Ice Cube: »Es gibt viele Gangster, die auch heute noch ‚Sesamstraße‘ schauen.«

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Du giltst als MC, der immer auch soziale Missstände angesprochen hat und politisch war. Aber erinnerst du dich noch an diese Line: »Treated like a star as you can see/But just rhyming for the cash money.«
(lacht) Ja, natürlich. Die stammt aus dem C.I.A.-Song »Jus 4 The Cash $« von unserer »My Posse«-EP. Das war 1987, und ich finde die Line immer noch dope. Mir ging es aber nie ums Geld, sondern in erster Linie darum, im Radio gespielt und von den MCs respektiert zu werden, zu denen ich aufgesehen habe. Beides habe ich geschafft.

Offensichtlich hat dir das aber irgendwann nicht mehr gereicht. An welchem Punkt hast du beschlossen, Inhalte vermitteln zu wollen?
Meine damalige Lieblingsgruppe war Public Enemy, und die haben immer schon Knowledge gekickt. Nach dem Motto: Wenn du das Mic hast, benutze es sinnvoll. Insofern war es mir immer wichtig, Texte zu schreiben, die bewegen – und zwar nicht auf der Tanzfläche, sondern im Kopf. Damals gab es ja nicht viele Leute, die solche Hardcore-Rhymes gespittet haben. Erst 1986/87 gab es Leute, die auch mal politisch wurden. Und für mich war das logisch: Rapper hatten plötzlich eine Bühne, also war es an der Zeit, die zu nutzen. Immerhin hat ganz Amerika den Rappern plötzlich zugehört. Ach was: die ganze Welt.

Hast du heute eigentlich noch Ziele, die über das bereits Erreichte hinausgehen?
Ich möchte meine Filmproduktionsfirma Cube Vision zu einem Filmstudio ausbauen, um in der Lage zu sein, genau die Filme ins Kino zu bringen, die ich dort sehen will. Ich habe die Schnauze voll, meine Ideen ständig in andere Studios zu schleppen. Es ist an der Zeit, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen.

Du meintest mal, dass du nach wie vor versuchst, jeden Tag besser zu werden in allem, was du tust. Das dürfte aber tagtäglich schwieriger werden, oder?
Eigentlich nicht. Es gibt immer Luft nach oben. In dem Moment, in dem du denkst, da geht nichts mehr, hast du aufgegeben – und das ist immer die schlechteste aller Möglichkeiten. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Schließlich bin ich immer noch ein junger Mann. (grinst)

 
Du warst bei N.W.A Mitglied der »world’s most dangerous group«. Letztes Jahr bist du in der »Sesamstraße« aufgetreten. Insofern bist du offensichtlich ­Straße geblieben, aber sonderlich gefährlich klingt das nicht mehr.
Natürlich bin ich noch gefährlich. Richtig gefährlich. (grinst) Aber ich liebe »Sesam­straße«. Damit bin ich aufgewachsen. Hast du das etwa nicht gesehen?

Doch natürlich.
Und? Kann man dir deswegen dumm ­kommen? Bist du deshalb ein Schwächling?

Ich denke nicht.
Aber du hast doch »Sesamstraße« geguckt.

Aber da war ich noch ein kleiner Junge.
Scheißegal. Es gibt viele Gangster, die auch heute noch »Sesamstraße« schauen. Du kannst ja auch nicht permanent einem Image entsprechen. Du musst du selbst sein. Und wenn ich Lust habe, »Sesamstraße« zu gucken, dann tue ich das. Dabei trage ich meine Ketten, mein T-Shirt, mein Cap, meine Sonnenbrille – und wenn ich damit fertig bin, bin ich immer noch derselbe Mann.

Davon abgesehen hast du vier Kinder. Du wärst um »Sesamstraße« eh nicht drum herum gekommen.
Viele meiner alten Fans haben mittlerweile ebenfalls Kinder. Ich will aber nicht nur Ice Cube für die Daddys sein, sondern auch die Kids erreichen. Deshalb drehe ich Komödien wie »Sind wir schon da?« und trete in der »Sesamstraße« auf, um sicherzustellen, dass die Kids nicht nur Geschichten über mich hören, sondern Fans von mir werden. Und ganz ehrlich: Kinder lieben mich! Ihre Väter und Großmütter aber auch. Jeder liebt Ice Cube.

Dre ist schnell gelangweilt – von Musik, für die andere Leute töten würden.

Was ist eigentlich an den Gerüchten über eine N.W.A-Reunion-Tour mit ­Eminem als Eazy-E-Ersatz dran?
Nichts. Zumindest hat mit mir bisher noch niemand darüber gesprochen. Aber ich habe dieselben Gerüchte gehört.

Wärst du denn offen dafür?
Ich hätte Bock, ja. Aber Dre hat gerade ein Album rausgebracht, der hat jetzt erst mal damit zu tun. Ich spiele ja eh permanent live. Die Jungs sollen mich also einfach auf einem meiner Dates abfangen und sich mit mir auf die Bühne stellen. Das wäre vermutlich das einfachste. (lacht)

Wo wir gerade über Dre sprechen: Im Track »Issues« seines aktuellen Albums »Compton« bist du ebenfalls zu hören. Wie war es, mal wieder mit ihm im ­Studio zu sein?
Es war cool. Bei Dre hängen ja ständig tausend Leute im Studio rum, aber wenn es an die Arbeit gibt, setzt er die alle vor die Tür – dann bleiben nur noch sein Engineer, der Künstler und er. Dann geht es darum abzuliefern – und zwar so, wie er das will.

Dass Dre ein Perfektionist ist, ist nichts Neues.
Wenn du so performst, wie er das will, verwandelt er es in etwas Großes. Wenn du lediglich so performst, wie du das willst, wird es bloß auf irgendeiner Festplatte ­vergammeln.

Das ist wohl auch der Grund, warum »Detox« immer noch nicht das Licht der Welt erblickt hat.
Ja. Wenn er nicht zu hundert Prozent zufrieden ist, haut er’s in die Tonne. Dre ist schnell gelangweilt – von Musik, für die andere Leute töten würden. Was das angeht, ist er wirklich krass.

War er da früher anders?
Ehrlich gesagt: Nein. Wenn der Flow seiner Meinung nach nicht perfekt war, musste man so lange ran, bis er zufrieden war. Er hat einfach die Gabe, bestimmte Dinge zu sehen und zu fühlen, die an anderen vorbeigehen. Die meisten Leute würden vieles schon durchwinken, aber davon lässt er sich nicht beeindrucken. Wenn du es so änderst, wie er es haben will, dann hörst du aber plötzlich den Unterschied.

Gibt es Pläne, wieder häufiger gemeinsam ins Studio zu gehen?
Ich will ihn auf jeden Fall fragen. Mal sehen, was er sagt. Aber wenn ich dann nicht in seinem Sinne abliefere, wird es eh nie ­veröffentlicht. (grinst)

Gibt es noch ein paar unveröffentlichte Dre/Cube-Songs?
Ja, an ein, zwei Dingern arbeitet er noch. Aber wie gesagt: Ob die jemals rauskommen werden, das weiß nur er.

 
Du selbst arbeitest auch schon eine ganze Weile an deinem zehnten Soloalbum »Everythang’s Corrupt«. Daraus hast du zwar bereits einige Singles veröffentlicht, den Release-Termin aber diverse Male verschoben. Wann kommt die Platte denn nun?
Weiß noch nicht. Ich war einige Male kurz davor, dann kamen aber immer wieder Filmprojekte dazwischen, die meine volle Aufmerksamkeit verlangt haben. »Straight Outta Compton« war eine solche Mammutaufgabe, da hatte ich weder Zeit noch den Kopf, um parallel noch Songs zu schreiben. Wenn ich jetzt mit der Promotion zum Film durch bin, werde ich mich aber wieder ins Studio begeben – obwohl kurz danach dann auch schon wieder das nächste Filmprojekt ansteht. Aber ich halte es lieber noch ein bisschen zurück und sorge dafür, dass es richtig geil wird, als es halbgar herauszuhauen, bloß weil ich schon so lange daran arbeite. Das habe ich mir von Dre abgeschaut.

Die Platte wird aber hoffentlich nicht dein »Detox.
Nein, keine Sorge! (lacht) Die Tracks sind gut! Das werdet ihr schon bald zu hören ­bekommen. Mehr als die Hälfte ist bereits fertig.

Du hast eben ein neues Filmprojekt erwähnt. Was hat es damit auf sich?
Der Film trägt den Titel »Fist Fight«. Darin spiele ich an der Seite von Charlie Day einen Lehrer. Charlie spielt einen Kollegen von mir und versucht, mich rauswerfen zu lassen. Daraufhin beschließen wir, die Sache nach der Schule auszukämpfen.

Das ist die ganze Story?
(lacht) Ich fürchte schon, ja. Der Typ versucht zwei Stunden lang, sich um den Kampf mit mir zu drücken. So viel also zum Thema, ich würde nicht mehr gefährlich wirken. ◘

Foto: Lukas Maeder

Dieses Interview erschien in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen).juice-18-cover

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