Interview: Sentence

sentino

 

Der Berliner mit den polnisch-chilenischen Wurzeln galt als eine der schillerndsten ­Persönlichkeiten des deutschen Rap. Und als einer der talentiertesten Rapper. Für den ganz ­großen Wurf hat es dennoch nie gereicht. Nach einer beispiellosen Tour de force durch praktisch alle in Deutschland seinerzeit relevanten Camps, einigen frechen Mixtapes sowie dem überraschend ­reifen und durchdachten, letztlich aber erfolglosen Soloalbum »Ich bin deutscher HipHop« hatte Sentence, zwischenzeitlich Sentino, sich fürs Erste aus dem Rapgeschehen verabschiedet. Jetzt ist er aber wieder da und versucht, nachdem er sein Privatleben mittlerweile besser im Griff hat, einen Neuanfang. Ein Gespräch über Unsicherheit, Loyalität, Größenwahn und den ganzen ­anderen Scheiß – zum Beispiel Erwachsenwerden.

 

Dein Album »Ich bin deutscher HipHop« erschien 2006 und ­konnte viele Kritiker begeistern, war aber kein ­kommerzieller Erfolg. Was ist aus ­deiner Sicht schief gelaufen?
Der Wille war da, das Geld auch, nur das Know-how hat gefehlt. Das Album stand in zu wenigen Läden, wir haben zu wenig Promo gemacht, außer in den HipHop-Medien. Das Album hätte viel mehr Erfolg verdient gehabt. Ich dachte damals, dass ich locker Top 20 gehen würde.

 

Nach dem Misserfolg wurde es plötzlich still um dich. Was ist passiert?
Natürlich war der ausbleibende Erfolg ein Einschnitt. Das Label [5 vor 12 Records, Anm. d. Verf.] hat sich kurz danach verabschiedet. Der Chef sah sich auch nicht dazu berufen, mich auszubezahlen. 2007 habe ich von Manuellsen eine Einladung zu Shrazy Records erhalten, bin runter nach Mülheim und habe dort 15 Tracks aufgenommen. Aber bei Shrazy gab es auch Unstimmigkeiten. Mein Standpunkt war: Egal, was ich mache, ich möchte dafür Geld. Ich habe nicht verstanden, warum 2007 etwas plötzlich anders laufen soll als 2002. Ich bin dann bei mehreren Terminen der Promo-Tour nicht aufgetaucht, weil es keine Rücksprache mit mir gab. Das ergab einen neuen Einschnitt. Es gab auch bestimmte Erlebnisse, die dazu geführt haben, dass ich gesagt habe: Okay, ich mach mal Pause. Dann habe ich mich quasi in Luft aufgelöst.

 

 

Du bist nach Warschau gezogen, richtig?
Ja. Ich bin zurück zu meinen Wurzeln ­gegangen, habe auch meine Mutter mitgenommen. Am Anfang hatten wir kaum Möbel in der Wohnung. Ich habe auf einer ­aufblasbaren Matratze geschlafen. Ich hatte nur drei Paar Jordans, ein paar Mützen, ein bisschen Schmuck und eine Gaspistole neben dem Bett.

 

Wozu die Gaspistole?
Das hatte mit der Paranoia aus Berlin, aber auch mit den völlig neuen ­Lebensumständen in Warschau zu tun. Das war schon paradox: Ich war mit vielen schweren Jungs unterwegs gewesen, mit denen gab es nie Probleme. Immer nur mit diesen Schreihälsen aus der HipHop-Szene, die es irgendwie geschafft haben, mich nervös zu machen. Ich war eben ein Mensch, der viele Ängste und Unsicherheiten in sich trug und durch die Angst seiner heimlichen Verehrer auf sehr viel Hass und Ablehnung gestoßen ist. Das hat mich schon ­verunsichert.

 

Woher kam diese Unsicherheit?
Allgemein ist es schwer zu ­verkraften, mit 16 Jahren in die Musikindustrie ­hineinzurutschen. Jeder sagt dir: Du bist toll, du kannst was. Es ist unverantwortlich, so junge Menschen in diese Maschine hineinzudrücken, wenigstens sollte man sich dabei bewusst sein, dass man eine große ­Verantwortung hat. Und dieser Verantwortung sind die A&Rs und Chefs von Showdown oder Def Jam Germany einfach nicht gerecht ­geworden. Vor allem Def Jam ist ­seiner Verantwortung einfach nicht nachgekommen – also hat mich der nächste geködert. Jemand, der meinte: Pass auf, du kannst mit DJ Desue zusammenarbeiten, du wirst mehr Geld verdienen, als du jemals verdient hast.

 

 

Dieser Jemand war Julian Smith…
Ja. Der hat damals auch Savas gemanagt.

 

Und ist später mit der ganzen Kohle abgehauen.
Nein, das waren Vorschusszahlungen für amerikanische Künstler, die an der »Art Of War«-Tour von Desue teilnehmen sollten. Zuerst hat eigentlich alles gut geklappt, ich war auf dem »Art Of War«-Album drauf, wir haben an meinem eigenen Album gearbeitet, auf das ich bis heute sehr stolz bin. Wir sind zusammen nach New York geflogen, haben mit der damaligen Roc-A-Fella-Künstlerin Amil zusammengearbeitet. Julian hat mir viel Gutes getan, er hat mir über das Leben erzählt, ich habe von ihm viel gelernt, auch über die schwierigen und schattigen Seiten des Musikgeschäfts.

 

Nach dem Bruch mit Julian und Desue gab es ein kurzes Zwischenspiel mit den Chemnitzern von Phlatline.
Nachdem Julian sich abgesetzt hatte, war ich frustriert und habe mich verarscht gefühlt. Subword hat mich wegen irgendwelcher Umstrukturierungen gedroppt. Also habe ich nach Möglichkeiten gesucht, so schnell wie möglich wieder Anschluss zu finden. In Chemnitz haben wir auch sehr gute Musik gemacht. Das war Anfang 2003, da haben wir schon sehr Dipset-mäßig gerappt. Das war die Juelz Santana-Zeit. Einfach nur reimen und irgendwelche Vogelgeräusche machen. (grinst)

 

Du warst bei Subword/BMG unter Vertrag, genau wie Kool Savas – allerdings nicht besonders lange.
Ja. Damals hatte ich einen großen Hass auf Eko, weil ich mein Album nicht releasen konnte, das ich als wegweisend sah. Und dann musste ich mit ansehen, wie Savas, der beim selben Management war und mich auch immer wieder mal zu sich nach Hause eingeladen hat, Eko die ganze Zeit bevorzugt hat. Da wir beide in einem ähnlichen Alter waren, war ich natürlich schon ein bisschen neidisch auf Eko und habe mich in meinem Talent nicht bestätigt gefühlt. Heute denke ich: Die Ersten, die fair und korrekt zu mir waren, waren Bushido und Fler. Als »Carlo Cokxxx Nutten« herauskam, haben die mir auf jedem Konzert Props gegeben.

 

Eine Zeit lang hast du dann zum Camp von Bushido gehört, bist aber schließlich in den Strudel des Beefs zwischen Bushido und Fler geraten.
Ich habe Bushido nach der Aggro-Trennung die Stange gehalten, war aber weiter cool mit Fler. Fler hat auch akzeptiert, dass ich trotzdem noch mit Bushido befreundet bin. Soweit ich mich erinnern kann, war es dann so, dass Eko und Fler nicht miteinander ­klarkamen. Im Gespräch mit Eko und ­Bushido habe ich aber immer betont, dass ich mich komplett aus der Sache heraushalte. Davor hatten Bushido und ich uns gezofft, wegen eines Mädchens. Ich war 21 und hatte Himbeeren auf den Augen, dadurch habe ich zwei Konzerte als Backup von Bushido nicht wahrgenommen, eines davon in Bremen. Dann hat eben Baba Saad die Backups gemacht. Ein paar Wochen später – ich hatte schon ein fertiges Mixtape für 5 vor 12 am Start und mich mit Bushido wieder ­vertragen – ging der Beef mit Fler los, und ich war plötzlich total out, wurde sowohl von Fler als auch von Bushido gedisst. ­Irgendwann hat sich sogar der gute alte Savas dazu hinreißen lassen, mich öffentlich zur Sau zu machen.

 

 

Du bist also völlig unverschuldet ­zwischen die Fronten geraten?
Eigentlich habe ich immer nur Pech gehabt. Mir wurde ja immer nachgesagt, ich hätte mich irgendwo angebiedert, es war aber komplett das Gegenteil, die Leute sind immer auf mich zugekommen. Im Endeffekt haben sich die anderen gegen mich verbündet. Sogar auf »CCN 2« werde ich noch fünfmal gedisst – das war 2009, da lebte ich schon längst in Warschau.

 

Ärgert dich das?
Nee, es verwirrt mich. Was habe ich denn gemacht, dass die immer noch an mich denken? Ich wollte doch nur meine Musik machen und dafür bezahlt werden. Das hat bei mir aber nie funktioniert, ich musste immer tausend andere Dinge machen, um meinen Lifestyle zu finanzieren. Aber gut, hätte ich mich in meinem Leben länger an gewisse Leute gehalten und wäre nicht so sprunghaft gewesen, hätte es sicher besser geklappt. Das ist das Einzige, was ich mir vorwerfen lassen muss. Man kann mir aber nicht vorwerfen, ich hätte ständig die Camps gewechselt – nein. Ich war eine Kanone. Ich wollte sofort losschießen, von null auf hundert gehen und alle ficken. Aber keiner war bereit, mit mir da so kompromisslos reinzugehen.

 

Dafür haben einige von dir profitiert. Du sollst ja den einen oder anderen Text für andere Rapper geschrieben haben…
Das kann sein. (grinst) Man hat ja auch gehört, dass einige auf einmal ganz anders gerappt haben. Allein dadurch, dass ich eine Zeit lang mit denen gechillt habe, habe ich genug Blaupausen geliefert. So ein Consulting lassen sich andere bezahlen. (lacht) Aber weißt du, jeder soll sein Leben leben und glücklich werden. Wenn wir am Ende die Rechnung bekommen, werden wir sehen, wer sie bezahlen kann und wer nicht. Die letzten vier Jahre habe ich damit verbracht, alles infrage zu stellen. Fernab von HipHop mal ein bisschen leben zu lernen. Auch mal konstant mit einer Frau zusammen zu sein und nicht mehr jede zweite Nacht die Frau zu wechseln. Das hat mir dabei geholfen, als Persönlichkeit zu wachsen.

 

Was erhoffst du dir von deinem neuen Album »Stiller Westen«? Ein furioses Comeback?
Nein, das ist ein Street-Album, mein erster Schritt weg von dem ganzen Mist, der sich die letzten Jahre angestaut hat. Weg von dem Image. Es ist nicht krass ausproduziert, aber sehr ehrlich, weil es unter schweren Bedingungen geschrieben wurde, mit Problemen fernab der Musikszene. Erst das nächste Album »Wilder Osten« wird das Meisterwerk werden, auf dem ich meine Vision umsetze. Deswegen nenne ich mich auch wieder Sentence, Sentino gibt es nicht mehr. Ich habe mich jetzt endgültig selbst gefunden.

 

Text: Oliver Marquart

 

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