»Die Suche nach dem Sinn des Lebens erscheint mir hoffnungslos, aber vielleicht macht der Tod alles sinnvoll.« // Favorite im Interview

 

Favorite

 

Drei Jahre war es ruhig an der Favorite-Front. Nun steht sein drittes Soloalbum nach »Harlekin« und »Anarcho« in den Startlöchern. Der Titel »Christoph Alex (seit 25 Jahren Gefangener von…)« lässt zwar auf ein persönliches Album schließen. Vielmehr ist es jedoch das musikalischste Album des ­Ruhrpottlers geworden, das Standard-Rap-Schema aus 16ern und Hooks wird darauf immer wieder aufgebrochen. Wenn der eingefleischte Fav-Fan jetzt schon in Deckung geht, weil die Sorge besteht, dass der ­erklärte ­Rap-Terrorist ernsthaft, weich und unlustig wird, gilt es allerdings, Entwarnung zu geben. Keine Panik, Favorite ist zurück, und er ist ganz der Alte. Er hat sich nur einen einzigen, sehr wichtigen Gast aufs ­Album geholt, der ihn tatkräftig unterstützt und auch mal anders kann: Christoph Alex.

 

 

Kaas und du, ihre releaset eure Alben am selben Tag und inszeniert dadurch ein Verkaufszahlen-Battle wie damals 50 Cent und Kanye West. Wer ist 50 und wer ist Kanye?
Ich bin 50, wegen dem F, und Kaas ist ­Kanye wegen K. Würde ich sagen.

Aber 50 hat verloren.
Oh, das stimmt. Deswegen würde ich sagen: Es wird sich zeigen, wer wer ist. Aber ist ja auch egal. (lacht)

Ihr geht ja auch gemeinsam auf Tour. Passt das denn zusammen?
Gute Frage. Aber ich habe keinen Bock, mit jemandem auf Tour zu gehen, wo es die ganze Zeit nur Stress gibt. Ich hatte schon viele Auftritte mit Kaas und das hat alles gut geklappt. Mein Booker kennt auch die Leute von Kaas und so kam es dazu, dass wir das einfach mal ausprobieren. Gerade, weil die Musik eben so unterschiedlich ist. Die Fans haben da voll schräg und radikal drauf reagiert, da denke ich auch: Macht euch erst mal locker, seid doch mal offen. Soll ich jetzt zum hundertsten Mal mit Kollegah auf Tour gehen?

Gegensätze ziehen sich ja manchmal auch an. Verbreitet Kaas durch seine Songs die Liebe, die dir fehlt?
Ich sag mal so: Jeder Mensch kann gut oder böse sein. Ich bin natürlich in meiner Musik immer böse, und Kaas macht genau das Gegenteil davon. Trotzdem sind wir beide gut und böse. Das ist ja alles relativ. Trotzdem macht es die Sache natürlich interessant, weil wir ganz unterschiedliche Typen sind.

Dein Cover spielt auf die Schleyer-Entführung 1977 an. Du bist 1986 geboren, was ist der Gedanke dahinter?
Eigentlich finde ich es nur lustig, wie der Typ – also Fav – da sitzt, mit diesem Schild »Seit 25 Jahren Gefangener von Christoph Alex«. Der böse Favorite ist halt ein Teil von mir, der die ganze Drecksarbeit macht. Der geht ans Mic und fickt die Scheiße. Der muss alles sagen, was ich diktiere. Ich bin ein Diktator! (lacht) Fav steckt in Christoph Alex und möchte ausbrechen. Das ist eigentlich auch schon die Aussage. So richtig politisch wollte ich damit nicht werden. Ich bin nicht sonderlich politisch. Ich bin weder rechts noch links. Ich stehe einfach für Freiheit.

Könnte das Cover nicht indiziert ­werden?
Das Logo mit dem roten Stern und dem Gewehr ist jedenfalls kein verfassungsfeindliches Symbol. Und es ist auch nicht als Marke geschützt, also müssten wir das eigentlich verwenden dürfen. Es ist ja nur eine provokante Anspielung, nicht mehr und nicht weniger.

Weißt du denn eigentlich, wofür die RAF steht?
Ja, klar. Aber bei mir geht es eher um dieses Anarchie-Ding. Ich bin halt der Rap-Terrorist, der sich an keine Regeln hält. Einen direkten Zusammenhang zur RAF gibt es aber nicht. Das wäre auch ein bisschen hart.

 

 

 

Mit »Blind«, »Nirvana« oder »Gottlos« gibt es auch Tracks, die reifere Töne anschlagen, als man es von dir gewohnt ist. Trotzdem ist es nicht das »deepe« Album, das viele aufgrund des Titels erwarten. Bist du erwachsener geworden, vielleicht auch weil du jetzt Vater bist?
Nein. Das war auch schon vorher so. Aber das Kind kam genau zur richtigen Zeit. Früher hätte das nicht funktioniert. Ich hatte ja schon mal eine schwangere Freundin, aber sie hat damals abgetrieben. Inzwischen bin ich schon etwas erwachsener geworden. Auch wenn das konservative Leute vielleicht nicht so sehen würden. (lacht) Ich gebe ja auch immer noch hart auf die Fresse. Aber so es ist halt, so ist auch der ­erwachsene Fav.

Mit 25 ist man ja auch noch nicht am Ende seiner charakterlichen ­Entwicklung angekommen.
Genau. Man entwickelt sich ja das ganze Leben lang. Es ist doch nicht so, dass man plötzlich erwachsen ist und das war’s dann. Viele denken das vielleicht und handeln auch so, aber die sind dann im Hamsterrad ­gefangen. Sie machen irgendeinen Job, denken über nichts mehr nach und bleiben in ihrer Entwicklung völlig stehen.

Also liegt das Einfamilienhaus auf dem Land bei dir noch in weiter Ferne?
Auf jeden Fall. (lacht) Aber bei mir bleibt die geistige Entwicklung auch niemals stehen. Ich bin für alles offen, versuche die Dinge frei zu sehen. Ich lege mich nicht fest oder schließe Sachen aus. Ich bin da eher auf einer Reise, die das ganze Leben lang dauert.

Wenn Rapper plötzlich ­erwachsen ­werden, verlieren sie oft viele ­ihrer Fans, weil die den Weg nicht ­mitgegangen sind.
Klar. Ich war ja auch der Meinung, dass ich jetzt mal was Neues machen muss. Nicht mal was Deepes oder so, einfach was anderes. Alles entwickelt sich weiter, also auch die Fans, dachte ich. Aber dann habe ich verstanden, dass ich mich gar nicht krampfhaft verändern muss. Die Fans wollen doch genau das, was sie von mir kennen. Man kann sich natürlich ein wenig verändern und weiterentwickeln. Aber ich bin trotzdem noch Fav und habe keine 180-Grad-Drehung vollzogen.

Zu »Kalt« habt ihr das erste Video gedreht. In dem Song vermischt sich ein trauriges Thema mit humorvollen Lines. Kann man dadurch besser damit umgehen?
Wenn etwas todtraurig ist, dann ist es natürlich nichts zum Spaßen. Aber wenn man über Dinge lachen kann, dann updatet man auch sein Bewusstsein. Wenn man in der Schule die Fresse halten sollte, fand ich es immer ganz toll, gerade dann Witze zu machen. Wenn man besser schweigen sollte, fängt der Spaß für mich erst an. Ich mache ja auch immer Witze über meine Eltern. [Favorite ist Vollwaise, Anm. d. Verf.] Das ist nun mal meine Art damit umzugehen. Ich finde das auch wirklich lustig, ich lache mich wirklich tot darüber. Es gibt natürlich auch Dinge, die nicht lustig sind und über die man keine Späße macht. Aber irgendwann vielleicht doch. (lacht)

In deinem Song »Kalt« heißt es: »Die Guten sterben jung, ich werde alt und grau.«
Wir werden unschuldig geboren. So wie meine Tochter. Um so älter man wird, desto abgefuckter wird man. Man stapelt Leichen im Keller. Die Welt ist schlecht und das ganze System fuckt ab. Da kann man sich gar nicht mit reinem Gewissen durchmogeln.

Wie wirst du sein, wenn du alt und grau bist?
Ich werde vor allem alt und kaputt sein. Arbeitet man eigentlich noch mit 70? Na ja, wo sehe ich mich? Also, ich habe zwei erwachsene Kinder. Lebe mit meiner Frau. Wir sind beide alt und reisen um die Welt. Das mache ich jetzt nämlich gar nicht. Aber ich sehe mich gut gelaunt.

Was wirst du deinen Kindern von ­deiner Zeit als Rapper erzählen?
Es gibt ja das Internet, also werden die eh darauf kommen. Ich versuche aber schon, meine Kinder etwas konservativer zu erziehen, als ich es bin. Ich stelle es mir so vor: Das Gehirn meiner Tochter ist die Hardware. Die Software installiere ich ihr erst einmal so vor, dass sie irgendwann in der Lage ist, ihre Software selbst zu justieren. Sie soll kein Sklave dieser Software sein, nur weil sie denkt, dass sie für immer da drauf geschrieben ist. Sie soll das, was ich geschrieben habe, auch in Frage stellen und ihren eigenen Weg gehen. Einfach gesagt, soll sie selbst rausfinden, was gut und schlecht für sie ist. Ich kann ihr natürlich ein paar Dinge mit auf den Weg geben, aber letztlich ist das ihr Leben.

Wenn ich irgendwann Kinder habe, dann sollen die bitte nicht so sein wie ich.
Natürlich soll sie nicht so schlimm wie ich werden. Aber sie soll einfach ihren Spaß haben, mein Gott. Was ist das Leben überhaupt? Man macht eben diese Reise und sollte dabei einfach so viel Spaß haben wie möglich. Wir bauen doch alle Scheiße. Aber sie soll am Ende sagen können: »So, das war ein lebenswertes Leben.« Dann hat es auch Sinn gemacht. Ich glaube, dass viele Menschen erst fünf Minuten vor ihrem Tod begreifen, dass sie gar nicht richtig gelebt haben. Das wird bei mir nicht so sein. Und bei ihr auch nicht.

In »Letzter Tag« beschreibst du, was du in den letzten 24 Stunden deines Lebens machen würdest. Die Idee ist ja nicht neu.
Nein, auch Ma$e hat das schon bei »24 Hours To Live« gemacht, ich weiß. Ganz bewusst habe ich mir da nichts Neues ausgedacht. Aber die Frage ist trotzdem interessant. Was mache ich an meinem letzten Tag? Ich wäre nicht wütend oder traurig. Ich hatte sogar mal eine große Sehnsucht nach dem Tod. Wenn man die Welt erst einmal gecheckt hat, dann wird der Tod immer interessanter. Für mich war er lange Zeit viel interessanter als das Leben. Ich glaube, ich habe keine richtige Angst vor dem Tod. Da sind vielleicht Ängste, aber eben auch die Neugier, was mich danach erwartet. Die Suche nach dem Sinn des Lebens erscheint mir hoffnungslos, aber vielleicht macht der Tod alles sinnvoll. Ich hoffe, dass ich einen anderen Blickwinkel auf das Leben bekomme, wenn ich sterbe, und dass sich dann alles von alleine erklärt.

Wie hast du »Nirvana« aufgenommen?
Da war ich besoffen und schon eine Nacht wach gewesen. Ich habe mir das Mic runtergeschraubt und mich auf einen Stuhl gesetzt. Ich glaube, bei den Aufnahmen war ich in einem anderen Geisteszustand. Ich war kein Mensch, es gab auch keinen Raum und keine Zeit mehr. Ich bin ab und zu schon sehr multidimensional unterwegs. (lacht)

Neben alten Bekannten wie Kollegah, Jason und 257ers hast du auch ein ­Feature mit Bass Sultan Hengzt und Orgi aufgenommen. Wie kam es dazu?
Eine Verbindung zu Hengzt gibt es nicht wirklich. Er hat mal verlauten lassen, dass er ganz cool findet, was ich so mache. Da war halt eine gegenseitige Sympathie vorhanden. Und da ich Hengzt und Orgi als Team ganz cool finde, dachte ich, dann nehme ich doch beide auf einen Streich.

Im Prinzip ist das Album nicht so ­anders als deine bisherigen Werke.
Ich bin ehrlich: Es ist derselbe Scheiß wie vorher. Der einzige Unterschied ist: Da spricht kein Kind mehr, dass nichts zu ­verlieren hat. Ich bin jetzt älter, habe eine Tochter und eine Frau. Es ist also dieselbe Scheiße, nur in einem anderen Licht. Das macht den Scheiß auch viel härter, weil ich nicht mehr das kleine, zugedröhnte Kind bin. Man nimmt mich ernster.

Du singst viele Hooks selbst. Hast du den Spaß am Singen entdeckt?
Auf jeden Fall. Ich bin ja kein guter Sänger oder so. Ich bin ein singender Rapper, kein rappender Sänger. Aber ich finde es cool. Ich habe auch noch ein anderes Projekt gemacht, wo ich ausschließlich singe. Dabei hatte ich unfassbar viel Spaß. Das ist aber eher so eine lustige Popmusik-­Verarsche.

Wolltest du durch die erweiterte Musikalität auch andere mögliche Hörer jenseits der HipHop-Szene abholen?
Nee. Natürlich fände ich das cool, wenn ich mit meinem Album wieder einen Schritt nach vorne gehen würde. Ist ja klar, man will ja auch expandieren, aber ich arbeite nicht gezielt darauf hin. Ich habe mir während der Aufnahmen keine Gedanken darüber gemacht. Ich finde, das Album ist ein Schritt nach vorne. Aber eigentlich mache ich einfach und denke gar nicht so viel darüber nach. Da würde ich ja durchdrehen.

In »All Around« spekulierst du darüber, dass du der erste deutsche Rapper sein wirst, der umgebracht wird.
Ja, weil ich einfach wie ein Idiot ­abgehe. Da kann man auch mal was ­abbekommen. Ganz klar.

In »In Town« heißt es aber, dass du noch nie aufs Maul bekommen hast, obwohl du es gebraucht hättest.
Natürlich habe ich schon mal aufs Maul bekommen, aber als Rapper in der Szene nicht. Manchmal ist man ja gestresst, dann tut es auch einfach gut. Danach fühlt man sich irgendwie erleichtert. (lacht) Das sind meine Erfahrungen. Es ist gar nicht so negativ, wenn man auch mal eins auf die Fresse bekommt, außer es bleiben Schäden zurück – das ist dann gar nicht witzig.

In dem Song geht es auch um die Szene in Essen und deine Anfänge als Rapper. Es heißt darin: »PA [Sports] war der King« und »Wir haben viel ­voneinander gelernt«. PA hat kürzlich gesagt, dass er dich noch mal dissen will, einfach weil du ihn im Battle ­damals zerstört hast.
(lacht) Ich habe ihn neulich auch getroffen. Aber warum um etwas kämpfen, was schon mir gehört? Ob ich darauf überhaupt noch eingehen würde, weiß ich nicht. Wir haben das ja nach dem letzten Battle relativiert und ich habe sogar einen Track mit KC Rebell und ihm gemacht. Es wäre auch schwer, noch mal so einen Hass aufeinander zu entwickeln. Das ist beim Battle ja wichtig. Aber wenn er es schafft, diese Wut in mir zu entfachen, dann gibt es auch ein Battle. (lacht)

Während der Promotion zum Album gab es aber einen humorvollen Diss gegen ­deinen Labelboss. Wie sieht dein Verhältnis zu Selfmade wirklich aus?
Ich bin eigentlich ganz zufrieden. Natürlich ist man manchmal abgefuckt, aber das ist ja ganz normal. Es war auch schon mal kritischer. Mal hat man sich lieb und dann wieder nicht. Man muss sich mit seinen Künstlern einfach immer richtig Mühe geben, finde ich. Ich ticke ja auch ganz anders als er, weil ich halt ein anderer Mensch bin. Druck braucht man bestimmt auch, aber dieses Maschinelle funktioniert bei mir nicht. Harmonie ist wichtig.

Was hast du dir für die Zukunft ­vorgenommen?
Dass man einen anderen Fav kennen lernt, der entschlossener, viel produktiver und stets bereit ist. Ich habe einen Hunger entwickelt, der mich weiterbringen wird. Es gibt es keine Barrieren mehr. Jeder, der sich mir in den Weg stellt, wird gefressen. Ich bin Pac-Man. Macht euch lieber bereit, denn ihr werdet um mich nicht mehr herumkommen. Wenn es nicht mit diesem Album klappt, dann eben mit dem nächsten.

 

Text: Sherin Kürten

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here