Juicy Gay: »Die Musik verliert ja nicht an Wert, nur weil sie schnell veröffentlicht wird.« // Interview

 
Wie alt warst du, als du mit der Musik angefangen hast?
Vielleicht 14 oder 15. Meine Cousins standen auf Samy Deluxe und so was. Ich wollte auch Musik machen und hab mir Fruity Loops besorgt. Damit habe ich einfache Beats aufgenommen und darüber gerappt. Anfangs habe ich mit der kostenlosen Demoversion gearbeitet, bei der man die Sachen nicht mal speichern kann. Ich hab das Fenster einfach geschlossen, und dann war der Track weg.

Unter dem Namen Kellerkind machst du klassischen Deutschrap. Warum hast du dir mit Juicy Gay ein anderes Pseudonym zugelegt?
Weil diese Sachen in eine ganz andere Richtung gehen. Juicy Gay ist fast nur von Ami-Rap beeinflusst, und natürlich von Money Boy und den Ignaz-Tapes. Die hab ich totgehört.

Würdest du sagen, dass Juicy Gay eine Kunstfigur ist?
Nein, das bin komplett ich.

Das glaubt dir nicht jeder. Das Schweizer Portal Tillate wollte dir nachweisen, dass du nicht schwul bist. Was ist denn da passiert?
Wir haben ein Interview gemacht. Danach hat der Journalist mit alten Mitschülern von mir gesprochen. Die haben behauptet, ich sei nicht schwul. Ich wollte wissen, was das soll, aber der Journalist hat mich nur weiter gefragt, ob es stimmt, was die sagen. Daraufhin hab ich ihm verboten, unser Interview zu droppen. Er hat den Text dann auf seine Weise veröffentlicht.

Ist dein neuer Track über den als Hochstapler bekannten Gert Postel eine
Reaktion darauf, dass dich dieser Journalist als Schwindler entlarven wollte?

Nein, das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Aber das könnte man durchaus denken. Geil! (lacht) Ich hab den Track gestern gemacht, weil der Typ wieder auf Twitter übertrieben hat.

Falls ich die Frage trotzdem stellen darf: Wieso behaupten deine ehemaligen Mitschüler, du wärst nicht schwul?
Viele aus meinem Freundeskreis wussten nicht, dass ich schwul bin. Ich hatte lange Zeit Angst, mich zu outen. Ich war schon als Juicy Gay in der Öffentlichkeit, aber ich hatte es noch nicht allen in meinem Umfeld erzählt.

Du hast dich zuerst als Künstler geoutet und dann später privat?
Ich wusste nicht, ob ich das groß aufziehen will, weil das nicht jeder aus meinem Umfeld wusste. Aber ich hab das jetzt alles geklärt und bin komplett im Reinen damit. Bis auf ein paar Ausnahmen finden es alle cool.

Was fasziniert dich an Cloud-Rap?
Den Begriff finde ich schwierig. Es ist genau wie LGoony in diesem Arte-Bericht gesagt hat: Es beschreibt alles, aber irgendwie auch nichts. Aber egal wie man es nennen will, es ist neu und bricht die alten Regeln – es ist nicht so beschränkt wie Oldschool-HipHop.

 
Geht’s darum, der alten Garde ans Bein zu pissen?
Nicht unbedingt. Eigentlich interessiert mich nicht wirklich, was die denken. Aber die verstehen die neuen Sachen manchmal gar nicht. Sie sind in ihrer ganzen Denke beschränkt. Die regen sich drüber auf, wenn Yung Hurn mit Autotune singt – na und? Ein Hit ist ein Hit. Als Fan finde ich es auch geiler, wenn jemand ständig Sachen droppt, als wenn nur jedes zweite Jahr ein Album kommt. Die Musik verliert ja nicht an Wert, nur weil sie schnell veröffentlicht wird. Ich habe gestern fünf Tracks aufgenommen.

Produzierst du deine Tracks selbst?
Ja, das meiste mache ich immer noch mit Fruity Loops. Mittlerweile hab ich die Vollversion. Aber wenn ich nicht viel Zeit habe, suche ich den Beat einfach auf Youtube.

Wie meinst du das? Du hast doch so viel Zeit, wie du dir selbst gibst.
Aber nicht in meinem Kopf. Ich will den Song immer so schnell fertig haben wie es geht. Ich weiß auch nicht, wieso. Es kommen ständig private Sachen dazwischen, dadurch wird es manchmal stressig. Ich hab auch schon mal so lange für einen Song gebraucht, dass ich den gar nicht mehr raushauen wollte, weil ich mir dachte, dass das schon zu lange gedauert hätte. Irgendwie fühlt es sich dann nicht mehr richtig an.

Wann kommt dein angekündigtes Debütalbum »Schwuler Samt«?
Ich würd’s dir gerne sagen, aber ich weiß es selbst noch nicht. Ich werde noch ein paar Mixtapes machen, bald werde ich auch zwei Projekte mit Produzenten beginnen. Eins mit Asadjohn und eins mit YangMonty. Mit meiner Ausbildung gleichzeitig ist es halt krass stressig.

Warum machst du die eigentlich? Kannst du dir vorstellen, was anderes als Musik zu machen?
(überlegt) Irgendwie nicht. Das wär belastend. Ich mache diese Ausbildung, damit ich was in der Hinterhand hab. Aber von der Musik zu leben, das wär mein Traum. Jetzt, wo es losgeht, wär das schon nice.

Text: Reiner Reitsamer
Foto: Phillip Gladsome

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