»Das Klima ist das entscheidende Thema dieser Zeit« // Veedel Kaztro im Interview

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Veedel Kaztro hat sich von seinem Label getrennt und geht auf dem neuen Album »Techno« ganz eigene Wege. Dabei hängt der Kölner einerseits im Partysumpf der Stadt fest und versucht auf der anderen Seite, einen nachhaltigen und gesünderen Lebensstil umzusetzen. Das Ganze hat er in einer selbstgedrehten Mockumentary names »Way Too Techno« verarbeitet, die den Entstehungsprozess des Albums zwischen Fiktion und Realität visuell abbildet. Im Interview erzählt Veedel K, warum er das Album eigenständig aufgenommen hat, wie es ist, bei Fridays For Future zu spielen und warum er eigentlich Straight Edge leben möchte.

Du machst Rap, hast dein Album aber »Techno« genannt. Bildest du damit eine bestimmte Phase des Feierns ab oder suchst du nach neuen Genres?
Erstmal fand ich den Titel bissig. Auch dadurch, dass es für Rapmusik untypisch ist und daher im Gedächtnis bleibt. Es ist kein Konzeptalbum, aber gerade in der zweiten Hälfte des Albums geht es um dieses Thema, weil es einige Jahre von mir geprägt hat. Zwischen 2013 bis 2017 war das sehr präsent und hatte Aufarbeitungspotential. Da sind einfach viele Sachen passiert, viel Gutes, aber auch einige negative Dinge. Daher hatte ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben.

Du hast das Album ohne Label releast. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe mich letztes Jahr im Guten von Melting Pot Music getrennt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass dort noch viel vorangeht und irgendwie war das Verhältnis wie eine lange Beziehung, die an Biss und Leidenschaft verloren hat. Dann gab es auch Sticheleien, man hat sich gegenseitig abgefuckt, wie in einer Beziehung, in der das Verhältnis ein wenig vergiftet ist, ohne dass groß etwas vorgefallen wäre. Es war trotzdem mehr als eine Geschäftsbeziehung, deswegen habe ich es lange vor mir her geschoben. Aber ich habe gemerkt, dass es nicht mehr so gut funktioniert und dann die Entscheidung getroffen.

»Wenn man aktuell Rap in Köln macht, gibt es auch wenige Gründe, hier wegzuziehen«

Die Aufnahmen hast du alleine gemacht?
Ich habe zuhause auf eigene Faust weiter aufgenommen und die Demo dann an einen Vertrieb geschickt. Das war ganz gut, denn nach der Trennung bin ich erstmal in ein Loch gefallen und wusste nicht so richtig, was ich machen soll. Das waren keine einfachen Zeiten, es war schon eine sehr düstere Grundstimmung, so im Winter 2018. Irgendwann bin ich aus dem Loch raus, das mit dem Vertrieb hat funktioniert und seitdem ist es cool, autark und wirklich unabhängig. Jetzt macht es auf jeden Fall Spaß. Die Trennung hat trotzdem Spuren hinterlassen, es waren abgefuckte Monate, wo ich teilweise sehr hoffnungslos war, aber es hat sich zum Guten entwickelt.

Auch der Sound ist frisch und modern geworden.
Klar, die BoomBap-Sachen sind ja auch schon ein bisschen her. Ich hab‘ einfach mit den Beats gearbeitet, die ich gekriegt habe und mich daran orientiert. Vom Sound her ist es trotzdem einfach ein Rap-Album. Das Album »Fenster zur Strasse« von 2015 ist von der Stimmung und dem Sound her relativ ähnlich. Aber die Beats klingen natürlich so, wie die Entwicklung in diesen vier Jahren verlaufen ist.

Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst, findet der Großteil der Geschichten in Köln statt. Du lobst Köln im ersten Track des Albums und schießt ein bisschen gegen Berlin. Was macht den Vibe der Stadt für dich aus?
Ich schieße nicht gegen Berlin, zumindest war es nicht so gemeint. Es ist so, dass viele Leute nach Berlin ziehen, weil es da abgeht. Wenn man aber aktuell Rap in Köln macht, gibt es auch wenige Gründe, hier wegzuziehen. Hier geht gerade auch eine Menge an guten Acts, die ich selbst gerne höre, zum Beispiel Retrogott, LGoony oder Lugatti & 9ine. Ich will aber weg von Lokalpatrioten-Rap, das ist ein Stempel, den ich früher oft hatte. Ich finde es nur bemerkenswert, wie viel hier passiert. Köln ist eine gute Rap-Stadt.

In deinem gemeinsamen Track mit Lugatti & 9ine geht es um Wasser aus der Leitung, statt aus Plastikflaschen. Wann ist Rap über Umweltthemen cool geworden?
Im Rap-Mainstream ist das Thema noch nicht angekommen und ich kenne nicht viele Rapper, die über sowas schreiben. Ich habe eh schon immer Conscious-Rap gemacht und das Thema ist halt gerade omnipräsent, Greta Thunberg polarisiert und viele Leute haten sie. Viele sind vielleicht auch von der Menge an Informationen und Schlagzeilen zu diesem Thema genervt. Für mich ist es das entscheidende Thema der Zeit. Der Klimawandel ist zwar schon lange bekannt, aber bekommt jetzt Aufmerksamkeit in den Medien. Jeder letzte Hinterwäldler hat es mitgekriegt. Ich erzähle aber nicht darüber, weil es gerade angesagt ist, sondern weil es mich beschäftigt. Mit »Wasser« haben wir da einen coolen Aufhänger gefunden, denn in erster Linie geht es immer noch um Musik und du musst gucken, dass du einen coolen Song ohne erhobenen Zeigefinger machst. Lugatti & 9ine hatten eh schon einen »Stay hydrated«-Grind, daher war Wasser als Thema schnell klar. Es ist ein wichtiges Thema, aber wir haben einen angenehmen Song gemacht, der auch tanzbar ist. Das war das Anliegen. Für mich ist es immer noch Nischenmusik, im Mainstream geht es weiterhin um Gucci. Aber ich habe es gefühlt, deswegen ist es real.

In deiner Mockumentary »Way Too Techno«, die du als Promo auf deinem Instagram-Kanal hochgeladen hast, ist zu sehen, wie du live bei Fridays vor Future spielst.
Die Mockumentary ist halb gescripted, wir haben ungefähr zwei Wochen vorher mit der Planung angefangen und dann jeden Tag geguckt, wo wir was drehen können. Viel ist improvisiert, aber manche Sachen, die schon länger klar waren, konnten wir einplanen, wie zum Beispiel die Anfrage von Fridays For Future. Das war natürlich praktisch, dass wir diesen Gig als einen Höhepunkt des Films einbauen konnten.

Hast du für den Auftritt wirklich keine Kohle bekommen, wie im Video gesagt wird?
Ja das stimmt, solche Sachen sind ja Soli-Konzerte und für Non-Profit-Organisationen. Da geht es nicht um die Kohle, sondern darum, dass ich Fridays For Future gut finde. Wie lange gibt es das jetzt schon? Etwas mehr als ein Jahr? Es ist krass, wie sich das weltweit entwickelt hat. Jeder kennt das mittlerweile und es polarisiert. Ich finde es im Kern auf jeden Fall sehr gut, worauf sie hinweisen wollen, deswegen supporte ich das auch.

Wie lief der Gig?
Ich weiß gar nicht, ob ich schon mal bei einer Demo aufgetreten bin, aber es war cool. Natürlich sind die Leute nicht wegen dir da, es ist nicht dein Stammpublikum, sondern auch Leute, die noch nie von dir gehört haben. Aber ich glaube, wir haben die Leute ganz gut unterhalten.

»Am liebsten würde ich Straight Edge und vegan leben«

Tracks wie »Wasser« und »Tofu« zeugen ja nicht nur von Umweltbewusstsein, sondern auch von einem gesunden Lebensstil, der nicht unbedingt mit Techno zusammenpasst.
Das ist schon sehr widersprüchlich, denn dieser Techno-Lebensstil ist tatsächlich alles andere als gesund. Das Stichwort ist auf jeden Fall Konsum. Man sollte darauf achten, was man zu sich nimmt, nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei anderen Sachen, deren Folgen teilweise viel schlimmer sind. Und das ist der Struggle, in dem ich mich befinde. Ich versuche möglichst wenig schädlich einzukaufen, lebe auch seit einem halben Jahr vegan. Massentierhaltung kann ich gar nicht mehr unterstützen. Und die Techno-Kultur steht wirklich im Gegensatz zu dem, die ist alles andere als conscious und auch ein bisschen verlogen, weil alle andauernd auf Drogen sind. Das sind die Sachen, mit denen ich kämpfe. Ich will das nicht mehr machen, aber es lässt mich nicht los. Am liebsten würde ich Straight Edge und vegan leben, das wäre für mich das perfekte Leben. Aber ich schaffe es nicht ganz. Ich finde die Philosophie dahinter bewundernswert, aber meine Realität war lange Techno, was im genauen Gegensatz dazu steht. Irgendwie liebe ich beides, deswegen bin ich der, der ich bin. Und was dabei rauskommt, ist ein Rap-Abum.

Wenn es um alternative Lebensweisen geht, wirfst du auch das gute, alte Fernsehen in den Raum. Wie kommt man in Zeiten von Social Media darauf, Kabel 1 einzuschalten?
Ich hatte relativ früh die Zeile »Auf der Preisverleihung Steven Gätjen/ Jumbo Schreiner frisst ein halbes Hähnchen« und der Song hat sich dann entwickelt. Beim Dreh für den Film »Way too Techno« habe ich tatsächlich zum ersten mal seit Ewigkeiten auf einen Fernseher mit Programm geschaut. Es war krass, wie fremd und absurd das ist. Der Track soll auch kein Diss gegen YouTube sein, dort gibt es echt gute Formate. Ich fand es nur lustig, das Fernsehen nochmal aufzugreifen, aber ich glaube es hat langsam ausgedient. Es kann mit dem anderen Angebot nicht mehr mithalten, außer natürlich Kabel 1, da läuft immer so alter Scheiß. Es ist irgendwie krass, dass es die Menschen generationsübergreifend geprägt hat und jetzt am Aussterben ist.

Interview: David Regner

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