»Wenn mein Verleger irgendwelche E-Mails rumschickt, dass Monrose neue Songs für ihr Album brauchen, dann würde ich ihm halt Beats schicken.« // Nico (K.I.Z.) im Interview

 

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Man hat immer das Gefühl, dass die vier Einzelcharaktere in der Band K.I.Z. sehr stark aufgehen. Empfindet ihr das selbst auch so?
Ja, schon. Wir würden das ja nicht machen, wenn wir so unfassbar riesige Egos hätten, dass wir unbedingt unsere Solokarrieren starten müssten. Ich glaube aber, ich würde alleine nicht die Texte schreiben, die zustande kommen, wenn wir zusammen Texte schreiben. Das macht einfach mehr Spaß.

Streitet ihr euch auch mal über Inhalte?
Nein, aber es kommt schon vor, dass einer das nicht so cool findet, was ein anderer gerappt hat. Dann macht man sich eben noch mal Gedanken über die Zeile und schreibt was anderes, oder man bleibt trotzdem dabei, weil man in der Regel ja cool findet, was man geschrieben hat. Aber ernsthaften Streit gibt es da eigentlich nie.

Wer ist denn der größte Kritiker intern?
Kann man so nicht sagen. Wir haben halt unterschiedliche textliche Vorlieben. Tarek schreibt gern unglaublich gewalttätige Sachen, und wenn das zu viel wird, dann sage ich schon auch mal was. Alle haben immer gewisse Kritikpunkte. Es gibt niemanden, der immer alles scheiße findet.

Wer ist der beste MC von K.I.Z.?
Das kann man zum Glück auch nicht sagen. Das ist der Band auch sehr zuträglich, weil sich eben nie ein Kool Savas herausgebildet hat, der dann die große Solokarriere startet. Jeder von uns hat andere Eigenschaften, das macht ja auch den Reiz aus.

Wie lange gab es K.I.Z. schon, bevor 2005 euer erstes Release kam?
Das war 2000 oder 2001. Da haben wir ein Album gemacht, sind damit zu Staiger gerannt, haben es ihm vorgespielt und er hat uns hochkant wieder rausgeschmissen. Genau hier, aus diesem Etablissement, das heute unser Studio ist. (lacht) Damals waren wir noch viel mehr, wir waren ja zu acht oder neunt. Das hat sich dann reduziert, einige sind Kunstkritiker geworden, zur Armee gegangen oder zum Zwiebelnpflücken nach Frankreich. Einer spielt sogar die erste Geige im West-Eastern Divan Orchestra.

Woher kanntet ihr euch alle?
Tarek und Sil-Yan kannten sich aus der Schule. Ich hab damals ja noch in Reinickendorf gewohnt. Ich hatte in der Schule einen Kumpel, der mit Leuten aus dem Sekte-Dunstkreis rumgehangen ist. Bei denen hat er gesehen, wie sie auf ihrer Vierspur aufgenommen haben, also hat er sich auch eine geholt. Ein anderer Kumpel von mir ist in Kreuzberg zur Schule gegangen und mit dem bin ich am Wochenende immer zum Chillen hergekommen. Da hab ich Maxim und Tarek kennen gelernt. Irgendwann haben wir angefangen, auf der Vierspur irgendeinen Quatsch aufzunehmen.

Habt ihr wahrgenommen, was damals im Berliner Untergrund sonst passierte?
Klar. Von der »Hoes, Flows, Moneytoes«-Platte können Maxim und ich bestimmt jede Strophe mitrappen. Aber ich hab damals keine anderen bekannten Rapper gekannt. Ich war mal bei einem Savas-Konzert im SO36. Und ich hab mitbekommen, dass die BC-Atzen Action gemacht haben. Die haben halt ab und zu mal ’ne Tram umgeschubst, aber so was wie die Graffiti-Corner an der Friedrichstraße gab’s für uns nicht wirklich.

Warum habt ihr euer Album gerade zu Staiger gebracht?
Kein Plan. Wir fanden die Bunkerleute halt cool und hatten gehört: Wenn du was drauf hast, dann bringt der deine Platte raus. Als wir aber vier Jahre später »Das RapDeutschlandKettensägenMassaker« gemacht hatten, fanden wir es gar nicht mehr so ultracool. Ein Kumpel von uns, Rufmord, hat das Album dann Staiger vorgespielt, der sofort Feuer und Flamme war und uns angerufen hat. Das war sehr romantisch, der hat uns auch ’ne süße SMS geschrieben. Dann haben wir erst mal gesagt: Nee sorry, wir haben gerade ­keine Zeit, tut uns leid. (lacht) Am Ende haben wir uns dann doch getroffen und er hat die Platte rausgebracht. Aber von alleine wären wir nicht noch mal hingerannt.

Wie würdest du Reinickendorf ­beschreiben, wo du aufgewachsen bist?
Das ist eine ganz merkwürdige Mischung da oben. Jetzt sind da voll die Motorrad-Gangs am Start. Da stehen Einfamilienhäuser neben Mietshäusern und selbst in Frohnau, wo eigentlich nur die Endbonzen wohnen, haben damals schon welche am Zeltinger Platz Crack geraucht.

Wie fandest du deutschen HipHop?
Ich hab alles gehört: Samy Deluxe oder Eins, Zwo fand ich richtig cool. Damals hat man sich noch über jeden Doppel- und Dreifachreim gefreut. Man hatte einfach andere musikalische Prioritäten. Ich hab auch Songs gefeiert, mit denen ich heute gar nichts mehr anfangen kann. Heute lege ich auf andere Sachen Wert, wie ein geiles Songkonzept oder Lines, die in die Fresse hauen.

Würdest du dich rückblickend als ­politischen Jugendlichen einstufen?
Nö, da ging’s mehr ums Saufen und Kiffen. Es war jetzt nicht so, dass man das in Frage gestellt hätte, was abends in der »Tagesschau« lief. Mit der Schulzeit kam das dann, so mit 17, 18 Jahren bin ich ein politischer Mensch geworden.

Deinen ersten Künstlernamen hast du ja abgelegt, weil es da gewisse ­Assoziationen gab.
Ich hab mich Euro8000 genannt, weil ich André 3000 die Stirn bieten wollte. Das war so wie Lil Wayne, der mit »500 Degreez« kommt, weil Juvenile sein Album »400 Degreez« genannt hatte. (lacht) Aber es gab halt diesen Typen, der sich Euroboy nannte, von der Band Turbonegro. Der ist immer in Strapsen und SS-Uniformen auf die Bühne gegangen. Deswegen hab ich den Namen abgelegt. Am Ende war das nur die doofe Ausrede dafür, dass ich es inzwischen bescheuert fand, mir so einen Superheldennamen zu geben, während die anderen ihren normalen Vornamen benutzt haben.

Hast du die Schule zu Ende gemacht?
Ja. Ich hab Abitur gemacht und danach erst mal drei Jahre rumgewurschtelt, bisschen geackert, Geld verdient und Musik gemacht. Dann habe ich zwei Jahre lang Soziologie an der TU Berlin studiert, aber das war sehr zeitintensiv und die Musik auch. Ich habe mich dann für die Musik entschieden.

Wie wäre das gelaufen, wenn sich ­keiner für K.I.Z. interessiert hätte?
Keine Ahnung. Diese Gedanken mache ich mir nicht. Ich mache mir eher Gedanken ­darüber, wie lange das hier noch läuft und was ich danach mache. Ich bin ja leider exmatrikuliert worden. (lacht) Aber ich bin trotzdem zuversichtlich. Wenn mein Verleger irgendwelche E-Mails rumschickt, dass Monrose neue Songs für ihr Album brauchen, dann würde ich ihm halt Beats schicken.

Auf dem neuen Album »Urlaub fürs Gehirn« hast du auch viel selbst produziert. Wo liegen da deine Wurzeln?
Früher habe ich auf der PlayStation Beats gemacht, mit »Music 2000«. Geiles ­Programm. Ich bin nicht so der krasse Plattensammler, ich hab auch noch nie einen Beat auf ’ner MPC gemacht.

Was sind die musikalischen Einflüsse auf dem neuen Album?
Diesmal gibt es so zwei, drei Stränge, die sich durchs Album ziehen. Mach One hat ja mit Orgi bei uns im Studio ein Album [»Rap aus Berlin«, Anm. d. Verf.] aufgenommen, deswegen stand hier die gute alte 808-Bassbox herum. Die haben wir viel benutzt. Tai Jason hat auch vier oder fünf Songs auf dem Album produziert, unter anderem ein richtiges Techno-Monster. Zur Hälfte ist es Hardcore-Rap, gerade beatmäßig, und die andere Hälfte ist sehr poppig geworden. Da sind ein, zwei Beats dabei, auf denen Akon vielleicht auch ’nen Song gemacht hätte.

Das Album heißt »Urlaub fürs Gehirn«. Keine zweite Ebene mehr?
Doch, klar. Wir machen ja keinen Hehl aus unseren Ansichten zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Wir verarbeiten das in unseren Texten, und zwar mehr, als viele wahrhaben wollen. Du kannst dir unsere Musik anhören und über manche Lines schmunzeln oder nachdenken, aber gleichzeitig kannst du sie abends noch mal im Auto pumpen, rumschreien und am Steuer saufen.

Deshalb gibt es auf euren Konzerten ganz verschiedene Fraktionen: die ­Punker, die Rapper, die Atzen.
Ich finde das sehr schön. Ich will uns jetzt nicht mit Michael Jackson vergleichen, aber da können sich halt auch viele Leute drauf einigen: Da steht ein richtiger Mucker genauso drauf wie irgendein komischer Börsen-Hurensohn. Das hat natürlich in dem Fall auch damit zu tun, dass es komplett entpolitisierte Popmusik ist. Aber bei uns ist es ein anderer Grund. Und das finde ich schön.

 

Text: Stephan Szillus

 

Foto: Christoph Voy

 

Das Interview mit Tarek von K.I.Z. findest du hier.
Das Interview mit Maxim von K.I.Z. findest du hier.
Das Interview mit DJ Craft von K.I.Z. findest du hier.

 

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