»Wayne hat mir eine der wichtigsten Lektionen als Rapper erteilt« // Drake im Interview

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J. Cole mag die Lyrics haben, Gucci Mane den Swagger, Curren$y den Flow, Jay ­Electronica die Persönlichkeit und The Kid Daytona die richtig geknickte Kappe. Dennoch hat es keiner von ihnen geschafft, seine Fähigkeiten in jene Form von Hype umzumünzen, wie ihn Aubrey “Drake” Graham derzeit genießt. Der Rapper, Sänger, Schauspieler und Mädchenschwarm ist Sinnbild für eine Ära, in der man auch ohne Plattenvertrag und physische Tonträger als Künstler berühmt und erfolgreich werden kann. Drake hat mit “So Far Gone” ein Mixtape verschenkt, das fast jedes Rap-Album der letzten zwei Jahre in die Tasche steckt. Er füllt ganze Stadien und hat von seiner bislang einzigen regulären Veröffentlichung, einer digitalen EP, mal eben 300.000 Einheiten verkauft. Drake ist vor ein paar Wochen 23 geworden und seit fast neun ­Jahren so etwas wie ein Star. Drake ist die Zukunft.

Gerade mal ein halbes Jahr ist vergangen, seit offiziell bekannt wurde, dass Drake einen Künstlervertrag bei Young Money/Cash Money und damit beim Major-Riesen Universal Republic unterschrieben hat. Diese Nachricht folgte auf etwas, was das “Billboard”-Magazin als einen der erbittertsten Bieterkriege der Popmusikgeschichte beschrieb. Im September 2009 veröffentlichte Drake nach drei Internet-Mixtapes dann zum ersten Mal einen regulären Tonträger über ein Label: die digitale “So Far Gone”-EP mit sechs Stücken, von denen fünf bereits auf dem gleichnamigen Mixtape enthalten waren. Die EP stieg mit 73.000 verkauften Einheiten in der ersten Woche auf Platz 6 der Billboard-Charts ein, die Single “Best I Ever Had” stieg bis auf Platz 2 und wurde über eine Million mal legal runtergeladen. Seither hat Drake weitere Singles mit Eminem, Kanye West, Lil Wayne, Mary J Blige und Jamie Foxx veröffentlicht. Sein Debütalbum “Thank Me Later”, terminiert auf den Valentinstag 2010, ist das mit am meisten Spannung erwartete Debüt seit “Get Rich Or Die Tryin’”. Features mit Kanye West, Jay-Z und Lil Wayne sind bereits im Kasten. Alles andere als Platin wäre eine Enttäuschung.

Wie es genau passiert ist, dass ein ehemaliger Kinderschauspieler plötzlich zum besten Kumpel von Rihanna wurde und siebenstellige Vorschussangebote von eigentlich abgebrannten Majorlabels einsackte, das ist noch niemandem so ganz klar. Keiner weiß so richtig, wie es passiert ist, doch alle schauen gebannt zu. Es ist wohl in jenem flirrenden Lichtertaumel geschehen, den Drake in seinen Texten immer wieder heraufbeschwört, um die Absurdität des eigenen Lebensstils zu unterstreichen. Versucht man eine oberflächliche Erklärung des Phänomens Drake, scheitert man schnell an den offenkundigen Gegensätzen und Brüchen in seiner Vita. Wahrscheinlich sind jedoch genau diese der Schlüssel zum Verständnis seiner Person. In Forest Hill, einer Mittelklasse-Nachbarschaft von Toronto bei seiner weißen Mutter aufgewachsen, sah er trotzdem auch schon früh das Gegenteil seiner eigenen Lebenssituation: Bei seinem Vater, einem schwarzen Blues-­Musiker aus Memphis, verbrachte er die Sommer und lernte das Ghettoleben aus nächster Nähe kennen. “Meine Familie väterlicherseits ist hood”, erzählte er im JUICE-Interview. Als er mit Lil Wayne in Memphis auftrat, sei sein Vater in einem pinken Seidenanzug aufgelaufen. “Krass, deine Familie ist ja total ghetto”, hieß es aus dem Young ­Money-Camp anerkennend.

Dass man Drake diesen Teil seiner Herkunft nicht auf Anhieb anmerkt, dürfte an seiner Sozialisation liegen. “Toronto ist eine sehr kulturelle Stadt, ein wunderschöner Ort mit vielen hübschen Frauen”, beschreibt er. “Wenn ich dann im Sommer zu meinem Vater nach Memphis fuhr, dann war die Gesamtsituation schon eher abgefuckt. Als Kind lernte ich dadurch den Struggle kennen, ohne selbst strugglen zu müssen. Das war vielleicht etwas unfair.” Auf diese Weise erklärt sich jedenfalls seine schlafwandlerische Sicherheit in Stilfragen: Drake hat den Swagger der Hood, aber den Geschmack und die Ethik der oberen Mittelklasse eingeimpft bekommen. Wenn er also an der Seite von Jay-Z die Ära von polierten Felgen und überdimensionierten Goldketten für beendet erklärt, dann ist das auch ein Schlag ins Gesicht neureicher Straßenrapper. Wo Gangstarap zur Minstrel Show verkommen ist, die man als zumindest halbgebildeter und normal sozialisierter Europäer nur noch durch die Ironiebrille wahrnehmen kann, stellt sich der Kanadier mit einem dandyhaft-schnöseligen Image gegen alle gängigen HipHop-Klischees. Drake weiß, dass sich Angeberei eigentlich nicht, im HipHop aber dazu gehört, und daher erfindet er lyrische Kniffe wie folgenden: “My mother’s embarrassed to pull my Phantom out, so I park about five houses down.” (“Fear”) Wir lernen: Drake fährt einen sündhaft teuren Rolls Royce Phantom, hat aber auch einen familiären Hintergrund, der solches Geprotze peinlich findet.

Ein weiterer Aspekt, warum Drake bei aller Angeberei stets glaubwürdig wirkt, ist die Tatsache, dass das Rampenlicht für ihn ganz und gar nichts Neues ist. “Eyes hurting from the camera phone light show”, rappt er in “Say What’s Real” und meint damit die Tatsache, dass er bereits seit neun Jahren im Spotlight der Öffentlichkeit steht. Schon als 14-Jähriger begann er nämlich, in der kanadischen TV-Serie “Degrassi: The Next Generation” die Rolle des Jimmy Brooks zu spielen. Mit der dankbaren Rolle des sportlichen, gutaussehenden High School-Prinzen wurde Drake seitdem vor allem von seinen weiblichen Fans assoziiert – die Serie war seit 2001 auf Sendung und dabei extrem erfolgreich. 2009 endete seine Rolle im Zuge einer kompletten Auswechslung des Schauspielerstamms. Drake selbst hatte zu diesem Zeitpunkt sowohl die Serienrolle als auch das echte College gedanklich längst ad acta gelegt. Das Selbstbewusstsein und den Status, den er als Schauspieler erlangt hatte, setzte er fortan geschickt ein, um seine Zukunft in Richtung einer Karriere als erfolgreicher Musiker zu dirigieren.

Dass Musik seine größte Leidenschaft ist, davon legte bereits sein erstes Mixtape “Room For Improvement” beeindruckendes Zeugnis ab, das Drake im Februar 2006 über seine MySpace-Seite veröffentlichte. Der Titel war Programm: Hier deutete sich ein enormes Talent an, ohne die eigenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, auch wenn sich Drake dieser zu jedem Zeitpunkt bewusst war. Aufgrund seiner Bekanntheit als Schauspieler boten sich ihm gewisse Zugänge, die andere junge Musiker naturgemäß nicht haben. Er hing ohnehin schon mit den Schönen, Reichen und Berühmten, kannte viele Künstler privat und konnte seine Kontakte spielen lassen. Als er mit “Comeback Season” im Oktober 2007 nachschoss, featurete er neben musikalischen Vorbildern wie Little Brother, Kardinal Offishall und Dwele auch den R&B-Prinzen Trey Songz auf der Videosingle “Replacement Girl”. Der Sohn von Rap-A-Lot-Gründer J. Prince, ein enger Freund Drakes, gab die Mixtapes dem Vernehmen nach an seinen guten Bekannten Lil Wayne weiter. Kurz darauf erreichte Drake, der gerade beim Friseur saß, ein Anruf von Weezy, der ihn fragte, ob er als Vorgruppe mit ihm auf Tour gehen wolle. Und Drake gehört nicht zu jener Spezies Mensch, die über solche Angebote lange nachdenken muss.

Wayne war auf Anhieb begeistert von der Ausstrahlung und dem Talent des Kanadiers. Gemeinsam spielten sie in den nächsten Monaten jede Menge Konzerte vor ausverkauften Stadien in ganz Amerika. Drake wurde inoffizieller Teil der Young Money-Gang, ohne jedoch einen festen Deal zu unterzeichnen. In den letzten sechs Jahren hatte sein Leben die Schauspielerei zum Mittelpunkt gehabt: Neben der tragenden Rolle in dem Teenie-Drama, dem er seinen frühen Ruhm verdankte, hatte er Gastrollen in anderen TV-Serien, zwei TV-Filme und einen Kinofilm abgedreht. Doch die Anerkennung berühmter Kollegen wie Wayne bestärkte ihn darin, seinen Fokus auf die Musik zu richten. Seine innere Zerrissenheit spiegelte sich dann auch auf seinem im Februar 2009 erschienenen, jüngsten offiziellen Mixtape “So Far Gone” wieder. Wenn Trey Songz in “Successful” zunächst selbstbewusst singt: “I want the money/the money and the cars/the cars and the clothes/the hoes”, nur um kurz darauf ein relativierendes “I suppose” nachzuschießen, dann stellt der Protagonist sein materialistisches Weltbild zumindest für eine logische Sekunde in Frage.

Die Hook von “Successful” zeigt deutlich, welcher Aspekt die Künstler-Persona Drake so interessant macht: Es sind die Brüche, die Zweifel, die Momente unverhoffter Melancholie in einem verbalen Feuerwerk aus Größenwahn und Narzissmus. “Eines Abends diskutierte ich mit meinem Freund Oliver am Telefon über Frauen und die respektlose Art und Weise, wie wir oft über sie sprechen”, erklärte Drake im Interview. “Nachdem wir aufgelegt hatten, schrieb Oliver mir eine SMS mit der Frage: ‘Werden wir gerade die Männer, von denen unsere Mütter sich haben scheiden lassen?’ Diese Nachricht zeigte mir, dass wir doch noch ein Gewissen haben. Wir sind eigentlich gute Jungs, aber wir jagen Statussymbolen wie Liebe und Geld hinterher. Manchmal verfangen wir uns in diesem Lebensstil. Die Art und Weise, wie wir uns benehmen, uns anziehen, wie uns die Menschen sehen – wir distanzieren uns vom Rest der Welt und lassen den ganzen Bullshit hinter uns. Daher auch der Titel ‘So Far Gone’.” So weit entfernt von allem Bullshit zu sein – ein nachvollziehbarer Wunsch, der eine breite Identifikationsfläche bietet. Bereits nach zwei Stunden war das Tape über 2.000-mal runtergeladen worden. “So Far Gone” sollte jenen entscheidenden Schritt darstellen, das aus dem Internet-Phänomen und Kritikerliebling einen Superstar machte.

Als JUICE-Autor Alexis Slama den Rapper und Sänger auf der “I Am Music”-Tour in Chicago traf, war es nicht eines dieser ­Durchschnittsinterviews mit einem amerikanischen Durchschnittskünstler. Sie hatten sich nur ein paar kurze Stunden gesehen, trotzdem hatte Slama das Gefühl, nicht nur den ­Entertainer Drake, sondern auch den Menschen Aubrey Graham kennen gelernt zu haben. Besonders überraschend war dessen Höflichkeit und Zurückhaltung; Drake ist kein Angeber, sondern ein guter Zuhörer und ­Beobachter. Er spricht nicht besonders laut und legt großen Wert auf Privatheit und Zurückgezogenheit; so wollte er auch das Interview nicht in der Öffentlichkeit führen. “Wenn andere Menschen in der Nähe sind, kommt kein echter Dialog zustande”, erklärte er. “Lass uns einen ruhigeren Ort suchen. Ich möchte wirklich mit dir reden.”

Hast du in den letzten Wochen Zeit zum Aufnehmen gefunden?
Nein, seit drei Monaten nicht. Seit “So Far Gone” herausgekommen ist, am Grammy-Wochenende, habe ich keinen einzigen Song aufgenommen. Ich will unbedingt zurück ins Studio, aber ich habe auch ein bisschen Angst davor. Ich muss in meinen kreativen Prozess zurückfinden, und wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, ob es so schnell funktionieren wird. Ich bin ein Mensch, der stark auf die Atmosphäre um ihn herum reagiert – sei es nun in Hotels oder Studios, ich brauche einen bestimmten Vibe, und diesen Vibe reflektiere ich in meiner Musik. Für mich ist es undenkbar, einen Song im Tourbus aufzunehmen. Ich habe meinen Modus, meinen Arbeitszyklus – und nur wenn alles stimmt, kann ich in einer Nacht einen Song fertig­stellen. Aber die Umgebung muss stimmen. Jay-Z braucht beim Aufnehmen (Young) Guru und seine Leute um sich herum, verstehst du? Ich will mich nicht mit Jay vergleichen, aber ich brauche auch diese Form von Intimität. Gedimmtes Licht, ein paar Kerzen, ein Glas Champagner…

Genau wie bei einem Interview. Du willst es eben richtig machen.
Exakt. Wenn es um so etwas Wertvolles wie die Kreation von Kunst geht, dann musst du eben genau wissen, wo du eigentlich hinwillst. Du versuchst, ein kleines Juwel zu erschaffen, du schüttest dein komplettes Herz aus. Versuch mal, dein Herz in einer negativen Umgebung auszuschütten – es ist widerlich. Wenn du etwas erschaffst, was die ganze Welt hören soll, dann willst du es einfach in der bestmöglichen Umgebung tun, weil du nur dann alles geben kannst. Ich muss klare Gedanken fassen können, und ich will dabei auf keinen Fall unter Zeitdruck stehen. Ich kann Musik nicht erzwingen, daher will ich keine Sätze hören wie: “Wir haben nur noch zwei Stunden in diesem Hotel, beeil dich!” Wobei ich ehrlich sein muss: Einen Teil von “So Far Gone” habe ich sogar in einem Hotel aufgenommen. Ich war zu der Zeit allerdings nicht auf Tour, und das ist eine ganz andere Sache. Diese US-Tour, auf der wir uns gerade befinden, findet ja komplett in Bussen statt. Man bleibt zehn Stunden in einem Hotel, und dann folgt eine 28-stündige Busreise. Da klinkt man sich irgendwie geistig komplett aus. Na ja, das mache ich ohnehin oft. (lacht)

Was konntest du denn an ­positiven Erfahrungen von der Tour ­mitnehmen?
Wayne hat mir eine der wichtigsten Lektionen als Rapper erteilt – das war in Atlanta. Du musst es dir so vorstellen: Wayne sitzt im Studio herum, und es wirkt so, als hätte er keine große Lust, etwas zu schreiben oder aufzunehmen. Er sitzt einfach nur da, raucht einen Joint, murmelt vor sich hin, und dann sprudelt es plötzlich aus ihm heraus, als wäre er besessen. Auf einmal geht er in die Booth und knallt drei absolut wahnsinnige Verses hin. Das ist irgendwie frustrierend, vor allem, wenn man selbst ganze Nächte mit dem Texteschreiben verbringt. (lacht) Ich bin ja ein sorgfältiger, gründlicher Schreiber. Wenn ein Wort nicht richtig passt, ersetze ich es. Ich schaue einen Film oder lese ein Buch, um mich inspirieren zu lassen, oder ich ändere den kompletten Song. Für mich muss der Song von vorne bis hinten perfekt sein und Sinn ergeben. Wayne macht sich da keine große Mühe. Es ist verrückt für einen Künstler wie mich, Zeuge davon zu werden. Ich fragte ihn: “Wie machst du das?” Und er antwortete: (imitiert Waynes Stimme) “Du musst verstehen – wenn du als Künstler absolut ehrlich bist, dann schreibst du keine Songs. All deine Gedanken sind hier drin, in deinem Herz, du musst sie nur finden. Wenn es nur um dich selbst geht, dann musst du dir nichts ausdenken, es ist alles schon da, in deinem Körper. Du musst dich nur zurücklehnen und diese Gedanken lokalisieren.” Seine Lektion lautete: Man muss in der Musik spontan sein, man sollte sein Herz sprechen lassen und den Gefühlen einfach freien Lauf lassen. Das ist allerdings sehr schwierig. Es ist so, als wenn man sich von einer Klippe fallen lässt und darauf vertraut, dass man aufgefangen wird. Kurz nachdem Wayne das gesagt hatte, begann ich übrigens mit der ­Arbeit an “So Far Gone”.

Aber du hast die Songs schon ­aufgeschrieben?
Ja, alle. Aber ich habe eben versucht, dabei spontan zu sein. Ich beherrsche diesen Trick nicht. (lacht) Das werde ich vermutlich nie können. Ich war nicht besonders gut in der Schule, war nie ein Genie, wirklich nicht. Die Leute sollten das wissen. Oder vielleicht auch nicht – aber so bin ich eben. Und wer ein Fan von mir ist, sollte schon wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Also, was man verstehen muss: Im Kopf zu schreiben ist cool – wenn du Lil Wayne oder Jay-Z bist. Andere Rapper geben damit an, dass sie nichts aufschreiben, und ich denke nur: “Schade, vielleicht solltest du es lieber tun!” (lacht) Bei Wayne ist es surreal, bei Jay-Z überwältigend. Beide schaffen es, auf diese Art qualitativ sehr hochwertiges Material zu erschaffen. Aber allen anderen Rappern würde ich raten, ihre Songs aufzuschreiben.

Du bist seit kurzem auch auf ­Twitter. Bist du schon süchtig?
Nein, überhaupt nicht. Eigentlich interessiert es mich gar nicht. Ich denke, ich werde meinen Account nicht viel nutzen. Für mich ist das nichts, ich bin nicht der Typ Mensch, der andere Menschen in jeder Sekunde wissen lassen muss, was er gerade treibt. Genau deshalb habe ich auch keinen Videoblog. Diese Internet-Communitys sind cool, sie erlauben dir, in Kontakt mit bestimmten Menschen zu bleiben, zu denen man andernfalls vielleicht den Kontakt verlieren würde. Aber insgesamt ist mir das zu… aufdringlich.

Andere Künstler nutzen Netzwerke wie Facebook und Twitter längst zur Promotion.
Ja, aber ich weiß nicht, ob das die beste Idee ist. Ich glaube sogar: Je weniger man von sich preisgibt, desto größer ist die Neugier. Wenn ich auf Twitter erzähle, mit wem ich gerade im Studio bin, kann es sein, dass ich den Fans damit die Überraschung nehme. Ich denke, als Künstler muss man bis zu einem gewissen Grad ein Mysterium sein. Ich will jedenfalls nicht, dass die Menschen einen direkten, persönlichen Draht zu mir haben. Ich bin kein Künstler zum Anfassen. Ein Teil des Geheimnisses muss vorhanden bleiben.

Aber es kommt darauf an, wie man diese Netzwerke nutzt. Schau dir nur Kanye Wests Blog an.
Ja, das ist etwas anderes! Kanye stellt dort seine Liebe zur Kunst zur Schau. Aber du kannst ihm keine private ­Message schicken. Er würde ohnehin auf nichts antworten. (lacht) Er postet dort einfach nur Bilder und Videos, aus denen man etwas über ihn und seine Interessen und Vorlieben erfährt. Twitter und Facebook hingegen lassen die Menschen direkt an deinem Leben teilhaben, das geht einen Schritt zu weit. Schau mal, auf diesen Plattformen posten Rapper solche Videos: (imitiert Gangsta-Slang) “Yo, ich habe gerade diese rote Tasse hier gekauft, ich mach mein Ding, Alter.” Verdammt, darüber machst du wirklich ein Video? Hast du zu viel Zeit? Ich will das nicht wissen. Die Künstler, die ich bewundere, machen so etwas nicht. Andre3000 hat keinen verdammten YouTube-Blog.

“Seine Integrität ist es, was sich verkauft”, sagte Russell Simmons einmal über Jay-Z. “So sehr er auch als Mainstream-Künstler wahrgenommen wird, hat er doch immer die Herzen seiner Hörer erreicht. Die Menschen lieben ihn für seine Ehrlichkeit – er ist der Beweis dafür, dass sich die Wahrheit verkauft.” An dieses Zitat musste Slama denken, als er das soeben beendete Interview im Kopf Revue passieren ließ. Es passte perfekt auf Drake. Als er den schüchternen Perfektionisten einige Stunden später im Konzert erlebte, änderte sich das Bild, das er von diesem Menschen gewonnen hatte, noch einmal drastisch. Denn als Drake auf die Bühne trat, passierte etwas Unvorhergesehenes: Er lächelte. Das war das erste und bislang einzige Mal, dass Slama einen Rapper lächelnd auf die Bühne gehen sah. Drakes Star-Power ist unverkennbar, seine natürliche Aura unglaublich. Wenn er in seinem Element ist, dann ist er nicht mehr der bescheidene, leise Aubrey Graham aus dem Interview. Es ist der selbstbewusste Künstler mit einem fast schon magischen Draht zum Publikum. Drake hat es, und er weiß es ganz genau.

Natürlich ist es immer das Gesamtpaket, das einen besonderen Künstler vom breiten Mittelfeld absetzt. Neben seinem Aussehen, seinen Lyrics und seiner Stimme war es nicht zuletzt auch die charakteristische Soundästhetik, mit der Drake seine Ausnahmestellung untermauerte. Der wesentliche Kern von “So Far Gone” wurde von seinem Freund Noah “40” Shebib produziert. Noah, ebenfalls Kinderschauspieler und ausgebildeter Sound-Engineer, wurde im September 2009 dann auch von der Management-Firma HipHop Since 1978 unter Vertrag genommen, die bereits die Karrieren von Drake, Kanye West und Lil Wayne lenkte. Musikalisch sprengte das Tape den gängigen Rap-Rahmen und bewies Drakes Geschmackssicherheit eindrucksvoll. Wenn Rapper in der Vergangenheit mit Rockmusik flirteten, passierte im besten Fall etwas wie Jay-Z mit Linkin Park und im schlimmsten Fall etwas wie Busta Rhymes mit Ozzy Osbourne. Drake hingegen samplete sich mit Kumpel Noah durch Peter Bjorn & John, Lykke Li und Santigold, gleichzeitig wählte er Beats von DJ Screw oder Just Blaze und ­huldigte Little Brother sowie Slum Village. ­Lässiger ging es 2009 kaum.

Drake schlug mit seinem Sound in eine Kerbe, die HipHopper bislang verpasst hatten zu besetzen. Aus den Überresten von Auto-Tune-Wahn, “808s & Heartbreak” und Hipster Rap hat er einen Soundentwurf ­entwickelt, der für Mädchen mit Vorliebe für schwedischen Songwriter-Pop genau so passt wie für Rap-Fans, die von irrelevantem Trap-Geschnatter und von rückwärtsgewandter Echthalterei die Schnauze gestrichen voll haben. Drakes lyrische Fähigkeiten sind noch ausbaufähig, doch seine Delivery ist selbstbewusster als die der meisten Kollegen. Er ist ein Sänger-slash-Rapper, bei dem beide Elemente so gleichberechtigt nebeneinander stehen, wie es vorher eigentlich nur bei Missy Elliott der Fall war. Er wählt zu jedem denkbaren Zeitpunkt einfach jene Ausdrucksform, die ihm gerade am besten zu passen scheint. Für “Thank Me Later” hat er neben den bestätigten Rap-Größen auch einige Gäste angekündigt, die man im Rahmen eines HipHop-Albums eher nicht erwarten würde. Im Gegensatz zu anderen Künstlern macht man sich bei Drake angesichts solcher Aussagen keine Sorgen.

Natürlich wird hier und da auch Kritik laut. Tom Breihan von der New Yorker “Village Voice” schrieb in seiner Review zu “So Far Gone” etwa lapidar, dass Drake noch “kein großartiger Rapper” sei. Und er hat nicht ganz Unrecht: Drizzys Lines machen nicht immer Sinn, manche Vergleiche sind platt und abgenutzt, und vor allem seine latente Arroganz kann einem in der falschen Stimmung kräftig auf den Magen schlagen. Auch in dieser Hinsicht hat er sich eine ganz besonders dicke Scheibe von Vorbildern wie Kanye und Wayne abgeschnitten. Doch sind noch viel öfter Momente von außergewöhnlicher Poesie und Tiefe in seinen Texten zu finden, wie sie kaum ein anderer Mainstream-Rapper jemals erreicht. Der Song “Fear” ist einer dieser genialen Momente, wenn Drake auf einem hypnotischen DJ Khalil-Beat die eigene Motivation psychoanalytisch seziert: “You know I spend money because spending time is hopeless/and know I pop bottles cause I bottle my emotions/at least I put it all in the open…” Drake schafft es wie kein anderer, einen goldenen Mittelweg zwischen Emotionalität und Coolness zu finden.

Am Ende ist Drake vermutlich genau das, was HipHop im Jahr 2009 gebraucht hat. Lil Wayne und Kanye West sind derzeit die größten Stars des Genres und Drake kanalisiert die interessantesten Eigenschaften beider Künstler in eine inhaltlich offene Form, die ganz neue stilistische Möglichkeiten eröffnet. “Ich will den Menschen eine musikalische Erfahrung bieten und die Köpfe der Fans meines Genres öffnen”, schwurbelt Drake im Interview herum und klingt dabei fast wie einer der Major-A&Rs, die er dem Vernehmen nach so sehr verabscheut. Dennoch ist er schlau genug, die Kunstform und den Ausdruck stets über fehlgeleitete Business-Aspirationen zu stellen. “Viele Künstler denken in Kategorien wie dem ‘Radio-Song’ oder dem ‘Club-Song’”, amüsiert er sich. “Das ist Unsinn, man muss sich als Künstler darüber bewusst werden, was man rüberbringen will. Und das unterscheidet am Ende einen guten von einem großartigen Künstler.” Laut Drake soll “Thank Me Later” daher vor allem eines werden: “Zeitlos.”

In den letzten Jahren wurden mehrere junge Künstler viel zu früh zu Hoffnungen für die Kultur hochgejazzt, die am Ende selten bis nie eingelöst wurden. Niemand glaubt mehr ernsthaft, dass Saigon oder Papoose die nächsten großen Superstars werden, die das Spiel revolutionieren. Drake traut man das tatsächlich zu. Vielleicht liegt es daran, dass er aufgrund seiner Herkunft und seiner Sozialisation eine Ausnahmestellung einnimmt. Drake ist weder hood noch rich, er ist weder Eastcoast noch Dirty South. Er steht weder für eine regionale noch für eine soziale oder kulturelle Tradition. Er ist kein Bewahrer von etwas Vergangenem, sondern er weist uns den Weg in die Zukunft. Wir werden ihm später dafür danken.

Text: Stephan Szillus

Interview: Alexis Slama

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