Donvtello & Tightill – Ratzen & Rennen // Review

Die beiden Norddeutschen liefern ein gelungenes, aus DIY-Attitüde und Freude heraus entstandenes Tape voller unvorhersehbarer und unangepasster Tracks.

(Erotik Toy Records)

»Du hast geschlafen grad, Digga, du hast geratzt«. 2017 sorgten Donvtello und Tightill für einen von Cowbells und gechoppten Vocalsamples triefenden Hallo-Wach-Effekt. Was als Insidertipp startete, entwickelte sich nach und nach zu einem veritablen Unter­grund-Hit, der mehr und mehr Zuhörer tiefer in die deutschen Phonk- und Goof-Unterwelten zog und vor allem Lust auf mehr machte. Zwei Jahre später steht mit »Ratzen & Rennen« ein Tape im Streaming-Kiosk und auf Kassette bereit, das als ein kleines Manifest für Deutschraps Memphis-, Weirdo- und 666-­Untergrund durchgeht und zwei Rapper auf dem bisherigen Peak ihres Schaffens zeigt. Auf der einen Seite der Oldenburger Donvtello, der dank einer extrem ausgefeilten Technik und eines testosteronbreiten Repertoires an Flows aus einem Part gekonnt ein düsteres Silbengewitter zaubern kann. Auf der anderen die Bremer Wundertüte Tightill, zu goofy für (Mainstream-)Rap, zu HipHop für Pop und wie nichts, was es zuvor im deutschen Rap gab. So unterschiedlich die Styles beider Hälften der Nord-Nord-­Connection auch klingen mögen, so heterogen wirken die 36 Minuten von »Ratzen & Rennen« dank kompromissloser DIY-Attitüde, beidseitig langjähriger Untergrundassoziation und unorthodoxem Songwriting-Approach. So entstanden Songs, die nicht nur dank ihrer breiten thematischen Range genau das sind, was an der überfüllten Deutschrap-Oberfläche so bitterlich fehlt und ihr mit jedem zusätzlichen, maximal 2:30 Minuten langen Geplärre über Marimba-Beats nur weiter abhanden kommt. Unvorhersehbar, unangepasst und irgendwo auch das Produkt des künstlerischen Umfeldes von Donvtello und Tightill: Manchmal in Richtung der Brachialität der 102 Boyz, manchmal so angenehm savage wie die Nicht-Mumble-Rap-Nicht-Gesang-Parts von Tightills Crew-Mitglied doubtboy. Schranken scheint es keine zu geben. So haben auf »R&R« Ironie und bitterer Ernst genauso Platz wie das durchdachte Reflektieren des Sinns von körperlicher Gewalt neben mal offensiver, mal unterschwelliger vorgetragenen Liebeshuldigungen an eine kühle Hopfenkaltschale. Musik, die ziemlich offensichtlich mit der sturen Freude am Musikmachen entsteht, bleibt eben weiter die interessantere. Shoutout an alle Algorithmen.

Text: Louis Richter

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