Hiob – Abgesänge // Review


Mofo Airlines

Wertung: Viereinhalb Kronen»Die feige Flucht in den Alkoholismus«, die »Sedativa auf Krankenschein«, Hiob nennt es »die polytoxische Wunderkur«. Er ist nicht back, denn er war ja »nur kurz Zigaretten holen«, und es klingt, als hätte der Straßenköter auf seine »36 Hundejahre« noch Westernreiten eingeübt. Die sanften organischen Kompositionen eingängiger Samplebeats zum Mitwippen öffnen Harmonien für gesungene und live-taugliche Hooks. Auf »Abgesänge« werden heisere Kneipenballaden angestimmt und die Flows bedacht temperiert. Dem neugewonnenen Groove entgegen stehen gewohnt stoische Stakkato-Patterns in geordneten Schemata, überschüttet mit lebendigen Momentaufnahmen, gebunden in reimtechnische Finesse. Es offenbaren sich frische musikalische Ideen, doch im Reimkorsett manifestieren sich leider auch die Grenzen der Variationen und stehen vielleicht noch Experimentierfreude mit neuen Songkonzepten oder emotionalerer Erzählweise im Wege. Den Hörer erwartet ein mitreißender Roadtrip zu Nordberliner Kiezkneipenexzessen (»Gruß an Tille«) voller bildreicher Erzählungen von alkoholgetrübten Schicksalen. Eingebettet in die Skits »Prolog«, »Innehalten« und »Abgang«, dekonstruiert Hiob seine Figur des Antihelden. Es sind charakteristische Erzählmotive, die schon auf seinen vorherigen Alben stattfanden und an deren Ende immer die Trinkgewohnheiten stehen. Zum Beispiel, wenn der anhaltende Bukowskiblues wieder die Grenze zwischen Lotterlebemann und dem Autor selbst verwischt, lässt das in einigen Augenblicken erstaunlich persönliche Deutungen zu. So vergeht schließlich eine Liebe und hinterlässt neben sorglosen Melodien nur kalten, zügellosen Exzess. Dieser treibt ihn dazu, sich in blutigen Szenarien selbst auseinanderzunehmen und schließlich in die Arme der Sanitäter zu laufen. Auf »Abgesänge« glänzt Hiob mit seinen bekannten lyrischen wie technischen Stärken und zeigt viel Liebe für die Gosse. Souverän und fehlerfrei füllt er seine Nische voll aus und erobert angrenzende musikalische Gefilde.

Zum Wohl!

Text: Fabian Stoll

 

 

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