Dissy: »Es war immer viel Wut in mir« // Interview

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Dissy, Rapper mit Psychoblick, aber auch romantischer Songwriter von nebenan, veröffentlicht am 05. Februar die B-Seite vom »Bugtape«. Damit komplettiert er die A-Seite, die bereits Anfang 2020 erschien und stellt ein Konzeptalbum vor, das eigentlich aus zwei EP’s besteht und das ursprünglich mit dem Release von einzelnen Singles anfing. Auf dem »Bugtape« hört man experimentellen HipHop, durchzogen von Pop, elektronischen Einflüssen und Rock – Hauptsache anders, als man es in der Szene gewohnt ist. Wir haben mit Dissy darüber gesprochen, was ihm an konzipierten Alben gefällt, wie man Anti bleibt, wenn man beliebt ist und was es mit dem Charakter Fynn auf sich hat.

Wie geht’s dir so?
Voll gut eigentlich. Ich bin gerade voll viel am Mukke machen.

Schon wieder neue?
Ja, das ist schon richtig weit.

Ist das bei dir normal, dass du vor dem Release eines Projekts schon wieder am nächsten sitzt?
Diesmal ist es einfach so, dass die zweite EP schon ewig rumliegt, also »Bugtape Side B« quasi. Das habe ich extra deshalb gemacht, damit ich zwischendurch Zeit habe, schon wieder an neuer Musik zu arbeiten und relativ schnell danach etwas droppen zu können.

Das heißt, du hast Side A und Side B vom »Bugtape« zur selben Zeit geschrieben und fertig gemacht?
Ja, die Songs von Seite B sind teilweise älter als die von der A-Seite.

Hast du beim Machen schon gewusst, dass du das als doppeltes Release veröffentlichen willst?
Das ist schon so lange her, ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich das machen wollte. Ich glaube, es sollte zuerst eine EP werden und dann hat es sich herauskristallisiert, dass es doch zwei EPs werden müssen, weil immer mehr Songs entstehen. Dann wurde klar, dass das alles zusammenhängen muss und daraus sind die A- und B-Seite entstanden. Heutzutage macht es eh Sinn lieber mehr Output zu haben, anstatt nur eine Platte rauszubringen. Wenn man zwei EP’s rausbringt, kann man auch mehr Videos droppen, als bei nur einer LP.

Ist dir wichtig, wie viele Videos zu den Releases erscheinen?
Ja voll, ich habe immer viele visuelle Ideen und auch Bock darauf, mehr Videos zu machen.

Du bist eh ziemlich videoaffin oder?
Ja.

Ich dachte da kommt jetzt einer längere Antwort, aber lass’ später noch darüber sprechen und erstmal zum »Bugtape« an sich gehen. Unabhängig davon, dass sie zum selben Zeitpunkt entstanden sind, hängen die beiden Tapes total zusammen und gehen ineinander über, sowohl von A- auf B-Seite als auch zwischen den Songs an sich. Die B-Seite ist ein großes Stück Musik, wo wirklich alles ineinander übergeht. Warum war dir dieses Konzept wichtig?
Ich habe versucht, die Leute dahin zu erziehen, dass sie die Sache wirklich mal an einem Stück hören, um es so zu verstehen. Das ist Musik, mit der man sich schon befassen muss und ich selber stehe auch darauf, konzeptionelle Alben durchzuhören. Das ist cooler als einfach nur Singles zu droppen. Ganz am Anfang, als die ersten Singles vom »Bugtape Side A« rauskamen, da waren wir noch auf dem Trichter, einfach Singles rauszuhauen, da war das Konzept noch gar nicht klar. Da haben wir also die ersten Sachen rausgekickt und ich hab‘ dann doch wieder angefangen, ein Konzept daraus zu machen, weil ich, glaube ich, gar nicht anders kann. Da habe ich schon gemerkt, dass die Songtitel einen gewissen Sinn ergeben, wenn man sie zusammenfügt und Worte dazwischen packt. Dann ergibt es quasi einen Satz. Und zu der Zeit ist dieses Flume-Mixtape erschienen, wo er es auch so gemacht hat, dass alle Songs komplett ineinander übergehen, was ich sehr geil fand. Dieses Gefühl, dass man gar nicht mehr weiß, wo ein Song anfängt und der nächste aufhört. Deshalb hatte ich Bock, so etwas auch zu machen.

Bist du musikalisch so sozialisiert, dass du Alben gern richtig durchhörst?
Wahrscheinlich. Meine Mutter ist Opernsängerin, das heißt, ich habe viel mit klassischer Musik zu tun gehabt. Und wie du schon sagst, bin ich filmaffin und setzt mich mit Kunst gerne auseinander. Früher habe ich mich auch total für Filmanalyse interessiert. Was der Regisseur damit aussagen will, warum es genau diese Farbe gibt, warum der Sound so ist, wie er ist. Deshalb liebe ich Musik auch in dieser Hinsicht. Eigentlich aber beides, auch das punkige und unbedarfte, das auf dem Bugtape auch stattfindet und wo gar nicht viel nachgedacht wurde, sondern ein Beat geknallt hat und ich eben drübergegangen bin. Aber ich interpretiere gerne Sachen und lasse selbst diesen Interpretationsspielraum auch gerne selbst.

Das merkt man auch. Gerade das Hören vom »Bugtape Side B« ist schon eine Erfahrung. Ist das etwas, mit Blick auf sonstige Releasestrategien im Deutschrap, mit dem du dich plakativ von der Konkurrenz abheben willst?
Es ist gerade gang und gäbe, Playlisten-Singles rauszuhauen. Das weckt in mir umso mehr den rebellischen Drang, etwas anders zu machen. Ganz am Anfang war es aber wie gesagt ein Single-Rausballern. Irgendwann kam es aber immer mehr, dass es nice wäre, doch mehr Kopf reinzustecken. Deswegen funktionieren die Singles der ersten EP auch noch sehr gut. Wobei das bei der Side B eigentlich auch der Fall war und die Singles ganz gut angekommen sind. Aber die Leute haben natürlich auch noch nicht gehört, wie es dann alles zusammen klingt. Ich bin mega gespannt, wie das ankommt, dann werden die Leute das auch richtig raffen.

Es ist auf jeden Fall ein anderes Hören. Bei mir war es ja auch so, dass ich die Singles kannte und erst vor ein paar Tagen das Tape im Ganzen durchgehört habe. Aber gerade »September« hat ja super als einzelner Song funktioniert.
Das hätte ich auch nicht gedacht, wenn man schaut, wie es bei Side A gelaufen ist. Da war ich auch völlig happy, aber es war einfach kleiner, du weiß schon.

Weniger geklickt als du es erhofft hast?
Ich habe gar nicht so viel erwartet, weil ich wusste, dass es sehr speziell ist und wir uns ausprobieren. Es waren ja viele Experimente, daher war ich gar nicht enttäuscht. Da wurde auch nicht so viel Brimborium darum gemacht, die Videos waren ein bisschen kleiner gehalten. Deswegen hat es sich gut angefühlt, den »Click«-Song haben wir zum Beispiel einfach so gedroppt. Und beim Video dazu war ich zufällig eh in Vietnam und habe es mit Freunden zusammen gemacht, was kein Geld gekostet hat. Wir sind einfach mit dem Moped rumgefahren und zwei Dudes haben vorne gefilmt. Dadurch wächst keine riesige Erwartung, weil man nicht so unfassbar viel Arbeit reinsteckt und alles total krass werden muss. Dafür war die Resonanz schon sehr gut, aber bei »September« ist das nochmal etwas ganz anderes. Da merkt man schon, dass der ab und zu im Radio lief. Was umso cooler ist, weil er eben keine kalkulierte Radiosingle ist und von der Struktur total untypisch für einen Radiosong. Dafür lief der schon sehr gut.

»Ich bin nicht komplett gegen Modus Mio-Rap, aber dieses System führt dazu, dass irgendwann alles gleich klingt und nur noch Knöpfe bedient werden.«

Du sagst auf auf »Click«, dass mit einem Hit alles leichter geht. Ich nehme mal an, das gilt dann auch für solche Fälle, egal ob jetzt Radio-Play oder Platzierung in einer Spotify-Playlist. Damit können Leute über eine aktuelle Single ja auch wieder auf Songs von der A-Seite stoßen.
Ein Autor von der Freien Presse hat mir mal gesagt, dass Leute am Anfang vielleicht etwas verstört sind und nicht reinkommen. Er meinte, dass ma erstmal einen Zugang zur Musik braucht, aber sobald man drinnen ist, findet man es alles cool. Ich glaube diesen Einstieg braucht es, man muss sich eben damit auseinandersetzen. Im Gegensatz zu viel anderer Musik.

Ging mir auch ganz ähnlich, aber sobald man drin ist, macht es viel Spaß, deine Diskographie aufzuholen. Playlisten helfen natürlich beim Entdecken von neuen Artists. Guckst du darauf, ob du ab und zu dort landest, obwohl du gegen Sachen wie die »Modus Mio«-Playlist schießt?
Ich glaube, das gehört einfach dazu, wenn man in einer Position wie ich ist und alles etwas nischiger macht. Es ist einfach Rap, ab und zu ein paar Seitenhiebe gegen die großen Systeme zu verteilen. An sich bin ich nicht komplett gegen Modus Mio-Rap, aber dieses System führt dazu, dass irgendwann alles gleich klingt und nur noch Knöpfe bedient werden. Das fängt dann an, mich zu nerven. Es gibt da trotzdem Tracks, die ich feiere. Ich habe zum Beispiel neulich ein Video für Veysel gemacht, das ist der ultimative Modus Mio-Track, aber den finde ich nice und das hat Bock gemacht. Ich schieße dagegen, aber gucke bei mir selber schon auf die Klicks bei Spotify. Natürlich auch, weil ich bei einem Label bin. Und wenn ich weiter Videos machen will, die ein Budget kosten, muss man schon schauen, dass es ein bisschen nach vorne geht. Auch wenn sich in mir alles sträubt, klassisch Promo zu machen. Aber das gehört einfach dazu und dann ist es schön zu sehen, wenn es besser läuft.

Für welchen Song von Veysel hast du das Video gemacht?
Für »Pelican Fly«, das ist zuletzt von ihm erschienen.

Ich höre nicht super viel von ihm, aber der ist mir richtig ins Ohr gegangen.
Ging mir genauso. Ich habe den geschickt bekommen, ihn gefeiert und dann auch Bock gehabt, daran zu arbeiten. Ich würde kein Video zu einem Song machen, den ich nicht fühle.

Aber nochmal zurück zum Promo-Machen, obwohl sich alles sträubt. Dieses Anti-Sein zieht sich ja durch deine gesamte Diskographie und wird auch auf dem »Bugtape« verhandelt. Wie ist man denn Anti, wenn man Teil der Musikindustrie ist und wo macht man da die Kompromisse?
Dieses Anti-Sein hatte ich früher schon viel, alleine dadurch, dass ich Rap gehört habe. Damit war ich schon Anti und habe gegen dieses Spießertum rebelliert. Ich habe mich zumindest oft nicht zugehörig gefühlt und dadurch ist dieses Gefühl schon in der Jugend entstanden. Dieses Dissy-Ding ist entstanden, als ich in einer ziemlichen Hippie-WG gewohnt habe, da war eh ein Anti-Alles-Gefühl vorhanden. Das gehört wahrscheinlich ein bisschen zu dieser Welt, die ich erschaffen habe. Ich finde es aber auch ein bisschen dumm, immer zu sagen »Alles da oben ist scheiße« und sich so klare Feindbilder zu schaffen. So denke ich nicht, ich finde Regeln und Gesetze schon wichtig. Was mich aber immer genervt hat, ist dieses »Mit dem Strom schwimmen«, alles konsumieren, was einem vorgesetzt wird, auch musikalisch. Diese Trends, die ich nicht nachvollziehen konnte, haben mich schon in der Schule genervt. Genauso sehne ich mich aber nach Struktur und Normalität im Leben – das sind die Widersprüche. Und zur Musikindustrie…. (überlegt kurz) Ich finde es manchmal alles super fake, auch wie mit den Künstlern umgegangen wird, diese übertriebene Freundlichkeit. Dann werden 20 Leute gesignt und davon fallen aber 18 runter, weil nur zwei performen und am Ende geht es nicht um die Kunst, sondern nur darum, wie viel verkauft wird. Deswegen bin ich in einer ziemlich privilegierten Position, weil ich bei einem Label gelandet bin, wo ich mich austoben und so etwas wie das »Bugtape« machen kann und das vom Label unterstützt wird. Das ist ein riesiges Privileg, denn bei den meisten Labels ist so etwas nicht möglich. Ich kann diesen Sound auch nur fahren, weil ich die Möglichkeit zum ausprobieren habe und da viel Unterstützung bekommen. Dadurch kann ich den Sound immer weiter verfeinern und spätestens beim Album merkt man, was das für Früchte trägt. Ich finde, ich habe da eine krasse Entwicklung seit dem ersten Album gemacht.

Finde ich auch. Ich sehe alleine musikalisch schon viele der Ideen auf dem Bugtape in deinen vorigen Releases, aber dieses Gefühl für genau den richtigen Sound, der etwas auslöst und die Präzision, wie sie angeordnet sind, ist jetzt noch viel besser geworden.
Danke! Das wird jetzt immer so weiter geführt. Ich merke, dass dieser Prozess auf dem »Bugtape« für mich ganz wichtig war, weil wir dort alle Emotionen, die ganze Range, ausprobiert haben. Da wurde mal rumgeschrien, es gibt melancholische Vibes, gute Laune-Vibes, es wurde einfach alles probiert. Und auf dem Album, was dann nach dem »Bugtape« kommt, wird man das sehr merken. Zumindest merke ich gerade, was dieses ganze Lernen gebracht hat und was am Ende daraus entsteht.

Im zweiten Teils des Interview geht es darum, wie man ob man ein Freak sein möchte, wie man mit einer Außenseiterrolle umgeht und welche Bedeutung Fynn für Dissys Kunst hat.

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