Juicy J: »Die Leute haben Memphis immer übersehen« // Interview

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Juicy J hat im November sein neues Album »The Hustle Continues« veröffentlicht. Die Memphis-Legende knüpft darauf mit spielerischer Leichtigkeit an den eigenen ikonischen Status an und führt das musikalische Vermächtnis fort, ohne große Risiken einzugehen. Die Featureliste ist voller Stars der älteren und neuen Generation und unterstreicht Juicy J’s Ausnahmestellung in diesem Game, das er seit den 90ern Jahren erfolgreich spielt. Wir haben uns mit ihm zum Online-Treffen via Zoom verabredet und darüber gesprochen, wie die Pandemie sein Leben beeinflusst hat, wie man sich die Ohren an der Westküste versaut und warum der Hustle ein so wichtiger Teil seiner Musik ist.

Wie geht es dir?
Ich bin in L.A. und mir geht’s gut, ich lebe gut. Ich habe Weed hier und brauche nur noch ein bisschen Wasser, um hydriert zu bleiben. Mehr ist es aktuell nicht. Ich chille hier, das Leben ist gut.

Du hast dein Album in der Corona-Krise veröffentlicht. War es ein anderer Ablauf als sonst?
Das Album herauszubringen ist schon anders, alleine von der Promotion her. Ich war in einem Haufen Zoom-Meetings, es gab viel Telefonate, aber immerhin auch ein paar persönliche Treffen, nachher steht noch ein Podcast an. Das ist, was abgeht, ich komme nicht allzu oft aus dem Haus heraus.

Hast du das Album schon vor der Pandemie geschrieben?
Ich habe den größten Teil davor geschrieben, den Rest dann während der Pandemie. Es ist so: Ich hatte die Features schon seit einem Jahr beziehungsweise seit Anfang des Jahres recordet, danach habe ich mich an den Rest gesetzt. Zum Beispiel an die Produktionen, ich habe 90 Prozent des Album selbst produziert. Das heißt, während der Pandemie habe ich die Songs zusammengebaut. Insgesamt habe ich fast zwei Jahre lang an dem Album gearbeitet.

Im Video zu »Load It Up« sieht man deine Frau auftreten, die den Dreh unterbricht, weil sie ein Baby erwartet. Also war auch in der Familie viel los?
Ja, es war eine verrückte Zeit. Meine Frau hat ein Baby bekommen, dazu habe ich noch ein kleine Tochter, die gerade zwei Jahre alt ist. Aber es ist alles gut gegangen, das Leben ist großartig, mane. Es dreht sich alles um Fortpflanzung. Eine Legende zu sein, seine Kinder zu genießen, sich über seine Familie zu freuen – es geht eben um dieses Zeug. Ich kann mich wirklich nicht beschweren, es war ein sehr interessantes Jahr.

Seit wann wohnst du eigentlich in L.A.? Schon lange oder erst seit kurzem?
Ich lebe eigentlich in Vegas, aber hier in L.A. habe ich Eigentum und ein Studio. Das heißt, ich reise immer hin und her. Aber hauptsächlich bin ich in Vegas. Ich habe das jetzt jahrelang so gemacht, wahrscheinlich so seit 2006. Erst von Memphis nach L.A. und dann von Vegas nach L.A.

Was ist der Unterschied zu Memphis? Ich vermute mal, dass die Stadt weniger hart ist.
Ja, Memphis ist eine harte Stadt, aber sie kann dich schlau machen, kann dich in einen Entrepreneur verwandeln, wenn du deinen Kopf benutzt. Memphis ist eine großartige Musikstadt, sie haben dort gutes Essen, tolle Leute. Natürlich ist es rough, aber es gibt überall roughe Ecken. Manchmal muss man eben wissen, wie man damit umgeht. Daher ist Memphis eine dope Stadt, du würdest es da unten lieben, du würdest die Stripclubs feiern.

Das klingt alles sehr nice. Alleine von der musikalischen Umgebung und den Einflüssen ist die Stadt natürlich ganz anders als L.A. Trotzdem bist du deinen musikalischen Wurzeln aus Memphis auf dem aktuellen Album treu geblieben.
Ja. Du willst jetzt wissen, wie ich das geschafft habe, obwohl ich so weit entfernt bin, oder?

Genau.
Das ist ein interessante Frage. Denn als ich zuerst aus Memphis weggezogen bin, hat das meine Ohren durcheinandergebracht. Ich bin in die Clubs gegangen, habe Musik über das Radio gehört und das hat mich verändert. Ich bin von einem Untergrund-Artist zu mehr oder weniger einem Pop-Künstler geworden, dadurch dass ich die ganze Zeit dieser Popmusik ausgesetzt war, die es in L.A. gab. Da gibt es nichts schönzureden, es ist wahr, dass das meine Ohren verstopft hat. Daher bin ich schließlich nach Memphis zurückgegangen, ich hatte dort immer noch ein Haus. Also bin ich danach ab und zu zurückgekommen und einige Zeit im Memphis geblieben, bis ich meine Ohren wieder richtig eingestellt hatte. Jetzt sind sie endlich wieder richtig justiert, im Endeffekt hatte ich meine Ohren in diesem Sinne nie komplett verloren. Ich könnte jetzt in Spanien leben und hätte meinen Sound immer noch, den werde ich niemals mehr verlieren. Das hab ich mir auch selbst gesagt: Sobald ich diesen Sound zurückbekomme, werde ich ihn nicht mehr verlieren.

Du startest dein Album mit einer Referenz auf einen Song von DJ Squeeky. Warum hast du dich dafür entschieden? Ich dachte zwischen euch ist ein bisschen Beef?
Nah, man. Das war kein wirklicher Beef zwischen uns beiden. Weißt du, was die jungen Typen auf der Straße machen, das ist Beef. Das Zeug zwischen uns beiden war eher ein Missverständnis, mittlerweile bin ich cool mit den meisten Leuten. Grüße an alle Leute auf jeden Fall, es gibt keinen Hate gegen irgendjemanden. Ich liebe jeden.

Auf »Po Up« mit A$AP Ferg nennst du einige Legenden, die in den letzten Jahren gestorben sind. Ist es dir wichtig, diese Leute und ihre Werke zu ehren und ihnen Respekt zu erweisen?
Ja, mit jedem, den ich auf dem Song nenne, war ich cool. Ich kannte Kobe nicht so gut, ich habe ihn nur einmal getroffen. Aber er ist natürlich trotzdem eine wichtige Figur, eine Inspiration und wir vermissen ihn jeden Tag. XXXTentacion habe ich gekannt und ab und zu mit ihm übers Phone geredet. Ihn habe ich tatsächlich über Instagram gefunden und er war wirklich sehr cool. Ich vermisse aber auch die anderen, wie Asap Jams oder John Singleton. Das ist ein wirklich berührendes Stück, R.I.P. an alle meine verstorbenen Homies. Viele ihrer Alben sind etwas besonderes für mich, es ist oft traurig, wenn ich sie anhöre. Du weißt, es fühlt sich so an, als ob man gleich ein Träne vergießt, denn es gibt so viele Leute, die um mich herum oder in meinem Leben waren, die heute nicht mehr hier sind. Das ist verrückt. Das Leben ist manchmal seltsam.

Umso krasser ist es, wie lange du schon in diesem Game dabei bist. Du hast einen Song zusammen mit Logic auf dem Album, auf dem beschreibst, wie du 1995 durch Memphis gecruist bist. In dem Jahr bin ich gerade einmal geboren und du warst da schon am Hustlen, das ist ein echtes Vermächtnis.
Danke, man. Ich weiß das zu schätzen und habe hart dafür gearbeitet. Das war nicht leicht und das Leben ist insgesamt nicht leicht. Es ist fantastisch, dass die Leute die Musik immer noch bewundern. Genau wie du gesagt hast, du bist sogar 1995 erst geboren und ich habe gehustlet. Heute geht der Hustle immer noch weiter und wir sitzen hier und machen ein Interview. Das ist cool.

Hast du damals gedacht, dass es jemals so gut für dich laufen könnte? Dass du Jahre später in so einer einer Position bist?
Ich habe das nie wirklich gedacht, aber ich wollte eigentlich schon immer den Status einer Ikone. So wie Berry Gordy, Diana Ross oder Tony Bennett. All diese großartigen Menschen, die immer noch da sind und Musik machen. Ich wollte diese Art von Status. Ich wusste nicht, was passieren würde. Ich dachte immer, dass ich vielleicht ein bisschen Geld machen, genug um davon zu leben, vielleicht etwas zu investieren und sonst eben in der Crib zu sein. Aber ich wollte diesen Ikonen-Status und als ich den Academy Award gewonnen habe, hat es mir tatsächlich Selbstvertrauen gegeben, weiterzumachen und in Bewegung zu bleiben. Es hat sich angefühlt, als könnte ich alles schaffen, auf das ich mich nur genug konzentriere. Es hat mir diesen Extra-Boost fürs Leben gegeben, hat mich mehr motiviert, mich entschlossen gemacht. Entschlossen dazu, irgendwas machen zu wollen. Egal ob ich an der Front stehe und selbst rappe, ob ich der Produzent bin, oder ob ich ein Investor in Musik bin. Ich wollte für den Rest meines Leben etwas mit Musik zu tun haben.

Wenn wir über dein Vermächtnis sprechen, sprechen wir auch über das Vermächtnis von Memphis als einer Rap-Stadt. Für eine Stadt, die so einflussreich war und so viel der Musik beeinflusst hat, die in der letzten Dekade erfolgreich war, ist sie nie so richtig im Fokus des Mainstreams gelandet.
Die Leute haben Memphis immer übersehen. Ich habe es den Leuten in Interviews immer wieder gesagt, das ist schon Jahre her ist, in meinen frühen Zwanzigern, dass diese Stadt übersehen wird. Memphis hat einige der besten Rapper und Produzenten, Musiker und generell fantastische Menschen. Heutzutage schenken die Leute Memphis Beachtung und ich denke, das ist großartig und dope. Endlich hilft uns mal jemand aus. Wir waren so ziemlich die einzigen Künstler in Memphis, die man beachtet hat. Damals in den 90ern hat es keinen interessiert, was hier abging. Three 6 Mafia war da die Ausnahme. Wenn wir etwas bei Hypnotized Minds, unserem Label, veröffentlicht haben, dann haben das Leute gecheckt. Aber sie haben damals nicht geglaubt, dass Memphis ein großer Einfluss für die Musik ist. Bis jetzt.

Mittlerweile haben wir in Deutschland sogar eine Szene, in der Memphis als einflussreiche Stadt gewürdigt wird, bei der Tapes wieder im kommen sind und wo viel von dem gesamplet wird, was in den 90ern in Memphis entstanden ist.
Das ist dope, mane. Es ist ein Segen, dass die Szene immer noch größer wird und dass die Musik immer noch etwas bewegt. Ich war vor einigen Jahren auch schon in Deutschland. Das war lange bevor Covid kam. Deutschland war immer ein dopes Party-Land. Ganz besonders Berlin, da habe ich viele Party gefeiert.

Du hast Megan Thee Stallion als Feature auf dem Album und auch ein paar der Tracks auf ihrem aktuellen Album produziert. Wie ist das zustande gekommen? Und wonach schaust du, wenn du nach jungen Talenten suchst, mit denen du zusammenarbeiten kannst?
Es ist immer eine Freude mit Megan Thee Stallion zusammenzuarbeiten. Sie ist ein Gnie, das sage ich in jedem Interview und es ist die Wahrheit. Als ich sie das erste Mal getroffen habe, wusste ich dass sie ein Superstar ist. Sie liebt meine Beats, also sende ich ihr andauernd Beats. Und sie killt alle drei, die auf ihrem Album drauf sind. Ich habe insgesamt fast 15 Songs für sie gemacht, sie hat die gepickt, die sie am besten fand. Vielleicht kommt einer von den anderen Songs noch auf die Deluxe Variante des Albums, da bin ich mir nicht sicher. Wir haben eine gute Chemie. Ich bin generell immer auf der Suche nach neuen Leuten, für die ich produzieren kann oder die ich signen kann. Ich habe meinen eigenen Verlag.  Ich bin immer auf der Suche nach Leuten, die hungrig darauf sind, zu arbeiten. Ein Talent zu haben ist gut, aber wenn du diese Hustle-Mentalität nicht hast, dann sind wir nicht auf derselben Wellenlänge. Ich bin ein harter Arbeiter. Wenn ich ins Studio komme, spiele ich keine Spiele. Das Studio ist ein ernsthafter Ort.

Woran hast du mehr Spaß. Eigene Raps oder Producing für Andere?
Das ist ein schwere Frage. Natürlich mag ich beides. Ich habe immer etwas zu sagen und muss mir etwas von der Seele reden, daher muss ich rappen. Aber dann gibt es auch die Phasen, wo ich einfach einen Beat machen und jemanden anderen darauf glänzen sehen will. Daher ist das für mich ein 50/50-Ding. Produktionen zu machen war während der Quarantäne auf jeden Fall viel besser. Ich mache Beats, schicke sie raus und sie werden platziert. Ich muss dafür nicht wirklich auf eine Bühne, aus dem Haus heraus und in ein Flugzeug, um eine Show zu spielen und so weiter. Ich habe schon Spaß an all diesen Sachen, aber manchmal denke ich mir auch, dass ich jetzt einfach zu Hause will. Und die Quarantäne hat eh schon dafür gesorgt, dass ich zu Hause bin, daher war das cool, ich kann mich nicht beschweren. Trotzdem will ich wieder unterwegs sein, ich vermisse die Fans und die Performance. Ich will auch wieder ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland, und dort spielen und verschiedene Ort besuchen. Einfach leben eben. Wenn ich nach Übersee reise, dann ist das nicht nur für Arbeit. Ich gehe in Clubs und will das genießen.

Wie machst du das dann, wenn du konzentriert arbeiten willst? Verzichtest du auf Weed?
Ich rauche Sativa, das hält dich wach. Ich habe daran einfach Spaß, liebe es, das zu machen und glaube nicht, dass mich irgendeine Droge einschlafen lässt, während mein eigener Beat läuft. Es geht eher um ein gutes Feeeling, einen guten Vibe, um den Beat noch besser werden zu lassen. Ich liebe das Studio wirklich, im Zweifel schlafe ich hier auch, ohne dass ich es müsste. Ich liebe es hier, so bin ich einfach gemacht.

Foto: Entertainment One

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