Kings of HipHop: MF DOOM // Feature

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The Illest Villains

Vom Antichrist zum Messias wird DOOM schließlich im Jahr 2004 auf seinem Kollaborationsalbum mit Madlib. Schwer bis gar nicht lässt sich ein Rapalbum finden, das in den letzten zehn Jahren den Untergrund so nachhaltig geprägt hat wie »Madvillainy.« Es gehört zum guten Ton, Anspielungen an Doritos, Cheetos und Fritos zu verstehen, an »Shadows of Tomorrow« und »America’s Most Blunted;« im Idealfall sogar zumindest eine der verschachtelten Strophen DOOMs mitrappen zu können. Jeder Beat hat nach den ersten zwei Sekunden erkannt zu werden und sei auf ewig für die Freestyles anderer Rapper gesperrt. Im Jahr 1 nach »Get Rich Or Die Tryin’« schlägt die heilige Kuh des Rucksack-Imperiums durch seinen künstlerischen Anspruch der real vs. fake-Obsession voll eins auf die Zwölf.

Was »Madvillainy« so besonders macht, ist zum Einen, dass auf der Platte zwei Meister ihres Faches auf dem Höhepunkt ihres respektiven Könnens zusammentreffen. Madlib kommt, frisch von der Überarbeitung des Blue Note-Katalogs und seinem gemeinsamen Projekt als Jaylib mit J Dilla, in vollem Spurt um die Ecke gebogen. DOOM kann zwischen den Jahren 2003 und 2005, in denen er an insgesamt sechs Studioalben beteiligt ist, sowieso keiner aufhalten.

Zum Anderen ist die LP die Kulminierung von DOOMs Vision, ein Insider-affines Kultobjekt in Rapalbum-Form zu schaffen—das Äquivalent eines gefeierten Comic-Klassikers. Alles führt auf »Madvillainy« zusammen: die Geschichte zweier zu wenig beachteter Alleskönner, die einen Fick auf Konventionen geben und einen Song auch gerne mal vor der zwei-Minuten-Marke als abgeschlossen sehen; die rebellische Attitüde, mit der sowohl Raps als auch Beats fast schon hingeschlunzt rüberkommen und doch alles genau verdichtet auf den Punkt bringen, ohne eine Sekunde zu verschenken; die Gratwanderung zwischen Komik und Bitterkeit, mit der das kongeniale Duo seine Hörer sowohl unterhält, als auch zum Denken anregt; schließlich auch das legendäre Cover-Artwork, dass die Bude eines jeden Rap-Connaisseurs als Stempel seines Eingeweihten-Wissens aufzuweisen hat. Diese Platte steht als Manifest des Querdenkens für immer in den Rap-Annalen.

Gumbo!

DOOM legt im selben Jahr mit »Mm..Food?« noch eine weitere Meisterleistung hin. Das Album liefert quasi die Spiegelung zu den weitestgehend düster gehaltenen Klängen und Thematiken der »Madvillainy« Platte. Aus der psychotischen Weed-Höhle Madlibs auftauchend, packen den Rapper im wahrsten Sinne die Munchies. Das kuriose Konzept kommt einem Rezeptbuch nahe. Alle Liedtitel spielen auf ess- oder trinkbare Güter an und die Skits stammen hauptsächlich von irgendeinem durchgeknallten Survival-Guru, der aus Dreck Futter zu machen weiß. Der Wortwitz, mit dem DOOM geschickt verpackt auch Themen wie falsche Freundschaft, Baby Momma-Drama und Alkoholismus selbst- und fremdironisch behandelt, stellt einen wahren Höhepunkt der Rapkunst dar.

Doch wie es für einen echten Künstler wohl oder übel dazugehört, ist bei DOOM nach seinem Magnum Opus-Doppelschlag erst einmal eine Zeit lang ein wenig die Luft raus. Seine Zusammenarbeit mit Danger Mouse auf »The Mouse and the Mask« wartet zwar ebenfalls mit einigen musikalischen Appettithappen auf, tanzt aber im Kontext der ansonsten so starken konzeptuellen Orientierung des Maskenmannes leicht aus der Reihe. Die Skits sind eher albern bis dämlich, als intellektuell ansprechend. Auf »Benzi Box« lässt sich DOOM sogar zu so etwas wie einem echten Crossover-Hit hinreißen—was nicht unbedingt Schlechtes bedeuten muss, aber doch zeigt, dass er die Rolle des Supervillains auf diesem Album nicht ganz so ernst nimmt, wie in der Vergangenheit. Auch der Spagat zum eher trotteligen und selbstsabotierenden Bösewicht gelingt ihm bei Weitem nicht so gut wie auf »Mm..Food?.«

Gleichzeitig steigt die Zahl der DOOM-Gastauftritte mitte der 00er-Jahre explosionsartig an. Die Gorillaz, Dabrye, John Robinson, Jake One und DJ Babu sind nur einige der Namen, für die er sich die ehemals höchst rare Feature-Ehre gibt. Auch wenn es bei der aufstauenden Enttäuschung über immer weiter nach hinten verschobene Projekte wie »Madvillainy 2« und die Ghostface-Kollabo auf Albumlänge leicht außer Acht gerät: DOOM ist einer der produktivsten Arbeiter im Spiel. Selten sind seine Parts tatsächlich schwach, doch in diesen Jahren scheint DOOM etwas der Faden zu fehlen. Der Bösewicht muss sich an ein Superhelden-Dasein gewöhnen.

Invasion der Doombots

Während dieser Zeit tauchen auch die ersten Berichte auf, dass DOOM bei einigen seiner Konzerte gar nicht selbst auftritt, sondern einen »Doomposter« auf die Bühne schickt, um ihn zu imitieren. Die eine Diskussion wirft die Frage auf, ob es cool ist, dass da ein gemachter Mann seinen Fans regelmäßig 30-40 Ocken aus der Tasche zieht, ohne dafür auch nur einen Finger zu krümmen. Andererseits scheint genau das für DOOM der Ausweg zu sein, um sich vom gefeierten Star zum Antagonisten zurückzubilden. Schließlich ließ auch Victor von Doom in den Marvel-Comics bei Zeiten sogenannte »Doombots« zum Einsatz kommen, die fälschlicherweise seine Identität vorgaben. Der Fall »Doomposter« passt also exakt ins Bild—sowohl als Erweiterung der Doctor Doom-Analogie, als auch in der Regression zum vielerorts verhassten und gefürchteten Bösewicht.

Ob das genau so intendiert ist, oder ob äußere Umstände DOOMs Schicksal wieder in etablierte Bahnen rücken, sei—der künstlerischen Freiheit wegen—dahingestellt. Angeblich tragen nämlich sowohl ein Alkoholproblem, als auch DOOMs Reisebestimmungen, die dem gebürtigen Londoner hin und wieder in den Vereinigten Staaten das Leben schwer machen, ihren Teil zur »Misere« bei.

Can it be I stayed away too long?

Gerade als die Gerüchteküche überzubrodeln droht, meldet sich DOOM mit seinem ersten Soloalbum in fünf Jahren zurück. Das MF-Kürzel lässt er höchst offiziell fallen. »Born Like This« soll DOOM auf das entscheidende Minimum reduzieren. So ist der Eröffnungstrack auch schlicht und einfach als »Supervillain Intro« betitelt. Die reduktionistische, sozialkritische Lyrik des Charles Bukowski stellt einen Orientierungspunkt dar, der auf »Cellz« durch einen Gedichtsauszug explizit nach außen gekehrt wird. DOOM klingt durchgehend entschlossen, bisweilen verbittert und manchmal auch desorientiert. Das mag zum Teil an der zwar geschmackssicheren, aber sehr durchmischten Beatauswahl liegen, die er sich zusammensammelt. Aber im Allgemeinen erweckt das Album den Eindruck, dass der Supervillain nicht so ganz weiß, wo er hingehört. Er weiß nur, dass er ein Arsch sein und auf den ganzen Mumpitz einen gehörigen Haufen legen will.

London Calling

Irgendwann um 2010 zieht DOOM zurück in seine Geburtsstadt London, die er als Kind verließ. Anscheinend tut er das gezwungenermaßen, da schleierhafte Zollregulierungen die Einreise in die Staaten verbieten. »Keys to the Kuffs« ist DOOMs London Album. Mit dem Produzenten Jneiro Jarel tut er sich als JJ DOOM zusammen, kollaboriert unter anderem mit Damon Albarn und mit Beth Gibbons von Portishead. Auch Thom Yorke bewegt sich zu der Zeit in DOOMs Dunstkreis. Ähnlich wie »Vaudeville Villain« erzählt »Keys to the Kuffs« eine unterhaltende, von traurig über wütend bis belustigend wirkende Außenseitergeschichte. Kommunikationsschwierigkeiten und Missverständnisse treten auf, gegen die sich der Villain durch Unfug zu wehren weiß. Befremdlichkeit schrieb sich DOOM schon immer auf die Fahne. Insofern kann das Album als Erfolg gewertet werden, zumal die einhergehende Akzeptanz der Weirdo-Pop-Größen einen nicht zu verachtenden Fortschritt in DOOMs musikalischer Entwicklung und ihrer Auffassung darstellt.

King of the Underground

Butter bei die Fische: Wen kennst du sonst noch, der 1989 sein Aufnahmedebüt gab, im Jahr 2012 mit der High Society der Kulturszene verkehrt und von ihr als ebenbürtig wahrgenommen wird? Richtig, Jay Z. Und dann lange niemand. Obwohl die beiden Rapper Karrierepfade einschlugen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind sie irgendwie doch verwandt. Was Jigga für die HipHop-Kultur als Ganzes sein mag, ist DOOM für den Untergrund. Ein geniales Erstwerk, ein noch genialeres Mittel- bis Spätwerk und zwischendurch immer wieder Erzeugnisse, die den respektiven Hörern für alle Zeiten erhalten bleiben werden. (Dass DOOMs Diskografie insgesamt die stärkere ist, muss den Jay Z-Fans nicht großartig unter die Nase gebunden werden.) Für Beide leitete der Tod eines Nahestehenden eine neue Schaffensperiode ein. Auf der einen Seite haben wir den Saubermann, auf der anderen Seite den Bösewicht.

DOOM gehörte nie zu den coolen Kindern und wollte auch nie dazugehören. Er mag keine Normalos und verabscheut die Regeln der Gesellschaft. Er verabscheut das Rap-Game, ist aber tief verbunden mit der ursprünglichen Kultur des HipHop und ein wahrer Poet. Er ist ein Konzeptkünstler—ein viel besserer, als es Jay Z jemals sein wird. Er ist sich seiner Hörerschaft bewusst, muss sich von ihr aber auch immer wieder entfremden, um sich seiner selbst weiter treu zu bleiben. Seine musikalische Vision ist so weitreichend, dass die Kids auch heute noch seine Beats entdecken und einen freudigen Purzelbaum einmal quer über »Special Herbs« hinlegen. Sie hängen sich »Madvillainy« an die Wand, nachdem sie es nach dem achten Hördurchlauf endlich verstehen und nutzen vielleicht auch mal das Cover von »Mm..Food?« als ihr Facebook-Profilbild. Für jeden Außenseiter ist DOOM ein wahrhaftiger Held.

Die Person Daniel Dumile hat es dabei offenbar ein Stück weit verschlissen. Es kann, tagein, tagaus, kein freudiges Leben unter dieser Maske sein. Seine gesundheitlichen Probleme trägt er, getreu seines Versteckspiels, nicht an die Öffentlichkeit. Wer ihn dieser Tage allerdings einmal in Aktion erlebt, sieht die Spuren, die seine rigorose Anti-Haltung an ihm hinterlassen haben. Als Mann hinter der Maske hat sich Daniel Dumile für seine Kunst geopfert. Dafür sind wir Rucksackträger ihm auf ewig dankbar.

Text: Anthony Obst

Zuerst erschienen in der JUICE #154 am 19.9.2013

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