Juri Sternburg über Rap-Medien, Fler und das Ende der gedruckten JUICE // Kolumne

»Was wir uns denn überlegen würden, für die letzte Kolumne in der letzten Print-Ausgabe des letzten JUICE-Magazins, möchte die Redaktion wissen.«

Foto: William Minke

Was wir uns denn überlegen würden, für die letzte Kolumne in der letzten Print-Ausgabe des letzten JUICE-Magazins, möchte die Redaktion wissen.

Wir, Marcus Staiger, Jane und ich. Drei Menschen, die prinzipiell ähnliche Ansichten haben und uns auch gerne mal das gleiche Thema vornehmen. Seit die Kollegen mit der Kolumne auf der Nachbarseite und ich in ein und derselben Ausgabe dieses Rap-Magazins über Mesut Özil schwadronierten, ist man vorgewarnt. Denn oft ging es hier nur vordergründig um Rap. Unter dem Deckmantel des neuesten Szene-Gossips wurden Themen angesprochen, die auch in jedem gängigen Gesellschafts-Ressort behandelt werden. Rassismus, soziale Ungerechtigkeiten, Antisemitismus, Homophobie, Kapitalismus. Natürlich ging es ab und zu auch ein bisschen darum, den einen oder anderen Rapper bloßzustellen. Das ist meist nicht der Hass irgendwelcher Hipster-Redakteure (wie es in hochnotpeinlichen Insta-Storys diverser Künstler so gerne heißt), sondern schlicht und einfach die Aufgabe von Journalismus. Mein Handy vibriert. RapUpdate-Eilmeldung: »Dieser Rapper macht jetzt einen Hausbesuch!«

Wie also gestaltet man so einen Abschied? Man kann nostalgisch werden. Sich an die glorreiche Zeit erinnern, als Printmagazine und ihre Angestellten in der Musikindustrie noch irgendwas zu sagen hatten. Als Samy Deluxe der neue heiße Scheiß war und irgendjemand wirklich noch »der neue heiße Scheiß« gesagt hat. Als Sprayer auf den Jams genauso wichtig waren wie Rapper und Max Herre noch nicht in Berlin wohnte. Man kann das Heft auch ganz theatralisch beerdigen, so wie Savas damals Eko beerdigt hat. Sich einen schwarzen Schleier vor die verweinten Augen hängen, innehalten und denken: Danke Rap Check, BRN & Co, das war’s dann wohl mit deutschem Rapjournalismus. Ab jetzt müsst ihr euch angucken, wie Leon Lovelock den Kopf so tief im Arsch seiner Interview-Partner hat, dass nur noch die schneeweißen Nike Off-Whites heraus ragen.

Man kann sich auch mit einem Knall verabschieden, so wie ich es in der letzten Kolumne vorhatte, bevor ich wusste, dass es lediglich meine vorletzte Kolumne werden würde. Oder man überlegt sich, wer oder was in diesem Heft die letzten Jahre gefehlt hat. Wen oder was man die letzten Jahre vermisst hat, wenn man durch die Seiten blätterte. Für mein Empfinden war das immer Fler. Nicht weil ich seiner Meinung bin, das bin ich meistens nicht. Nicht weil er mit seinen Ausfällen und wahnwitzigen Ansagen genau so oft notorische Problemfelder der Szene angesprochen hat, wie er kolossal daneben lag. Nicht weil seine Alben immer zwischen absolutem Hörgenuss und Eintönigkeit schwanken. Sondern weil er alles verkörpert, was Deutschrap ausmacht, ob einem das nun gefällt oder nicht. Fler ist Deutschrap. Das zu leugnen, zeugt entweder von mangelnder Objektivität oder von Verweigerung. Seine Tabubrüche, seine Dummheiten, seine Entwicklung, sein Vermächtnis und vor allem die Art und Weise, wie er von etablierten Medien behandelt wurde und wird. All das ist Rap. Das nicht zu spiegeln, ist ein Verlust.

»Fler ist Deutschrap. Das zu leugnen, zeugt entweder von mangelnder Objektivität oder von Verweigerung.«

Es geht nicht darum, Fler zum Opfer der Medien zu stilisieren. Er hat sich den Großteil der Attacken auf sich selbst eingebrockt. Aber dass der rappende Duracell-Hase so wie Deutschrap im Allgemeinen nie wirklich ernst genommen oder mit Respekt behandelt wurde, zeigt bereits ein kurzer Blick auf den ersten Satz im ersten Artikel des SPIEGELs über sein erstes Album. »Bis vor kurzem war Fler ein Niemand im deutschen Rap. Wenn überhaupt fiel er durch großspurige Sprüche von der Hinterbank auf. Seit der 23-jährige Berliner aber Anfang Mai sein Album veröffentlicht hat, ist er allgegenwärtig.« Die nächste RapUpdate-Eilmeldung: »Niemand kannte diesen Rapper bevor er sein Album veröffentlichte!« Potzblitz! Dieser selten dämliche Tenor zieht sich durch den Großteil der deutschen Rap-Berichterstattung. Die JUICE war da logischerweise immer eine wichtige Ausnahme. Als Fler von der Einstellung der Printausgabe hörte, konnte er sich einen bösen Spruch nicht verkneifen.

Dass es in einer Branche, die aus Speichelleckern und Arschkriechern besteht, ganz hilfreich sein kann, ein objektives Medium zu haben, wird er vielleicht eines Tages verstehen. Vielleicht nicht. Wozu auch? Die Kette glänzt, der AMG ist vollgetankt und in der Billy-Wilder-Promenade werden weiter jede Nacht Hits produziert.

Das Ende der JUICE ist das Ende einer Ära. Das Ende einer Ära, die mich geprägt hat. Und die offensichtlich auch Fler geprägt hat, sonst hätte er diesen Streit nicht so persönlich genommen.

Das Ende der JUICE ist das Ende einer Ära. Das Ende einer Ära, die mich geprägt hat. Und die offensichtlich auch Fler geprägt hat, sonst hätte er diesen Streit nicht so persönlich genommen. Es ist das Ende einer HipHop-Zeitung, im Endeffekt der HipHop-Zeitung. Hätte die JUICE einen PR-Berater, hätte dieser dem Blatt eventuell geraten, Fler nun endlich das Cover zu geben, das er nie bekam. Samt einer Review aller Fler-Alben, sowie einem Fler-Poster und dem obligatorischen JUICE-Exclusive nur mit Fler. Aber das wird nicht geschehen. Und das ist schade. Für euch. Und für uns. Und für Fler. Das Handy vibriert zum letzten Mal. Ein kurzer Blick auf das Display verrät: »Dieser Journalist wird die JUICE vermissen.«

2 KOMMENTARE

  1. Nun bin ich nicht gerade die Zielgruppe von Juice. Jedoch habe ich den Grundsatz, auch da hinzugucken, wo ich als Opernbesucher und Freejazzliebhaber sonst mich nicht so wiederfinde. Doch es gab bei den Kurzen Besuchen, immer Anstöße und Disruptionen meiner Welt, die mir Neues eröffnet haben.

  2. Ich werde das Heft nicht groß vermissen. Mit dem was ich mit Hip Hop assoziiere hatte das alles schon lange nix mehr zu tun. DIE Hip Hop Zeitung war die Juice schon lange nicht mehr, DIE Hip Hop Zeitung ist das Streetlove Magazine. Das gibt‘s auch noch als Printmagazine und hat überlebt ganz ohne sich Autotune, CloudRap und dem ganzen Scheiss anzubiedern. Wie Mobb Deep „Survival Of The Fittest“. In diesem Sinne Ruhe in Frieden.

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