JPEGMAFIA: »Ich glaube, dass die meisten Menschen von Natur aus schlecht sind« // Feature

Er nennt sich selbst Peggy, ein Spitzname, den man spontan mit einer alten weißen Frau assoziieren würde. JPEGMAFIA ist aber ein junger schwarzer Mann. Seine Beats sampeln Computerspiele, schräge Field Recordings und immer wieder den Theme Song des ehemaligen Pro-Wrestlers Edge. Seine Raps schießen auf Alt-Rights, Rednecks und Musikerkollegen. Peggys Welt ist eine chaotische und fesselnde Zeichen-Collage. Mit dem Album »Veteran« schaffte er den Sprung aus dem US-Bundesstaat Maryland auf die Bühnen der Welt.

Die erste internationale Tour heißt »The Reverse Christopher Columbus Tour«. Gefragt, was ihn zum Gegensatz des europäischen Kolonisten macht, erklärt Peggy: »Weil ich weiß, wo es hingeht. Der Typ wollte nach Indien und ist am anderen Ende der Welt gelandet. Was zur Hölle hatte er vor?« Diese Art von Humor, die ein bisschen an einen Reddit-Kommentar erinnert, ist typisch für ihn. Peggy produziert seit seinem 14. Lebensjahr. Ein Schlüsselwerk in seiner musikalischen Sozialisierung ist Ice Cubes »AmeriKKKa’s Most Wanted«. Als er mit 17 hörte, wie Ice Cube institutionellen Rassismus und die Reagansche Wirtschaftspolitik anprangert, erkannte er auch das Potenzial von Rap-Lyrics.

»Veteran« hat Peggy komplett im Alleingang produziert. Die drei Feature-Gäste kommen wie er aus Baltimore, Maryland, alles andere als der Nabel der Rap-Welt – und gerade deshalb so inspirierend. »Die Menschen machen Kunst dort nie mit Hintergedanken, sondern um ihre Gefühle auszudrücken. Sie machen Kunst um der Kunst willen.« Peggys Freunde wie Butch Dawson, Abdu Ali oder Freaky klingen nicht weniger eigenwillig als er. Keiner von ihnen hat einen Streaming-Hit. Tourende Künstler halten nicht in Baltimore, sondern siebzig Kilometer weiter in Washington. Es gibt im Englischen die Redewendung »dance like nobody’s watching«. In Baltimore machen sie Musik, als würde niemand zuhören. In Peggys Worten: »Was auch immer dir heilig ist, Baltimore wird es nehmen und darauf spucken und es durch den Dreck ziehen und dir dann zurückgeben. Und du wirst verwirrt sein, aber es wird dir gefallen.«

Auf dem Album-Cover zu »Veteran« ist ein geschwärztes Bild seines Führerscheins – und damit eine Hommage an ODBs Solodebüt »Return To The 36 Chambers«, das mit der Essensmarke. Der Song »Real Nega« sampelt ODBs »Goin’ Down«. Peggy verwendet auf diesem Track das Wort »cra­c­ker«, eine abfällige Bezeichnung für weiße Amerikaner, deren Ursprung nicht ganz klar ist. Möglicherweise bezieht sie sich auf das knallende Geräusch, das die Peitschen von Sklaventreibern machten, möglicherweise auch nur auf arme Getreidebauern. Dass Peggy seitdem Post bekommt, in der ihm umgekehrter Rassismus vorgeworfen wird, ist beabsichtigt: »Cracker zucken nicht mit der Wimper, wenn jemand davon rappt, den ganzen Tag andere N****r zu töten. Sobald es sie selbst betrifft, sind sie aber plötzlich angepisst. Ich benutze das Wort, um solche Leute aus der Reserve zu locken.«

»Crackers be singing like chorus, choppa be changing they pitch«, rappt Peggy auf besagtem Track. Snitches singen plötzlich eine Oktave höher, wenn er die vollautomatische Waffe zieht. JPEGMAFIA ist eine überdrehte Version der Privatperson Barrington DeVaughn Hendricks. Hendricks besitzt Waffen, Peggy schießt. Beide sind durchaus militant. Der Albumtitel hat eine Doppel­bedeutung: Peggy ist Veteran, weil er seit seinem 14. Lebensjahr Musik macht. Er wurde aber auch mit 18 Soldat, war in Japan, Deutschland, Kuwait und im Irak stationiert. Diese Erfahrung hat seine Weltsicht nicht verändert, sondern bestätigt und verstärkt. »Ich glaube, dass die meisten Menschen von Natur aus schlecht sind«, sagt er. »Das Militär setzt sich aus Menschen mit vielen verschiedenen Lebenswegen zusammen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten, und ich habe dort viel abgefuckte Scheiße gesehen.« Dass Peggy sich selbst mit einem Begriff bezeichnet, der patriotische Amerikaner dazu verleitet, spontan Respekt zu bekunden, ist zynisch. »Wenn ich in Uniform unterwegs war, kamen plötzlich alte weiße Damen an, um mir zu danken und einen Kaffee auszugeben. Wenn ich ohne Uniform alte weiße Damen treffe, rennen sie davon oder halten ihre Handtasche fest. Veteran zu sein, bedeutet in meinem Fall, zu wissen, wie fake das alles ist.«

Auf dem Cover seiner 2015er EP »Darkskin Manson« sieht man Peggys nackten Hintern, eingewickelt in eine Südstaatenflagge. »Patrioten sehen das Militär als die Repräsentation amerikanischer Werte. Sie wollen all die Probleme nicht ansprechen, um das Image des Militärs nicht anzukratzen – weil ihnen Flaggen wichtiger sind als Menschen«, sagt er. Als US-Soldat lernt man, Flaggen möglichst gerade zu hissen, alles andere gilt als Respektlosigkeit. Wenn die Flagge um Peggys nackten schwarzen Hintern gewickelt ist, ist das ein ultimatives »Fuck you!« in Richtung der patriotischen Symbolpolitik.

Es sind aber nicht nur weiße Menschen, die in JPEGMAFIAs Werk angegriffen werden. Auf »Drake Era« kritisiert er den Death-Grips-Vokalisten MC Ride dafür, dass deren 2014er Album »N****s On The Moon« heißt, obwohl zwei weiße Männer Teil seiner Band sind. Menschen, die ihn optisch mit MC Ride vergleichen, findet er rassistisch. Menschen, die ihn mit den Death Grips vergleichen, nur weil er experimentelle Rapmusik macht, sind etwas denkfaul. Der Song stammt vom Album »Black Ben Carson«, benannt nach dem schwarzen und rechtskonservativen US-Politiker Ben Carson. Die rohe Energie, die Peggys Live-Shows haben, kann an die Hardcore-Einflüsse der Death Grips denken lassen, seine Beats sind aber näher an der Musik elektronischer Soundbastler. »Ich manipuliere Klänge«, beschreibt er sein Selbstverständnis und vergleicht sich mit Nicolas Jaar. Band-Equipment habe er sich als Jugendlicher nicht leisten können. Digitale Musikproduktion hat ein ebenes Spielfeld erzeugt. »Ich würde gerne in die Vergangenheit reisen und John Lennon zeigen, wie ich Musik mache. Er wäre mega verwirrt.«

Auch unter den Lebenden sind glücklicherweise genug Menschen zum Verwirren. Peggy ist politische Stimme, feixender Troll und genialer Experimentalmusiker zugleich. »Fuck Johnny Rotten, I want Lil B«, rappt er auf »I Cannot Fucking Wait Til Morrissey Dies«. Wenn das noch Meme-Rap ist, dann hat Meme-Rap nie so wehgetan.

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