Kevin Abstract: »My best friend’s racist, my mother’s homophobic« // Feature

Morgen erscheint »Ginger«, das fünfte Album der Internet-Chaos-Truppe Brockhampton. Ein Porträt über den heimlichen Frontmann Kevin Abstract.

Ian Simpson, Stagename Kevin Abstract, ist nach vier Jahren Brockhampton-Engagement wieder auf Solopfaden unterwegs. Der Gruppenausflug hat Spuren hinterlassen.

Kevin Abstracts Geschichte beginnt im Leib Christi. Genauer gesagt in der gleichnamigen 300.000-Seelen Stadt an der Westküste des Golf von Mexiko: Corpus Christi, Texas. Geprägt ist dieser Flecken Erde vor allem von seiner Durchschnittlichkeit: Aus- bis abgestorbene Downtown, kilometerbreite Suburbs, größtenteils ethnisch segregiert, gekachelte Fassaden in den weißen Nachbarschaften, Bretterbeschlag in den schwarzen und hispanischen. Im Rest der Vereinigten Staaten kennt man Corpus Christi vielleicht wegen eines revolutionären Gerichtsurteils von 1970, das Schutz vor diskriminierenden Bildungsgesetzen, die zuvor nur für afroamerikanische Schüler galten, auf Latinos ausdehnte. Wahrscheinlicher jedoch dafür, dass Corpus Christi jahrelang als übergewichtigste Stadt des Landes galt: Im Volksmund wird sie deshalb gerne auch als »Corpulent Christi« verspottet.

Was Großwerden in dieser Stadt für Kevin Abstract bedeutete, findet sich in kürzester Form im Track »Miserable America«: »My best friend is racist, my mother homophobic/I’m stuck in the closet and I’m so claustrophobic«. Das Martyrium des Erwachsenwerdens traf Abstract besonders hart: Schwarz und schwul in einem der schwarzen- und schwulenfeindlichsten Landstriche Amerikas. Für Abstract musste diese Zeit deshalb so schnell wie möglich enden. Mit 15 lief er also von zu Hause weg, mit 16 schlug er tausend Meilen weiter östlich bei seiner Schwester in Georgia auf. An viele der Orte und Szenen, denen Abstract damals entfloh, führten seine zwei ersten Alben, »MTV1987« und »American Boyfriend: A Suburban Love Story«, den Hörer zurück: wie er auf dem High School Prom die eigene Affäre beim Tête-à-tête mit einem Dritten erwischt, wie es auf dem Football Pitch zur Versöhnung kommt, wie er zwei Wochen später im Naherholungspark den nächsten Lover mit einem Mixtape aus Nirvana, Madonna und Cyndi Lauper umgarnt.

»Der eine Leib und die vielen Glieder«

Musikalisch werden solche Szenen heute gewöhnlich als teenage-angst-getränkte Downtempo-Melange aus Rap und R’n’B präsentiert. Abstract war dieses tonale und emotionale Register aber noch nie genug. Noch nicht mal volljährig, machte er seiner emotionalen Verwirrung auf seinem 2014er Debüt mit Electropunk-Samples von Crystal Castles und unvermittelt leichtfüßigem Synth-Pop Luft. Der Nachfolger »American Boyfriend« wartete unterdessen mit Südstaaten-Bläser-Ensembles und haufenweise Piano-Arrangements klanglich organischer, bestimmt aber nicht weniger vielseitig auf. Beim erneuten Hören bleibt heute unweigerlich die Frage, wieso das damals nicht zum großen Durchbruch reichte.

Abstracts Karriere, die seit jeher weniger von kalkulierten Business Moves als vielmehr von der Not bestimmt schien, den inneren emotionalen und kreativen Überdruck abzulassen, tat das jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Für ein breiteres Publikum geht 2016, im Jahr von »American Boyfriend« also, seine Karriere erst so richtig los. Verantwortlich ist dafür nach Abstracts eigener Erzählung das Kanye-Fanforum kanyetothe.com, auf dem er schon 2015 auf andere Yeezy-Jünger mit Schaffensdrang trifft, um kurzerhand zu beschließen, musikalisch gemeinsame Sache zu machen. Dass sich in dieser Erzählung, wie in jedem guten Gründungsmythos, wohl eine ordentliche Portion Fiktion zum Fakt gesellt – laut Internet gingen schließlich einige der angeblichen Internetbekanntschaften auf dieselbe Highschool wie Abstract, spielt hier erst mal keine Rolle. Wichtiger ist: Ab 2015 ist Abstract nicht mehr solo unterwegs. Nicht nur als Mitglied, sondern eher als Mastermind der selbsterklärten All-American Rap-Boyband Brockhampton ändert sich vieles für Kevin Abstract. Das beginnt mit »ALL-AMERICAN TRASH«, Brockhamptons Debüt-Mixtape von 2016, auf dem es zunächst noch recht geordnet zugeht. In bester Arbeitsteilung bekommt jeder seine Bars, leicht entsteht der Eindruck, es ginge darum, dem Publikum eingangs alle Charaktere zu präsentieren: Ameer und Dom geben die energischen Lyricists, Matt und bearface die sleeken Säusler, und Merlyn und Joba die undurchsichtigen Exzentriker. Hierarchisch ordnet sich Abstract allenfalls als Gleichster unter Gleichen ein, bringt seine Parts über alte und neue Lieben routiniert, aber nie mit implizitem Thronanspruch. Ein Jahr später folgt die Brockhampton-Übersättigung: neben der »SATURATION«-Trilogie (inklusive Outtakes-Tape und dazugehörigem Spielfilm) taucht man mit unzähligen Features in stilprägenden Magazinen auf und krönt diesen Run mit einer eigenen Fernsehshow auf Viceland. Musikalisch wird es wilder: Gleitende Synth-Teppiche werden größtenteils durch penetrante Stolper-Bässe ausgetauscht, mehr Vocoder, mehr Auto-Sampling, und Joba ist fast nur noch in Falsett-Höhe unterwegs. Abstract scheint das neue Chaos zu genießen, probiert sich an neuen Stilen und Figuren aus und imitiert immer öfter auch klassische Boast-Rap-Attitüden, nur um im nächsten Track die eigene Verwundbarkeit ins Zentrum zu stellen.

Brockhamptons vorübergehenden Schlusspunkt markiert dann »irisdescence« von 2018. Mit dem Major-Erstling steigt die Gruppe um Abstract mal eben auf Platz eins der Billboard Top 200 ein – hochverdient, findet auch die lobhudelnde Musikpresse. Das Album offenbart sich als eine Art Brockhampton-Kondensat, brechend voll mit Selbstreferenzen, Sound­ideen und Stimmungswechseln.

Was bleibt nun von Brockhampton für Abstract, der mittlerweile wieder auf Solopfaden unterwegs ist? Eine Menge. Sein neues Album »ARIZONA BABY« lebt nicht nur von Brockhamptons typisch rauer Sprunghaftigkeit, in Abstracts Lines hört man vielmehr gar Doms Storytelling, Merlyns schamlose Promiskuitäts-Brags, Jobas Autotune-Eskapaden. Die Zeit als Bandleader der anderen Sorte ist nicht spurlos an Abstract vorübergegangen. Der Kreis der christlichen Symbolik schließt sich hier mit 1. Korinther 12: »Der eine Leib und die vielen Glieder« – die Gemeinschaft in einem Körper vereint. Corpus Brockhampton, Corpus Kevin.

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