Kanye West & Jay Z Review #13

WatchTheThrone3

Da wir »Watch The Throne« in unserer neuen Ausgabe #138 aufgrund schlechten Timings nicht berücksichtigen konnten, unterziehen wir die 16 Tracks der »Deluxe Edition« einer täglichen Track-by-Track-Rezension. Wir verzichten dabei bewusst auf die Nennung inoffizieller Links zu den jeweiligen Songs. »Watch The Throne« ist bei iTunes ganz einfach zu erstehen oder eben in den Weiten des Internets anderweitig zu finden. Wir sind mittlerweile bei den Tracks aus der »Deluxe Edition« angekommen, beim 13. Track: »Illest Motherfucker Alive«.

 

Falls jemand CDs benutzt: ab Song Nummer 13 finden wir uns in der Tracklist der Bonus Edition. Und die beiden Thronprätendenten beginnen die Ehrenrunde mit großen Tönen. Die krankesten Mutterficker unter der Sonne werden uns versprochen. Wenn man die Leidenschaft der beiden für Aristokraten-Swagger in Betracht zieht, muss man sich schon wundern, dass der Song nicht die exaltiertesten, wesenhaften Barden verspricht. Aber genug vom Thesaurus, zurück zu Rap.

 

Darum geht es hier. Auf einem Beat, den Kanye mithilfe von Southside und Mike Dean produziert hat, geht es um nicht weniger als die Rap-Krone. Sogar im Singular, Grund genug also, sich genauer anzugucken, wer hier das Zepter verdient hat. Fangen wir mit dem Schlachtfeld der beiden, dem Beat, an: Es geht los mit drei Minuten Stille, dann folgt ein Intro, dass auf dem Album bereits zu hören war und so für den roten Faden sorgt. Passend zu Kanyes Ansage, er bräuchte jetzt ein Slow-Motion-Video, wird ein Sample von Vangelis aus einer berühmten Slow-Motion-Film-Szene eingearbeitet. Co-Produzent Mike Dean hat schon in den frühen Neunzigern die Geto Boys produziert und arbeitetet seit einige Jahren mit Kanye, auf »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« war er stark vertreten. Southside gehört zu Gucci Manes Brick Squad. Der Beat bringt die basslastige, screwed Atmosphäre, die die beiden Südstaatenproduzenten versprechen. Da kann man keine abgedrehte Flexerei erwarten, dafür haben die Lines Zeit zu wirken. Die sollten also sitzen.

 

Kanye West hat offensichtlich als erster geschrieben, er gibt Themen vor. Zum Beispiel Wortspiele mit Menschen, die Russel heißen und (mal wieder) ein paar Mode-Anspielungen. Er hat ein »Lanvin thousand dollar tee with no logos«, da die Zeit der HipHop-Prahlerei ja zumindest kleidungstechnisch vorbei sein soll. Er erwähnt sein erstes Album »Collo Drolo (»The College Dropout«) tho, sponsored by Manolo«. Wieso ihn der Damenschumacher sponsorn sollte? Die Erklärung kommt, wenn er im nächsten Satz mit »She got Zeppi Notos« auf den Damen-Schuhdesigner Giuseppi Zanotti anspielt.

 

Es gab mal Gerüchte, Kanye würde mit ihm gemeinsam eine Schuhlinie entwerfen wollen. In Frauen-Kleidung sähe man Ye ja nicht zum ersten Mal. Da muss sich Jay-Z natürlich immer noch hinten anstellen. Gegen Kanye ist selbst er nicht modebewusster als Ballermann-Touristen. Immerhin kontert er mit Lines wie »Niggas fashion is weak, they be wastin‘ all the models«, was klangtechnisch auf »Fashion Week« anspielt und abgesehen davon witzig ist. Bei all den neuen Luxusgütern im Rap-Geschäft, fragt man sich ja gerne, wo der eigene Stil hin ist. Seit die Beckhams dieser Welt einst begannen Baggys zu tragen, wendeten sich Rapper dem klassisch-europäischen Luxusverständniss zu. Allen voran der welterste Hipster-Rapper (neben Pharrell), Kanye West. Aber auch Jay-Z weiß sich, spätestens seit er auf »Kingdom Come« im Beach Chair über das Alter »30 Something« nachdachte, wie ein britischer Student zu kleiden.

 

»Usually you have this much taste you European«, sagt Jay-Z. Und er macht Witze wie »Niggas fashion is weak, they be wastin’ all the models – Got the oversized Rolley let me show thee how to do it«. (Wobei er noch einen Punkt für Größenwahn einheimst, weil er das biblische »thee« statt »they« benutzt.) Kein Wunder, dass Russel Simmons der erste erwähnte Russel war, sein von Polo- und Golf-Sport inspirierter Look, den Phat Farm in die Welt trug, wird inzwischen einfach im originalen, engen englischen Look getragen. »Russell ain’t the only Russell – Russell Brand, Russell Crowe« fallen Ye weiter ein, dann spielt er mit »Zero Zero Zero Zero, a whole lot of 0s« gleichzeitig auf den Film Crow Zero und große Geldmengen an. Ye!

 

Jay-Z schlägt zurück, schnappt sich die Russel-Nummer und führt ein ausführliches Basketball-Gleichnis ein: »11 in a row, Bill Russell rings«. Jigga brachte mit elf aufeinanderfolgenden Alben Platin nach Hause (!), Boston Celtics-Center Bill Russel gewann 11 NBA-Championships. »Y’all think Michael Jordan bad. Nigga I got a 5 more rings than Michael Jordan had«. Elf Platin Alben gegen Jordans fünf Chamionships. Weiter zur Musikgeschichte: »Elvis has left the building now I’m on the Beatles ass«. Jay-Z steht zwischen Elvis und den Beatles auf dem zweiten Platz der Musiker mit den meisten Nummer-1-Alben. In Punkto Größenwahnsinn toppt er auf diesem Song den größenwahnsinnigsten Rapper der Welt (Kanye West) und hat sogar noch statistische Belege! Hier kippt das Spiel also zu Gunsten von Jiggaman.

 

Was Swagger und Prollerei mit Luxusgütern angeht, ist Jigga der Mann. Kanye ist so kalt, dass er in Miami Pelze tragen muss (okay), Jay-Z zeigt Ignoranz und Dekadenz, indem er daheim Gemälde von Basquiat und Warhol beim Pissen betrachtet (geil). Im Gegenteil zu Kanye sagt Jigga intelligente Sachen und erzeugt Bilder. »It’s like the Beatles back. Bey Bey my Yoko Ono, Rih Rih complete the family. Imagine how that’s gon look front row at the Grammys«. Beyonce, Rihanna und Jay-Z sollten nun in deinem Kopf erscheinen, auf drei gut gepolsterten, roten Award-Verleihungssesseln, in bester Abendrobe. Ja, beeindruckend, der Jigga und seine Frauen.

 

Schauen wir uns doppeldeutige Punchlines an, die Mütter aller Punchlines. Jay-Z bringt Kleinigkeiten, wenn er sich mit »Know when to leave when the heat is coming« auf den Film »Heat« und den Slang-Ausdruck für Polizei bezieht (in der nächsten Line geht es mit Heat-Hauptdarsteller DeNiro weiter). Oder »The Roc is in the building you should have stayed in the house«. Gut. Halber Punkt.

 

Kanye: »What you after, actor money? You in line behind currency, yeah you after money«. Das bezieht sich sowohl auf »für Geld anstehen«, als auch auf »hinter dem Newcomer Currency stehen«. Das ist ein cleverer One-Liner. Wenn jetzt jemandem noch einfällt, wie Schauspielerei da rein passt, ist die Line richtig gut. Klar, jeder will Schauspieler sein, nur Currensy zufällig gerade nicht. Der Satzball ist aber Kanyes »Bullet proof condom when I’m in these hoes. Got staples on my dick. Why? Fuckin‘ centerfolds.« Kanye trägt kugelsichere Kondome, weil er im übertragenen Sinn Heftklammern am Schwanz hat. Weil er ganz real die Centerfolds, also die Frauen, die in der Mitte des Playboys die Ausklappposter bekommen, fickt. Kanye gleicht aus.

 

Jay-Zs Bilder über mehrere Lines überzeugen mich mehr. Das Mode-Ding, das sich durch Kanyes Strophe zieht, erstreckt sich aber auch über das Album, vielleicht spannt Kanye also den größeren Bogen, während er auf den Thron zielt. Mit gutem Willen hat Jay-Z dafür sogar Weisheit in seiner Delivery. »Know when to leave when the heat is coming. I learned that. This is where DeNiro would be if he ain’t turn back. Fuck Sosa, this Hova this is real life. This is what the ending of ‚Scarface‘ should feel like«. Damit nimmt er den übereinflussreichen Scarface-Mythos auseinander und weist daraufhin, dass der gute Mann am Ende starb. Und im echten Leben wohl nur wenige Filmminuten überlebt hätte. Jigga dagegen hat rechtzeitig in legale Geschäftszweige gewechselt und lebt gut damit. Damit bringt er die »Wir sind reiche Kulturmenschen«-Thematik des Albums auf den Punkt. Beide haben vielleicht schon mal beeindruckenderes gerappt, aber wenn man das weiß, nimmt man beiden ab, dass sie auf ihre Art der »Illest Motherfucker Alive« sind.

 

On to the next one.

 

Text: Tobias »Toxik« Kargoll

 

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