Kobito – Für einen Moment perfekt // Review

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(Audiolith / Broken Silence)

Wertung: Vier Kronen

Während insbesondere in den ländlichen Gegenden vermehrt Kartoffeln aus Angst um ihre Jobs und ihre Sicherheit durch die Straßen ziehen, geht es in der Großstadt vor allem am späten Abend nach ein paar Überstunden zur Afterhour vor die Tür, um sich das Leben schön zu halluzinieren. Früher Feierabend wäre zwar auch mal nett, aber man sagt lieber nichts, aus Angst um den Job und die damit einhergehende vermeintliche Sicherheit. In einer Zeit, in der sich viele Menschen von zu vielen Möglichkeiten eingeengt fühlen, den Blick lieber unten halten und eben auch gerne mal nach unten treten, stellt Kobito die alles entscheidenden Fragen: Wie willst du leben? Wer willst du sein? Ein Großteil der 15 Tracks auf diesem Album sind gekonnte Parabeln auf eine Gesellschaft, deren Akteure oftmals nicht gelernt haben, sich selbst zu reflektieren und mit einer tiefsitzenden Angst vor Veränderung am liebsten in einer anonymen, homogenen Masse – egal ob auf der Montagsdemo oder im Getummel der Nacht – verschwinden würden. Am treffendsten und bissigsten bringt der Berliner dies in »Fluch der Akribik« auf den Punkt, wenn nach einer irrsinnigen Anzahl an perfekt sitzenden Wortspielen gegen Ende des Stücks von dem eigentlichen Refrain-Teil »Wer ist Mitarbeiter des Monats? Ich bin’s und sonst niemand« nur noch »Ich bin’s, Niemand« übrig bleibt. Überhaupt strotzt dieses Album voller guter Sätze und wirkt trotz der eigentlichen Schwere der behandelten Themen angenehm locker. Das Produzententeam, bestehend aus Riffsn von Grossstadtgeflüster und Kobitos langjährigem Wegbegleiter MisterMo, malt ein Soundbild, das gekonnt klassische Beat­skizzen mit aktuellen Strömungen des Genres vereint und den Texten in all ihrer Verspieltheit genau den richtigen Freiraum bietet. Kobito nimmt dankend an und trägt seine gewitzten Texte mit Leichtigkeit und ohne erhobenen Zeigefinger vor. Diesen Spagat, an dem schon wirklich viele Rapper vor ihm gescheitert sind, macht er zwar nicht über die gesamte ­Spielzeit, aber doch für deutlich mehr als nur einen Moment perfekt.

 

Text: Patrick Lublow

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