Kunst & Kopfkrieg: Curse über Glaubensfragen und ansteckende Freude // Interview

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Als ich Curse – Rapper, systemischer Coach, Podcaster, Buchautor, Buddhist, Kum-Nye-Yoga-Lehrer, Suchender – für ein Kunst&Kopfkrieg-Interview anfrage, schreibt mir seine Managerin: »Wir würden das Thema, das du hier ansprichst auch gerne näher beleuchten, denn Curse erreichen seit seiner Arbeit im Bereich Meditation und rund um den Podcast (Meditation, Coaching & Life) und sein Buch (Stell dir vor, du wachst auf: Die OOOO+X Methode für mehr Präsenz und Klarheit im Leben) viele sehr berührende Emails von Menschen mit mentalen Problemen. Seine Arbeit kann natürlich nur bis zu einem gewissen Grad einen kleinen Beitrag leisten.« Zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie-Verkündung treffen wir uns handschlaglos in einem Berliner Café und besprechen: Was kann jeder selbst tun, um gesund zu sein und zu bleiben? Welche Rolle spielen Glaube und Wissenschaft in Bezug auf unsere Ängste?

Was für Nachrichten bekommst du bezüglich deiner Arbeit und wie gehst du damit um?
Curse: Ich bekomme nicht jeden Tag hunderte Nachrichten, aber mindestens eine oder zwei. Von Leuten, die sich über meinen Podcast oder mein Buch an mich wenden. Viele schreiben mir sehr persönliche, intensive Geschichten. Und sie suchen und brauchen ganz konkret Hilfe.

Dadurch merke ich, dass es sehr viele Menschen gibt, denen bewusst ist, dass sie Dinge mit sich herumtragen, die sie für sich alleine nicht auflösen können. Dadurch merke ich ebenfalls, dass es offenbar nicht genug Normalisierung für das Thema mentale Gesundheit gibt. Ganz klar, wenn mir der Fuß weh tut oder ich Schnupfen habe, gehe ich zum Arzt. Bei mentaler Gesundheit haben wir bereits riesige Schritte nach vorne gemacht, aber es ist noch immer stigmatisiert. Wenn mir der Fuß weh tut, kann ich nichts dafür. Wenn ich allerdings ständig traurig bin, unter Depressionen und Angstzuständen leide, geht das oft mit dem Gefühl einher: Mit mir stimmt etwas nicht. Irgendwie bin ich falsch. Da ist die Hemmschwelle größer, sich jemandem anzuvertrauen, den man nicht kennt.

Auf der einen Seite finde ich es schön, dass Menschen offen darüber reden. Auch wenn es über eine Email ist, die nur an mich geht. Trotzdem ist es eine Öffnung. Ein Schritt nach draußen. Auf der anderen Seite merke ich, es gibt einen riesigen Bedarf, den ich nicht decken kann. Ich überlege bereits, was man da tun kann. Ich habe mit ein, zwei Psychologen gesprochen, ob man Netzwerke erstellen kann. Manche Menschen müssen ja Monate auf einen Therapietermin warten. Es gibt auch eine App namens »BetterHelp«. Also auch da, es tut sich etwas. Aber ich merke, der Bedarf ist krass.

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: https://www.116117.de/de/index.php
Berliner Akademie für Psychotherapie:
https://www.bap-berlin.de
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111
Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Depressions – und Suizidprävention: https://www.frnd.de

Du trägst durch deine Arbeit auch zum Normalisierungsprozess bei. Aber wie wirkt es auf dich, wenn die Menschen sich von dir persönlich Hilfe erwarten?
Bei den meisten Leuten lese ich nicht raus: Mach meine Krankheit weg. Oft schwingt mit: Ich will selbst etwas tun, weiß nur noch nicht was. Oft erzählen mir die Menschen von Dingen, die sie schon lange mit sich herumschleppen. Sie haben es bereits mit Meditation, Gesprächen mit Freunden etc. versucht. Und sie merken, es reicht nicht, nur ein Pflaster drüber zu kleben. In dem Coaching-Bereich – der ja ein wilder Westen ist, weil der Begriff nicht geschützt ist – erzählen viele vom Quick-and-Easy-Fix und viele suchen genau danach. Das eine Seminar, die eine Übung oder Morgenroutine, und danach läuft mein Business, ich habe den Traumkörper und die perfekte Beziehung. Aber diese Leute schreiben mir nicht. Denn ich biete keine Quick-Fixes an.

Welche Rolle spielt eine spirituelle Praxis beim eigenen Heilungsprozess? Warum kümmerst du dich um Andere und wie wird das zur Normalität?
Durch deine Reihe trägst du bereits viel bei. Stell dir vor, du veränderst das Leben eines Menschen. Wahnsinn! Stell dir vor, es sind zehn, 15, 30, 50. Weil diese Menschen auch wieder das Leben von anderen verändern können. Ich denke, jeder leistet den Beitrag, den er oder sie kann. Ich mache mir auch manchmal Gedanken: Ok, wie kann man es so klar wie möglich vermitteln? No Bullshit. Und dann lande ich eben bei den Methoden, die ich in meinem Buch oder in meinem Podcast bespreche. 

Tja, es wäre schön, wenn man eine Erleuchtungs-Bombe über die Welt abwerfen könnte und alles würde sich von alleine klären. Ich bin ja Buddhist und da wird immer betont – trotz all der Wunder die der Buddha angeblich vollbracht haben soll – dass du niemandem Erkenntnis geben kannst. Es ist unmöglich. Du kannst nur piksen, inspirieren, massieren. Einsicht und Erkenntnis – Aufwachen – ist ein persönlicher Prozess, eine persönliche Erfahrung. Jeder muss sich selbst auf den Weg dorthin machen. 

Dein Buch heißt: »Stell dir vor, du wachst auf.« Ich kenne diesen Aufwachen-Moment. Das Gefühl, jetzt ist alles anders und ich kann nicht mehr zurück. Hast du das auch erlebt?
Ja. Schon mehrmals. Es gibt viele kleinere und größere Momente des Aufwachens. Im Zen nennt man das Satori-Momente. Mini-Erleuchtungen. Nicht die große, schlussendliche Erleuchtung, nur Momente der Erkenntnis. Davon hatte ich mehrere, ja. Aber im Buddhismus wird oft vor der Gefahr gewarnt, zu denken, man wäre jetzt fertig oder angekommen. Ah, jetzt habe ich es gecheckt, in dieser Blase kann ich jetzt verweilen. Es kann so eine tolle Erkenntnis sein, dass du da tausende Leben drin verweilen könntest. Aber das ist es nicht. Ich denke, es sind einfach kleine Samen, die nicht mehr weggehen. Etwas Grundlegendes hat sich verändert. Und trotzdem haben wir Probleme, Ängste, und müssen unsere Miete bezahlen. Im Zen gibt es auch den Spruch: Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen. Weiter geht’s.

Glaubst du eigentlich an Gott?
Als Kind und Jugendlicher bis zum frühen Erwachsenenalter war ich sehr gläubig. Schon im Kindergarten habe ich zu Gott gebetet und hatte eine krasse Verbindung. Ich bin auch evangelisch konfirmiert. Aber mein Glaube hat sich als junger Erwachsener sehr verändert. Da habe ich mir ernsthaft die Frage gestellt, ob ich eigentlich Christ bin. Glaube ich, dass Jesus – wie es in der Bibel steht – der einzig wahre Sohn Gottes ist? Da habe ich echt ein Dreivierteljahr drüber nachgedacht. Und kam bei einem Nein raus. Ich glaube zwar, das Jesus existiert hat. Dass er ein krasser Dude und unglaublich inspirierend war. Und selbst wenn er nicht existiert hätte, ist er eine unglaublich inspirierende Geschichte und Archetyp. Ich schätze, respektiere und liebe das. Aber glaube ich der Doktrin? Nein. Also bin ich kein Christ und als logische Konsequenz aus der Kirche ausgetreten.

Viele Jahre habe mich immer intensiver mit der Frage beschäftigt, ob ich noch an Gott glaube. Da kam ich gar nicht zu einer finalen Antwort. Irgendwann ist mir einfach die buddhistische Praxis der Meditation begegnet. Buddhismus ist im klassischen Sinne keine Religion. Es geht nicht um Gott oder eine Schöpfungsgeschichte, sondern dadurch, über Selbsterfahrung die Natur aller Dinge kennenzulernen. Deswegen ist die Frage – Gibt es Gott? – für mich nicht mehr so relevant. Wenn er existiert – großartig! Wenn er nicht existiert – großartig! Für mich ist Raum für alles. In einem unendlichen Universum gibt es unendliche Möglichkeiten.

Foto: Robert Eikelpoth

Es gibt ein großes Interesse an spirituellen Themen, wie der Erfolg deines Podcast beweist. Was denkst du über diesen Trend?
Ich glaube auf jeden Fall, dass sich in Sachen Spiritualität in den letzten Jahrzehnten etwas geändert hat. Sie ist von den wallenden Gewändern und Batikhosen weg und mehr in die Yoga-Studios gewandert. Über den Begriff Achtsamkeit – anstelle von Meditation – kommt sie nun sogar neu verpackt in der Gesellschaftsmitte an. Das finde ich wundervoll und großartig. Wir befinden uns allerdings an einem Punkt, wo man es eher als schmückendes Hobby versteht, als dass wir wirklich davon durchdrungen werden. Mal schauen, was sich da tun wird. Als ich jünger war, dachte ich auch, dass das große Erwachen kommt. Das New Age und wir können bald alle levitieren (lacht). Mittlerweile beobachte ich zwar, dass sich die Gesellschaft öffnet, ich muss das aber nicht mehr die große Revolution nennen. Es sind alles kleine Schritte. Und so ist es auch gesünder. Jeder in seinem eigenen Tempo.

Für mich hieß »Aufwachen« die Erkenntnis, dass ich nicht nur die Fähigkeit zur rationalen Analyse habe, sondern auch Bauchgefühl und Intuition wahrnehmen kann, die mir teilweise ganz andere Antworten liefern.
Es ist mir selbst sehr wichtig, dass Methoden bodenständig, fundiert und belegbar sind. Das hilft mir, mich darauf einzulassen und Zugang zu finden. Unterm Strich muss ich die Sachen aber selbst erfahren. Wenn mir jemand von seiner tollen Methode erzählt, kann ich das nur nachvollziehen, wenn ich sie selbst – am besten regelmäßig – praktiziere. Wenn mich also theoretisches Wissen zur eigenen Praxis führt – super! Früher habe ich mich sehr viel mit Wissen beschäftigt und weil ich dachte, ich weiß es bereits, habe ich nicht praktiziert. Mein Paradigmenwechsel war also, nicht mehr zu wissen, sondern mehr zu praktizieren und zu erfahren. Die Erkenntnis ist meine subjektive Erfahrung der Wirkung auf mich selbst. Wie wissenschaftlich diese dann belegbar ist, wird dann sekundär. Ich erfahre sie einfach.

Ich habe mal ein schönes Beispiel von einem tibetischen Lama gehört, der gefragt wurde, warum sich Meditation über Tausenden von Jahre in Tibet gehalten hat. »Wir sind sehr praktische Menschen. Wenn wir nicht darauf achten, immer genug Essenvorräte zu haben, kommen wir in Lebensgefahr. Wir halten Yaks, die Temperaturen sind unter dem Gefrierpunkt, wir waren einst ein Kriegervolk mit klarer Lebensstruktur. Wenn also von uns jemand zwei Jahre in einer Höhle zum Meditieren verschwindet und transformiert wieder rauskommt, sagen wir: Das ist praktisch, das kann ich konkret anwenden.« Damals hat auch niemand Elektroden auf den Kopf dieser Menschen gemacht, um deren Hirnströme nachzuprüfen. Es war eine Erfahrung, die greifbaren Eindruck hinterlassen hat.

Oder das Beispiel vom Salz: Wenn du noch nie Salz geschmeckt hast, kannst du zur Salz-Universität gehen und alle Bücher über Salz lesen. Du kannst Chefchemiker werden oder alles über Kochen mit Salz wissen. In dem Moment, in dem du zum ersten Mal selbst Salz auf der Zunge hast, verändert sich deine gesamte Erfahrung und dein Wissen tritt in den Hintergrund. Wohingegen es Leute gibt, die dein gesamtes Wissen niemals angesammelt haben, aber genau wissen, wie Salz schmeckt.

Wenn über dich berichtet wird, heißt es immer wieder »er distanziert sich von Esoterik«.
Was ist eigentlich Esoterik? Das ist so ein böses Wort in Deutschland. Obwohl das Wort eigentlich nicht bedeutet, was wir damit meinen. Jegliche Form von Spiritualität wird darunter zusammengefasst. Räucherstäbchen, Kristalle, Aura lesen, Buddhismus, für die Leute ist das alles Esoterik. Eigentlich völliger Quatsch, ursprünglich heißt das Wort, »die Inneren Lehren«, Lehren, die nicht in der Öffentlichkeit verbreitet werden. Eigentlich also das komplette Gegenteil von dem, was wir damit meinen.

Was mir wichtig ist: Ich weiß, wie sensibel Menschen sind, die sich auf den spirituellen Weg begeben. Wie berührbar und verletzlich sie sind oder werden. Ich möchte keine verrückten Heilsversprechen geben. Das halte ich für unverantwortlich. Weil die Reise eben individuell ist. In der Esoterikszene gibt es sooo viele Seltsamheiten. Menschen, die mit Aliens reden, die deine Farben und Auren lesen. Hey, in einem unendlichen Universum glaube ich auch, dass es unendliche Optionen gibt. Aber ich bleibe bei dem, was ich selbst erfahren habe und somit nachprüfen kann. Mein Weg ist ein anderer, führt über andere Pfade. 

Foto: Motzenshoot

Schamanen sprechen von »der geistigen Welt«, die sie in ihren Behandlungen bereisen. Glaubst du, es gibt mehr, als wir wahrnehmen können?
Ich habe auch meine stillen Momente, in denen ich denke: Wie gerne würde ich schweben und Steine mit Gedankenkraft bewegen können (Im Buddhismus werden übernatürliche Fähigkeiten als Siddhis bezeichnet). Oder die buntesten, wahnsinnigsten Erfahrungen machen. Ich habe fast keine Erfahrungen mit psychedelischen Substanzen, obwohl sie mich unglaublich faszinieren. Und gleichzeitig habe ich extrem Respekt davor. Seit ungefähr 20 Jahren ruft mich diese Ayahuasca-Pflanze. Aber Zeit und Raum waren noch nicht gegeben.

Ich habe tatsächlich die Erfahrung gemacht, geistig – also in mir – an Orte zu gelangen, an denen ich mich komplett geborgen und sicher gefühlt habe. Seltsamerweise passiert das aber nur, wenn man diese Erfahrung nicht erzwingen will.
Ich finde es wundervoll, dass du solche Erfahrungen gemacht hast. Das können Katalysatormomente sein, die dich wirklich nachhaltig verändern. Wunder-wunder-wunderschön. Ich wünsche jedem Menschen, solche Momente zu haben. Ich habe solche Erfahrungen ebenfalls in Meditation gemacht. Meistens, wenn ich mir die schrecklichsten Drachen angeschaut habe. Mich also intensiv mit meinen Ängsten auseinandergesetzt habe. Als mir das erste Mal so etwas passiert ist, hat es mich wochenlang zerlegt. Im positiven Sinne. Diese eine Erfahrung hat mein ganzes Leben verändert, bis heute. Der Grund, warum wir hier sitzen. 

Ich habe das große Glück gehabt, das direkt danach mein Coach zu mir sagte: »Du wirst in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, immer wieder in diesen Zustand zu kommen. Und es wird nicht klappen. Weil du intellektuell dorthin gelangen willst. Und das kannst du vergessen.« Natürlich habe ich es probiert und es war unmöglich. Er sagte dann: »Du hast jetzt einen Geschmack bekommen. Fang von vorne an. Setz dich auf den Hosenboden.« So begann insgesamt meine Reise zur Meditation. Nun weiß ich, dass man solche Momente nicht durch Anspannung kreieren kann. Nur durch Entspannung.

Was tust du heute, wenn du merkst, dass Anspannung in dir ist?
Erstmal wahrnehmen. Dann wissen, Anspannung ist ein normaler Teil des Lebens. Wenn ich das Glas hier heben will, muss ich einen Muskel anspannen. Aber die Anhäufung von Anspannung und fehlende Entspannung führen zu Stress und Blockaden. Zum Gefühl von Enge. Solange wir uns ablenken und versuchen, dieses Gefühl nicht zu fühlen, kann es sich auch nicht transformieren. Aber in dem Moment, wenn es mir bewusst wird, ich mein Bewusstsein dahin lenken kann, entsteht Raum. Das ist schon der erste Schritt. Daraus kann alles andere entstehen.

Wenn ich also merke, ich bin gerade verhakt, sage ich zu mir selbst: Ok, stop! Was passiert hier gerade? Und dann kann ich eine Entscheidung treffen. Zum Beispiel mal einen Tag in diesem Zustand zu bleiben und ihn wahrzunehmen. Um dann wieder in die Entspannung zurückzukehren. All die anderen Sachen, die ich anwende: Coaching, Retreats, psychologische Arbeit, spirituelle Praxis, helfen mir natürlich, in diesem Momenten auch wirklich zu entspannen. Das gilt es zu üben.

Also auch hier nicht der Quick-Fix a la: Wenn du merkst, du bist angespannt, mach dies und das. Bleib erstmal dabei. Und dann entscheide. Atmung ist zum Beispiel sehr hilfreich. Bleibe fünf Atemzüge bei der Wahrnehmung, dass du angespannt bist. Und atme einfach in dieses Gefühl rein. Fünf Atemzüge ein und aus. Und dann mach weiter. Es wird sich etwas verändert haben. Garantiert.

Wie geht es dir mit der jetzigen Situation um den Corona-Virus?
Erstmal frage ich mich ganz praktisch: Was sind die Fakten? Was kann ich beitragen, um nicht nur mich, sondern auch die Gemeinschaft um mich herum zu schützen? Wahrscheinlich bin ich keine Risikogruppe. Aber ich habe keinen Bock darauf, zwei Wochen lang mit 40 Grad Fieber im Bett zu liegen und mir die Seele aus dem Leib zu husten. Ich habe ja auch Familie und Verantwortung für die Welt um mich herum. Also bin ich gerne etwas übervorsichtig.

Mein Vater ist Arzt. No nonsene. Er ist völlig unaufgeregt. Und sehr klar in seinem Handeln. Da kann ein Autounfall stattfinden, Menschen verbluten und er ist völlig unaufgeregt. Denn wenn dieser Person jetzt nicht geholfen wird, wird sie verbluten. Also muss ich handeln und dabei klar sein. In der Ecke sitzen und beten bringt in diesem Moment nichts. Aber um klar zu sein, muss ich mir über meine Innenwelt klar sein. Also mich selbst fragen: Was löst es bei mir aus? Ängste? Wovor habe ich Angst? Wie entsteht diese Angst? Hatte ich schonmal Angst? Wie war das? Wie habe ich mich da verhalten? Habe ich die Angst schon mal überlebt? Natürlich habe ich das. Auch hier hilft die bodenständige Meditationspraxis sehr.

Wie kann man mit sich selbst umgehen, um sich nicht von Ängsten übermannen zu lassen?
Es gibt eine ganz wichtige Komponente: Freude. Vor allem wenn wir helfen wollen, haben wir die Verantwortung, uns gut um uns selbst zu kümmern. Das heißt auch, einen freudvollen, positiven, gesunden Geist zu kultivieren. Vor allem beim politischen Thema »woke« sein, habe ich in Gesprächen oft den Eindruck, dass viele Menschen so sehr mit anderen mitleiden, dass sie kaum aus dem Bett aufstehen können. Das ist wie ein Abzeichen, man ist so woke und empathisch. Aber sehr fragwürdig. Denn je weniger Kapazität du selbst hast, desto weniger kannst du helfen. Also ist es eigentlich deine Verantwortung, freudvoll aus dem Bett aufzustehen. Ja, die Welt ist schwierig. Aber ich setze mich ein, in Freude. Ich kann tanzen und lachen und darf das sogar. Ich habe sogar Verantwortung zu tanzen, wenn so viel Scheiße passiert! Leiden bekämpft man auch, indem man Freude vermehrt. In Krisenzeiten vergessen wir das viel zu oft. Freude ist positive Lebensenergie und wir können sie kultivieren.

Text: Laurens Dillmann

In seiner Reihe Kunst und Kopfkrieg spricht Laurens Dillmann mit Künstlern und Künstlerinnen über Ruhm, Depressionen und Wege aus der Krise. Er bietet Waldbaden auf Spendenbasis an. In seiner Reihe »Mach`s weg« interviewt er Menschen aus dem Gesundheitswesen.

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