Juse Ju – Shibuya Crossing // Review

(Juse Ju / Groove Attack)

Wertung: Vier Kronen

Vor Jahren hat Juse Ju sich selbst einen guten Rat mit auf den Weg gegeben, der sich spätestens jetzt auszahlt: »Übertreib nicht deine Rolle.« Auf »Shibuya Crossing« gibt es dutzende Stellen, die andere Rapper ausge­schlachtet hätten, gerade weil das Rückgrat der Platte mit einer Coming-Of-Age-Erzählung offen dazu einlädt. Irgendwann in der laufenden Dekade ist dieses Thema zu einer Steilvorlage verkommen, um pseudo-deepe Allgemeinplätze zu besetzen, die Hörer an die Orte ihrer Jugend zu führen oder besser gleich dort abzuholen und ihre Tumblr-­Tagebücher mit ordentlich Pathos zu füllen. Wie wenig Juse damit zu tun hat, untermauern erneut jene Tracks, die sich mit der aktuellen Szene auseinandersetzen und dabei vor allem verquere Geschlechter­bilder (»Lovesongs«), marktschreierische Konsumgeilheit (»Justus BWL«) oder schlicht fehlende ­Realness (»Fake It ‘Till You Make It«) anprangern, ohne dabei die eigene Rolle außen vor zu lassen. Dass man mit spaßigen Lines und Themen wie der Kritik an Verschwörungs­theorien (»Propaganda«) eben noch immer in der Schublade »lustiger, schlauer Rap« landet, aber nicht zwingend viele Platten verkauft, daran lässt »Shibuya Crossing« so wenig Zweifel wie am bisweilen schwierigen Verhalten seines Protagonisten in der Liebe. Im ruckelnden »Milka Tender« fängt er sich einen Korb und begibt sich auf eine (selbst-)zerstörerische Abfahrt, die weit von der Souveränität einer reinen Beobachterrolle entfernt ist. Derartige Geschich­ten funktionieren, weil sie geschickt erzählt werden – so wie es »Kirchheim Horizont«, »Bordertown« und der Titeltrack vormachen. Die Songs bilden nicht nur den Rahmen des Albums, sie decken mit Kirchheim, El Paso und Tokyo auch die Orte ab, an denen Juse Kindheit und Jugend verbrachte. Neben der ambivalenten Schilderung des Provinzlebens ist es vor allem »Bordertown«, das mit exzellenten Samples und hervorragender Dramaturgie eine unterschwellige Spannung erzeugt, ohne auf übertriebene Schockeffekte angewiesen zu sein. Hier hat jemand seine Rolle gefunden.

Text: Sebastian Behrlich

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