K.I.Z: »Wir sagen zwar, dass wir euch alle umbringen, aber wir haben keine Todesliste.«

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Dizaster-Hanno-Martius
Tarek, du hast zwei sehr persönliche Songs auf dem Album. Hast du überhaupt schon mal solche Stücke geschrieben?
Tarek: Auf jeden Fall. Und ich bin krass froh, dass die nie an die Öffentlichkeit gelangt sind! Wenn ich mir heute Lieder anhöre, die ich mit 15 Jahren aufgenommen habe, dann denke ich schon, dass es gut ist, erstmal etwas Lebenserfahrung zu sammeln, bevor man tiefgründige, persönliche Texte rappt.
Nico: Diese Entwicklung kann sich jeder anhören. Unsere Special Edition kommz nämlich mit einem Mixtape – eine Art Best Of unveröffentlichter Sachen von 1999 bis 2004. Da biegen sich uns die Fußnägel hoch, wenn wir hören, wie wir als 17-Jährige die Welt erklären wollten.
Maxim: Die ganz schlimmen sind nicht drauf, aber manche sind schon ziemlich furchtbar.

Wenn ihr diese Zeit mit heute vergleicht: Wie hat sich eure Herangehensweise an die Musik verändert?
Maxim: Irgendwann gewöhnt man sich daran, dass es Menschen gibt, die deine Musik hören und reflektieren – auch wenn man eigentlich nur weiter Musik für sich und seine Kumpels machen will. Das verarbeitet man natürlich entsprechend. Viele machen dann den Fehler, ihre eigene Person so wichtig zu nehmen, dass sie glauben, jeder Kack, den sie machen müsse unbedingt auf einen Song. Viele der neuen Eminem-­Songs würden einfach nicht ­funktionieren, wäre der kein Promi.
Tarek: Ey, nichts gegen Eminem, okay?

Also geht ihr heute tatsächlich anders an Songs heran?
Tarek: Natürlich. Wenn du das erste Mal einen Fick-Text schreibst, aber dein erstes Mal gerade ein halbes Jahr her ist…
Maxim: Oder noch ein halbes Jahr hin ist…
Tarek: …dann reimst du auch mal Hund auf Mund. Das macht man nun natürlich nicht mehr.
Nico: Und auf so ein Lied wie »Biergarten Eden« wären wir wohl gar nicht gekommen, hätten wir nicht im Hinterkopf gehabt, dass den tausend Leute hören. Und der Song wird ja erst dadurch lustig, dass sich einige über den aufregen und sich dann wiederum andere darüber aufregen, dass Menschen den Song nicht verstehen.
DJ Craft: Manche früheren Songs waren vielleicht nicht ganz bis ans Ende gedacht oder rund, aber ich finde, im Kern konnte man damals schon alles raushören, was uns heute ausmacht. Eine Richtung, eine Einstellung zum Leben, eine Einstellung den Frauen gegenüber. (alle lachen) Natürlich war immer alles überspitzt, aber nichts war dem, was wir jetzt sind, komplett fremd. Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten.
Nico: Wir hatten schon Songs, auf denen wir viele Anglizismen benutzt oder ganz plump »Ich fick deine dumme Freundin« gesagt haben – das haben wir damals witzig gemeint, aber das ist heute echt schwer als Witz zu verstehen.

 
»Ganz Oben«, euer letztes Mixtape, war noch mal genau das: Spielereien und absurder Quatsch. Das Album klingt nun wesentlich konzentrierter. Gibt es darauf trotzdem Songs, die aus einem Witz entstanden sind?
Maxim: Ja, »Boom Boom Boom«. Wir hatten eine Line und eine Hook, dazu war eine Bridge vom Mixtape über. Dann haben Nico und Kevin [Kev Beats; Anm. d. Verf.] diesen wunderbaren Beat gezaubert und wir »mussten« dazu irgendwelche Strophen kicken.
Nico: Mein Solo-Song [»Ariane«; Anm. d. Verf.] war auch so ein Fall. Da haben wir eine Zeit lang nur aus Spaß böse Geschichten aneinander gereiht und am Ende hatte ich eine Strophe voll, die so böse klang wie nur möglich. Die zusammenhängende Erzählung entstand aber eher nebenbei.

Weil sich »Biergarten Eden« irgendwie durch unser Gespräch zieht: Der Song, der dessen Funktionsweise am nächsten kommt, ist wohl »Was würde Manny Marc tun?«. Blendet man den Inhalt aus, geht der als astreine Party-Nummer durch, dabei erzählen die Strophen unter anderem von Flüchtlingen und geschändeten Kindern.
Maxim: Der Song ist aus einer komplett absurden Idee heraus entstanden. Meine Strophe gab es unabhängig vom Song, und irgendwann hatten wir diese »Was würde Manny Marc tun?«-Idee. Wir haben das dann zusammengeworfen und lange daran gezweifelt, ob es tatsächlich Sinn macht.
Maxim: Wir haben auch krass gefeiert, dass Manny Marc die Idee sofort gecheckt und angenommen hat. Ich hatte ein bisschen Angst, dass er sich verarscht fühlt. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall – ich feiere die Atzen.
Tarek: Diese Erde wäre ein besserer Ort, wenn Manny Marc die Weltherrschaft ergreifen würde. Der ist einfach einer der tollsten Menschen – auf Mallorca. (lacht)
Maxim: Wir haben uns mit diesem Song im Studio wirklich gequält, bis Manny Marc rein kam. Er hat die Hook in zehn Minuten eingesungen und danach noch fünf weitere. Auf einmal ging im Studio die Sonne auf!

Als wir das Album gehört haben, dachten wir: Der Song ist wahnsinnig spannend, dazu müssen wir unbedingt etwas fragen. Aber irgendwie ist uns nichts Kluges eingefallen.
(Tarek lacht)
Maxim: Ich habe jetzt keine Interpretation parat, aber ich glaube, der Song transportiert einfach ein krass trauriges Gefühl – und plötzlich findet draußen die riesige Party statt.

Ja, wobei der Song zwar mit der Hook in den Atzen-Modus rutscht, aber doch melancholisch bleibt.
DJ Craft: Mit dem Atzen-Part wird es sogar noch schlimmer. Der treibt dir erst die Tränen in die Augen. Das ist ja nah dran an dem momentanen Alltag: Du ackerst monatelang darauf hin, eine Woche lang »Spring Break« zu feiern – für ein paar Tage deine Gefühle zu ertränken.

Für mich ist inhaltslose Musik auch nicht wirklich der Feind. Das ist durchaus eine legitime Art, mit dem Leben klarzukommen. – DJ Craft

Das Wochenendprinzip – bei der Arbeit konform sein und alles Angestaute im Club kompensieren – taucht auch auf dem Song »Ariane« noch mal in überspitzter Form auf, oder?
Maxim: Ja, »Ariane« handelt davon, wie die Arbeit unsere Freizeit bestimmt. Die Art und Weise, wie sich Leute auf Partys freuen, zeigt doch, wie krass scheiße ihr normales Leben eigentlich ist. Ich frage mich auch oft, wie schrecklich das Leben sein muss, dass man sich Popmusik anhört, die einfach nur ­schmierig und komplett gehirnentleert ist.
Nico: Dass Bruno Mars auch einen Song darüber machen muss, dass er einfach mal nichts macht…
Tarek: Der schlimmste Song aller Zeiten! (lacht)
Maxim: Genau so was. Ich feiere jetzt noch ein letztes Mal, bevor ich dann in den ­grausamen Abschnitt meines Lebens ­übergehe – den ich mir auch noch selbst ausgesucht habe.
Nico: Das ist dieses Manager-gehen-zu-­Dominas-um-sich-auspeitschen-zu-lassen-Ding.

Aber wir alle mögen doch dann und wann Rap-Musik, die inhaltlich total »stumpf« ist, oder?
Nico: Ja, wir machen doch selber solche Musik! (alle lachen)
DJ Craft: Für mich ist inhaltslose Musik auch nicht wirklich der Feind. Das ist durchaus eine legitime Art, mit dem Leben klarzukommen.
Maxim: Klar. Doch wenn ich ein Lied schreibe, dann will ich darin irgendeine Form von ­Aggression spüren. Und wenn ich ein Liebeslied mache, dann soll das so konkret wie möglich sein. Es sagt ja schon etwas aus, wenn Leute Musik nach der Arbeit wie ein Beruhigungsmittel zu sich nehmen.

Wo wir gerade beim Thema Arbeit sind: Das System, in dem wir leben, bricht am Ende eures Albums komplett zusammen. Solche Szenarien werden in der ­Popkultur – vor allem im Film – gerne negativ ­erzählt. Eure Apokalypse nimmt ­allerdings eine gute Wendung. Warum blickt ihr dem Weltuntergang positiv entgegen?
Maxim: Apokalyptische Visionen ­funktionieren doch meist wie folgt: Wir nehmen den ­Menschen, wie er in dieser unserer Gesellschaft ist, und stellen ihn uns ohne den Staat vor. Dadurch werden der Staat, die Polizei und das Militär plötzlich wieder total notwendig. Die Denke dahinter ist also: Gott sei Dank haben wir die Ordnung, in der wir leben, denn nur sie schützt uns vor Anarchie und Apokalypse.
Nico: Oder man sucht – wie in »World War Z« – Zuflucht in Israel. Da haben sie ja diese große Mauer gebaut und hinter der verstecken wir uns einfach vor den Zombies.

Also sind Weltuntergangsszenarien oft reaktionär, nach dem Motto: Hauptsache zurück zu unserer guten alten Ordnung?
Maxim: Ja, genau. Unsere Version ist natürlich auch eine total theoretische Abhandlung. Wir können nicht in die Zukunft sehen. Sowohl »Mad Max« als auch unser Song sind Bullshit. Wenn man sich wirklich politisch betätigen will, sollte man sich mit der Welt beschäftigen, die da ist – und nicht mit irgendeiner Fantasiewelt. Aber für einen Song war das eine gute Idee, und die ist vor allem gegen herkömmliche Apokalypse-­Szenarien gerichtet.
Tarek: Ich glaube ohnehin an das Schlechte im Menschen. Ich finde zwar, dass »Hurra, die Welt geht unter« ein sehr schönes Lied ist. Aber ich bin mir sicher, dass wir ohne Ordnung übereinander herfallen würden.

 
Ihr glaubt also nicht an eure eigene Utopie?
Maxim: Ich halte es jedenfalls für sinnlos, zu behaupten, die Welt könnte so und so viel schöner sein. Sinnvoller ist es, darüber zu sprechen, was einen aktuell stört.

Wer von euch hatte die Idee, einen Song über den Weltuntergang zu schreiben?
Nico: Maxim. Er hat den eigentlich über einen Reggae-Beat geschrieben.

Mit Fake-Patois und allem?
Maxim: Natürlich.
Nico: Das war aber eher ein Reggae-Beat, wie ihn sich R. Kelly vorstellt. Eigentlich war der auch nicht fürs Album gedacht.

Ein Song im Stil von Culcha Candelas »Schöne neue Welt«?
Maxim: Ich denk mal. So gut produziert war der auf jeden Fall nicht. (grinst)

Hat es Überzeugungsarbeit gekostet, die anderen dafür auf Linie zu bekommen?
Maxim: Ein bisschen. (lacht) Natürlich ist es bei so einem politischen Thema wichtig, dass alle hinter dem Song stehen können und sich am Ende keine Widersprüche auftun.
Tarek: Ich finde ja, gerade wenn man sich zu einem Thema zwingen muss, kommt am Ende oft ein kreativerer Text dabei raus.
Maxim: Ich hasse übrigens Fragen, die sich darum drehen, von wem was kommt. Wir sind ja Kommunisten. (grinst)

Bei Battlerap-Sachen ist das schon immer so gewesen, dass ich in ein Superheldenkostüm schlüpfe, in dem ich halt alle wegbumse und es euch Hatern zeige! Nico

Tarek, musstest du dich auch dazu zwingen, »Freier Fall« zu schreiben? Das ist immerhin ein ziemlich herzzerreißendes, ehrliches Liebeslied?
Tarek: Überhaupt nicht. Den Song habe ich geschrieben, weil es mir eine Zeit lang wegen der Trennung, die ich darin thematisiere, nicht so gut ging. Ich wollte das irgendwie verarbeiten. Inzwischen würde ich den Song eigentlich nicht mehr aufs Album packen.
Maxim: Aber wir haben ihm gesagt, dass der dope ist.
Tarek: Ich finde das Lied schon noch gut, aber auch unangenehm. Es ist mir wohl doch zu ehrlich.
Maxim: Liebeslieder kotzen mich immer dann an, wenn der Interpret nicht wirklich die Hosen runter lässt. Genau darum sollte es doch gehen. Entscheide dich: Entweder du zeigst, worum es wirklich in der Liebe geht – nämlich darum, Schwäche zu zeigen –, oder du willst eigentlich immer noch der Harte sein und lässt es einfach.
Tarek: Genau deswegen hatte ich am Ende auch Angst, dass der Song zu kitschig ist. Außerdem empfinde ich mittlerweile nicht mehr so wie ich es in dem Lied beschreibe. Ich habe das überwunden, heute hört sich das irgendwie fremd an. Aber vielleicht gibt der Song ja jemandem etwas, der gerade mit Liebeskummer im Prince Charles [ein Kreuzberger Club; Anm. d. Verf.] abstürzt. (alle lachen)

Vielleicht ist der Song ja auch in ein paar Jahren wieder total aktuell für dich.
Maxim: Ich hoffe nicht, Tarek. Und wenn doch, dann fahren wir mit dir in die Bretagne und suchen dir eine schöne Frau aus der Heimat.
Tarek: Nein, nein, jetzt habe ich die Eine gefunden.
Nico: Insallah, Bruder!
Tarek: Weißt du, Beziehungen und so, das hat doch eigentlich auch ausgedient. Jeder mit jedem. Das wird sich früher oder später durchsetzen, da bin ich mir sicher.

Frauen spielen auf dem Album überhaupt eine wichtige Rolle. Vom verletzlichen Liebeslied bis zur überdrehten Stalking-Nummer ist alles dabei.
Nico: Ja, man kann irgendwie nicht ohne diese Dinger.
Maxim: Oft kopiert, aber nie erreicht. Außer von uns.

Hat sich euer Verhältnis zu Frauen über die Jahre verändert?
Maxim: Ja, anfangs waren wir Frauen gegenüber sehr misstrauisch, aber mittlerweile haben wir gelernt, dass die doch ganz okay sind. (grinst)
Nico: Unser damaliges Bild von Frauen hört man auf dem Mixtape mit den alten Tracks auch ganz gut raus. (alle lachen)

 
Ein Theorievorschlag: So richtig detaillierte Sex-Songs entstehen vor allem aus dem Gefühl heraus, selbst zu wenig Sex zu haben.
Maxim: Ne, zu wenig Sex ist es nicht. Dann würde ich eher so zärtliche Songs darüber machen, dass ich so gerne endlich mal richtig ficken würde. Man hat vielleicht eine gewisse Angst oder ärgert sich, dass die Frauen nicht alle wollen, wenn man 14 ist. Oder man hatte vielleicht ein schlechtes Verhältnis zu den Frauen in der eigenen Familie.
Tarek: So wie ein Rentner in Brandenburg, der wütend auf Asylanten ist.
Maxim: Ja, ich glaube, das hat viel mit Angst und Frustration zu tun.
Nico: Bei Battlerap-Sachen ist das schon immer so gewesen, dass ich in ein Superheldenkostüm schlüpfe, in dem ich halt alle wegbumse und es euch Hatern zeige!
Tarek: Und ob es jetzt der Wack-MC ist, den man durch den Fleischwolf dreht, oder die Freundin, der man in die Fresse schlägt, während sie einem einen bläst, ist dann auch egal. Hauptsache dem Gegenüber bleibt die Spucke weg, meine Herren. Leute Ärgern und schockieren, ihnen auf der Nase herumtanzen, das macht Spaß.
DJ Craft: Das hat natürlich auch was damit zu tun, dass wir auf Frauen stehen, die Savas-Texte zitieren und selbst diesen Humor mögen.
Maxim: Mit diesem ganzen aggressiven Puller-Rap-Zeugs hat sich ein unfassbares Universum aufgetan. Die ganzen Wessis, die nur über Rap gerappt haben, haben sich sehr korrekt verhalten und waren dadurch extrem begrenzt. Westberlin Maskulin haben dann sprachlich unfassbar was aufgemacht. Auf einmal war alles möglich, mit Sex kannst du ja alles verbinden.
Tarek: Irgendwann haben wir auch angefangen, darüber zu rappen, wie wir miteinander Sex haben und zwanzig Liter Sperma in den Arsch einer Ziege pumpen. Darin waren wir wiederum Pioniere!
Maxim: Wir sind schon die Erfinder von Clown-Rap und Cartoon-Soundtrack-Highspeed-Reimen – das ist übrigens ein JUICE-Begriff. Stand 2005 in unserer ersten Review.

Seid ihr als Erfinder von Clown-Rap denn stolz auf eure Brut à la Trailerpark und 257ers?
Maxim: Am Anfang dachte ich: »Die nehmen mir etwas weg, das eigentlich mir zusteht.« Irgendwann realisiert man aber, dass andere teilweise auch dope sind.
Tarek: Und die anderen Clown-Rap-Kartell-Mitglieder haben ja ihre eigene Nische. Auch wenn wir alle ähnlich ehrenlos unterwegs sind.
Nico: Vielleicht sollten wir ein Clown-Rap-Kartell-Festival starten.

1 KOMMENTAR

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