Klassenkampf & Kitsch: Eine Runde um den Block mit Disarstar // Feature

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Sankt Pauli, Davidstraße. Fotograf Tim und ich sitzen auf einer kleinen Eisentruhe vor dem Emma Markt. Eine jener Truhen, in denen vor längst vergangenen Jahren Wochenzeitungen und andere kostenfreie Blätter auf ihre Ausfuhr warteten. Die Truhe ist leer, das Schloss fehlt. Der Emma Markt ist ein uriger Lebensmittel- und Getränkeladen zwischen Davidwache und Hamburger Hafen: zu deluxe, um ein Kiosk zu sein und zu cool, um sich einen Supermarkt zu schimpfen. Der Wind peitscht feine Regentropfen in unsere Gesichter. Ein Mitarbeiter des Marktes tritt vor die Eingangstür, zündet sich eine Zigarette an: »Ist euch nicht kalt? Wollt ihr einen Tee? Kaffee?« – »Nein, Danke. Wir warten auf jemanden.« Gegenüber des Souterrains des Marktes prangt ein edler Tower: hochkarätiges Hotel und noch hochkarätigere Bar im obersten Stock. Willkommen zwischen den Kontrasten auf St. Pauli. Nirgends lässt sich der Puls der Hansestadt so fühlen, wie in dem ehemaligen Arbeiterquartier am Hafen: Reichtum trifft auf Armut, Straße auf Gentrifizierung. Eben Klassenkampf und Kitsch.

»Sankt Pauli, das Tor zur Welt, was geht ab?«

Disarstar schrieb seinem Kiez vor mittlerweile fünf Jahren mit »Tor zur Welt« eine ganz eigene Hymne. In einem robusten olivfarbenen Parker, Jeans und schwarzen Sneakern kommt er an seinem geliebten Heimatort mit schnellen Schritten auf uns zu. Er lebt seit mittlerweile neun Jahren auf St. Pauli und hat sich zuvor in keinem anderen Stadtteil derart heimisch gefühlt. Geboren ist er in Eppendorf, einem wohlbetuchten Viertel der Hansestadt. Alle Mitarbeiter des Emma Marktes begrüßt er persönlich. Man kennt sich eben. Disarstar scheint hier beliebt zu sein. Während wir in den hinteren Teil des Ladens laufen, raunt er uns »Ich frage kurz den Chef, ob wir Fotos machen dürfen. Der ist eh’ korrekt!« zu – er muss es wissen, schließlich kauft er hier jeden Tag Zigaretten und was man sonst noch für ein glückliches Leben auf St. Pauli braucht. 

Seit Beginn seiner musikalischen Karriere steht Disarstar für politische, anspruchsvolle und tiefgründige Lyrics: »Für Dich«, »MINUS X MINUS = PLUS« sowie »Riot« und »Robocop« sind bloß ein Auszug seiner vermeintlich stärksten Titel. Der 25-Jährige findet klare Worte – immer. Für sich und für andere. Der Titel seines neuen Albums »Klassenkampf & Kitsch« könnte weder politischer, noch beschreibender für seinen Heimatbezirk sein.

»Gute Menschen sind von Natur aus immer links, auch ohne dass sie es wissen.«

Zwischen Mate, Baklava und jenen Zeitungen, die in den Regalen wacker der Digitalisierung trotzen, wollen wir wissen, wie das mit Disarstar und seiner Politisierung eigentlich anfing: »Ich habe früh begonnen, mich mit Politik auseinanderzusetzen. Der Anfang waren YouTube-Videos zu strukturell antisemitischen Verschwörungstheorien oder der Weltherrschaft der Illuminaten. Als das mit dem Musikmachen losging, glaube ich eher zufällig die richtigen Worte gefunden zu haben. Die damalige „Rote Szene Hamburg“ hat mich dann zu sich eingeladen, dort habe ich eine realpolitischere Sozialisation bekommen, als ich sie vorher hatte. Meine wirkliche Politisierung erfolgte aber auf Demos. Dort bekommt man ein Gefühl dafür, dass die Polizei mehr als nur Freund und Helfer sein kann und einen Eindruck von „die“ und „wir“. Auf einmal steht die Polizei einem gegenüber und kann Gewalt ausüben. Mit 14 oder 15 war ich zum ersten Mal auf einer 1.Mai-Demonstration. Seitdem waren es verschiedene Demos, die meinen politischen Reifeprozess und meine Radikalität begünstigt haben: der Abriss der ESSO-Häuser, die vermeintliche Räumung der Roten Flora oder jüngst der G20-Gipfel. Demos haben mich in meiner Motivation krass bekräftigt.« Das hätte übrigens auch schon Rudi Dutschke gesagt, erklärt Disarstar weiter. Wirkliche Agitation erfolge auf Demonstrationen.

Wie kann man sich aber in einem zarten Alter von 14 oder 15 Jahren im linkspolitischen Spektrum Zuhause fühlen? Die wenigsten Kinder dürften sich über die Wahl ihres Mittagessens im Klaren sein. Disarstar erklärt uns das einfach so: »Gute Menschen sind von Natur aus immer links, auch ohne dass sie es wissen. Du musst dafür keine Bücher über Ökonomie gelesen haben. Entweder willst du das Beste für alle oder du willst es eben nicht. Das ist irgendwo eine Charakterfrage. Ich war schon früh links, konnte es nur noch nicht kategorisieren.«

Luxusmarken für ein ehemaliges Linkes Zentrum

So herzlich wie wir im Emma Markt begrüßt wurden, werden wir auch verabschiedet. Raus an die kühle Seeluft in Richtung Hafentreppen. Disarstar bleibt auf dem Weg stehen, zeigt auf ein bunt bemaltes Gebäude: »Das war mal das Lüttje Lüüd, der Laden vom »Roten Aufbau!«. Unsere Blicke folgen seinem Zeigefinger. Der einst Linke Treffpunkt ist heute mit schrillen Farbspritzern und Zeichen diverser Luxusmarken verziert. Gentrifizierung serviert auf einem Silbertablett. Als Gerrit noch nicht Disarstar hieß oder auf Demos ging, versuchte er in den sozialen Medien auf politische Missstände aufmerksam zu machen: »Ganz früher, noch vor der Musik, habe ich angefangen, längere Aufsätze auf Facebook zu schreiben. Dafür habe ich so viel Hass geerntet, dass ich es irgendwann hab sein lassen.«

»Diese Welt ist aus Herrschern und aus Knechten gestrickt. Wer hat immer auf die Fresse gekriegt?«

Wenige Meter nach der schrillen Hauswand erreichen wir die Balduintreppe. Den Ausblick auf den Hafen, von Elbphilharmonie bis Köhlbrandbrücke, gibt es so wirklich nur auf St. Pauli. Rundum um die Hafentreppen sei bedeutende politische Geschichte geschrieben worden, vieles hätte hier seinen Ursprung, erklärt Disarstar. Seine eigene politische Geschichte spielte jedoch nicht hier, eher an den ESSO-Häusern, in der Schanze und rund um die Budapester Straße. Er stockt kurz, lacht: »und in der Volkspark Polizeiwache.« Die Balduintreppe gilt als Stammplatz von Haschisch-Dealern. Die Polizei hat damit ein Problem und das Viertel hat ein Problem mit ihren Einsätzen: Gegen die »Taskforce Betäubungsmittel« wurden Rassismus- Vorwürfe laut, Protestplakate mit der Aufschrift »Drogentaskforce – Verpiss Dich!« hingen in den Straßen. Man nickt uns freundlich an der Balduintreppe zu. Kein Stress. Kein Haschisch. Wir lassen uns auf einer der Stufen nieder. Endlich bahnen sich Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Wolkendecke. 

Dein neues Album heißt Klassenkampf & Kitsch – kämpfst du einen Klassenkampf?, fragen wir Disarstar. Er überlegt kurz, seine Antworten sind durchdacht, nichts blubbert unüberlegt aus ihm heraus: »Irgendwie schon. Wir leben in sehr politischen Zeiten und es gibt genügend Leute, die als Lösungsvorschlag auf die Probleme unserer Zeit mit Rassismus antworten. Ich glaube, dass das bestimmte Problem der Menschheit eine Verteilungsungerechtigkeit zwischen Arm und Reich ist. Marx sagt: „Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen“. Das Problem ist, dass die Reichen immer auf Kosten der Armen reich geworden sind. Zu sagen „Das Problem ist nicht schwarz und weiß, sondern Arm und Reich“, ist mein Gegenentwurf zur AfD.« Bedeutet im Kern: Gewinner sind reich und Verlierer sind arm. Oder wie Disarstar rappen würde: »Diese Welt ist aus Herrschern und aus Knechten gestrickt. Wer hat immer auf die Fresse gekriegt?« Logische Gegenfrage: Wie können aus Knechten Herrscher werden? »Wir können nicht alle Herrscher sein. Wir sollten diesen Umstand viel eher abschaffen.«, erläutert er. »Ein wesentlicher Aspekt wäre die Abschaffung von Privateigentum an Produktionsmitteln nach Marx. Soll heißen: Dir will keiner deinen Fernseher oder deine Jacke wegnehmen, sondern Produktionsstätten aller Art sollten sozialisiert werden. Unternehmen sollten uns allen gehören. Umverteilung, um Verteilungsungerechtigkeit zu bekämpfen. Außerdem sollte niemand Geld mit Wohnraum machen. Wohnraum ist zum Wohnen da und nicht zum Geldmachen.« Wir nicken beeindruckt. Hört man Disarstar zu, wirkt es mit einmal gar nicht mehr kompliziert, ein Wohlergehen aller sichern zu können. Also: Wo scheitert der Plan? »Es wäre Aufgabe der Politik, diesen Umstand zu ändern, doch das ist ausgeschlossen. Im Endeffekt sind alle Parteien reformatorischer Natur. Sie stellen das System nicht im Kern infrage. Sie haben zwar ein Interesse daran, es zu reformieren, aber nicht daran, es abzuschaffen. Das kann nur punktuell und temporär funktionieren. Ich glaube aber, dass dieses System strukturell und per se schlecht ist und ihm Dynamiken innewohnen, in denen es zwar mal besser laufen kann, auch für alle, in denen es mittelfristig aber immer wieder schlecht laufen wird.« Klingt nach ernüchternder Realität. Wir stecken uns eine Zigarette an. Disarstar auch.

»Du und dein Chef haben nichts gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot«

Da sitzen wir nun rauchend inmitten von St. Paulis geschätzten Dealern auf leicht feuchten Treppenstufen mit Blick auf den mittlerweile sonnigen Hafen. Wie muss es jenen Menschen ergehen, die dort bei Wind und Wetter stehen, um vermeintlich die kleinen grünen Tütchen unter die Leute zu bringen, fragen wir uns. Irgendwie bedrückend. Die momentane politische Lage in unserem Land ist äußerst besorgniserregend: Thüringen, Hanau und die AfD sind bloß unsere jüngsten Probleme. Wie erklärt Disarstar sich den Rechtsruck in Deutschland? Mit einem Zitat von KIZ: »Rassistische und nationalistische Ideologien waren nicht aus der Welt verschwunden, die Leute hatten zeitweise einfach keinen Mut, dazu zu stehen. Parteien wie die AfD geben ihnen diesen Mut zurück. Für mich sind Rassismus und Nationalismus ein Ausweg des Kapitalismus aus seiner Krise, weil keine Klassenfrage gestellt wird. Denn: Geld fließt von unten nach oben und in der Regel nicht nach unten zurück. Also geht es den Leuten unten immer schlechter und den oben immer besser. An dieser Stelle müsste man eine Klassenfrage stellen: Warum sind die arm und wir reich? Doch Arbeiter XY stellt sich diese Frage nicht. Er sieht nicht, dass er mit Arbeiter XY aus Syrien viel mehr gemeinsam hat, was seine Stellung in der Gesellschaft betrifft, als mit seinem Chef. Maxim hat mal gesagt „Du und dein Chef haben nichts gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot“ und das bringt es auf den Punkt: Dieses Deutschlandtrikot eint, Rassismus eint und verhindert das Stellen einer Klassenfrage. Der Arbeiter XY geht so seinem Chef, den Liberalen und gerade Neoliberalen und Rechtspopulisten von der AfD auf den Leim.« KIZ-Zitate at their best. Aber müsste Rap als Spiegelbild der Gesellschaft jetzt nicht mehr Verantwortung übernehmen? Disarstar findet nicht. Zwar sei es widersprüchlich, aber für ihn müsse Kunst nichts. Kunst werde gemacht und ihr Mehrwert sei es dann, sich über sie zu streiten. Doch gesamtgesellschaftliche Probleme müssten auch gesamtgesellschaftlich gelöst werden. 

Wir drücken unsere Zigaretten aus. Bevor wir unser lauschiges Plätzchen verlassen, wollen wir noch wissen: Was kann denn jeder Einzelne von uns tun, um den Rechtsruck in Deutschland zu stoppen? Er pustet den letzten Rauch aus, grübelt: »Gute Frage. Es geht darum, sich grundsätzlich nicht aufstacheln zu lassen und, selbst wenn es kitschig klingt, aufeinander zuzugehen und sich vor allem zu bilden. Versuchen, humane und realpolitische Antworten auf die Konflikte und Fragen unserer Zeit zu finden, anstatt auf Rassismus, Nationalismus und Protektionismus zurückzugreifen.« Ist das Klassenkampf und Kitsch?

Zwischen Elbe und Palmen aus Plastik

Entlang der Elbe, vorbei am Park Fiction, seit 2016 über Hamburgs Grenzen hinaus als »Palmen aus Plastik« bekannt, schlendern wir in Richtung Fischmarkt. Eine maßgebliche These des Songs »Glücksschmied« auf Klassenkampf & Kitsch lautet: »Jeder kann es schaffen, doch nicht alle: Erfolg ist immer auch Glück!« Welche Glücksfaktoren brauche ich auf meiner Seite, um erfolgreich zu sein? »Der große ideologische Unterschied zwischen Liberalismus und Sozialismus ist: Der Liberalismus probiert eine Startgerechtigkeit zu schaffen, damit alle mit den gleichen Chancen starten können. Doch für mich ist das ausgeschlossen. Der eine kommt de facto aus einem arbeitslosen Analphabeten-Haushalt und der andere kommt aus einem Pianisten- oder Mediziner-Haushalt. Wo man hineingeboren wird, ist ein Glücksfaktor. Zusätzlich kommt jeder mit naturgegeben Talenten auf diese Welt – ebenfalls Glück. Verschiedenste Aspekte verhindern Chancengleichheit, die es de facto nicht gibt. In den Statistiken kann man erkennen, dass wir in der westlichen Welt auch in einer Art Kastensystem leben: Die Wahrscheinlichkeit, dass du Akademiker wirst, wenn du aus einem Akademiker-Haushalt kommst, ist wesentlich höher, als wenn du aus einem Handwerker-Haushalt stammst. Klar gibt es Schleusen zum sozialen Aufstieg: beispielsweise Sport oder Musik, dabei bleibt es dann aber auch. Zumal unser System genau darauf basiert: Marktwirtschaft ist Wettkampf – einer gewinnt und einer verliert. Selbst wenn also alle die gleichen Startchancen hätten, wären am Ende manche Gewinner und manche Verlierer. Und das ist falsch. Du bist nicht deines Glückes Schmied.« Wer Disarstars Musik aufmerksam zuhört, weiß, dass er es auch nicht immer einfach gehabt hat und ganz schön was einstecken musste. Den Erfolg verdankt er in seinen Augen zwei bestimmten Menschen: »Ein wesentlicher Aspekt ist, dass ich mit 15 einen derbe kompetenten Sozialarbeiter zur Seite gestellt bekommen habe. Nicht jeder hat das Glück, überhaupt einen Sozialarbeiter zu kriegen und dann auch noch einen kompetenten. Und ich habe seit 15 Jahren einen allerbesten Freund, der wie ein Bruder für mich ist. Seine Familie ist meine und meine ist seine. Das ist auch ein Glück, das nicht jeder hat.«, reflektiert er während wir auf eine vierspurige Hauptstraße zusteuern. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir das Gelände des Fischmarktes.

Der Tyrann als Freund

Wir stehen unter einer Treppe am Fischmarkt. An den Wänden Graffiti. In den Ecken verstecken sich Einkaufswagen mit Hab und Gut jener, die diesen Aufgang ihr Zuhause nennen. Tommy war ein ehemaliger Freund Disarstars. Die beiden lernten sich als Schulkinder kennen. Tommy war ein Tyrann, erniedrigte ihn, wollte um jeden Preis zu den beliebten Kindern gehören. Obwohl Disarstar ihm mit Freunden an der Bahn Haltestelle »die Fresse polierte«, freunden die beiden sich an. Tommy ist kriminell, verdient sein Geld mit Überfällen. Die beiden drehten komplett am Rad, wie Disarstar retrospektiv zugibt. Tommy ging für seine Taten ins Gefängnis. Disarstar zog eine zeitlang weg, der Kontakt brach ein. Für Tommy schwer zu ertragen. Er suchte Kontakt. Disarstar wünschte sich schon damals, ihn nie wieder sehen zu müssen. Heute ist Tommy tot. Selbstmord. Disarstar hat ihm einen ganzen Song auf Klassenkampf & Kitsch gewidmet. Einen Song, der Wut auf Tommy und Entsetzen über vergangene Aktionen in Worte kleidet. Man merkt: Disarstar wollte Frieden finden. Sein Blick schweift über den Hafen, kein leichtes Thema: »Es war auf jeden Fall anstrengend, den zu schreiben. Es hat auch ein bisschen wehgetan, weil ich mich an so viele Sachen gar nicht mehr erinnert habe, die sind erst beim Schreiben wiedergekommen. Aber ich konnte meinen Frieden mit Tommy finden.« Wir fragen uns, warum sich Disarstar sich mit einem gewaltbereiten Tyrannen anfreundet, dessen Launen er am eigenen Leib zu spüren bekam. Er zündet sich eine Zigarette an: »Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass es bestimmt auch andere gibt, die über mich sagen würden, dass ich ein Tyrann gewesen sei. Klar: abgefuckter und abgewichster geht immer. Tommy und ich haben auf einer verrückten Ebenen gut zusammen gepasst. Ich fand ihn damals cool. Ich wusste, dass er sein Geld mit Überfällen macht. Ich weiß jedoch nicht, warum ich ein Teil davon sein wollte.« Vor einer kriminellen Laufbahn, wie Tommy sie eingeschlagen hat, hätten den damals 15-Jährigen sein Sozialarbeiter, der ihm geholfen hat seine Talente zu entfalten, sein großes Glück mit Richtern, die es immer gut mit ihm gemeint hätten und der Umstand, eine Zeit lang weggezogen zu sein, bewahrt. Statt Glück hatte Tommy Pech. Pech, das ihn in den Selbstmord trieb. Ein guter Sozialarbeiter und eine kräftige Portion Glück können es also richten: Kann das also auch andere Kids vor der Kriminalität schützen? Nicht unbedingt, findet Disarstar: »Es spielen auch ganz andere Faktoren eine Rolle dabei. Das hat wie gesagt was mit naturgegebenen Talenten zu tun. Wenn es an denen fehlt und deine Lebensumstände einfach richtig mies sind, kann es sich ähnlich wie bei Tommy entwickeln. Aber ich denke, das ist auch ein gesamtgesellschaftliches Problem.« Rückblickend ist es für Disarstar schwer, einen Punkt auszumachen, an dem es in Tommys Leben endgültig bergab ging. Damit ein Leben so verläuft, müsse schon richtig viel schief laufen, meint er. Statt eines Tropfens, der Fass zum Überlaufen bringt, sei sowas oft eine Verkettung an unglücklichen Ereignissen.

»Das war immer ich«

Wir bahnen uns den Weg weg von Graffiti und Einkaufswagen zurück auf das Gelände des Fischmarktes, wollen uns nochmal die Beine vertreten. Früher, als Disarstar noch viel gesoffen hat, wie er selbst sagt, hätte er sich beim heutigen Emma Markt immer kleine Jägermeister geholt, sich Kopfhörer eingestöpselt und sei zum Fischmarkt, runter ans Wasser. Wenn die Jägermeister leer waren, ging’s ins Bett. Heute, acht Jahre später, hat er sein Abitur bestanden, wird studieren und spielt ab März eine Tour mit über 20 Stopps.

In seinem aktuellen Intro rappt er: »Das war immer mehr als Zeit, Trend und Business-Move. Das war immer ich.« Worum geht es ihm beim Musikmachen? Mit Abi und Studienplatz in der Tasche müsste er schließlich nicht mehr jedes Jahr ein ganzes Album raushauen. Ganz einfach, ohne Musik fehle ihm etwas: »Ich habe einen stabilen Geltungsdrang und einfach das Bedürfnis mich mitzuteilen und Resonanz auf mich als Person und meine Musik zu kriegen. Wenn ich das nicht mache, dann fehlt mir was – und damit meine ich nicht nur Geld. Da fehlt mir dann auf ganz vielen Ebenen ganz viel.« Ähnlich dürfte es seinen Fans gehen, sollte Disarstar die Musik vom Beruf zum Hobby machen. Die Kommentare unter seiner ersten Auskopplung zu »All’ die Jahre« lesen sich in etwa so: »Deine Songs geben mir immer wieder Kraft. Musste weinen. So schöner Song und ein so schönes Video. Ich danke dir dafür, dass du Musik machst und freue mich auf dein Album!« Disarstar freuen solche Kommentare zwar, sagt er, doch er sei kein Dienstleister, gehe nicht ins Studio, um irgendwelche Wünsche zu erfüllen. Kunst muss eben nichts. Sie ist dazu da, um sich über sie streiten zu können. Und Disarstar ist schon längst vom Musiker zum Künstler geworden.

Text: Lena Müller
Fotos: Tim Erdmann

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