Kanye West & Jay-Z Review #3

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Da wir »Watch The Throne« in unserer neuen Ausgabe #138 aufgrund schlechten Timings noch nicht berücksichtigen konnten, unterziehen wir die 16 Tracks der »Deluxe Edition« einer täglichen Track-by-Track-Rezension. Wir verzichten dabei bewusst auf die Nennung inoffizieller Links zu den jeweiligen Songs. »Watch The Throne« ist bei iTunes ganz einfach zu erstehen oder eben in den Weiten des Internets anderweitig zu finden. Hier die Review zum dritten Track. Ein Lied, das wir wohl noch in Jahren aus vorbeifahrenen Autos und in einschlägigen Clubs hören werden. »Niggas in Paris«. Genau, in Paris.

 

Die Oberhäupter haben also dem Fußvolk erlaubt, sich den Königssessel anzuschauen. Zu Beginn ist schon klar, dass die Kirche nicht im Dorf bleibt und im zweiten Song nehmen uns die Übermenschen schon mit ins All. Höher geht es ja auch kaum. Nach der Landung können wir den ersten Blick auf die Herrscher werfen und wie es sich für eine Begrüßung gehört, wird erst mal das Eis gebrochen, um die Stimmung zu lockern. Es wird gefeiert. Jay-Z und Kanye, auch Janye genannt, hauen so richtig auf die Kacke. Und zwar so hart, dass im Anschluss eine Klage droht.

 

»Ball so hard mothafuckas want to fine me…«

 

Jeder dürfte das schon mal durchgemacht haben. Du nimmst 50 Euro für den Abend mit, willst aber nur 30 ausgeben, am nächsten Morgen stehst du dann mit 40 Cent in der Küche, weil du im Suff dann doch noch in den zweiten Club gegangen bist und im Anschluss einen Hühnchendöner verputzt hast. Doch von diesen gewöhnlichen Abenden sprechen wir hier nicht. Auch nicht von diesen Silvestergelagen, bei denen du mit 150 Euro das Haus verlässt, am nächsten Morgen mit Filmriss, ohne Handy und Geld aufwachst und nachts scheinbar doch noch 300 Euro abgehoben und natürlich auch ausgegeben hast. Das ist nichts. Das Janye-Team geht komplett Berserker. Ganz nach dem Motto: »We spend money, so don’t try to compete if you are in no position«.

 

Und zwar tun sie das in einer der teuersten und gentrifiziertesten Städte der Welt. Dort, wo du weder von Luft noch von Liebe leben kannst, da selbst ein Knäckebrot mehr kostet als eine Portion gebratener Eierreis auf dem Rummelplatz in Bad Salzuflen. In den 60ern Zentrum der rebellierenden Kunst- und Filmszene, mittlerweile Ort für die wirklich Besserverdienenden und leicht entzündbarer Abenteuerspielplatz für die eher schlechter Situierten. Dort, wo das Nachtleben eigentlich komplett gekillt wurde, da totales Rauchverbot herrscht und die Bars um 2 Uhr schließen müssen. Paris, es ist schwierig dort wirklich Spaß zu haben. Es sei denn – du schwimmst in Geld. Und das tun die beiden.

 

Timbo hat den Verstand verloren und kann es nicht mehr, drum liefert das jüngste G.O.O.D. Music-Signing Hit-Boy den Beat, der irgendwo zwischen Kingdom – Fogs, Araabmuziks Verrücktheiten und der Titelmusik einer Kinder-Detektiv-Serie angesiedelt ist. Er befand sich auf einer Beat-CD, die Jay und Kanye während eines Paris-Aufenthaltes gehört haben und der den Vibe dieses Kurzurlaubs genau widerspiegelt. Sich betrunken Modeschauen reinziehen, verstrahlte Unterhaltungen mit Karl Lagerfeld führen, anschließend zur After-Party fahren und Young Jeezy im Auto pumpen. Ganz normale Tage halt.

 

Es beginnt mit dieser angenehm simplen Melodie, der Taktvorgabe und den anfeuernden »Yeah«-Rufen aus einer baptistischen Täufer-Zeremonie. Und dann, ja dann fängt Herr Carter auch schon an und macht wirklich allen klar, dass es da etwas gibt, dass er so beherrscht wie niemand anderes auf dieser kleinen Welt. Rappen. Mit diesem ureigenen Flow, komplett zurückgelehnt, lässig und gleichzeitig extrem dominant und furchteinflößend. Wie in den glorreichen Roc-A-Fella-Zeiten. Ein wahnsinniger Clubhit in »Big Pimpin«- Manier. Nur lässt dieser nicht deine Oma mitschunkeln, da die Melodie sie an die schönen Omar Sharif-Filme erinnert. Die Zeiten haben sich geändert, alles ist industrieller, härter und viel böser geworden.

 

»So I ball so hard mothafuckas want to fine me, First niggas got to find me, What’s 50 grand to a motherfucker like me, Can you please remind me?«

 

Der alte Börsenmakler. Wer soll’s ihm krumm nehmen, dass er den Bezug zum Geld verloren hat. Er ist ein Mogul. 50 Riesen sind für den Normalsterblichen eine in weiter Ferne zu erahnende Summe, Shawn muss ebenfalls zum Fernglas greifen, nur dreht er sich um und sieht es einfach nicht, dieses kleine Häufchen Münzen. Wie Gekko in »Wall Street«, nur als Endzeitszenario.

 

Das Album, dieser Song, der Zeitpunkt könnte nicht falscher sein. Jay-Z plankt in dem Track »Gotta Have It« auf einer Million Dollar, die amerikanische Wirtschaft plankt auf dem Abgrund ins Bodenlose. Vielleicht sind wir die letzte Generation, für die die USA im kulturellen Sinne überhaupt noch eine Rolle spielt. Wir müssen unseren mit Stäbchen essenden Enkeln wohl erklären, weswegen wir so auf Cheeseburger und HipHop abgefahren sind. Im »Harry Brown«-Film erschien die Schluss-Szene eher konstruiert und überzeichnet, doch auf einmal brennt London tatsächlich. Den Menschen geht es weltweit schlecht, die Erde scheint dem Untergang so nah zu sein wie nie zuvor und diese beiden Verrückten reiben uns ihren unermesslichen Reichtum unter die Nase. Und dennoch ist der Song so real wie es geht. Als hätte er es geahnt:

 

»The Nets could go 0 for 82 and I look at you like this shit gravy…«

 

Selbst wenn die Börse schlapp macht, geht es ihm immer noch mehr als gut. Und wie sagt man noch, wenn Blut auf den Straßen liegt, soll man kaufen. Ein sehr zeitgemäßes Ding also. Und es wird sogar sozialkritisch. Die repetitive Art, die Call & Response-Form des immer wiederkehrenden »Ball so hard«, das Einsetzen der enormen, trommelähnlichen Bassdrum, all das könnte auch auf einem imaginären, befreiten Sklavenschiff zu hören sein. Motivierende Ansagen von demjenigen, der den Captain erschossen hat und die Meute auf den neuen Kurs bringt. Alte Traditionen verbunden mit neuen Lastern. Auch wenn man sich in der neuen Welt unwohl und eher deplatziert fühlt. Lass es einfach krachen.

 

»Ball so hard this shit weird, we ain’t even supposed to be here/ Ball so hard since we here, it’s only right that we’d be fair.«

 

Eine Aussage, die sich auf diesem Album des Öfteren wiederfindet. Hier könnte sowohl der afroamerikanische Verlust der Heimat und Identität gemeint sein als auch die Tatsache, dass ein ehemaliger Drogenhändler nicht in den Country Clubs der Welt ein und ausgehen dürfte. Aber wenn sie schon mal da sind, dann können sie es auch krachen lassen. Er kann es selbst kaum glauben, ist schockiert und weiß jeden Moment zu schätzen.

 

»Ball so hard I’m shocked too, I’m supposed to be locked up too, If you escape what I’ve escaped, you’d be in Paris getting fucked up too«.

 

Denn ganz ehrlich, er könnte auch einer von denen sein, die im Knast gelandet, aufgrund der rechtsfreien Zone des Geschäfts gestorben oder auf der Couch geblieben sind. Für all die lässt er es krachen. Und zwar so richtig. Den Verstand vernebeln und für sechs Tage im »Le Meurice« absteigen, einfach so. Denn er hat es. Er hat es immer noch inne. Dieses große Geltungsbedürfnis und diese Notwendigkeit sich für seine Verschwendungssucht zu rechtfertigen. Dekadenz als Zwang. Zelebrieren um zu zerstören, alles muss raus. Er kam ohne Uni-Abschluss nach oben, ein Drogendealer der ständig davon erzählt und sich permanent dafür entschuldigt. Doch auch wenn er und seine Entourage sich daneben benehmen, soll die kleine Schlampe gefälligst gepflegte Umgangsformen an den Tag legen. Zur Belohnung stellt er ihr dann auch den Kanye vor und bringt im Anschluss die Nets wieder nach Brooklyn, da wo sie hingehören und wo nur er sie hinbringen kann. Ein Pusher aus Marcy, ein skrupelloser, zielstrebiger Player, einer der das System so durchgenommen und durch die Matratze geprügelt hat, wie es nur geht. Ein Scheiß-HipHop-Multi-Millionär.

 

»Balled so hard mothafuckas wanna fine me…«

 

Und dann kommt auch schon die verspielte Bassline und Kanye übernimmt das druffe Steuer. Er scheint schon vor dem Vorsaufen extrem angeheitert zu sein und verzichtet einfach auf die letzte Silbe in dem Wort »Crazy«. Oder will er »Crack« sagen? Man weiß es nicht. Kanye ist einer von uns, nicht wirklich klug, aber auch alles andere als dumm.

 

Da der Großteil der Menschen allerdings komplett behämmert ist und die Menschheit natürlich auch Damen beinhaltet, fallen auch diese unter die Kategorie »dämlich«. Demnach genießt es Ye, sich den Frauen gegenüber überlegen zu fühlen. Nicht nur finanziell, sondern auch geistig. Alle wollen ihn, den Nerd und Weirdo. Und sie müssen sich bei ihm beweisen, nicht andersrum. So hat er wohl eine etwas naive Braut aus der Vorstadt in den sündhaft teuren Nachtclub reingesneakt und macht sich darüber lustig, dass sie ihm direkt einen Heiratsantrag macht, sich im Disco-Klo für die Hochzeitsnacht bewirbt und etwas unbedarft und schlicht die fremd anmutende Speisekarte kommentiert. Das Mädel langweilt ihn und so entlässt er die Hüpfdohle in die Dunkelheit der Nacht, nachdem seine alte Luxus-Karosse ihr Höschen feucht werden lässt. Sie ist halt zu gewöhnlich.

 

»And show me why you deserve to have it all, That shit cray, ain’t it Jay? What she order, fish-filet?
Your whip so cold, this old thing? Act like you’ll ever be around mothafuckas like this again«

 

Er entdeckt eine spießige, aber dennoch hübsche Dame, fordert sie zum Tanz auf, sein Pegel und Champagner-Atem irritiert sie und schon wird die kleine wieder beschimpft und für unwürdig erklärt. Was folgt, ist eine Szene die man sich eins zu eins genauso vorstellen kann. Kanye steppt betrunken und high durch den Club und begrüßt bekannte und bekannt erscheinenden Personen exakt auf diese Art und Weise:

 

»What’s Gucci my nigga? What’s Louie my killa? What’s drugs my dealer? What’s that jacket, Margiela

 

Großartig. Er ist verrückt und unsympathisch. Ganz genau. Der Grund ist simpel. Er leidet unter Realness. Eine Krankheit, mit der sich jeder Rapper gerne anstecken würde und die jeden talentierten Künstler zum Superstar werden lässt. Da Persönlichkeit am Ende den Unterschied machen kann. Sich seiner Aussenwirkung bewusst, bringt er in Gegenwart der Neureichen und biederen Clubbesucher ein rassistisches Wortspiel.

 

»Doctors say I’m the illest cause I’m suffering from realness, Got my niggas in Paris and they going gorillas, huh!«

 

Wie hat er denn das jetzt schon wieder gemeint? Muss man da jetzt besorgt sein oder dürfen wir da herzhaft drüber lachen? Peinliche Stille, gebrochen von einem der großartigsten Comedians aus Nordamerika. Will Ferrell, in einem seiner Meisterwerke »Blades of Glory«. Ach, der sagt das nur so. Los weiter. Ein klitzekleines und wunderschönes Detail in diesem bombastischen Track. Selbst Jay-Zs Zeile »We ain’t even suppose to be here..« könnte eine Anspielung auf Kevin Smiths Klassiker »Clerks« sein. All die Prunksucht, der 2000-Euro-Champagner und die Pancakes mit kolumbianischen Puderzucker sind dann doch etwas lächerlich. Und das wissen auch die beiden selbsterklärten göttlichen Wesen.

 

Der Break wird fortgesetzt von finsteren Distortion-Drums und einer etwas played outen, aber immer noch treffenden Bassline, die eben doch zeitgemäß ist. Wut, Kraft und unkontrollierbare Energie.

 

»You are now watching the throne, don’t let me get in my zone…«

 

Die beiden sind jetzt total drauf und auf einem ganz anderen Film. Die Sinne sind geschärft. Und kurz bevor es ganz mies wird, fangen uns die Chöre und die himmlischen Piano-Chords auf.

 

»..don’t let me get in my zone…«

 

Nun sind sie also so richtig high. Anders lässt sich auch nicht erklären, dass Jigga seine angetraute einfach so Bitch nennt. Und das tut er nicht das einzige mal auf diesem unglaublichen Album. Wir sprechen hier immerhin von Beyoncé. Pop-Ikone und Vollblutweib. Jeder andere würde sich eine verdiente Besinnungsschelle plus Roundhouse-Kick nach einer anspruchsvollen Tanz-Choreographie einfangen. Noch unglaublicher ist, dass Kanye schnippisch erwidert, dass das mal so gar nichts besonderes ist, wenn die Bonzi daheim auf einen wartet.

 

»You know how many hot bitches I own?«

 

Eigentlich müsste hier nun eine kräftiger Rückhandschlag in Richtung Chicago folgen, doch auch der bleibt aus. »Was hast du da gerade gesagt? Ach was solls, wir sind beide komplett dicht.«
Wie hypnotisiert geht es weiter.

 

»Don’t let me get in my zone.«

 

Dieser fokussierte, weggetretene Geisteszustand. Der Zustand in dem sich Spitzensportler befinden, kurz bevor es losgeht. Aber auch die höchsten Politiker, wenn sie das Rednerpult betreten. Dieser erbarmungslose Blick, den Schwergewichtskämpfer Sekunden vor dem ersten Gong-Schlag haben. Gott bewahre was los wäre, wenn der Selbstbewusstseins-Pegel der beiden Irren endlich stimmt und sie ihre Zone betreten. Genau diese Zone.

 

»I know I’m bout to kill it. How you know? I got that feeling
You are now watching the throne, don’t let me into my zone
Don’t let me in my zone (I’m definitely in my zone)«

 

Jetzt geht es erst los. Davor wurde nur gespielt.

 

On to the next one.

 

Text: Ndilyo Nimindé