»Von mir aus können auch Transsexuelle auf der Bühne stehen und rappen« // King Orgasmus One im Interview

King Orgasmus One ist der Inbegriff einer Untergrundlegende. Das Bassboxxx-Mitglied hat Berliner Rap seit Ende der Neunzigerjahre entscheidend mitgeprägt, hierzulande das moralisch schwierige Genre Pornorap etabliert (und passend dazu eine ganze Reihe Pornofilme veröffentlicht) und betreibt seit 2001 das Label I Luv Money Records, auf dem schon Bushido, Silla und Bass Sultan Hengzt releast haben. Passend zum Albumtitel trafen wir uns anlässlich seiner neuen Platte »Welcome To The Hood« mit Orgi, der mittlerweile in Österreich lebt, in seiner alten Heimat auf ein Gläschen Berliner Weisse.

Dein wievieltes Album ist »Welcome To The Hood«?
Ich hatte immer ein Regal, in dem alle meine CDs in einer Reihe standen, sodass ich immer sehen konnte, was ich so rausgebracht habe. Aber das habe ich nach einem Wasserschaden abbauen müssen, und jetzt habe ich das gar nicht mehr auf dem Schirm.

Es sind auf jeden Fall locker über zwanzig. Ist so eine Plattenveröffentlichung für dich überhaupt noch etwas Besonderes?
Ja. (nach einer kurzen Pause folgt sein ­markantes Lachen) Würde ich schon ­sagen. Es ist schön, aber es ist ja ursprünglich mein Hobby gewesen, das ich zum Beruf gemacht habe. Und wenn du in dem Beruf 15 oder zwanzig Jahre arbeitest, würdest du das lieber wieder nur als Hobby machen – aber irgendwie musst du ja auch deine Miete bezahlen.

Woher nimmst du noch deine Motivation?
Ich feiere HipHop seit Anfang an und habe immer noch Spaß an der Sache. Der Pornorap war eine Zeit lang pure Geilheit – aus dem Leben gegriffen.

Die erste Single »Murderer« klingt eher so, als ob Rap dich nervt und das Genre deshalb ein hartes Album von dir braucht.
Das hast du richtig erkannt. Der »normale« Rap ist ja in eine andere Schiene gewandert: elektronisch mit verstellten Gesangseinlagen. Autotune ist dabei noch nicht mal das Problem. Soll jeder machen, wie er will – das ist ja in Amerika, Frankreich oder Spanien auch so. Aber der Rap, mit dem ich aufgewachsen bin, also Wu-Tang und Mobb Deep, mit straightem Rap auf einem harten Beat, das fehlt ein bisschen. Deshalb ist »Welcome To The Hood« ein Album für und über mein Umfeld von früher.

Unter dem Video zu »Murderer« steht der spannende Kommentar: »Ein Glück entwickelt Orgi sich nicht.«
Das ist Lob und Diss in einem. (lacht) Gegen Weiterentwicklung ist prinzipiell ja nichts zu sagen, aber viele Leute, die sich weiterentwickeln wollen, fallen auf die Schnauze. Ich hab meine Fanbase seit Anfang an, und darauf bin ich sehr stolz. Meine letzte Tour haben wir ab 18 gemacht, da waren viele alte Fans dabei und wir haben viele Locations ausverkauft. Die Leute feiern diese Art von Rap immer noch.

Kommen auch noch neue Fans dazu?
Ich kriege das gar nicht mit, weil ich auf der Bühne stets Sonnenbrille trage – ich hab dann einen Tunnelblick. Und die Leute im Backstage sind eh nur alte Bekannte. Aber meine Fans werden halt auch älter. Viele finden HipHop heute scheiße und hören eigentlich lieber Techno. Nur bei Orgi sind sie am Start und wollen mal wieder ordentlich auf die Kacke hauen.

Schock und Provokation waren immer ein wesentlicher Bestandteil deiner ­Musik. Ist es heute schwieriger geworden zu provozieren?
Klar. In jedem Gangstarap-Video fuchteln ja heute Leute mit Waffen rum, das ist nichts Besonderes mehr. Weil meine Sachen früher oft indiziert wurden, habe ich meine Mucke dann irgendwann über Österreich vertrieben, wo Hardcore-Fans sie sich besorgen konnten.

Womit man früher noch schocken ­konnte, ist heute teilweise normal – wie die gerade von dir beschriebenen Waffen in Videos. Wie stehst du dazu?
Das hat sich verändert, weil weniger rigoros indiziert wird. Ich hatte damals Hausdurchsuchungen, die Polizei kam mit kugelsicheren Westen bei mir reingeschneit und hat Sachen von mir beschlagnahmt, Tonträger wurden indiziert. Da war es schwierig, Musik zu veröffentlichen. Die Vertriebe haben darum gebeten, weniger harte Sachen zu machen, damit die Tonträger nicht direkt wieder aus den Regalen genommen werden müssen. Heute sind die Leute da lockerer, sodass ich hoffe, dass mein neues Album trotz nackter Weiber und Ficken nicht indiziert wird. Früher haben wir Platten deshalb schon im Vorverkauf angeboten, sodass die CDs bereits weg waren, bevor sie indiziert wurden. Aber das ganze Genre hat sich verändert: Heute wird Deutschrap im Radio gespielt; Songs, die den Namen einer Droge im Titel tragen. Ich glaube nicht, dass meine Mucke schlimmer ist.

Hast du dazu beigetragen, dass sich das so entwickelt hat?
Eigentlich nicht, weil ich immer verboten wurde – trotzdem haben es natürlich alle gehört. Es kommt halt voll auf den Beat an: Wenn du so einen schwulen Beat hast, hört einfach keiner mehr auf deinen Text. Dann tanzen die Leute eben dazu, und dann scheint es okay zu sein.

Wie sollte die Gesellschaft reagieren?
Jeder sollte schauen und hören können, was er will. Natürlich würde ich keinem kleinen Kind einen Horrorfilm zeigen oder ihm ein Pornorapalbum in die Hand drücken, aber ab einem gewissen Alter, und vor allem als Erwachsener, braucht es keine Indizierung. Ich will einen Film wie »Rambo« ungeschnitten gucken und sehen, wie er Leute abballert und das Blut spritzt. Nicht nur einen Schuss hören, Schnitt – und dann weiß ich noch nicht mal, ob der Gegner überhaupt gestorben ist.

Ist das so einfach?
Manchmal gibt es auch mehr als nur eine Ebene. Ich nehme in meiner Musik auch manchmal Bezug auf Sachen, die manche nicht sehen. Der französische Adelige Marquis de Sade war wegen seiner Schriften auch zweihundert Jahre lang verboten, saß deswegen im Knast – deshalb auch das Cover meines Albums »La Petite Mort« von 2007. Und wenn ich da über »Das Recht der ersten Nacht« rappe, dann hat das einen historischen Bezug: Früher war es so, dass der König in sein Dorf kam, wenn jemand neu dorthingezogen ist, und hatte das Recht, erst mal die Frau zu bumsen. Wenn ich darüber rappe, verstehen das die meisten Leute nicht, weil ihnen das nötige Wissen dazu fehlt und sie die Geschichte der Sexualität nicht interessiert.

Kannst du die Kritik, die dir aufgrund deiner rohen, anzüglichen Texte damals entgegengebracht wurde, mittlerweile nachvollziehen?
Manche Menschen finden meine Musik­ ­primitiv, asozial und sexistisch, und bei ­einigen Songs kann man das so sehen. Aber ich finde die Musik, zu der heute ständig gefeiert wird, viel primitiver. Meine Texte haben Hintergrund. Und man muss sich Kunst immer im Ganzen ansehen.

»Viele Männer brauchen im Bad heutzutage länger als Frauen. Die Typen hocken bei der Fußpflege und achten auf ihren Style. Oder nimm Gucci: Das war früher nur was für Frauen. Heute brüsten sich Typen mit ihrem neuesten Gucci-Accessoire«

Sex wird auch nicht mehr so stark ­diskutiert im Rap wie früher, oder?
Ja, weil alle schwul geworden sind. Früher sind wir durch Berlin gelaufen und haben nur Ollen angeguckt. Geil! Heute gucken sich die Männer gegenseitig an und fragen einander, was sie denn so für einen Bizepsumfang haben. »Was ist das für ein Shake? Zeig mal deinen Bauch!« Das verstehe ich nicht.

Stört dich das?
Das ist für mich homosexuell.

Stört dich Homosexualität?
Wenn die mich nicht damit provozieren oder auf mich zukommen, ist mir das egal. Jeder kann schließlich machen, was er will. Ich kenne auch einen Homosexuellen, und der hat gefeiert wie ein Irrer. Der hat mich den krassesten Hetero genannt, den er kennt. Dem habe ich auch gesagt, dass es mir vollkommen egal ist, wenn er sein Ding macht. Mich stören eher die ganzen Menschen, die eigentlich hetero sind, aber auf schwul machen oder die neue Generation ins Schwulsein lenken. Manche Leute sagen ja: »Küss mal den anderen Fan, dann kriegst du ein T-Shirt.« Die lenken die in eine Schwulität rein, wo ich mich frage, was das soll. Viele Männer brauchen im Bad heutzutage länger als Frauen. Die Typen hocken bei der Fußpflege und achten auf ihren Style. Oder nimm Gucci: Das war früher nur was für Frauen. Heute brüsten sich Typen mit ihrem neuesten Gucci-Accessoire.

Deshalb muss man es anders machen?
Nein – jeder soll machen und sich anziehen, wie er will. Von mir aus können auch Transsexuelle auf der Bühne stehen und rappen – das ist mir egal. Aber ein Beat, ein Sample, knallharter Text – das ist Rap für mich. Auch das Konsumverhalten hat sich total verändert.

Inwiefern?
Letztens habe ich irgendeinen Rapper gesehen, der sich in einem Interview die neusten Brillen hat zeigen lassen. Der saß da mit dicken Goldketten, und dann kam jemand mit einem Koffer voller Sonnenbrillen rein – eine kostete 20.000 Euro, eine andere 80.000 Euro. Damals saßen wir einfach verpeilt mit unseren Hoodies im Video, heute brüsten sich die Leute überall mit ihrem Geld wie Nutten im Puff, die ihrem Zuhälter zeigen wollen, dass sie gut verdient haben.

Aber ist das nicht auch ein Battle-­Gedanke: Besser zu sein als der andere – und sei es beim Verdienst?
Ja. Und klar, auch früher gab es schon Klatschmedien, die über sowas berichtet haben. Aber für mich ist das alles eher nichts.

Die im Interview getätigten Meinungen des Künstlers geben nicht die Meinung der Redaktion und des Interviewers wieder. Der Interviewer und die JUICE unterstützen jegliche Bemühungen von Frauen und der LGBT-Community für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung.

Dieses Interview erschien in JUICE #188. Aktuelle und ältere Ausgaben können versandkostenfrei bei uns im Shop bestellt werden.

Text: Arne Lehrke
Foto: Matthias Teichgräber

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