Dissy: »Die klassischen Gewinnertypen kommen heute nicht mehr gut an« // Interview

Dissythekid heißt jetzt DISSY und wagt sich nach den beiden EPs »Pestizid« und »Fynn« an sein Debütalbum »Playlist 01«. Darauf stellt er sich seinen düsteren Gedanken und der Vergangenheit im provinziellen Erfurt. Auf den zehn Songs erzählt er in klarer, schnörkelloser Art und lässt einen doch erst mal ratlos zurück.

In unserem Interview zu deiner ersten EP »Pestizid« haben wir schon über ein mögliches Album gesprochen. Damals hast du mir gesagt: »Ich habe schon einige Ideen und Visionen. Es wird schon anders, eine Fortsetzung. Was den Sound angeht, habe ich Lust, etwas Luftigeres und Sonnigeres zu machen.« Auf »Playlist 01« trifft das nicht zu. Was ist passiert?
(lacht) Ich krieg das einfach nicht hin. Ich hab’s immer mal wieder versucht, aber selbst wenn die Skizze am Anfang total sonnig ist, wird es am Ende wieder voll düster. Sobald es zu sonnig klingt, habe ich immer das Gefühl, es sei zu platt – ganz komisch. Wenn ich jetzt das Album höre, denke ich, das nächste wird auf jeden Fall positiver. Aber dann sitze ich wieder an Beats, die düster scheppern, und scheiße doch wieder drauf.

Musikalisch mag es düster sein, inhaltlich geht es etwas positiver zu. Du scheinst Frieden mit deinen inneren Dämonen zu schließen, die du hier auch nicht mehr – wie bisher – als Fynn personifizierst, sondern als Teil deiner selbst akzeptierst. Geht das mit einer persönlichen Entwicklung einher?
Genau das war mein Ziel: Fynn nicht mehr zu bekämpfen, sondern mich mit ihm abzufinden. Ich bin nicht mehr der Jugendliche von damals. Ich hab früher viel Scheiße gebaut, versucht, zum Mann zu werden und hart zu sein – womit ich Fynn beschreibe. Irgendwann hatte ich das nicht mehr nötig.

Hast du deswegen das »thekid« aus deinem Namen gestrichen? Weil dir dieser kindische Geltungsdrang nicht mehr innewohnt?
Ich hatte meinen Namen irgendwann einfach zu oft gehört. Außerdem: Ich kann dieses englische »the« ja nicht mal richtig aussprechen. (lacht) Wenn Leute mich nicht Till nennen, nennen sie mich auch einfach Dissy. Das ist knackiger. Cooler.

Viele andere Rapper hätten mir diese Interpretation aus der Hand gefressen, statt den wahren, banalen Grund zu nennen.
So bin ich halt. Ich mag es nicht, so krass auf bedeutungsschwanger zu machen. Die Musik ist schon bedeutungsschwanger genug.

Man braucht oft eine Weile, um zu verstehen, was du einem in deinen Songs vermitteln willst, gleichzeitig bist du aber wahnsinnig direkt und setzt auf eine schnörkellose, klare Wortwahl.
Mit »Fynn« habe ich damals sehr auf coole Wortspiele und Referenzen abgezielt, aber damit konnten viele nichts anfangen. Diesmal habe ich versucht, es etwas verständlicher zu gestalten. Anfangs waren die Texte viel kryptischer, ich habe das dann am Ende entschlackt, zumal es in erster Linie um die Musik selbst gehen soll.

Woher kommt dein Hass auf diese hedonistischen Partypeople, um die es in deinen Songs oft geht?
Ach, eigentlich habe ich den gar nicht so. Ich beziehe mich da auch selbst mit ein.

»Es ist Fakt, dass ich in meinem Leben nie einen Maserati besitzen werde.«

Vieles dreht sich aber doch darum, dass du dich als zurückgezogener Eigenbrötler gibst und auf den Moment wartest, an dem du deine Überlegenheit gegenüber den Partylöwen ausspielen kannst.
Das richtet sich eher gegen diese Richkids. Wir waren nie die Jungs mit viel Kohle, waren aber trotzdem immer auf denselben Partys. In »Ich werd nie Maserati fahren« geht es nur darum, dass ich nicht die Kohle habe. Aber wenn ich sie hätte, würde ich mir auch einen kaufen – am Ende geht’s immer um Materialismus. (lacht)

Du stellst das aber schon als Feindbild dar.
Ist ja auch ein leichtes Feindbild. Ich hatte halt wenig Geld und war dann mit Absicht der Asi und habe gehatet.

Ging es da um die Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal?
Ja, voll. Es ist wahrscheinlich Fakt, dass ich in meinem Leben nie einen Maserati besitzen werde. Deswegen mache ich einfach mein Ding und habe auch ohne Kohle keine Probleme, Frauen aufzureißen. Diese klassischen Gewinnertypen kommen heute eh nicht mehr so gut an – hier in Berlin merkst du das krass. Die Frauen stehen mehr auf den Pete-Doherty-Typ.

Warum beschäftigt dieses Zusammenspiel aus Frustration und Genugtuung dich so sehr?
Das ist ein Gefühl, mit dem viele sich identifizieren können: dieser Mittelfinger, dieses Rachegefühl. Das ist geil – warum auch immer.

Es ist befriedigend.
Genau! Ich habe schon bei »Pestizid« von vielen gehört, dass sie sich damit identifizieren konnten. Es gibt ja immer diesen Druck, gesellschaftlich etwas zu erreichen. Gleichzeitig feiern viele sich dafür, in ihrer abgefuckten Bude Party zu machen und nichts geschissen zu kriegen.

Jetzt lebst du in Berlin, aber die Erfurter Provinz lässt dich offenbar nicht los. ­Warum schaust du noch dorthin zurück?
Für mich ist das totale Romantik: An der Tanke rumhängen, am Kofferraum saufen und Mucke hören – das ist ein krasses Lebensgefühl. Ich mag es aber auch immer dort, wo es dreckig ist.

Text: Skinny

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu beziehen.

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