben sie ihre Bierpaletten vor sich hin: »Dooouureeeh!« Das Dorf verspricht Lowkey-Luxus mit Duschen, Ladestationen für mitgebrachte Elektronik und frischem Kaffee an der Frühstücksbar. Well, die Realität gestaltet sich dann doch etwas anders: Wer nicht vor 9 Uhr an der Kaffeebar steht, wartet. Wer nicht vor 9 Uhr morgens duscht, wartet ebenfalls. Sobald man es dann unter das kühle Nass geschafft hat, merkt man, dass man sich eher unter einem heißen Thermalwassserbrunnen wiederfindet, den man nach spätestens fünf Minuten wieder verlassen muss, weil sich der Körper auf Maximaltemperatur aufhitzt. Gestandene Festivalbesucher halten das aus, zumal man sich gar nicht ausdenken will, wie groß der Andrang an den »normalen« Duschen aussieht. Das Festival Hut ist eine knapp 9 Quadratmeter große Holzhütte mit zwei Stockbetten, grade groß genug, um sich darin umzuziehen und zu schlafen. Die Seitenwände lassen sich öffnen, sodass man den Nachbarn direkt morgens mit einem lauwarmen Bier zuprosten kann. Komfortabel ist das nicht, besser als ein Zelt allemal.

Seite 2: »Are you reaaadaayyyy?!!«

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