Kings Of HipHop: Skepta // Feature

DIY lautet das Motto der gesamten Adenuga-Familie: Die Geschwister entwickeln Kreativität, erfinden Spiele mit den Sachen, die um sie herum sind, bauen aus gefundenen Teilen Fahrräder zusammen, zimmern ein DJ-Pult. Skepta beginnt, Beats zu produzieren und aufzulegen. Der Sound der Stunde Ende der Neunzigerjahre ist UK Garage. Skepta spielt als Teenager die Platten, die seine Vorbilder von der Heartless Crew auflegen. Seine erste eigene Posse aus DJs und MCs ist nach dem Wohnblock benannt, in dem die Jungs aufwachsen: Meridian Crew. Eines Tages landet Skepta genau deswegen auf dem Radar der Polizei. Ein anderer Bewohner des Estates wird eines Verbrechens verdächtig, und im Zuge der Ermittlungen werden (warum auch immer) Skeptas Platten und CDs konfisziert. Zwar wird ihm keine Schuld nachgewiesen, die beschlagnahmten Tonträger bekommt er aber nicht zurück. In diesem Moment, 2001, in dem das DJ-Dasein von Skepta ein plötzliches Ende hat, begegnen JME und Skepta Wiley, der Junior dazu ermutigt, wie sein Bruder Bars zu schreiben. In einem Interview für das britische Online-Musikmagazin Fader im vergangenen Jahr ruft sich der Gime-Godfather Wiley das in Erinnerung. Auf die Frage nach dem bisherigen Highlight seiner Karriere antwortet er kurz und bestimmt: »Skepta making it.« Auch Wiley als Ziehvater einer ganzen Szene erkennt dadurch die Wichtigkeit von Skeptas Erfolg für das an, was er mitgeschaffen hat und bis heute mitprägt. Hätte Wiley ihn damals nicht dazu überredet, es auch mal mit dem Bars-Schreiben zu versuchen, wäre Skepta heute vielleicht nicht da, wo er ist.

Musikalischer Melting Pot in 140 BPM

Wiley, JME und Skepta gehören zu einer Generation, die Anfang der Nullerjahre auf Partys und bei Radiosendern auftauchten, bei denen UK Garage gespielt wurde. Das Dance-Music-Genre kombinierte warme Sounds aus House mit nicht selten cheesy R’n’B-Vocals und Breakbeats und stellte am Anfang, Ende der Neunzigerjahre, eine Gegenentwicklung zum beklemmend und aggressiv gewordenen Jungle dar. Es wuchs also eine Generation heran, die mit Jungle und Garage sozialisiert war, die einerseits wieder die Roughness, vor allem aber das Mic wieder mit auf die Bühne des glamourisierten UK Garage brachte. Crews wie So Solid Crew, Pay As U Go, Heartless Crew, N.A.S.T.Y. Crew oder Ruff Sqwad strippten den Sound runter, setzten schnelle Wortflüsse drauf und zogen das Genre in eine andere Richtung, als es sich die etablierten UK-Garage-DJs wünschten. Auch der Style gefiel den auf Hedonismus fokussierten Sprachrohren von UK Garage nicht. Bei ihren Partys waren Caps, Hoodies und Sneakers nicht erlaubt, ganz zu schweigen von Trainingsanzügen. Manche gingen so weit, die jungen MCs auszuschließen und ihre Tracks nicht zu spielen.

Die Energie von Rave traf bei Grime auf Soundsystem-Kultur, Dancehall, Jungle und HipHop. Die MCs rückten dabei Themen ins Licht, die bei UK Garage an den Türen der Clubs draußen gelassen wurden. Sie texteten in ihren verschiedenen Dia- und Soziolekten über den Alltag in ihrer Nachbarschaft, in den Hochhäusern der Londoner Ends, über Gewalt, Aussichtslosigkeit und aufgepumpte Egos auf schnellen, elektronischen Instrumentals. Grime spiegelt die Hektik, Aggressivität und kulturelle Vielfalt einer Großstadt. Der musikalische Melting Pot Londons goss sich in eine neue elektronische Form in 140 BPM, die irgendwann das zweifelhafte Prädikat »grimy«, also dreckig, bekam. Die damals jungen Produzenten und MCs befreiten sich von der Fremdzuschreibung, indem sie sie für sich vereinnahmten.

»Ich bin kein Rapper, ich bin Aktivist«

Skepta ist Teil dieser Entwicklung, produziert Beats, von denen Anfang der Nullerjahre einige auf White Labels erscheinen. »Private Caller«, ein rumpelndes Instrumental, das sich mit erdrutschartigen Drums und vibrierenden Bässen langsam aus den Speakers walzt, bringt ihm 2004 einige Props als Produzent ein. Er selbst ist neben seinem Bruder JME und den MCs Scorcher, Frisco, President T, Meridian Dan und einer Reihe anderer nur im Intro und Outro zu hören. Als Skepta und JME zusammen mit Wileys Roll-Deep-Crew im Studio des einflussreichen (damals noch illegalen) Radiosenders Rinse FM seine ersten 16 Bars im Radio ins Mic spuckt, wird sein Wettbewerbsgeist geweckt – der nächste Stein für Skeptas Karriere als MC ist gelegt. Als sein Bruder JME 2005 ein Mixtape rausbringt und auf das Cover den Schriftzug »Boy Better Know« packt, kommt Skepta die Idee, eine Crew mit dem Namen zu starten: Wiley kommt dazu, Frisco, Shorty, Solo 45, Jammer und DJ Maximus sind dabei. So entsteht das Kollektiv Boy Better Know, das bis heute in dieser Formation besteht und die Homebase für Skepta ist – und zwar nicht nur als Label.

Von Anfang an ist der Wettbewerb unter MCs und Crews fester Bestandteil von Grime. Über Instrumentals, deren wechselnde Rhythmen DJs nahtlos ineinandermixen, spitten die MCs vernichtende Bars, spielen auf andere Crews oder die Nachbarschaft an und sind auf der Jagd nach dem nächsten Reload. Schaulustige halten die Energie hoch, fordern vom DJ einen Rewind, zollen den MCs mit Rufen Respekt.

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