»Kunst und Kopfkrieg« mit Mauli: »Es wurde mir zuwider, diese Tracks aufzuführen« // Interview

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Foto: WeFlyHigh

Hast du schonmal eine Therapie gemacht?
Nein. Ich hatte das Glück, immer Leute um mich herum zu haben, mit denen ich reden konnte. Wo ich das Gefühl hatte: Das ist gerade ehrlicher, als jemanden dafür zu bezahlen.

Die beste Therapie sind für mich Aufenthalte in der Natur. Was hast du für Erfahrungen damit?
Meine Eltern sind getrennt, seit ich drei bin. Wenn ich am Wochenende bei meinem Vater war, hat er gegoogelt, wo es einen verlassenen Bunker oder sowas gibt. Wir sind dann in den Wald gefahren, dorthin gewandert und haben uns den angeguckt. Wir waren viel an Seen. Auf langen Autofahrten haben wir Halt in der sächsischen Schweiz gemacht. Das habe ich von ihm übernommen und lebe es jetzt selbst so. Man fährt an einen möglichst abgelegenen Platz und genießt dort die Ruhe. Am besten hat man jemanden dabei, mit den man reden kann oder der die Ruhe mit einem gemeinsam genießt. Es geht vielen Leuten in der Stadt so, dass sie raus aus der Hektik wollen. Hör mal diesen Geräuschpegel hier. Dass Menschen sich daran gewöhnt haben, in einem vollen Café überhaupt ein Gespräch führen zu können, ist krass. Bis ich 20 war, bin ich in einem Berliner Vorort aufgewachsen, Hohen Neuendorf. Natürlich habe ich jeden Moment genutzt, um in die Stadt zu fahren. Aber ich konnte immer zurück, in unseren riesigen Garten, in den die Sonne schien. Das ist eigentlich alles, was du brauchst. Um dich herum Ruhe und grüne Pflanzen. Dann denkt man auch völlig anders über sich selbst nach. Wie geht es mir eigentlich gerade? Was habe ich für Gedanken, was beschäftigt mich? Warum geht es mir an einem Tag gut, am anderen nicht? Die Kunst, die mich wirklich berührt, setzt sich mit diesem Innenleben auseinander, mit Gefühlen. Die Songs, die mich wirklichen berühren, handeln von Liebe und Tod, vom Leben.

»Glaubst du die erste Million beendet die Herbstdepression?«

MAULI AUF »STURM«

Steile These: Das moderne Leben macht uns krank.
Ja, es ist gegen die Natur gerichtet. Wie viele Generationen von schwerreichen Leuten, die mit Mitte 50 sterben, braucht es wohl, bis wir das erkennen. Vielleicht geht es dir besser, wenn du schon reich geboren wirst. Aber wenn du es dir erst erarbeiten musst und denkst: Ich bin in meinen Zwanzigern, in meinen Dreißigern, jetzt muss es losgehen, damit ich mit 40 chillen kann. Mit 40 heißt es dann: Dranbleiben, dranbleiben! Das ist kein Marathon, sondern ein Dauersprint. Das Schlimmste, was du deinem Körper antun kannst. Ich sehe Selbstoptimierung und Wachstum sehr zwiegespalten. Der Grundgedanke hat einen guten Kern. Wenn du spanisch und russisch sprechen möchtest, ist es erstrebenswert, sich darin zu optimieren und aktiv daran zu arbeiten. Das macht dich nicht krank, das gibt dir etwas. Aber nur dem Geld hinterherzurennen, gibt dir nichts zurück. Absicherung ist toll, nimmt dir viele Sorgen. Wenn man es aber aus einer höheren Perspektive betrachtet, sind diese Sorgen konstruiert. Das Finanzsystem, das Steuersystem, der freie Markt wurden sich eines Tages von Menschen ausgedacht. Das System liebt Schulden. Als ich das erste Mal eine riesige Steuerrechnung bekommen habe, sagte mir ein guter Freund: Du musst Schulden haben. Es funktioniert so, ist so gewollt. Das Ziel ist nicht, dass du ständig im Plus bist.

Zur Zeit herrscht ja eine ziemliche Weltuntergangsstimmung. Dabei brauchen wir doch Mut, neue Visionen zu denken, wie wir in Zukunft auf diesem Planeten miteinander leben wollen.
Es muss sich zuspitzen, bevor etwas Neues kommt. Man braucht Druck, bis man sein Leben neu ausrichtet. Anfang der Neunziger dachten wir: Der kalte Krieg ist vorbei, alles ist relativ gesettled. Wir können vor uns hinleben, am Wochenende mal etwas Verrücktes unternehmen und tagsüber wird gearbeitet. Es ist meine kindliche Erinnerung, aber ich habe den Eindruck die Pre-9/11-Zeit war total laissez-fair. Es gibt keinen Grund, sich zu beschweren. Nach 9/11 kam die Angst zurück. Oh, der hat einen Bart und schwarze Haare, ich fühle mich nicht mehr sicher hier. Es hat total dazu beigetragen, dass Menschen den Teufel an die Wand malen. An wie vielen Arabern läufst du vorbei, ohne dass eine Bombe explodiert? Mein ehemaliger Schwiegervater war zum Beispiel ein schlauer Typ. Aber er hat den ganzen Tag ausschließlich ARD und ZDF konsumiert. In diesen Nachrichten wurde ihm suggeriert: Vorsicht vor den Ausländern. Berlin kann man nachts nicht mehr betreten. Diese täglichen Meldungen: Hier wurde jemand zusammengeschlagen. Da gab es einen Terroranschlag. Das hat etwas mit ihm gemacht. Das kann natürlich schnell umschlagen in: Glaub den Nachrichten nicht, alles Lüge und am Ende bist du bei den Illuminaten, die alles lenken. Das ist auch bescheuert. Aber ich glaube, dass Nachrichtensendungen überhaupt nichts daran liegt, etwas Konstruktives zur Gesellschaft beizutragen. Die Zeitung am Tag ohne Anschlag verkauft sich schlechter als die am Tag am nach dem Anschlag. Nach 9/11 war sie bestimmt nach einer halben Stunde vergriffen.

»Manchmal ist die ganze Woche
Ein komplettes Déjà-vu
Lauf’ durch den Tag wie durch ein Spiel
Denk’, es ist alles simuliert«

MAULI AUF »MANCHMAL«

Wenn es eine Lösung gibt, wobei es nicht die eine Lösung oder Wahrheit gibt, liegt sie in dem, worüber wir zu Beginn sprachen. Ich glaube fest daran: Wenn ich etwas tue, geht der Impuls über die ganze Welt. Und ich kann mich entscheiden, ob ich konstruktiv oder destruktiv bin. Wir haben eine Wahl und es gibt so etwas wie ein Kollektivbewusstsein. Wie oft hast du eine Idee und denkst dir: Müsste ich machen! Und du machst es nicht. Ein halbes Jahr später hat jemand anderes sie umgesetzt. Das ist auch etwas Gutes. Leider krankt HipHop an der Attitüde: Wir haben es doch erfunden! Wenn ihr nicht auf meine Idee aufbauen würdet, könntet ihr nicht machen, was ihr jetzt tut. Aber offensichtlich war es deine Aufgabe, etwas zu erschaffen, worauf andere aufbauen können, worauf wieder andere aufbauen können. Unendlich, unendlich.

Warum wird Esoterik als Hirngespinst abgetan?
Es hat einen schlechten Ruf. In Comedyprogrammen und Filmen geht es oft darum. Guck mal, die Esos zünden sich Räucherstäbchen an und dann essen sie bestimmt auch kein Fleisch, haha, schwul! Ein sehr altes Narrativ, das immer und immer wieder bespielt wird. Wenn man wie du auch begreift, dass der Mensch telepathische Fähigkeiten und das Leben eine spirituelle Komponente hat, denkt man sich dann: Am besten spreche ich es nicht direkt aus, wenn ich jemanden Neues kennenlerne. Weil man diese Vorurteile kennt.

Foto: WeFlyHigh

Man setzt es mit einer Art Weltflucht gleich. Das Philosophieren über solche Themen wird auch gerne mit dem Kiffen assoziiert.
Es wird leider sehr schnell eine Ersatzbefriedigung. Ich rauche schon seit einer längeren Zeit nicht, aber eher wegen meines Führerscheines und weil ich wusste, dass ich Vater werde. Ich weiß genau, wenn ich wieder rauchen werde, werde ich denken: »Es hat die ganze Zeit gefehlt! Jetzt sehe ich alles klar! Meine Gedanken verknüpfen sich anders als sonst!« Und nach zwei, drei Malen denkt man schon: Nach dem Aufstehen einen Joint, warum nicht? Ich glaube nicht mal an den Drang, sich zu betäuben, das ist mir zu einfach. Es geht ums Belohnungssystem. Ich habe freien Zugang zu einer besonderen Erfahrung, dem High. Warum nicht jetzt? Nicht widerstehen können, führt schnell dazu, nicht mehr aus dem Bett zukommen und noch eine Serienfolge gucken. Warum soll ich mir die Belohnung nicht sofort holen? Man verlernt, Nein zu sagen. Sachen jetzt zu machen.

Wir sind halt auf Konsum gedrillt. Die Pornoindustrie zielt auf dieselbe kurzfristige Triebbefriedigung ab.
Ich finde es absurd. Sex sells, es ist überall. Und trotzdem ist es tabu. Ich habe neulich ein Interview mit einer ehemaligen Prostituierten gesehen. Sie sagte auf die Frage, wie sie da wieder rauskam: »Ich hatte ein G-Punkt-Erlebnis außerhalb der Pornoindustrie. Das wirst du im Puff nie haben, weil es da nicht dieselbe Vertrautheit gibt. Also bin ich abgehauen. Ich wollte richtigen Sex haben.« Meine erste Reaktion war: »Wie absurd! Sie sitzt im Fernsehinterview und redet über ihren G-Punkt.« Wie tabu es ist, so etwas auszusprechen. Und wie viele Pop-Up-Werbungen ich gleichzeitig bekomme, wo eine nackte Frau mich zum Kaufen verleiten soll. Der neue Handyvertrag. Guck mal diese geile Olle an. Unterwäsche. Klamotten, so knapp wie möglich. Man kann sich den ganzen Tag Pornos reinziehen. Warum sollte man sich jetzt noch die Mühe machen, sich wirklich auf einen Menschen einzulassen und ihn über mehrere Wochen kennenzulernen?

»Ich war nur mit dir/
Dacht’, ich würd’ es immer bleiben
Doch hab’ mich überdosiert/
Denn ich musste übertreiben
Jetzt sag’ ich dir/
Entgifte mich, entgifte mich, entgifte mich«

MAULI AUF »DETOX«

Ich finde es auch absurd, dieses Thema auszuklammern, wenn man von mentaler Gesundheit spricht. Sexualität ist doch der Inbegriff von Lebensfreude. Wenn wir uns darin wirklich als Menschen begegnen.
Ich bin in einer Zeit großgeworden, da waren Pornos zumindest in meiner Kindheit nicht überall und permanent zugänglich. Ich stelle es mir für die Kinder von heute sehr schwierig vor. Die Pornos wurden über die Jahre auch nicht softer. Dann überlegen die sich mit 16, wer aus meiner Klasse hat wohl den schwächsten Würgereflex? Das sind ja reale Zustände. Und es führt sicher nicht zu einem erfüllten Sexleben.

Foto: Mandarinka

Wie schafft man es, zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht und gesund zu halten?
Gute Frage. Indem man nicht einfach beim ersten Streit wegrennt, oder sich abwendet und verurteilt. Indem man die andere Perspektive einnimmt und sie nachzuvollziehen versucht. Empathisch sein. Sich überlegen: Warum handelt diese Person so bzw. warum handelt sie nach ihren Mustern? Und nicht: Du bist immer und ausschließlich so! Das gilt für Freundschaften und Liebesbeziehungen. Es ist wichtig, miteinander zu reden und sich gegenseitig zu erzählen, warum man überhaupt provoziert war, zu streiten. Dann kann man sich gemeinsam fragen, wie man daran wächst. Ansonsten wird man immer wieder an denselben Punkten scheitern. Genauso kann man sich erlauben, sich mit jemandem mal nicht zu verstehen und den Kontakt zu beenden.

Was bedeutet Kunst für dich? Spart sie dir den Therapeuten?
Musik an sich ist auf jeden Fall ein Ventil. Aber sie war nie Therapie für mich. Ich bin in einer Beziehung, in der ich den ganzen Tag über alles sprechen kann. Bei mir staut sich nie etwas so lange auf, bis ich denke: »Ich muss das jetzt in diesem Track verarbeiten, sonst werde ich krank!« Was soll man zur Kunst sagen? Kunst ist etwas Wunderschönes und man sollte sich wieder bewusst machen, dass vieles Kunst ist. Man kann es mit Stolz über sich erzählen, wenn man Kunst macht. Ohne sich zu schämen, wenn andere Leute dich dafür verurteilen. Das Ziel ist doch, Kunst zu machen, im Bewusstsein, was einem daran wichtig ist. Was man hineinfließen lässt. Dann ist es Kunst. Darum sollte es gehen, nicht um die Frage, wer den geilsten Gossip am Start und die letzten Klick-Rekorde gebrochen hat.

Interview: Laurens Dillmann

In seiner Reihe Kunst und Kopfkrieg spricht Laurens Dillmann mit Künstlern und Künstlerinnen über Ruhm, Depressionen und Wege aus der Krise. Er bietet Waldbaden auf Spendenbasis an. In seiner Reihe »Mach`s weg« interviewt er Menschen aus dem Gesundheitswesen.

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