»Ich habe das Gefühl, die Rapnazis werden immer leiser« // Negroman im Interview

Negroman ist inzwischen mit einem Ansatz zwischen Lo-Fi-Attitüde und Rauschzustand unterwegs. Seinen vorläufigen Höhepunkt findet er nun »Cuck«.

Der Negroman bezeichnet sich selbst als Weirdo, der im Internet groß wurde und sich von den richtigen Blogs, Discord-Channels und Reddit-Threads inspirieren lässt. Anfangs noch mit Jugendfreund Nepumuk aka knowsum auf warmen Jazz- und Soulsamples zu hören, ist er inzwischen aber auch solo mit einem eigenständigen Ansatz zwischen Lo-Fi-Attitüde und Rauschzustand unterwegs. Seinen vorläufigen kreativen Höhepunkt findet er auf seinem neuen Album »Cuck«.

Du hast ursprünglich mal zusammen mit Nepumuk aka knowsum als Luk&Fil angefangen Musik zu machen.
Wir sind schon seit der Grundschule enge Homies und brauchten damals ein Hobby, nachdem wir mit Fußball aufgehört hatten. Eine wahre Geschichte und vielleicht auch ein wenig positiv rassistisch: Irgendwann kam in der Schule ein Dude auf uns zu und drückte uns eine CD mit Beats in die Hand, weil wir so aussehen würden, als hätten wir Bock zu rappen. Das haben wir dann auch gemacht, dem haben wir eigentlich alles zu verdanken (lacht).

Mittlerweile seid ihr aber mehr solo unterwegs.
Das hat sich recht natürlich entwickelt. Knowsum hat immer mehr gemacht als ich. Gleichzeitig hatten wir beide halbfertige Songs, auf die der jeweils andere nichts schreiben wollte. Ich fand die aber trotzdem stark, weshalb ich die besten davon genommen und auf ein Album geballert habe. Das wurde noch mehr, als ich angefangen habe, eigene Beats zu machen, und dadurch eine etwas andere Soundästhetik entwickelt hatte. Ich halte knowsum für ein musikalisches Genie, aber dann habe ich irgendwann Josha kennengelernt, der eigentlich vom Techno kommt. Mit ihm habe ich viel über Sound diskutiert und herumexperimentiert. Daraus ist dann irgendwann »The Sequel« entstanden, mein erstes Solorelease. Neben Soul und Funk war ich außerdem auch schon immer Fan von Südstaaten-HipHop oder einfach gutem Pop. Als Kind habe ich auch viel 50 Cent, Pharrell oder Kanye West gehört.

Dir wird nachgesagt, deine Texte seien sehr abstrakt. Du hast 2014 mal gemeint, dass du das gar nicht verstehst, weil es viel mehr um den Vibe gehen sollte.
Ich weiß nicht, warum die Leute meinen, bei mir ginge es um Kreuzworträtsel, als müsste man irgendwas dechiffrieren. Man muss sich einfach darauf einlassen. Klar ist mir der Inhalt der Texte wichtig, aber ein rationaler Zugang ist nicht der Weg, das zu entschlüsseln, sondern viel mehr, dass man sich reinfühlen und dadurch zwischen den Zeilen lesen kann. Emotionalität ist sehr wichtig. Auch bei den vermeintlichen Vibe-Rappern wird oft unterschätzt, was die textlich machen. Viele kicken fast ausschließlich Referenzen in ihren Lyrics, was in einer Zeit, in der es nur noch um Hyperlinks und Vernetzung geht, ein super Ansatz ist. Ich habe auch das Gefühl, dass die Rapnazis immer leiser werden und man sich ohne Probleme erst Travis Scott und anschließend den Retrogott anhören kann. Letztendlich geht es darum, dass du etwas Dopes machst, egal ob du Autotune benutzt oder eine MPC. Am Ende ist das alles Technologie, die man sich zunutze machen kann. Das raffen auch immer mehr Hardliner.

»Ich habe das Gefühl, die Rapnazis werden immer leiser und man kann sich ohne Probleme erst Travis Scott und anschließend den Retrogott anhören .«

Ich finde, du schaffst es, das Beste aus allen Welten zu nehmen und deine eigene Welt zu kreieren, man hört keinen offensichtlichen Einfluss raus.
Ich finde es schon generell komisch, dass es in Deutschland diese krasse Trennung zwischen vermeintlich poppigem Hi-Fi-Sound und untergrundiger Lo-Fi-Ästhetik gibt. Für mich ist das alles einfach HipHop. In den USA sind sie da auch schon weiter, da gibt es so viele Dudes, die einfach nur Mucke machen, ohne sich groß über Genregrenzen und Schubladen den Kopf zu zerbrechen. Da fehlt in Deutschland leider teilweise der Respekt zwischen den verschiedenen Künstlern und Subgenres, habe ich das Gefühl.

Dein Album heißt »Cuck«. Woher kommt der Titel?
Cuck ist eine Beleidigung, mit der Alphas vermeintliche Betas bezeichnen. Es kommt von der sexuellen Praktik des Cuckolding, wo die eigene Partnerin von jemand anderem gevögelt wird, man selbst dabei zuschaut und dementsprechend an Demütigung Erregung findet. Besonders in Alt-Right-Kreisen und unter Trump-Supportern ist das ein Schimpfwort gegenüber Andersdenkenden geworden, die angeblich wollen, dass Migranten kommen und ihre Frauen vögeln und vergewaltigen und insgesamt die Kontrolle von anderen über ihr Leben brauchen, weil sie selbst so beta und schwach sind. In Bezug auf die Musik ist das einfach eine Zusammenfassung von vielen Dingen, die auf dem Album passieren. Der Song »Sub« ist beispielsweise komplett aus der Sicht des vermeintlich Unterlegenen geschrieben.

Ich hatte das Gefühl, dass das Album viele Widersprüchlichkeiten in der Welt anspricht, die du beobachtest.
Ich bin gar kein so guter Beobachter. Ich sehe auch in Widersprüchlichkeiten nicht unbedingt immer etwas Schlechtes. Es gibt halt mehr als Nullen und Einsen. Es macht mir Spaß, Widersprüchlichkeiten aufzudecken, die sich eben nicht aufheben. Da ist einfach noch mehr Wahnsinn und eine Ebene, auf der keine Kausalität mehr herrscht. Diese Widersprüchlichkeiten gibt es nicht nur, die sind das Schaffen selbst. Jeder Mensch ist binär.

Dein Stil ist sehr vielfältig. In welche Richtung willst du dich in Zukunft entwickeln?
Ich will einfach nur doper werden und Wege finden, an dieses Ziel zu gelangen. Drogen helfen da, ich müsste vielleicht mal wieder neue ausprobieren. (lacht) Ich hole mir sehr viel Inspiration aus Rausch, der auf viele Arten entstehen kann, aber Drogen sind ein einfacher und guter Weg. Kunst kann für mich nur im Rauschzustand entstehen. Man kann sich auch nur an sich selbst oder einem positiven Erlebnis aufgeilen und sich immer weiter reinsteigern. Oder einfach ein Sieg beim Fußball. Rausch kann auf ganz unterschiedliche Weisen entstehen.

Kommt durch die Drogen auch das Mumblen bei dir?
Nicht unbedingt, ich mag es einfach nur. Warum sollte man etwas deutlich aussprechen? Man braucht anexakte Ausdrücke, um etwas exakt zu bezeichnen, hat mal ein sehr schlauer Mensch gesagt. (lacht)

Text: Julius Stabenow
Foto: Arun Herzog

Dieses Feature erschien zu erst in JUICE #194. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu bestellen.

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