»Wenn ein Beat geil ist, dann braucht keiner drüber rappen.« // Sepalot im Interview

Sepalot

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht liegt es ja daran, dass Sepalot im Kontext seiner Band Blumentopf ganzen vier Rappern zuarbeitet und dementsprechend auch mal den einen oder anderen musikalischen Kompromiss eingehen muss. Vielleicht aber auch daran, dass er einfach so vielseitig ist. Fakt ist jedenfalls, dass der Münchner Produzent und DJ bemerkenswert kreativ freidreht, sobald es an Soloprojekte geht. »Chasing Clouds«, sein neuester Wurf auf Albumlänge, legt davon eindrucksvoll Zeugnis ab: In welche Schublade man das Ding stecken soll, wird bei jedem Hördurchgang unklarer. Und auch wenn man ganz genau hört, wessen Samplers Kind das Ganze ist, bleibt am Ende als Fazit eigentlich nur: Das ist gute Musik. Und darauf kommt es ja letztlich auch an.

 

Warum hast du dein Album »Chasing Clouds« genannt? Das klingt ein bisschen ­verträumt…
Ja, das hat mir auch gut gefallen. Es klingt verträumt, hippiesk, fantastisch und ungreifbar – und das fand ich ganz schön im Zusammenhang mit Musik, speziell mit meiner.

Das Album ist ­wirklich ziemlich ungreifbar: Es sind nicht einfach HipHop-Beats mit vereinzelten Rap-Features, sondern die Musik ist stilistisch sehr abwechslungsreich. Wolltest du mal alles ausprobieren, was du kannst?
Es war eher umgekehrt: Ich finde es wichtig, dass man sich auf einem Album fokussiert, dass es aus einem Guss ist und eine Stilistik hat. Gerade wenn man als Produzent ein Album macht, finde ich nichts schlimmer, als wenn es klingt wie eine Compilation, die nur von den Gästen geprägt ist. Es war mir im Gegenteil wichtig, dass es nur von mir geprägt ist und die Gäste scheinen dürfen, aber auch Gäste bleiben. Also, dass mein kreativer Part so stark ist, dass er da drüber steht. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wo ich das nächste Album sehe, aber was mir relativ schnell klar war: »Donuts Teil 500« ist nicht das, was ich machen möchte. Ich feier diese ganze Sampling-Beat-Revival-Sache total. Aber nur Musik zu machen, die sich über 30 Sekunden trägt, ist zwar interessant, kam für mich als Album aber nicht in Frage. Da war mir die ­Wahrnehmung als Künstler auch zu wichtig und das Format nicht gut genug. Letztendlich wollte ich aber trotzdem, dass es beatlastig ist und habe eher ungewöhnliche Songstrukturen und Arrangements bei manchen Songs gewählt, wodurch es irgendwie ein anderes Format gekriegt hat.

Was ist für dich der Unterschied ­zwischen einem Beat und einem ­Instrumentalstück?
Es ist schwierig, da eine Definition zu finden, die immer trifft. Aber dass ein Beat zu einem Song wird, hängt wohl maßgeblich davon ab, ob man es schafft, einen Spannungsbogen zu kreieren. Ein Song kann auch 30 Sekunden lang sein, das hängt gar nicht von der Länge ab. Für mich ist der Unterschied: Mit einem Beat verbinde ich etwas, das über seine Spielzeit eigentlich relativ gleich bleibt und eher monoton ist. Und damit es zu einem Instrumentalstück wird, braucht es halt eine gewisse Dynamik, eine gewisse Dramaturgie.

Wenn du etwas produzierst, weißt du dann schon vorher, ob das eher etwas wird, das du z.B. mit der Band ­weiterverarbeitest oder etwas, das als Instrumentalstück funktioniert?
Meistens hab ich schon vorher ein relativ konkretes Bild, bevor ich den ersten Ton in den Sampler lade. Allerdings führt einen der Weg dann nicht immer genau da hin. Manchmal schmeißt man eben alles wieder weg oder kommt ganz woanders raus. Go with the flow – da wo es dich hintreibt, da treibt es dich halt hin. Aber es ist wichtig, vorher schon eine Vorstellung zu haben. Fast alles, was es von mir so gibt, gab es vorher als Skizze, als etwas, dass ich in ganz kurzer Zeit ganz schnell gemacht hab. Das liegt dann meistens eine Weile, um davon ein wenig Abstand zu kriegen. Und dann merke ich, dass manche Sachen von der Grund­idee so stark sind, dass ich sie dann wieder aufgreife. Das Gute an dieser Arbeitsweise ist, dass die Beats, die von der Grundidee nur halbgut waren, ausgemistet werden. Früher hab ich dazu geneigt, die Sachen gleich fertig zu produzieren. Aber ein Track mit einer nicht so tollen Idee wird natürlich nie so geil wie einer, wo die Idee von Anfang an stark ist. Alles was du um diese Idee herum produzierst, dient eigentlich nur dazu, den Peak deiner Kreativität, als du den Einfall hattest, rauszustellen. Wenn die Grundidee nicht stark genug ist, dann hast du eine Story toll ausgeschmückt, die einfach nicht so gut war.

Aber ausproduzieren muss sein?
Nein, muss nicht sein. Auf keinen Fall.

Viele Beats glänzen ja vor allem dadurch, dass sie so ruppig sind, als Momentaufnahme.
Das ist ja genau die Sache: Man muss immer im Kopf behalten, was man da ­ursprünglich mal gemacht hat – das kann auch ein schlampig geschnittenes Sample sein. Eine große Gefahr ist eben, dass man die Sachen poliert und poliert und dabei plötzlich die Grundidee weggeschliffen hat. Das erfordert viel Erfahrung und auch Geschick, zu erkennen, was genau die Essenz von der Idee war. Die darf man nicht verändern. Und wenn das das Ruppige ist, dann muss man das unbedingt beibehalten. Also ist es manchmal auch gut, gar nichts mehr dran zu machen.

Auf »Chasing Clouds« ist auch ein ­Featurepart von Fashawn zu hören, ­dessen »Boy Meets World« 2009 ein klarer Jahreschartsfavorit war. Hört man sich als Produzent dann das Album an und denkt: Mist, da wäre ich gern dabei gewesen?
Ich fand einfach die Attitude, die er mitbringt, sehr gut. Bei dem Album dachte ich mir schon: Geil, endlich. Ich fühle es. Und dann habe ich dieses Instrumental gemacht, »Change«. Das hatte ich zunächst auch auf meinem Soundcloud-Account und habe darauf auch wahnsinnig viel Feedback gekriegt. Auch zu dem Zeitpunkt haben schon Leute darauf Songs gemacht und mir geschickt. Aber im Kopf hatte ich das Stück eigentlich immer im Zusammenhang mit Fashawn. Und das Instrumental war dann für ihn wohl auch ganz passend.

Lief die Zusammenarbeit übers Internet?
Also ich kannte ihn vorher nicht, ganz unromantisch. (lacht) Ich stelle ja immer wieder Sachen ins Netz, ich finde es ziemlich cool, dass man nicht mehr so an das Albumformat gebunden ist. Du hast mittlerweile alle Möglichkeiten, etwas zu veröffentlichen. Und das finde ich sehr schön. Klar, früher war das so: Da hatte Groove Attack zehn Maxis in der Woche importiert, davon fandest du drei cool. Mit den drei bist du nach Hamburg geflogen, hast dort aufgelegt und wusstest, dass ein DJ von dort auch mal diese drei Songs aufgelegt hat – und so wurden halt Hits kreiert. Dadurch kommt es auch, dass Mitte/Ende der Neunziger so viele HipHop-Club-Classics entstanden sind: Weil es eine Vorselektion gab und die DJs so einen gemeinsamen Nenner finden konnten. Das hat sich mit dieser Veröffentlichungsflut im Internet geändert: Jetzt kommen in der Woche 5.000 coole Songs raus und du hast nicht mal ansatzweise die Möglichkeiten, alle zu finden. Die Blogs funktionieren genau umgekehrt wie der Vertrieb früher, der die Musik in einer Vorauswahl gebündelt hat. Blogs funktionieren nach dem Prinzip »Ich poste etwas, das die anderen nicht posten«. In kreativer Hinsicht ist das wahnsinnig wertvoll. Allerdings kommt dann der Mechanismus zum Tragen, dass genau das Obskure groß wird und nicht das, was einfach nur gut ist. Die Leute schicken sich halt das weiter, was sie total irre finden oder was gar nicht klar geht. Die wenigsten schicken was weiter, das sie berührt. Für DJs macht es das schwerer als früher. Und das ist wohl auch der Grund, warum viele in ihren Sets immer noch Sachen aus den Neunzigern auflegen. Ich liebe das, es hat mich ganz maßgeblich beeinflusst, aber ich will entertaint werden und das werde ich nicht, wenn ich 95 Prozent der Playlist auswendig kann.

Aber wenn die Leute ohnehin nicht alles kennen, dann ist ja auch viel Platz dafür, eigene Sachen zu spielen.
Ja. Das macht dich natürlich total frei. Das bestärkt die DJs, die sowieso schon immer ihren eigenen Geschmack aufgelegt haben. Aus meiner Sicht ist das sehr positiv, weil damit der Stil und der Geschmack des DJs nur noch wichtiger geworden sind.

Was die Technik des Produzierens angeht, kommst du ja noch aus einer Zeit, wo man ziemlich eingeschränkt war. Man konnte z.B. nur ein paar Sekunden samplen mit den damaligen Geräten…
(lacht spöttisch) Ich habe eine SP-12 zuhause mit der Seriennummer 124 – da möchte ich auch, dass ihr das so abdruckt, da bin ich nämlich nicht ganz unstolz drauf. (lacht) Da konnte man mono – mono! – 12 Bit 2,5 Sekunden samplen. Man konnte also ein paar Drums samplen – ohne Hallfahne versteht sich, das war nicht mehr drin. Und man konnte einen Samplefetzen samplen. Der Trick war: Man hat das Sample auf 45 eingespielt und dann wieder runtergetunet. Das hat auch diesen typischen SP-12-Sound ausgemacht, dieses Surren, was auf den Samples ist. Ja, dieses Leid hab ich noch miterlebt. (lacht)

Welchen Einfluss haben die ­technischen Möglichkeiten auf die ­Kreativität, deiner Meinung nach?
Du musst eben wissen, was du willst. Aber das musstest du früher auch. Wenn du keine Ideen hast, dann hilft dir die ganze Technik auch nichts. Natürlich kann man mit der heutigen Technik andere Sachen machen. Und vor allem gehen manche Prozesse jetzt schneller: Ich bin froh, dass man nicht mehr an so einem Rädchen drehen muss, keine Wellenformübersicht hat und jedes Sample Schritt für Schritt beschneiden muss. Wehe, da hat man was falsch gemacht! Damals hattest du dann drei Sampler, drei verschiedene Disketten – und da war ja immer irgendwie eine im Arsch und dann war der Beat auch wieder weg. Ich bin froh, dass das vorbei ist, aber letztendlich hängt es vom Musiker bzw. Produzenten ab, was am Ende dabei rauskommt.

Wie stehst du zu dieser neuen ­Beat-Szene, Sampling-Revival, ­Veranstaltungen wie dem »Beat Fight« etc.?
Ich finde es schön zu sehen, dass sich das Ganze so emanzipiert hat von den MCs; dass es so viele Künstler gibt, die Instrumentalmusik machen – von Future-Beat-Sachen bis zu Sampling-Beats. Das ist fast schon ein eigenes Genre, es hat nur noch keiner einen passenden Namen dafür gefunden. Ich finde es eine wahnsinnig tolle Entwicklung, dass es Produzenten gibt, die sagen: Auch wenn die MCs Schlange stehen und meinen Beat berappen wollen – das ist ein Instrumentalstück, fertig. Das ist eine der wichtigsten und besten Entwicklungen in diesem Genre. Ich finde das super, dass das über die Jahre so groß wurde und auch schon eine völlig eigene Szene ist. Das ist etwas, das ich sehr stark verfolge, weil es mir Freude macht, das zu hören. Das ist mein Sound. Wenn ein Beat geil ist, dann braucht keiner drüber rappen.

Text: Marc Leopoldseder

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