»Ich bin hier, um mich verletzlich zu zeigen« // 6lack im Interview

HipHop, so heißt es häufig, sei hart, prollig, diskriminierend, maskulin. Und das Klischee stimmt oft genug. Doch zum Glück gibt es auch immer wieder Künstler, die gerne mit diesen Klischees brechen. Einer von ihnen: 6lack. Seine Songs sind keine harten Ghetto-Tales, sondern smooth erzählte Storys von unerwiderter Liebe, Enttäuschungen und den kleinen und großen Frustrationen des Lebens. Nur um das Statussymbolklischee von der Rolex, darum kommt auch der Rapper aus Atlanta nicht herum.

Stimmt es, dass du deine Rolex verbummelt hast? Ist sie wieder aufgetaucht?
Ja! Die hab ich heute in London im Hotel­zimmer liegen lassen. Sie wird mir jetzt zugeschickt, ist also safe. Eigentlich lege ich die nie ab, auch nicht zum Schlafen, aber gestern schon. Als ich mich dann heute angezogen habe, hab ich vergessen, sie wieder anzulegen, und bin einfach los. Als ich das bemerkt hab, dachte ich nur: »Shiiit!«

Vermutlich war sie ziemlich teuer.
(lacht) Ja, definitiv! Ich habe sie mir allerdings nicht selbst gekauft, sie war ein Geschenk von meinem Management, als »Problems« Doppel-Platin gegangen ist. Sie wurde mir beim Coachella überreicht. Es wäre wirklich bitter gewesen, wenn ich sie verloren hätte, weil mir die Uhr tatsächlich viel bedeutet.

Ist dir Bling-Bling generell wichtig?
Nein, eigentlich nicht. Ich mag keine dicken Ketten. Wenn überhaupt, dann
eher kleine Sachen.

Du kommst aus Atlanta. Wie hat die Stadt deine Musik beeinflusst? Ange­fangen hast du ja mit Battlerap.
Ja, meine gesamte Schulzeit war geprägt von Battlerap. Ich habe das im Internet gesehen und es dann einfach selbst gemacht. Aber ich wollte mich weiterentwickeln, nicht nur ein Rapper, sondern auch ein Songwriter sein. Auch wenn ich R’n’B machen wollte, konnte ich das, was musikalisch in Atlanta abging, nie ganz abschütteln. Die Stadt hat auch viel Trap und Bounce in meine Songs gebracht.

Deine ersten Studioaufnahmen stammen aus dem Studio deines Vaters – damals warst du vier Jahre alt. Kannst du dich daran noch erinnern?
Mein Vater war auch Rapper. Ich hab den Song, den wir damals zusammen aufgenommen haben, neulich sogar irgendwo wiedergefunden. Die erste Zeile von dem Song war: »When I grow up, I’m gonna be somebody.«

Was für eine Art Rap hat dein Vater gemacht?
Holy HipHop – christlichen Rap. Bei ihm ging es weniger um die Musik, mehr um die Religion.

Also kommst du aus einer religiösen Familie?
Ja, aber da bin ich irgendwann rausgewachsen. Als Kind musste ich wegen meiner Eltern viel in die Kirche gehen. Heute tue ich das nicht mehr.

Welche Rolle spielt Religion heute in deinem Leben?
Ich hab mich viel mit verschiedenen Religionen auseinandergesetzt, verschiedene Orte und Länder besucht. Daraus habe ich mir meine eigene Wahrheit zusammengebastelt.

Das Billboard-Magazin hat deinen Sound kürzlich beschrieben als »moody HipHop für die Gefühle der Emoji-Generation«. Ist es dir wichtig, Rapmusik ohne stereotype Männlichkeitsbilder zu machen und aufzuzeigen, dass man im HipHop auch andere Gefühle zulassen kann als Wut und Hass?
Das war mein Ziel seit Tag eins. Mir ist egal, was andere machen, aber ich will mir selbst treu bleiben. In meinem Leben gibt es viele Dinge, mit denen ich klarkommen muss: Beziehungen, Streitereien, Enttäuschungen, Depressionen. Und ich will das so transportieren, dass andere Menschen sich mit mir, meiner Musik und meinen Gefühlen verbunden fühlen. Vielleicht hilft ihnen das sogar, mit ihrem eigenen Leben besser klarzukommen.

Also würdest du es gut finden, wenn sich die Rollen von Männern und Frauen im HipHop verändern?
Absolut! Ich bin hier, um mich verletzlich zu zeigen; um ein bisschen anders zu sein als meine Kollegen.

Inwiefern wird sich das auf deinem anstehenden neuen Album »East Atlanta Love Letter« widerspiegeln?
Auf meinem Debütalbum »Free 6lack« ging es noch um alles, was in meinem Leben bis zu diesem Zeitpunkt passiert ist – um meine Perspektive auf die Dinge. Bei der neuen Platte hingegen geht es auch viel um andere Personen und deren Perspektiven auf das Leben. Es ist also ein wenig abwechslungsreicher.

Was kannst du sonst noch über das neue Album verraten?
Noch nicht viel, aber ich werde die Platte so schnell wie möglich rausballern. Es gibt ein paar heavy Features, aber die will ich jetzt noch nicht verraten.

Den Song »Switch« hast du kürzlich bereits veröffentlicht. Darin geht es darum, für einen Tag den Körper mit einem anderen Menschen zu tauschen. Stimmt der Eindruck, dass du beim Schreiben des Songs genervt von etwas warst?
Ja. In den letzten zwei Jahren ist einfach so wahnsinnig viel passiert. Ich hab meine Karriere gestartet, wurde schnell erfolgreich und war immer unterwegs. Ich habe sogar die Geburt meiner Tochter verpasst! Umso mehr versuche ich jetzt, ein Teil ihres Lebens zu sein, aber es ist gar nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Und wenn Leute dann meinen, mir kluge Ratschläge geben zu müssen, dann denke ich schon manchmal: »Ganz ehrlich, Leute: Haltet doch einfach mal die Fresse!«

Text: Helena Nikita Schreiner
Fotos: Donte Maurice

Dieses Interview erschien in JUICE #188. Aktuelle und ältere Ausgaben können versandkostenfrei bei uns im Shop bestellt werden.

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