Kanye West & Jay-Z Review #7

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Da wir »Watch The Throne« in unserer neuen Ausgabe #138 aufgrund schlechten Timings nicht berücksichtigen konnten, unterziehen wir die 16 Tracks der »Deluxe Edition« einer täglichen Track-by-Track-Rezension. Wir verzichten dabei bewusst auf die Nennung inoffizieller Links zu den jeweiligen Songs. »Watch The Throne« ist bei iTunes ganz einfach zu erstehen oder eben in den Weiten des Internets anderweitig zu finden. Hier die Review zu »That’s My Bitch«, dem siebten Song auf »Watch The Throne«.

 

Gerade sind die letzten Töne des ruhigen, majestätischen »New Day« verklungen, da gibt Q-Tip dem Trommler ordentlich was und haut einen hektischen, rohen Beat hin, der einen direkt zurück in die Mitte der 80er Jahre nimmt – zurück zu den akkustischen Bombenteppichen der Bomb Squad. Dazu braucht er nicht viel mehr als ein paar heftig rumpelnde Drums, die vom legendären »Apache«-Break der Incredible Bongo Band gesamplet wurden, und einen fies bratzenden Synthie-Bass darunter, der aus einem alten Videospiel stammen könnte.

 

Als der Song letzten November leakte, glaubte fast niemand, dass dies bereits die Endversion sein könnte: Zu unfertig, zu skizzenhaft, zu schnörkellos. Eher Marschmusik als Castle Music. Aber, Überraschung: Der Song wurde kaum verändert, auf dem Album ist beinahe exakt die gleiche Version zu hören wie die, die vor einem dreiviertel Jahr geleakt ist. Mr. West hat zwei seiner Lines im Intro ausgetauscht – mehr nicht.

 

In »That’s My Bitch« geht es, wenig überraschend, um die Anbahnung sexueller Handlungen. Und wie das beim Angraben so ist, ist das Blut eher woanders als im Kopf zu finden, was zu gewissen Aussetzern im Sprachzentrum führen kann. Die einleitenden Zeilen, mit denen Ye Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßt, sind dann auch eher beiläufig hingenuschelt als klar und durchdacht. Wir überraschen ihn mitten in einem Telefonat:

 

»Hello, can I speak to a, a, yeah you know who you are. Look, you had no idea what ya dealing with. Pop champagne, I’ll give you a sip. ‚Bout to go dumb: how come?«

 

Ja, das ist meine Schlampe. In diesem Fall übrigens Elly Jackson, Sängerin des britischen Electropop-Duos La Roux, die nun ihre kühle, klare Stimme anhebt und den unspektakulären, aber soliden Chorus anstimmt.

 

»I’ve been waiting for a long, long time. Just to get off and throw my hands up high. And live my life. And live my life. Just to get off and throw my hands up high.«

 

Und schon ist die Warterei vorbei, denn jetzt steigt Ye mit seiner ersten richtigen Strophe ein und lässt beim Baggern ordentlich die Fetzen fliegen.

 

»I paid for them titties, get your own. It aint safe in the city, watch the throne.«

 

Es folgt ein Verweis auf Yes Vorliebe für den afroamerikanischen Neo-Expressionisten Jean-Michel Basquiat, den die besungene Schlampe natürlich nicht kennt und stattdessen »Basquion« ausspricht – klingt ja auch irgendwie französischer. Der nette Herr West bringt ihr dann sogar noch ein neues Wort bei, das allerdings weniger mit Hochkultur als mit Hochfinanz zu tun hat: Yacht. Nach einem kurzen Telefonat mit Too $hort sowie einem kleinen Ausflug in die Welt des Films (»True Romance« von Tony Scott, Drehbuch von Tarantino) wird es Kanye zu zweit dann aber doch langweilig. Also muss ein »second girl« her. Gesagt, getan, schließlich ist sein Schwanz Geld wert, wie er mit einer Referenz an Monie Loves Klassiker »Monie In The Middle« darlegt. Nach dem zweiten Chorus kommt nun auch noch Bon Ivers Justin Vernon ins Spiel, der in seiner Bridge einige mehrdeutige Zeilen über dumme, kleine Schnepfen singt, die bis morgens um sechs mixen.

 

Dann eröffnet Jay-Z die zweite Strophe gewohnt selbstsicher.

»Go harder than a nigga for a nigga go figure.«

 

Nur um sodann süßholzraspelnd die Frage zu stellen, wie eine Braut, die so Gangster ist, gleichzeitig so hübsch sein kann und sein allgemeines Fachwissen in allen ästhetischen Bereichen durch Verweise auf den Modedesigner Christian Louboutin, den Maler Pablo Picasso, Leonardo Da Vincis Mona Lisa, Schauspielerin Marylin Monroe, das Museum of Modern Art (MoMA) und Kunstsammler Larry Gagosian unter Beweis zu stellen. Das alles fast zu lässig und unaufgeregt, was wiederum in einem interessanten Widerspruch zum über jeglichen Snob-Verdacht erhabenen, herrlich stumpfen Beat steht.

 

Ob die so eloquent Umworbene die ganzen Anspielungen aus der Kunst- und Modewelt überhaupt versteht, ist zwar fraglich, dennoch steht für Jigga fest:

 

»You belong in museums. You belong in vintage clothes crushing the whole building. You belong with niggas who used to be known for dope dealin’.«

 

Womit natürlich niemand anderes als Marcys ehemaliger Straßenapotheker Nummer eins höchstpersönlich gemeint ist. Der abschließend noch mal klarstellt, worum es in dem Song geht: Besitzansprüche.

 

»Stop looking at her tits. Get ya own dog, you heard? That’s my bitch.«

 

Das letzte Wort allerdings geht im dritten Chorus fast unter. Ist vielleicht auch besser so, denn immerhin könnte Jay-Zs angetraute Herzensdame die wenig schmeichelhafte Anrede ja durchaus auf sich beziehen. Den Rest besorgt dann wieder Kanye, der sich aber weitgehend darauf beschränkt, noch das eine oder andere Mal den Titel zu wiederholen und damit den dreist-redundanten Charakter von »That’s My Bitch« zu unterstreichen.

 

On to the next one.

 

Text: Oliver Marquart

 

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