Dissy: »Es war immer viel Wut in mir« // Interview

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Dann lass noch ein bisschen über die Songs auf dem »Bugtape Side B« sprechen. Deine neueste Single ist »Freak« zusammen mit Mine. Ich finde das passt total zum Anti-Sein und auch zum »Psychoblick Dissy«, der sich auf die ein oder andere Weise durch deine Diskographie zieht. Aber willst du jetzt ein Freak sein oder bist du schon einer? Der Song gibt mir unterschiedliche Vibes.
Genauso ist es auch in meinem Leben. Allein dadurch, dass ich mich mit Anfang 20 selbstständig gemeldet habe und dann diesen Kunst-Film in einer Familie gefahren habe, wo alle ihren festen Job haben, bin ich von der Norm abgewichen. Darauf wird man dann schon mal negativ angesprochen. Und generell habe ich mich in vielen Kontexten so gefühlt, als würde ich nicht dazugehören. Dass ich einfach mein Ding im Leben gemacht habe, ist für viele schon freakig. Das steht aber genauso für den aktuellen Trend, sich Gesichtstattoos stechen zu lassen, um sich von der Masse abzugrenzen und aufzufallen. Das ist eben schwierig. Ich bin zum Beispiel nach Berlin gezogen und auf einmal treffe ich Leute, die genauso ticken wie ich. Da versinke ich wieder in der Masse, was aber auch voll schön ist, weil Leute meine Interessen teilen und auf der selben Welle schwimmen. Das hatte ich ganz lange in meinem Leben nicht. Das ist eine ist das Auffallen-Wollen und Raus-Wollen aus dem normalen Umfeld. Der Gegensatz dazu ist der Zwiespalt, dass man sich auch nach Normalität und Struktur sehnt und in der Masse verschwinden will. Mein Lifestyle ist zum Beispiel auch schwer vereinbar, so rein beziehungsmäßig, mit einer Person, die ein total geregeltes Leben hat.

Du kommst ursprünglich aus Erfurt oder?
Ich bin im Prenzlauer Berg großgeworden, bis ich elf Jahre alt war. Dann bin ich nach Erfurt und habe da meine Jugend verbracht, bis ich ungefähr Mitte 20 war, dann bin ich zurückgezogen.

Also nehme ich mal an, dass die Leute, bei denen du dich eher als Außenseiter gefühlt hast, in Erfurt waren?
Das würde ich nicht sagen. Das ist ein anderer Vibe, völlig unterschiedliche Arten von Menschen. In Erfurt habe ich eine HipHop-Gang und Crew gehabt, was mega geil war. Aber diese tiefen Interessen für Kunst, Kultur und Filme, das hatte ich eher in Weimar, wo ich studiert habe. Da habe ich dann ein Umfeld dafür gefunden, aber es gab sicherlich etwas anderes, was mir da gefehlt hat. Dieses Roughe und der Vibe von Erfurt. Das heißt, ich habe überall meine Puzzleteile, die total wichtig sind. Jetzt in Berlin habe ich beides vereint.

»Das ist eine ist das Auffallen-Wollen und Raus-Wollen aus dem normalen Umfeld. Der Gegensatz dazu ist der Zwiespalt, dass man sich auch nach Normalität und Struktur sehnt und in der Masse verschwinden will.«

Ich denke, dass man einfach auch ausprobieren muss, wo man sich und seine Interessen am besten ausleben kann. Ich finde den Gedanken auf »Murphys Law« ganz schön, denn das besagt, dass im Endeffekt alles schiefgehen wird, was schiefgehen kann. Ist das in deiner Kunst auch ein Trial & Error-Prozess? Das »Bugtape« ist ja ziemlich experimentell und die Idee wird wahrscheinlich aufgehen.
Ja, voll. Ich merke, dass die Sachen, die mir am meisten am Herzen liegen und die aus mir herauskommen, so wie »Freak«, wo ich den Beat produziert habe und gleichzeitig der Text kam, am besten ankommen. Das habe ich so gefühlt und ich merke immer wieder: Die Sachen, wo ich mir am treuesten bleibe, das erreicht die Leute am meisten. Der Witz auf »Murphys Law« besteht natürlich auch darin, dass ich sage, ich möchte keinen Erfolg haben, aber das schiefgeht.

Im Pressetext stand auch noch etwas von »Das eigene Scheitern zur Kunst machen«. Was im Endeffekt nur solange funktioniert, wie die Kunst unerfolgreich ist. Was eigentlich doch niemand möchte. Man möchte ja gehört werden.
Ja, auf jeden Fall. Das ist nur so ein Gelaber von wegen »Mir ist das egal, ich mache das nur für mich selbst.« Klar, das sage ich da auch, aber ich habe das nie jemandem geglaubt, der das in irgendwelchen Texten gedroppt hat. Natürlich will das jeder haben. Aber wenn man das bei Künstlern zu sehr spürt, dieses »Alter, ich will jetzt unbedingt, dass das gefeiert wird«, das ist dann der Punkt. Darum geht es auch auf »Click«, dieses »Ja man, ich bin jetzt beim Major. Jetzt geht’s weiter nach oben, meine Army folgt mir und bald sind wir on top«. Das finde ich so peinlich. Wenn Künstler die ganze Zeit betonen, dass es nicht darum geht, Kunst zu machen, einfach weil man Kunst machen will, sondern weil es so ein HipHop-Ding ist, von the bottom to the top zu kommen –  das finde ich halt scheiße.

Klar. Wenn man coole Kunst macht und Leute es hören, weil es coole Kunst ist, ist das meistens das beste Verhältnis, das entstehen kann. Ich nehme mal an, dass deine Zuhörerschaft nicht nur typisch HipHop ist.
Das geile ist, dass ich merke, dass alle Altersklassen es cool finden. Es gibt die älteren Hasen, aber auch die jungen Kids. Ich will mich da gar nicht beschweren, das ist bei »Murphys Law« auch einfach ein klassischer HipHop-Representer-Track.

Dann lass noch darüber sprechen, was ganz am Ende von Seite B und damit auch dem gesamten Album passiert. Das sagst du noch kurz und halb hinterhergeschoben »Sorry, das war Fynn.« Du hast ja auch einen Kurzfilm mit dem Titel »Fynn« gemacht. Kannst du erklären, was diese Figur in deiner Kunst für eine Rolle einnimmt?
Das war damals so, dass ich wie Larry Fisherman bei Mac Miller ein Pseudonym als Beatproduzent haben wollte. Ich habe meine Beats gebaut und die JUICE, also ihr, habt irgendwann geschrieben »Dissy mit seinem Produzenten Fynn« usw. Ich glaube, die haben das schon gecheckt, aber wollten das Spiel ein bisschen mitspielen. Was geil war, denn ich hab‘ mich gefreut, dass die Leute jetzt denken Fynn ist wirklich eine andere Person. Und dann kam es mir langsam, weil es eh in die Welt gepasst hat, die ich erzählt habe. Bei »Pestizid« hatte ich diesen Gedanken noch nicht so krass, aber danach kam es mir. Diese düstere Welt und diese Fight Club-Bipolarität sind damit total nice zu erzählen. Denn ich bin ja schon ein recht naiver, netter, zugänglicher Typ, der manchmal eine kindlich-naive Art hat. Aber trotzdem habe ich früher mit Atzen am Corner gehangen, habe Scheiße gebaut und viel Gangsterrap gehört, wie viele in meiner Generation. Auch in diesem Mannwerdungs-Prozess dachte ich mir »Ich muss auf einmal hart sein und dieses HipHop-Ding durchziehen.« Das habe ich gebraucht und dieser Einfluss ist eben auch Fynn. Das war dann die Story, die ich mir daraus ersponnen habe. Diese zwei Seiten, megadüster und naiv-Dissy-mäßig. Damit konnte ich gut erzählen, wenn ich mal wieder einen romantischen Song gemacht habe – das war Dissy. Und das düster-abgefuckte, das kommt durch Fynn, der mir ins Ohr flüstert. Das Krasse ist, dass ich Leute damit erreicht habe, die mir geschrieben haben, dass sie eine wirklich böse Seite in sich haben und das gut kennen. Es ist schon heftig, dass sie so viele damit identifizieren können, aber viele haben wahrscheinlich etwas Böses in sich. Das zieht sich beim »Bugtape« durch. Das »Lagerfeuerlied« auf »Playlist 01« war schon an Fynn gerichtet, er zieht sich also durch die Releases durch, ohne dass ich ihn jedes mal explizit erwähnt habe. Das »Bugtape« ist teilweise sehr geschrien, düster und rough. Daher ist das die Legitimation, gerade für den letzten Song »Lauf«, dass Fynn mich da beeinflusst hat. Das »Bugtape« war also eher Fynn und das nächste Album wird auf jeden Fall viel mehr Dissy.

Auf der visuellen Ebene ist »Fynn« auch immer wieder präsent und verbindet sich dann mit der Musik. Im Video zu »Septmeber« taucht diese Schattenfigur wieder auf, aber sieht ein bisschen heller aus.
Ja, das hast du richtig beobachtet. Bei »September« ist er heller geworden. Das heißt, er ist nicht mehr so böse.

Einfach als Spielerei oder weil du wirklich glaubst, dass deine schlechtere Seite weniger schlimm ist als früher?
Das zweite, genau das ist es. Ich hatte früher dieses Gefühl, dass ich harten Scheiß machen will und eben auch dieses Anti-Gefühl. Das ist eine jugendliche Wut, es war immer viel Wut in mir. Aber so langsam wird man älter und ist mehr im Reinen mit sich selbst. Man mache eine Entwicklung und hat das Gefühl hat, Fynn könnte ein wenig freundlicher werden.

Was kannst du denn über die kommende Musik sagen, wenn sie mehr Dissy als Fynn wird?
Die wird von Sound her unaufgeregter und ist weniger anstrengend, obwohl ich das beim »Bugtape« natürlich liebe. Ich würde nicht sagen, dass sie viel positiver wird, aber ehrlicher, persönlicher, und ich als Person stehe mehr im Mittelpunkt. Es gibt viel Reflektion und vom Sound wird es hoffnungsvoller. Und weniger destruktiv. Das ist, glaube ich, das Hauptding. Es wird weniger selbstzerstörerisch.

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